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Depression – warum der Austausch im Internet hilft

Wenn man sich als Betroffener von Depression, Angst, Borderline & Co outet, ist man mit vielen Aussagen konfrontiert: „Geh mehr an die frische Luft! Geh unter Leute! Such Dir einen Arzt! Stell Dich nicht so an!“ Doch kaum einer sagt: „Schau mal ins Internet, dort findest Du Hilfe und einen ersten Ansprechpartner!“

Internet – meine erste Anlaufstelle für physische und psychische Erkrankungen

Egal, was mir mein Arzt (egal ob Hausarzt, Psychiater oder ein anderer Facharzt) sagt, ich google fast alles nach. Ich möchte wissen, was die Symptome, die Heilungs- und Therapiemöglichkeiten sind und welchen Arzt ich gegebenenfalls für eine zweite Meinung konsultieren kann. All dies betrifft natürlich keine leichten Erkrankungen wie Grippe & Co, sondern bei mir war es vor 1,5 Jahren die Verdachtsdiagnose Multiple Sklerose (hat sich glücklicherweise nicht bestätigt) und seit einigen Monaten mein Tinnitus.

Vor allem möchte ich aber wissen, wie andere Menschen mit solchen Erkrankungen umgehen und leben. Dies betrifft vor allem Betroffene, die wie ich unter Depression, Borderline und Angst leiden.

Ich möchte wissen, wie andere gelernt haben, ihre Erkrankung zu akzeptieren, wie sie ihren Alltag gestalten, welche Auswirkung die Erkrankung auf das Umfeld und die Beziehungen anderer haben, wie diese ihrer Familie und ihren Freunden davon erzählt haben, was ihnen hilft und was ihnen gut tut.

Solche Menschen findet man nicht an jeder Straßenecke und selbst wenn – würde man sich trauen, diese einfach anzusprechen? Also, ich nicht! Davor hätte ich viel zu viel Angst – vor Ablehnung und davor, dass ich denjenigen in eine unangenehme Situation bringe. Immerhin möchte nicht jeder so offen darüber reden.

Im Internet ist das anders. Hier habe ich nicht nur Foren und Gruppen auf Facebook, wo sich Betroffene versammeln, sondern es gibt auch hilfreiche Informationsseiten, die man anschreiben kann – völlig anonym (mehr Infos dazu am Ende des Beitrages).

Diese Anonymität ist mit der ausschlaggebende Punkt, weshalb es mir relativ leicht fällt, im Internet mich mit anderen auszutauschen. Dort finde ich immer jemanden, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Zudem sieht mich niemand. Ich kann den Kontakt jederzeit abbrechen, mich aus der Gruppe oder dem Forum abmelden und verschwinden. Es hat überhaupt keine Konsequenz für mein reales Ich.

Das dies viele andere Menschen genauso sehen, sieht man an den Mitgliederzahlen in den entsprechenden Foren und Gruppen.

Der Austausch im Internet rettete mir das Leben

So dramatisch es klingt, so war es auch. Ich war 18 Jahre alt, als bei meinen Eltern das Internet einzog. Ich war damals bereits stark depressiv, sah keinen Sinn in meinem Leben, hatte viel zu viele Probleme für die ich keinen Ansprechpartner hatte, verletzte mich selbst und wollte nur eins: Sterben.

Im Internet machte ich mich auf die Suche nach Möglichkeiten, wie man sich am besten sicher, schnell und schmerzlos umbringen kann. Neben einigen Anleitungen dazu (die mich im Nachhinein sehr schockierten), fand ich diverse Suizidforen und meldete mich dort an. Ich hoffte auf gute Tipps für meinen Tod und einen entsprechend hilfreichen Austausch.

Was ich nicht erwartete war, dass mich ein Junge anschreiben würde, mit dem ich mich monatelang austauschen würde. Nicht über den Tod und wie wir den am besten herbeiführen könnten, sondern über das Leben. Wir schrieben über uns, unsere Probleme in der Familie, in der Schule, doch auch über Hoffnungen und Träume. Es entwickelte sich eine sehr nette Internetbekanntschaft. – Wer jetzt eine rührende Liebesgeschichte zwischen Teenagern erwartet, den muss ich leider enttäuschen 😉

Doch das ich jemanden fand, der mich etwas verstand, meine Gefühle der Leere, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit absolut nachvollziehen konnte, tat mir gut. Denn nun war ich nicht mehr alleine mit mir, meinen Gedanken und Gefühlen. Da war jemand, der ähnlich dachte. Jemand, der mich verstand. Jemand, der mich ernst nahm.

Und Dank dieser Bekanntschaft aus dem Internet, kam ich eine zeitlang weg von meinen Suizidplänen. Die Gedanken hatte ich immer noch, doch ich wusste nun, dass sie zu einer Krankheit gehören. Ich wusste, dass ich nicht „einfach nur“ unnormal oder anders war – ich war damals bereits krank. Vor allem erfuhr ich über das Internet, dass ich nicht der einzige Mensch auf der Welt bin, der so eine Krankheit hat. Ich war also nicht mehr ganz so alleine damit!

Etwas später fand ich die Seite der Telefonseelsorge. Diese war mir zwar schon länger ein Begriff, doch nun boten sie auch eine anonyme Mail-Beratung an. Also schrieb ich denen eine lange Mail – auch hier wieder von meinen Problemen, Gedanken und Gefühlen. Und ich wurde wieder ernst genommen, diesmal sogar von einem professionellen Psychotherapeuten.

Dieser ermutigte mich, mich mit meinen Problemen einem Arzt bzw. Therapeuten vorzustellen.

Betroffene brauchen ein Gegenüber, welches sie in ihrem Gefühl versteht

Mittlerweile finde ich dies nicht nur im Internet, sondern hauptsächlich in meinen beiden Selbsthilfegruppen. Eine Sache, die ich jedem Betroffenen nur empfehlen kann. Doch nicht jeder Depressive oder anders betroffene von psychischen Erkrankungen traut sich, einfach mal so zu einer Gruppe in seiner Stadt zu spazieren.

Angst, Scham, Minderwertigkeitsgefühle – es gibt ganz viele, für mich auch nachvollziehbare Gründe, weshalb das alles andere als einfach ist. Mal ganz davon abgesehen, dass es nicht in jeder Stadt und erst recht nicht jedem Dorf, Selbsthilfegruppen gibt. Also sucht man im Internet nach Gleichgesinnten und findet sie.

Man findet Menschen, die ähnlich denken und fühlen, die einen nicht verurteilen sondern verstehen. Menschen, bei denen man für einen Moment so sein darf wie man ist.

Über meinen Blog hier und noch viel mehr über meine Facebookseite erreichen mich mehrmals die Woche E-Mails von Menschen, mit fast immer denselbem Problem: Sie finden kein Verständnis in ihrem realen Umfeld, sie wissen nicht an wen sie sich wenden können, sie wissen allgemein nicht weiter in ihrem Leben – vor allem aber haben sie keinen Ansprechpartner vor Ort bzw. trauen sich noch nicht, sich jemandem aus ihrem Umfeld anzuvertrauen.

So tauschen wir uns aus. Ich höre zu, erzähle von mir, versuche denjenigen zu ermutigen, kann manchmal Anlaufstellen nennen, die demjenigen noch nicht so bekannt sind, zeige vor allem aber Verständnis für die Situation – eben weil ich es kenne und nachempfinden kann.

Und ich freue mich sehr, wenn ich jemanden ermutigen konnte, mit der Familie ein offenes Gespräch zu suchen oder sich in akuten Fällen an einen Krisendienst zu wenden. Ein anderer schrieb mir ein paar Wochen nach unserem Mail-Austausch, dass er einen Platz bei einem Psychotherapeuten gefunden hat und das er das alleine nicht gewagt hätte.

Mit diesen Beispielen möchte ich mich keineswegs selbst beweihräuchern, darum geht es mir überhaupt gar nicht – es sind nur Beispiele die zeigen, zu was auch ein online-Austausch (im positiven Sinne) führen kann.

Manchmal weiß ich auch nicht weiter, immerhin bin ich weder Psychologin noch Psychiaterin, kann und möchte es auch für keinen Betroffenen sein! Dafür gibt es jedoch andere Seiten im Internet, an die man sich wenden kann, um erste Hilfe zu erhalten.

Gerne verweise ich dabei auf die Seite Treffpunkt Psyche bzw. FreiRaum, welche von der psychologischen Beraterin Carola Briesemeister gemanaged wird. Auch können sich Betroffene an die E-Mail-Beratung der Telefonseelsorge wenden oder an die Deutsche Depressionsliga e.V., welches die erste Betroffenenorganisation von und für Menschen mit Depressionen ist.

Solche Anlaufstellen im Internet sind vor allem dann hilfreich, wenn Betroffene Wochen oder gar Monate lang auf einen Therapieplatz warten müssen.

Natürlich ist das Internet auch mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden

Wie überall im Leben, kann man auch im Internet auf Menschen und Seiten stoßen, welche für Betroffene von psychischen Erkrankungen nicht hilfreich sind. Wie anfangs erwähnt, fand ich früher recht leicht ganz viele Suizidforen, mit detaillierten Erklärungen, wie man sich schnell und sicher umbringen kann. Gerade im Bereich von Ess-Störungen gibt es viele Seiten, welche die Betroffenen in ihrer Störung eher stärken, anstelle ihnen Unterstützung zu bieten, aus diesem Teufelskreis herauszukommen.

Manche psychisch Erkrankte richten sich auch in ihrer Opferrolle ein. Sie merken, dass sie mehr Aufmerksamkeit bekommen, haben nicht den Wunsch, gesund zu werden – denn dann würde ein Stück der Aufmerksamkeit fehlen. Ein Austausch mit anderen Betroffenen kann bei manchen durchaus die eigene Symptomatik verstärken. Doch dieses Problem kann man nicht anhand des Internets festmachen.

Das Menschen aus verschiedensten Gründen nicht gesund werden wollen, gibt es nicht erst seit dem Internet. Zudem ist dies ein eigenständiges Krankheitsbild.

Das Internet ersetzt keine Therapie

Das Betroffene sich online mit anderen Betroffenen oder psychologischen Beratern austauschen, kann keine Therapie ersetzen – dies möchte ich mit meinem Beitrag auch nicht zum Ausdruck bringen.

Es ist bzw. kann jedoch, wie z.B. meine Selbsthilfegruppen für mich, eine wertvolle und hilfreiche Unterstützung sein.

Gerne bin ich auch offen für einen Erfahrungsaustausch mit Betroffenen, welche eine online-Therapie machen oder gemacht haben. Dies ist ein Bereich, mit welchem ich keine Erfahrungen habe. – Ich freu mich dazu, wie auch allgemein zu dem Thema „online-Austausch“, über einen Kommentar von Dir 😉

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Leide seit Jahren unter chronischer Therapie ressisten Depression. Derzeit ist es wieder sehr schlimm. Kämpfe mich mit Praxiten über den Tag..

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