Stille

Die Stille ist mir zu laut

„Dabei ist es vor allem die Stille, die mich ängstlich, verunsichert und zweifelnd sein lässt. Das stetige Lächeln kostet Kraft. Ich wünschte mir, nicht allein zu sein in diesen Momenten …“ – Pssst … ein wunderbarer, einfühlsamer, offener Gastbeitrag von Tine zum Thema Stille ¸¸.•*¨*ღ 

Die Stille ist mir zu laut

Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich für mich erkennen durfte (so sage ich heute), welch eine Bedeutung die Stille in meinem Leben hat, was die Stille aus und mit mir gemacht hat. Ich sehe es (immer häufiger) als ein Geschenk an, die Kraft der Stille erleben zu dürfen und hoffe gleichzeitig, von ihr nicht überrollt zu werden. Der Weg bis zu dieser Erkenntnis war aber verdammt lang und er ist auch noch lange nicht zu Ende.

Es sind eben oft die kleinen Momente – unsichtbar, aber vor allem auch lautlos – die Sicherheit geben und gleichermaßen aber auch genauso Unsicherheit hervorrufen können. Es bedarf viel Zeit, Kraft und Ausdauer, die Stille anzunehmen und erst recht in ihr und diesen stillen Momenten die Chance zu sehen, sich selbst wahrzunehmen und vor allem sich anzunehmen.

Für mich ist und bleibt es eine (so oft auch sehr anstrengende) Reise, eine Reise letztendlich wohl vor allem zu mir selbst.

Ich bleibe still

Viele Jahre bin ich still geblieben.

Niemand sah es, wenige ahnten etwas. Ich habe mich geschämt. Wollte funktionieren, glaubte funktionieren zu müssen. Wollte mich nicht anstellen, stattdessen Leistung erbringen und zeigen. Noch immer ist präsent, all die Dinge nicht zu schaffen.

Ich hatte (und habe) Angst vor Fehlern und der möglichen Kritik.

Wollte ständige Schmerzen verdrängen, ebenso wie all die zermürbenden Gedanken. Dachte, ich zeige Schwäche wenn ich ehrlich bin und wollte doch nur gemocht und anerkannt werden. Ich wollte stark sein und suchte doch immer nach Halt. Nähe ließ ich jedoch nicht zu aus Sorge, verletzt zu werden.

Verurteilte mich, aufgrund all dieser Dinge.

Ich habe niemanden an mich herangelassen und schwieg, während viele Tränen geräuschlos und auch unsichtbar über mein Gesicht kullerten.

(…)
Meine Tränen sind getrocknet
Ich schlucke
Ich bin leer
Ich sage nichts
Bleibe still
Niemand sieht es
Lächle

Dabei ist es vor allem die Stille, die mich ängstlich, verunsichert und zweifelnd sein lässt. Das stetige Lächeln kostet Kraft. Ich wünschte mir, nicht allein zu sein in diesen Momenten – mein Gefühl sagte mir so oft, zu zweit sei es leichter, die so unerträgliche Stille zu durchbrechen.

Aber natürlich gehe ich alleine meinen Weg, wenn ich stets nur schweige.

Ein enges Familienmitglied sagte erst kürzlich zu mir, ich müsse ihm und dem Rest der Familie Zeit geben, mich neu kennenzulernen. Ich kann nur erahnen, wie schwer dieser Prozess auch für mein mich unterstützendes Umfeld ist. Wie soll man mich verstehen können bzw. Handlungen meinerseits nachvollziehen, wenn ich selbst so vieles noch gar nicht in Worte fassen kann und eben dann so oft still bleibe.

Ich war immer unterwegs, war überall dabei und Pausen schien ich nicht zu benötigen. So zumindest erlebte mich ein Großteil meines Umfeldes. Und dann blieb ich irgendwann immer mehr zu Hause, zog mich fast gänzlich zurück. Zu Hause lief immer der Fernseher oder das Radio. Die Stille wurde immer unerträglicher, physischer und psychischer Schmerz bekam immer mehr Raum.

Ganz langsam nun fange ich an, all meine Gedanken in Worte zu fassen und mich zu öffnen. Ich bin dankbar, wenn mein Gegenüber mir einfach nur schweigend zuhört und wenn das Papier geduldig mich schreiben lässt. Heute weiß ich, dass ich zum Teil einfach auch weggelaufen bin: vor mir, vor notwendigen Auseinandersetzungen, der Stille und dem Alleinsein.

Die Stille aushalten

Ich habe eine entstehende Stille (im privaten und beruflichen Miteinander – sei es bei Gesprächen oder Aktivitäten) immer ausgefüllt – oder aber ich bin aus einer für mich schwierigen Situation geflüchtet und vor einer möglichen Auseinandersetzung weggelaufen.

Oft habe ich das Bedürfnis, agieren zu müssen. Ich springe ein während Mitmenschen abwarten und sie einer entstehenden Pause einfach Raum geben bzw. diesen Raum vielleicht gar nicht füllen wollen.

Gesagte Worte bekommen durch eine anschließende Stille eine besondere Bedeutung zugesprochen. Ein Moment der Stille z.B. entsteht auch, weil man keine Antwort auf gesagte Worte hat – sei es nun aus Angst vor falschen Worten, aus Unsicherheit oder Hilflosigkeit heraus oder einfach aufgrund des Beendens eines Gesprächs.

Mich überkam und überkommt oft das Gefühl, diese Stille füllen zu müssen, weil ich sie nicht aushalte.

Stille lässt mich an mir zweifeln, unabhängig davon, ob diese Zweifel überhaupt berechtigt sind.

(…)
Neben dir habe ich gelernt,
Stille zu ertragen
nicht immer alles zu hinterfragen
auf sich selbst zu vertrauen
das Leben wieder anzuschauen
(…)

Vertrauen in sich und sein Umfeld ist vielleicht Grundlage, um den Blick nach vorn richten zu können.

Stille – zwischen Anspannung und Entspannung

Viele Stunden habe ich in der totalen Anspannung und Verzweiflung nach einem Grund u.a. für meine Erkrankung gesucht, um das Warum erklären zu können. Noch immer bin ich so oft auf der Suche nach Halt und greife nach der helfenden Hand.

Festhalten ist schließlich leichter, als alleine kleine Schritte zu gehen.

Ich will, dass man mir erklärt, wie mein Leben sich zusammensetzt, auf jede Frage hätte ich gerne eine Antwort und blicke mich suchend danach um. Ich wünsche mir so oft, in den Arm genommen zu werden und gesagt zu bekommen, was gut tut in schwierigen Situationen und Momenten – weil ich es selbst scheinbar nicht benennen kann.

Ich möchte aufgefangen werden, wenn die vielen Stolpersteine mich mal wieder ins Fallen bringen.

Vor allem aber stieß ich (und stoße auch noch) die mir liebsten Menschen oft von mir weg. Wie kann es sein, dass ich gemocht werde, ich etwas wert bin wenn ich selbst mich nicht mag und zumeist in der Anspannung – den (zu) stillen Momenten – voller Selbsthass über mich urteile?

(…)
Von und mit dir habe ich gelernt,
an ein Morgen zu denken,
dem Gegenüber wieder Zeit zu schenken
etwas wert, vielleicht sogar wertvoll, zu sein
meinen Gedanken Ausdruck zu verlei`n
(…)

So oft bedeutet Stille für mich also Anspannung. Wie kann das einhergehen mit der Aussage, dass Stille meist Grundlage für Entspannungsübungen sei?

Stille sei wichtig, um in sich hinein spüren zu können. Erst wenn die Lautlosigkeit vorherrsche, dann bestehe wohl die Chance, die volle Konzentration auf sich zu lenken.

Ich wünsche mir diese Stille und die Entspannung in Phasen bewusster Pausen (Pausen, die viel zu selten sind), da ich in der Entspannung erkennen musste (durfte), wie sehr mich ein Zuviel an Reizen überfordert.

Ich wünsche mir Ruhe, aber ich möchte keine unerträgliche Stille. Ich wünsche mir, dass auf Phasen der Anspannung immer auch eine Entspannung folgen kann.

Leider gelingt dies noch nicht besonders oft und so bin ich dankbar, erschöpft irgendwann einschlafen zu dürfen – eine Entspannung, die (momentan noch) an vielen Tagen nur mit Hilfe von Medikamenten gelingt.

Es ist ein ständiges Ausbalancieren, es ist der so schmale Grat den ich über die Berge wandere. Es ist die Balance zwischen Anspannung und Entspannung.

Ich bin bei mir … – die Kraft der Stille

Niemand hat mir gesagt, wie weh es tut, die eigene Situation zu akzeptieren.

Anzunehmen, was gegeben ist, hinzunehmen, was nicht zu ändern ist, den Schmerz aushalten zu können.

Physische Schmerzen aushalten zu müssen ist schon eine Herausforderung und Anforderung an sich. Wie gelingt dies mit psychischen Schmerzen – Gedanken, Worte, Taten, die immer wieder verletzten.

Die Zeit heilt nicht alle Wunden, in der Stille sticht der Schmerz so oft noch völlig unvorbereitet einfach nur zu – mit aller Macht. Vielleicht kann ich mit der Zeit lernen, bei mir zu sein.

Was brauche ich? Was tut mir gut? Was wünsche ich mir und wo möchte ich hin?

Ich weiß es (noch) nicht. Diese Unsicherheit hinterlässt oft eine Leere. Ich ziehe mich in diesen Momenten, Stunden und auch Tagen häufig zurück – einerseits, weil ich die Ruhe brauche und andererseits weil Rückzug gewissermaßen auch Sicherheit bedeutet.

Gleichzeitig ist die Stille, nach der ich mich so oft sehne, eine besondere Herausforderung. In der Stille kann ich meine Gedanken nicht stoppen, ich spüre den eigenen Pulsschlag im unerträglichen Maße und kann das Rauschen und Piepen im Ohr nicht abstellen.

Die Stille ist mir zu laut. Und dennoch:

(…)
Nun versuche ich zu lernen
auch mal still zu steh`n
zurückzugehen
an den Ort der mit dir Sicherheit mir bot
(…)

Vor vielen Wochen und Monaten, vor fast ziemlich genau einem Jahr, habe ich mich also endlich auf den Weg gemacht – den Weg in erster Linie wohl zu mir selbst.

Es ist ein Weg mit Höhen und Tiefen, vor allem aber mit der Erkenntnis, dass die Stille mir gut tut. Stille verändert die Wahrnehmung und ermöglicht vor allem eine intensivere Wahrnehmung. Den Umgang damit musste ich lernen und werde ich weiterhin lernen müssen.

Finde ich die Ruhe nicht (mehr) zu Hause, nicht beim Sport oder in der Musik, so weiß ich mittlerweile, dass ich raus in die Natur muss. Am liebsten bin ich dann in den Bergen. Der Blick über die Weite der saftigen Wiesen hinauf auf die sich erhebenden Berge (Hügel) lässt mich meistens zur Ruhe kommen.

Dies weiß ich und dennoch verpasse ich oft den Moment, in dem ich für mich sorgen muss.

Stille kann heißen, bei mir selbst zu sein und ich glaube, in der Stille bin ich mir am nächsten.

Text & Bild: Tine

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.