Achtsamkeit

Achtsamkeit, Entspannung – und ich mittendrin

Achtsamkeit und Entspannung – dass sind zwei Begriffe, mit denen man in der Psychiatrie, Tagesklinik oder auch in der ambulanten Therapie konfrontiert wird. Doch was gibt es an Achtsamkeits-/Entspannungsübungen, wie praktiziert man es und – was heißt eigentlich Achtsamkeit? Meine liebe Freundin Nicole, selbst betroffen von Depression, verschiedenen Angst-/Panikstörungen und einer PTBS (Posttraumatischen Belastungsstörung), erzählt in diesem Gastbeitrag von ihren Erfahrungen, Hürden und Zielen.

Achtsamkeit und Entspannung – für mich waren das Fremdwörter

„Den Puls des eigenen Herzen fühlen. Ruhe im Innern, Ruhe im Äußern. Wieder Atem holen lernen, das ist es.“ Dieses Zitat von Christian Morgenstern beinhaltet in wenigen Worten viel Weisheit und Wahrheit.

Für mich jedoch sind dies noch weit entfernte Gedanken. Ich weiß um die Wichtigkeit, die hinter und in diesen Aussagen steckt. Es scheint logisch und leicht umzusetzen. Allerdings merke ich jeden Tag aufs Neue, dass das schwieriger als gewünscht ist.

Im Laufe meiner Arbeitsunfähigkeit fing ich zunächst an, mich mit Entspannungstechniken zu beschäftigen. Im vergangenen Jahr widmete ich mich zusätzlich dem Thema Achtsamkeit. So werde ich auf beide Faktoren eingehen, weil sie für mich miteinander zu tun haben.

Die erste Erfahrung mit einer speziellen Entspannungstechnik machte ich während meiner medizinischen Reha im Sommer 2012. Zum damaligen Zeitpunkt war ich seit 4 Monaten krankgeschrieben. Eine jahrelang unbehandelte Panikstörung zwang mich in die Knie und führte soweit, dass ich nicht mehr in der Lage war, das Haus zu verlassen.

Mein Ruhepuls hatte einen durchschnittlichen Wert von 200. Es bedurfte einer medikamentösen Therapie mit starken Beruhigungsmitteln.

Entspannung, Ruhe und Schlaf waren für mich Fremdwörter geworden. Meine Körper arbeitete auf Hochtouren, Tag und Nacht. Diese permanente Anspannung führte schlussendlich zu einer totalen körperlichen Erschöpfung. Wege von 100m schienen zu einem Gewaltmarsch auszuarten.

Der betreuende Arzt in der Rehaklinik verordnete mir Autogenes Training und Atemtherapie.

Ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde. Sollte ich doch im gleichen Atemzug auch meine Beruhigungstabletten absetzen, die ich mehrmals am Tag und zur Nacht nahm. Leider führen diese Tabletten innerhalb von 2-3 Wochen zu einer körperlichen Abhängigkeit. Jetzt war ich also durch meine psychische Erkrankung in eine Medikamentenabhängigkeit gerutscht.

Dieses Suchtpotenzial war mir aber von Anfang an bewusst, da ich einen pharmazeutischen beruflichen Hintergrund habe. Doch um nicht völlig durchzudrehen, führte kein Weg mehr an der Tabletteneinnahme vorbei. Ich musste stabilisiert werden.

Während und vor allem nach dem Tablettenentzug war es aber nun wichtig zu gucken, wie ich anderweitig wieder zur Ruhe kommen und in den Schlaf finden konnte. Ich machte meine erste Erfahrung mit der Grundstufe von Autogenem Training, einer Art Autosuggestion, die man im Sitzen oder Liegen durchführen kann.

Die Unterstufe des Autogenen Trainings besteht aus verschiedenen Übungen, die man nacheinander in einzelnen Sitzungen erlernt. Das Training besteht im Wesentlichen aus mehreren, formelhaften und aufeinander aufbauenden Sätzen, wie zum Beispiel: „ Mein Atem fließt ruhig, mein Herz schlägt regelmäßig, mein rechter Arm ist schwer und warm, meine Stirn ist angenehm kühl, mein Kopf ist frei und klar.“

Ich hatte die Anweisungen zwar akustisch verstanden, aber für meinen Geist waren Wörter wie ruhig, frei und klar Fremdwörter geworden. Ich versuchte mein Bestes, um erst einmal Einblicke zu bekommen und zu versuchen, mich auf mich selbst zu konzentrieren. Lebte ich doch zuvor ständig im Außen, war viel zu viel mit anderen Dingen beschäftigt. Dabei vernachlässigte ich mich selbst. Das Gefühl für meinen Körper war vollkommen verschwunden.

Zwischen Qigong, PMR und MBSR (Mindfulness based stress reduction)

Da das autogene Training bei mir nicht so recht funktionierte und – wie ich heute weiß – auch kein Lernprozess von ein paar Stunden ist, habe ich Qigong probiert.

Qigong ist eine chinesische Meditations-, Konzentrations- und Bewegungsform zur besseren Vereinbarung und Schaffung einer Balance von Körper und Geist. Es gehören Atemübungen, Körper- und Bewegungsübungen, Konzentrationsübungen und Meditationsübungen dazu. Die Übungen sollen der Harmonisierung und Regulierung des Energieflusses im Körper dienen.

In der Klinik fanden die Übungsstunden morgens am nahe gelegenen See statt. Es war wunderbar, im Einklang mit der Natur den Tag zu beginnen, auch wenn meine Kondition nicht für die gesamte Therapieeinheit ausreichte. Jederzeit durften wir eine Pause einlegen.

Pause? Noch so ein Fremdwort. Ich durfte sagen, dass ich nicht mehr kann oder es nicht bis zum Ende durchhalte. Eigenverantwortung übernehmen, auf die Grenzen und somit Belastbarkeit achten, den Atem kontrollieren können – das waren und sind bis zum heutigen Tag Lernfelder, die mich täglich begleiten.

Ich begann nach der Rehabilitation mir einen Qigong- Kurs zu suchen. Ich hatte ein riesengroßes Glück und traf auf eine sehr kompetente und sympathische Trainerin. Daraufhin praktizierte ich anderthalb Jahre Qigong und es gehörte einmal wöchentlich zu meiner Struktur, die ich mir versuchte aufzubauen.

Parallel besuchte ich einen von der Krankenkasse bezuschussten Kurs der Progressiven Muskelrelaxation, kurz PMR genannt. Es werden nacheinander verschiedene Muskelgruppen angespannt, um sie nach kurzer Zeit wieder zu entspannen. Nach der muskulären Anspannung folgen die körperliche und einhergehend auch die mentale Entspannung.

Es gibt viele weitere aktive und passive Entspannungsverfahren, – techniken oder praktiken. Es seien hier Yoga, Tai Chi, Meditation, Phantasiereisen, Musizieren, Lachen, Massagen, Bäder und jegliche Art von Bewegung zu nennen.

Hierbei bietet sich an, auf das Thema der Achtsamkeit einzugehen, welchem in den letzten Jahren immer mehr Aufmerksamkeit und Beachtung geschenkt wurde. Im Frühjahr diesen Jahres belegte ich an der Volkshochschule einen Achtsamkeitskurs, auch bekannt als MBSR ( Mindfulness Based Stress Reduction).

Doch was bedeutet Achtsamkeit?

Achtsamkeit bedeutet im Grunde genommen nichts anderes als Aufmerksamkeit. Die Kernaussage dabei lautet: Lebe im Hier und Jetzt und nehme die Gegenwart so an, wie sie gerade ist.

Das klingt einfach, ist es aber oftmals nicht. Unsere Gedanken neigen oft dazu, in die Vergangenheit und in die Zukunft abzuschweifen.

Bei der Achtsamkeit geht es aber nicht nur um die Konzentration auf den Augenblick, sondern auch um Nachsicht und Akzeptanz. Seine eigenen Gefühle und Gedanken nicht zu bewerten und zu beurteilen, stattdessen sie stehen zu lassen und zu beobachten.

Das Ziel der Achtsamkeit besteht nicht darin, das Denken auszuschalten. Achtsamkeit lehrt allerdings, selbst die Kontrolle darüber zu übernehmen. Das war für mich in dem achtwöchigen Kurs die entscheidende Erkenntnis.

Ich möchte versuchen, mir durch Achtsamkeit meiner eigenen Gefühle und Bedürfnisse bewusst zu werden, nicht mehr so selbstkritisch zu sein und Gedanken auch wieder loslassen zu können. Und ich werde weiter üben, denn es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

– Nicole –

Was für Erfahrungen hast Du mit Achtsamkeits- und/oder Entspannungsübungen? Was hilft Dir? Wie praktizierst Du es in Deinem Alltag?

Bildquelle: pixabay.de

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