Demütigung

Die Wut über erlittene Demütigungen

Gabriele Rudolph ist u.a. Heilpraktikerin für Psychotherapie und verfügt über verschiedene Qualifizierungen und langjährige Erfahrungen in der Trauma- und Inneren-Kind-Arbeit. Auf ihrem Blog einfach nur sein erklärt sie in verständlicher Weise psychologische Zusammenhänge, ohne zu sehr zu pathologisieren. Sehr praxisnah und authentisch empfinde ich die Beispiele und Erfahrungen ihrer Klienten, zu welchen ich manchmal eine kleine Parallele ziehen konnte. Ich freue mich sehr, dass sie heute mit einem ihrer Beiträge über Traumata in der Kindheit zu Gast auf meiner Seite ist:

Die Wut über erlittene Demütigungen

Wenn ein Mensch als Kind heftige Demütigungen erfahren und den Ärger, die Angst oder die Traurigkeit darüber nicht die Möglichkeit hatte, diesen angemessen zu erleben bzw. auszudrücken, sind diese Gefühle weiterhin im Körper gespeichert.

Im Grunde kann ein Trauma nur entstehen, weil das Kind beziehungsweise auch ein Erwachsener die in ihm durch eine Situation entstehenden Gefühle nicht in seinem Tempo und auf seine Weise ausdrücken kann, sondern unterdrückt bzw. unterdrücken muss.

So sorgt das Nervensystem dafür, dass das Trauma im Körper „vergraben“ wird – bis du bereit und in der Lage bist, es bewusst zu verarbeiten.

Dies sichert dein Überleben und Funktionieren in bedrohlichen Situationen. Zugleich hat diese Vorgehensweise den Nachteil, dass du vergisst, dass du das nur für diese eine Situation bzw. für eine Übergangszeit getan hast. Das heißt, die Wut bleibt im Körper und wartet darauf, endlich ausgedrückt zu werden.

Sie kann also jederzeit getriggert werden.

Dies geschieht u. a. wenn im Menschen eine Hormonumstellung stattfindet wie z. B. In der Pubertät, den Wechseljahren oder bei manchen Frauen auch direkt vor oder nach der Periode.

Auch heftige Krisen können diese Ängste wieder auslösen oder ähnlich demütigende Situationen, die dich an die alte erinnern.

Ein Klient von mir hatte z. B. die Neigung, auf die Frauen in seiner näheren Umgebung den Hass auf seine Mutter zu projizieren, indem er sich ihnen und ihren Wünschen perfekt anpasste (Spiel des “gefälligen Jungens”) und sie zugleich als dominant und herabwürdigend beschimpfte. Das war seine passiv-aggressive Art, den tiefen Schmerz, die Trauer und unbewusste Wut nach Außen zu projizieren und immer wieder zu reinszenieren.

Alice Miller spricht in ihrem Buch „Am Anfang war Erziehung“ auch davon, dass Adolf Hitlers Rachezug gegen die Juden aus psychotherapeutischer Sicht eine Reinszenierung seiner eigenen Demütigungen durch seinen Vater war. Er wurde als Kind selbst misshandelt und durfte sich nicht dagegen wehren.

Es gibt also Menschen, die dazu neigen, diese Wut im Außen auszuagieren, andere wiederum richten Aggressionen in Form von Angst gegen sich selbst. Es gibt natürlich auch beide Formen der Re-Inszenierung in einem Menschen. So kann dies im Erwachsenen zu sehr heftigen Angst- und Panikanfällen ebenso wie zu Aggressionen und Gewaltausbrüchen gegenüber Menschen führen, die du diesen gar nicht zuordnen kannst, weil dir ihr Ursprung nicht bewusst ist.

Menschen, die diese gegen sich selbst richten, leiden häufig auch unter chronischen Krankheiten.

Es ist also wesentlich und enorm heilsam, sich ihrer bewusst zu werden und sie in einem geschützten Umfeld zu entladen.

Nun ist es die Natur eines Traumas, dass du mit dem Aufkommen traumatischer Erinnerungen und Gefühle, Angst verbindest, d. h. dass du alles tust, um sie nie wieder zu fühlen. In anderen Worten: Das traumatisierte Kind lernt zu überleben, indem es so tut als sei nie etwas Schlimmes geschehen. Es idealisiert die Eltern, ja, die gesamte Situation und verleugnet damit, dass es je ein Problem gab. Und es lernt sich in scheinbar oder wirklich bedrohlichen Situationen wegzubeamen.

Es ist also nur möglich, an das Trauma und die damit verbundenen Gefühle zu kommen, wenn du erkennst, wie du dich vor ihnen und damit vor dir selbst schützt.

Es gibt da sehr viele Methoden. Ich möchte an dieser Stelle nur ein Beispiel nennen.

Ich erinnere mich an eine Klientin, die im Laufe einer telefonischen Einzelsitzung bei mir plötzlich an eine sehr heftige Wut kam. Als sie sie zulassen konnte, zeigte sich, dass sie diese viele Jahre in sich verborgen hatte, weil sie damit eine enorme Angst vor dem Verlassen-, Bestraft- und Vernichtetwerden verband. Um also nicht an diese Wut und den Schmerz des Abgetrenntseins zu kommen, beamte sich sich dadurch weg, dass sie sich vorsorglich in Angst und Schrecken versetzte.

Anders ausgedrückt: Sie vermied die Wut, indem sie ganz natürlichen Geräuschen wie dem Wind, der ums Haus fegt, dem Quietschen oder Schlagen einer Tür im Haus oder einem zuckenden Muskel in ihrem Körper unmittelbar eine höchst erschreckende Bedeutung gab und sich dann so verhielt, als sei diese real.

Dies hatte zur Folge, dass sie sich fast immer bedroht fühlte. In anderen Worten: Sie war ein Nervenbündel. Das machte ihr das Zusammenleben mit anderen Menschen sehr schwer, da diese ihre scheinbar unbegründeten Ängste nicht nachvollziehen konnten und sich deswegen von ihr zurückzogen.

Und ihr Körper reagierte natürlich mit heftigen nervösen wie körperlichen Symptomen wie Schwitzen, Unruhe, Nervosität, Rastlosigkeit, Hautrötungen, Nackenverspannungen, Kopfdruck, Gelenk- und Magen-Darm-Beschwerden auf die ständigen inneren Spannungen.

Verstärkung des inneren Konfliktes

Der innere Konflikt wurde noch dadurch verstärkt, dass ihr die körperlichen Symptome, die dadurch auftraten, zusätzlich noch Angst machten.

Erst nachdem ich ihr behutsam und in mehreren Anläufen gezeigt habe, wie sie die Stellen im Körper finden konnte, in denen die Wut und die Angst gespeichert war und wie man sie emotional wie körperlich entlud konnte sich der Körper nach und nach entspannen.

Damit sie all das auch ohne meine Hilfe tun konnte, führte ich sie behutsam in die Stille und zeigte ihr, wie sie sich dort ausruhen und entspannen konnte – auch wenn es um sie herum wie in ihr scheinbar so viele bedrohliche Geräusche und Sinneseindrücke gab.

Ein klarer, fester Bezug zum Körper und zur Stille ist hier sehr wichtig, da ansonsten die heftigen Ängste und die dadurch ausgelösten Körperspannungen den Kopf nur noch zusätzlich in Panik versetzen, was dann wiederum Folgen für die Befindlichkeit des Körpers hat.

Entladung und -spannung ist hier unabdingbar auch für das über Jahre überforderte Nervensystem. Es braucht im wahrsten Sinne des Wortes „Entwarnung“, das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit, das ein Mensch – v. a. wenn er alleine auf sich gestellt ist und/oder in einem sehr betriebsamen Umfeld lebt – nur in der Stille finden kann.

© Gabriele Rudolph aus „Das innere Kind und die Stille“ (E-Book),
weitere Informationen unter einfach nur sein

Bildquelle: pixabay.de

 

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