Depression

Depression: Denk doch mal (NICHT) positiv …

Welcher Betroffene kennt es nicht: Da erzählst Du jemanden, dass Du unter einer Depression leidest und schon weiß jeder 2., was Dir hilft und was Du machen solltest –  mehr an die frische Luft gehen, öfter mit anderen Menschen etwas unternehmen und/oder natürlich positiver denken. Vor allem letzteres hält sich sehr hartnäckig und wehe, ich sage, dieses oder jenes ist zur Zeit schlecht – da bin ich ja gleich viel zu negativ eingestellt. Und deshalb vor allem natürlich auch selbst daran schuld, dass mein Befinden nicht besser wird …

Nebenwirkungen vom positivem Denken während einer Depression

Um etwas zu verstehen oder vielleicht eher nachzuvollziehen, was positives Denken für Nebenwirkungen hat, ein ganz kleiner (!) Einblick in mein Empfinden einer Depression:

Depression bedeutet NICHT, dass ich laufend schlechte Laune habe. Depression bedeutet für mich, von einen auf den anderen Moment keine Kraft mehr zu haben, alles in Frage zu stellen, in Kopfchaos zu versinken, in Gefühlsleere zu verharren, Träume nicht mehr zu sehen, Hoffnung nicht mehr zu spüren, in mir allein und fremd zu sein, Beziehungen anzuzweifeln, nicht zu wissen, was ich will, wofür ich leben möchte, wie ich leben möchte und warum …

Aber hey, die Sonne scheint … Gehe ich also raus spazieren, vielleicht mit der Freundin noch einen Kaffee trinken und ein wenig durch die Stadt bummeln!? Am Abend treffe ich zu Hause meinen Freund und meine Tiere, doch fühle ich nicht wie sonst Liebe und Freude in mir, sondern nichts. Leere.

Es ist nicht so, dass ich nichts spüre. Ich spüre sehr stark, dass ich nichts fühle. (Zitat von unbekannt)

Aber hey, die Sonne schien heute … Denke ich also, dass es doch ein schöner Tag war und dass ich immerhin eine Wohnung, ein warmes Bett und zu Essen habe. Das ist doch alles toll. Ich muss schließlich auch mal dankbar sein und das Positive in meinem Leben sehen. Anderen geht es schließlich schlimmer …

Am Abend liege ich schlaflos im Bett. Kaputt. Matt. Kraftlos. So mein Empfinden. – Aber hey, die Sonne geht bestimmt auch morgen wieder auf und scheint. Sehe ich es doch einfach mal positiv …

Ich fühle mich unter Druck gesetzt. Ein stück weit von mir selbst. Vor allem durch das positive Denken. Während ich eher negative bzw. keine Gefühle habe, steuere ich diesen mit positivem Denken entgegen.

Dadurch kämpfe ich gegen mich selber.

Die negativen Gedanken und Gefühle dürfen nicht sein, zumal ich doch so vieles habe, wofür ich dankbar sein sollte – und schon werden die armen Kinder aus Afrika als Argument missbraucht.

Und ich fühle mich schuldig, undankbar und vor allem schlecht. Denn obwohl es mir objektiv gesehen gut geht und ich so vieles habe, was andere nicht haben (stabile Beziehung, Freunde, Wohnung, …), sage ich, dass es mir schlecht geht.

„Gesunde“ Menschen verurteilen andere Betroffene aufgrund solcher Situationen zu oft und sehen nicht, was da gerade passiert. Kaum einer fragt, weshalb es mir (bzw. anderen) schlecht geht und wir in einer Krise sind. Objektiv gesehen gibt es keinen Grund dafür – und was nicht sein kann, darf schließlich nicht sein.

So wird das „Zusammenreißen“ gefördert. Ich verstecke mich und meine depressiven Gefühle/Gedanken und lächele nach außen, während ich innerlich zerbreche. Das Zusammenreißen fördert meine Depression, aber … hey, sieh mal, die Sonne scheint!

Die Nebenwirkung des ständigen positiven Denkens bzw. dem Zusammenreißen ist im Endeffekt der totale Bruch (m)eines Lebens, im worst-case-Fall der Suizid. Und dann ist das Warum groß – wieso, weshalb, warum … hätte er/sie doch nur mal was gesagt …

Aber sicherlich geht´s dem Betroffenen jetzt im Himmel besser, denken wir doch mal positiv!

Wann darf man sich denn mal schlecht fühlen?

Einerseits stelle ich mir vor, wie viele der RatSCHLÄGER jetzt sagen: „Natürlich darf man sich auch mal schlecht fühlen. Das ist doch menschlich und normal.“ Auf der anderen haben sie für alles eine Erklärung:

  • Die Beziehung ist vorbei – Ach Mensch, andere Mütter haben doch auch hübsche Töchter/Söhne.
  • Man hatte einen Auto-Unfall – Hab Dich nicht so, Dir ist schließlich nichts schlimmes passiert.
  • Die Lieblingsoma ist verstorben – Was trauerst Du so lange, ihr geht es jetzt doch viel besser.
  • Es gab eine sexuelle Belästigung – Reiß Dich mal zusammen, immerhin wurdest Du nicht vergewaltigt.
  • Eine Übergriff macht einem zu schaffen – Mensch, es ist doch schon so lange her.

Wie weit ließe sich so eine Liste wohl führen? Wie lange darf sich ein Mensch nicht schlecht fühlen, obwohl all diese aufgezählten Beispiele schwere seelische Verletzungen hinterlassen können?

Bei Depressionen bekommen Betroffene zu hören, dass sie froh sein sollen, körperlich gesund zu sein (kenne ich als Aussagen mir gegenüber als auch aus meiner Beratungsarbeit mit anderen Betroffenen). Sie sollen froh sein, dass sie keinen Krebs haben.

Die an Krebs Erkrankten sollen wahrscheinlich glücklich darüber sein, dass sie in einem Land wie Deutschland leben und medizinisch gut versorgt werden. Wenn ein Bein abgenommen werden musste, dann sollen die Betroffenen vermutlich froh sein, dass sie von der Krankenkasse eine Gehhilfe bzw. Prothese finanziert bekommen.

Sollen die Obdachlosen in Deutschland sich glücklich schätzen, dass sie nicht in einem Kriegsgebiet auf der Straße sitzen? Sollen sich die Menschen in einem Kriegsgebiet freuen, wenn ihre Familie im Gegensatz zu den Nachbarn überlebt hat?

Diese Fragen ließen sich noch ein stück weit fortsetzen, aber mir wird bei dieser Abartigkeit gerade selber schlecht.

Leid ist subjektiv und ich möchte und werde mein Erlebtes keineswegs mit einem Kriegsopfer vergleichen. Trotzdem darf auch ich mich mal schlecht fühlen und negative Gedanken/Gefühle haben.

Und ob eine Krebserkrankung schlimmer als eine sexuelle Belästigung ist – das kann nun wirklich niemand für eine/n andere/n bewerten. Selbst wenn ein Mensch beides erleben musste, kann dieser nicht PAUSCHAL das eine schlimmer als das andere bewerten.

Ich muss und möchte die Dinge so sehen, wie sie SIND!

Permanent positives Denken schadet mir. Denn wie oft habe ich mir selbst eingeredet, dass doch alles nicht so schlimm war, immerhin ist „nichts“ extremes passiert – ich wurde nicht vergewaltigt, ich bin kein Opfer von sexuellem Missbrauch und entführt wurde ich auch nicht.

Aufgrund dessen dachte ich häufig, ich soll mich doch mal nicht so haben, war doch alles „nichts“.

Dafür, dass es meiner Meinung nach angeblich „nichts“ war, hab ich aber ganz schön viele Narben auf meiner Seele und blaue Flecken auf dem Herzen.

Wegen was bin ich denn eigentlich in Therapie, wenn mir „nichts“ passiert ist?

Meine Therapeutin hat ab und zu mal gesagt, dass es nicht „nichts“ war, sondern das dieses oder jenes Erlebte schlimm war/ist und seine Auswirkungen auf meine (gesundheitliche) Entwicklung hatte. Und es hat seine Zeit gedauert, mir dies einzugestehen. Denn ich wollte es nicht wahr haben. Ich selbst dachte, anderen geht es viel schlimmer, ich darf nicht so fühlen …

Man sieht mir nicht an (also höchstens durch die SVV-Narben), dass ich als Kind bereits große Probleme hatte, welche ich nicht bewältigen konnte. Man sieht mir nicht an, dass ich früher Gewalt erlebte (hat man mir auch damals nicht angesehen – doch auch eine Hand, der Blumenstrauß oder ein Schulhefter im Gesicht hinterlässt Narben, wenn auch nicht im Gesicht). Man sieht mir nicht an, dass ich über Jahre in der Schule gemobbt wurde und ich mich dort als auch in meiner Familie und auf der Welt nie „richtig“ fühlte.

Man sieht mir nicht an, wie meine Grenzen überschritten worden sind, in dem man mich als Kind mit Erwachsenen-Problemen belastete, wie ich Angst vor den Suizidäußerungen einer familiären Bezugsperson hatte oder wie ich Erwachsene trösten sollte und mich dafür auch umarmen lassen musste, obwohl ich es nicht wollte, mich aber auch nicht wehren konnte.

Man sieht mir nicht an, wie der Samen für Verlustangst in mir gesät wurde, der von Tag zu Tag wuchs. Man sieht mir nicht an, wie ich als junge Frau einem sexuellem Übergriff entkam. Man sieht mir nicht an, wie ein Teil in meinem Herzen zerbrach, als andere starben.

Man sieht mir so vieles nicht an – und doch ist so vieles wahr!

Lange wollte ich all diese Dinge nicht sehen, nicht wahrhaben, sondern mich in Harmonie und rosa-blaue Wolken flüchten. Doch mit solchem Verhalten schade ich mir langfristig selber.

Ich kann nicht „einfach“ meine Vergangenheit und meine Erinnerungen löschen, vergessen, loslassen – so viele Narben gibt es, die heute noch weh tun, die manchmal aufklaffen, als sei es erst gestern passiert. Diese Narben oder auch Wunden müssen gepflegt werden, damit sie heilen können. Und dafür muss ich sie mir angucken … mit Hilfe meiner Therapeutin.

Ich möchte und muss die WAHRHEIT sehen, wenn ich lernen möchte, mir ihr zu leben.

Nur positives Denken ist weiß, nur negatives Denken ist schwarz – schwarz-weiß ist aber doch nicht alles!

In der Tagesklinik habe ich (2012, 2014 und 2015) gelernt, dass auch ich alle Gefühle haben darf. Dieser Lernprozess hält bis heute an. Auch wenn andere nicht verstehen, dass ich nach fünf Jahren immer noch wegen dem Verlust meines ungeborenen Kindes ab und zu in tiefe Löcher falle oder mich alte Kindheitserlebnisse manchmal noch völlig überrollen.

Die anderen müssen das auch nicht verstehen. Mich und mein Sein in dem Moment zu akzeptieren, würde mir schon völlig reichen.

Dies können dann mitunter auch die Ursachen für eine aktuelle depressive Phase sein – alte traumatische Erlebnisse sind plötzlich gegenwärtig. Und die muss ich mir ansehen – weggesehen wurde viel zu lange.

Für tiefe körperliche Wunden reicht kein einfach buntes Pflaster und gut ist. Es gibt Wunden, welche einer längeren Pflege bedürfen, wo der Verband mehrmals gewechselt werden muss. Wunden, welche immer wieder anfangen zu bluten, welche länger im Auge behalten werden müssen und wo Monate später eine Kontrolluntersuchung wichtig ist. Wunden, welche sehr lange brauchen, ehe sie heilen.

Genauso ist es auch mit manchen seelischen Wunden.

Nur positiv zu denken ist Realitätsverweigerung!

Wenn ich mit meinen schwierigen Gefühlen zurechtkommen möchte, dann muss ich sie auch mal rauslassen. Es hilft mir überhaupt nicht, mir einzureden, wie toll es mir doch gerade geht und mich glücklich zu schätzen, über das, was ich alles habe, wenn ich mich verletzt, traurig, wütend oder leer fühle.

Ich verarsche mich selbst, wenn ich mir in solchem Zustand einrede, wie gut es mir doch eigentlich geht.

Lasse ich meine Gefühle raus, schenke ich ihnen einen Raum und achte auf sie, können sie verarbeitet werden. Bei manchen Situationen reicht es einmal – wenn ich zum Beispiel mal die Luft rauslasse, dass mir jemand die Vorfahrt genommen hat. Natürlich darf ich darüber dann mal schimpfen. Meistens ist es damit dann auch getan.

Es gibt jedoch andere Erlebnisse, die schwerwiegender und tiefgreifender sind. Da „muss“ ich vielleicht nicht nur einmal mehr, sondern hundert mal mehr drüber klagen, jammern und mich schlecht fühlen.

Und das ist völlig in Ordnung. Denn das bin ich. Das sind meine Gefühle. Und die dürfen sein. – Und das ist der einzige Satz, den ich mir seit mehreren Monaten in schlechten Zeiten sage:

All das darf jetzt mal sein!

Dadurch bin ich keineswegs ein schlechter oder undankbarer Mensch. Ich bin ehrlich – zu mir selbst.

Denke ich auch mal positiv?

Viele Jahre lang ging es mir schlecht und ich rutschte von einer depressiven Krise in die nächste. Dann traf ich meine jetzige Therapeutin. Durch ihre Aussage, dass dieses oder jenes auch objektiv gesehen schlimm ist, half sie mir, dies als eine schlimme bzw. schwierige Situation anzusehen. Damit hat sie mich nicht bestärkt in dem Sinne, dass sie mich in eine Opferrolle gedrückt hat, sondern sie hat mich bestärkt, mich und mein Erlebtes realistisch und ehrlich zu betrachten.

Wir betrachteten zusammen das Erlebte weder negativ noch positiv, sondern ehrlich realistisch!

Viele meiner bis dato runtergeschluckten Emotionen konnte ich nach und nach rauslassen. Dadurch schaffte ich es zu akzeptieren, dass es mir schlecht geht. Und durch dieses Akzeptieren änderte sich so einiges:

Seit ca. neun Monaten hatte ich weder eine längere depressive Phase noch eine Panikattacke. Es gab schwierige Momente, natürlich, aber keine wahren so schwerwiegend wie manche Tage/Wochen/Monate in den Jahren zuvor.

Auch in meiner Therapie gibt es nach wie vor schwierige Themen und manchmal geht es mir schlecht. Und das darf sein!

Dadurch, dass ich mir dieses negative Denken oder auch Jammern erlaube, zu Hause auch mal nichts mache – außer die Jalousien runter, wenn die Sonne scheint – und ich auch nicht hinaus gehe, weil für mich frische Luft eben auch oft schlecht ist in einer Depression, dadurch geht es mir besser.

Durch das Annehmen negativer Gedanken, kann ich positiver Denken!

Dem Negativen in mir gab ich einen Raum, dadurch wurde in meinem Kopf, meinem Herzen und in meiner Seele Platz frei.

Die ganze Sache mit mir und meinem Leben, dass möchte und werde ich schaffen!

Das ist der optimistischste Satz, der sich in den vergangenen Jahren in mir entwickelt hat. Und daran glaube ich vor allem in krisenfreien Zeiten.

Wenn es mir schlecht geht, dann wird auch dieser Satz verdeckt, von all dem Negativen … aber ihr wisst ja, wenn ich das Negative rauslasse (und NICHT runterschlucke), dann kann auch dieser Satz in mir wieder wachsen.

Und das ist das positive Denken in mir – eben weil ich mir auch manchmal erlaube, negativ zu denken!

So, nachdem diese Zeilen geschrieben sind, mache ich die Jalousien wieder hoch und das Fenster auf – heute scheint nämlich die Sonne 😉

Bildquelle: pixabay

 

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Wenn man in einer akuten Depression steckt, nutzt auch der bestgemeinte Vorschlag nichts. Da heißt es für den Betroffenen nur Durchkommen, egal wie. Ich habe bis vor etwa zwei Jahren noch gar nicht richtig gewusst, was das ist, eine Depression. Mittlerweile weiß ich es, obwohl ich insgesamt in keiner schlechten Lebensphase bin. Ich nenne es die schwarze Umklammerung. Alles, was an schlechten Gefühlen möglich ist, sammelt sich und greift nach dir.

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