Ehrenamt

Ehrenamt – Geschenkte Zeit

Viele sind aufgrund ihrer Erkrankung arbeitsunfähig – sie sind nicht in der Lage, einer „normalen“ Arbeit nachzugehen. Doch viele Menschen möchten zugleich die vorhandene Zeit sinnvoll füllen und etwas machen, was ihrer Belastung entspricht. So suchen sich manche Betroffene ein Ehrenamt, wo sie in freier Zeiteinteilung einer Arbeit nachgehen, welche ihnen Freude bereitet und welche sie am Leben teilhaben lässt. So beschreibt in dem nachfolgenden Gastbeitrag meine Freundin Nicole W., u.a. betroffen von Depression und Angst, wie sie für sich ein Ehrenamt suchte, was die freiwillige Arbeit für sie bedeutet und wie sie ihr hilft.

Ehrenamt – Geschenkte Zeit

Das Vorhandensein meiner psychischen Erkrankungen bedeutet für mich seit nunmehr vier Jahren eine Auszeit vom Berufsleben. Nach meinem Zusammenbruch im Februar 2012 dachte ich zunächst an eine mehrtägige Pause. Frei nach meinem bis dato gültigen Glaubenssatz: „Das wird schon wieder! So schlimm ist das doch nicht. Nun reiß Dich mal zusammen.“

Das Voranschreiten, dass Ausmaß und die Tragweite meiner Erkrankungen waren mir zu dem damaligen Zeitpunkt nicht bewusst.

Jetzt im Nachhinein ist mir klar geworden, dass mein Körper schon Jahre zuvor Warnsignale gesendet hat. Ich habe sie – und damit mich – nicht ernst genommen. Die Akzeptanz, dass ich ich nicht in einem vorübergehenden Gefühls- oder in einem schnell auskurierten Krankheitszustand befinde, hat lange auf sich warten lassen.

Die Geduld mir selbst gegenüber und dsa Hören auf die Signale meines Körpers fallen mir bis heute schwer. Es ist wichtig, mich und meine Grenzen wieder spüren zu lernen, auch mal „Nein“ sagen zu dürfen und ein inneres Gleichgewicht finden zu können.

Eine ganz wichtige Erkenntnis war und ist, dass ich neben meiner Familie, meinen Freunden und alltäglichen Terminen eine Aufgabe brauche.

Eine Aufgabe, die mich nicht überfordert, aber mich aufstehen und eine andere Perspektive einnehmen lässt. Das Gefühl wieder verspüren lässt, gebraucht zu werden. Nach einem zwölfwöchigen Klinikaufenthalt hatte ich Anfang 2015 wieder etwas Lebensenergie getankt. Wie durch einen Wink des Schicksals erreichten mich in dieser Zeit mehrere Möglichkeiten, mich ehrenamtlich zu engagieren.

Es gibt verschiedene Wege, sich ein Ehrenamt zu suchen, wobei ich sagen muss, dass ich gar nicht suchen musste. In Berlin gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich über Ehrenämter zu informieren, hier seien beispielhaft die Freiwilligenagenturen oder die jährlich stattfindende Freiwilligenbörse im Roten Rathaus zu nehnnen.

Freiwilligenagenturen vermitteln Menschen aller Altersgruppen, die sich freiwillig engagieren möchten, an regilnale Projekte, Initiativen und Vereine, die mit Freiwilligen arbeiten. In individuellen und kostenlosen Beratungsgesprächen werden die Wünsche, Motive und Erfahrungen der Interessenten mit den vielfältigen Projekten und Initiativen abgeglichen und zusammengebracht.

Ich persönlich erfuhr durch einen Aufruf im sozialen Netzwerk von einem ehrenamtlichen Stellenangebot. Das Kinderhospiz Sonnenhof der Björn Schulz Stiftung suchte für vier bis fünf Stunden in der Woche einen Hobby-Gärtner bzw. -Gärtnerin.

Ich las die Anzeige und dachte sofort: Das könnte mir gefallen!

Einen eigenen Garten besitze ich leider nicht, jedoch habe ich jahrelange Erfahrungen und Kenntnisse im Garten meiner Eltern sammeln können. Es ist eine Arbeit, die mir von klein auf Freude bereitete. Mit den eigenen Händen etwas zum Wachsen zu bringen, zu pflegen und sich an der Schönheit der Natur zu erfreuen. Erst im zweiten Moment dachte ich über den Einsatzort nach. Kinderhospiz, ein Haus, wo Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 35 Jahre mit einer lebenslimitierenden Erkrankung eine unbestimmte Zeit verbringen. Als Mutter einer 10-jährigen Tochter kamen erste Zweifel und Ängste auf, ob ich dieser Aufgabe psychisch gewachsen bin.

Noch bevor ich einen Gesprächstermin vereinbarte, zählte ich im Kopf alle positiven Kriterien auf: Ich habe keinen langen Fußweg, ich arbeite an der frischen Luft, ich kann produktiv sein und vor allem kann ich den Gästen, ihren Familien und dem Personal etwas Gutes tun. Mit allen positiven Ambitionen ging ich zum Kennenlerngespräch in den Sonnenhof.

Der Name des Hauses machte an dem Tag seinem Namen alle Ehre. Ich kam bei strahlendem Sonnenschein im Kinderhospiz an, wurde sehr nett empfangen und nach einem kurzen Kennenlernen – im Garten des hauses – und einer Führung durch das Haus, nahm ich die Stelle an.

Fortan ging ich einmal die Woche für vier Stunden gärtnern. Zu meinen Aufgaben gehörten in erster Linie die Pflege der Beete, das Pflanzen von Blumen und Bewässern des Gartens. Ebenfalls kümmerte ich mich um den Erinnerungsteich, wo Blumen, Erinnerungsstücke und Steine mit Namen der verstorbenen Kinder, Jugendlichen oder jungen Erwachsenen niedergegelegt werden können.

Diese Aufgaben machten mir so viel Freude, denn ich wusste, dass ich etwas sinnvolles mache und damit auch mein Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen stärken werde.

Ich war wieder in ein Team eingebunden, wurde mit offenen Armen empfangen und nach getaner Arbeit bekam ich als Dankeschön sogar noch ein leckeres Mittagessen.

Während meiner Tätigkeit entwickelte sich schnell ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis, insbesondere zu der für die Stiftung zuständigen Ehrenamtsbeauftragten. Sie war und ist immer eine feste Ansprechpartnerin für mich. Sie wusste von Anfang an von meinen psychischen Erkrankungen und ging damit sehr vertrauenswürdig um.

Es wurde darauf geachtet, dass ich nicht über meine Grenzen gehe, dass ich Pausen einlege oder selbst fürsorglich die Einsatzzeit gestalte oder variiere. Ich hatte keine Vorschriften, mir wurde Vertrauen entgegengebracht, jeder hatte Zeit für ein Lächeln und nette Worte und so fühlte ich mich nach langer Zeit wieder ein Stück wohler in meiner Haut.

Ich habe im Laufe der Zeit weitere kleine Aufgaben übernommen. Ich unterstützte bei Festen, beim Umzug einer ambulant betreuten Familie und werde dieses Jahr bei der Kinderbetreuung am jährlich stattfindenden Erinnerungstag helfen.

Einige werden denken: „Na ja, aber Du bekommst kein Geld dafür. Du opferst Deine freie Zeit und bist immer wieder mit den Schicksalen der Kinder konfrontiert.“

Darauf kann ich nur entgegnen, dass eine finanzielle Entlohnung nicht eine einzige Sekunde eine Rolle für mich gespielt hat. Was ich durch mein Ehrenamt an diesem besonderen Ort erfahren durfte und weiterhin erfahren darf, ist mehr wert als jede materielle Bezahlung. Ich werde belohnt durch das Aufleben und Blühen der Natur, durch liebe Worte des Personals und vor allem durch ein Lächeln und ein Strahlen in den Augen der Kinder. Das ist unbezahlbar.

Ich habe das riesengroße Glück und Geschenk, ein gesundes Kind zu haben, was nicht selbstverständlich ist. Vielen Familien ist dieses Glück nicht beschert. Meine Dankbarkeit möchte ich nutzen und den Familien durch meinen kleinen Beitrag Glücksmomente schenken. Es immer ein Geben und Nehmen.

An dieser Stelle möchte ich gerne abschließend etwas zitieren: „Wir können dem Leben nicht mehr Tage, aber den Tagen mehr Leben geben.“

©Nicole W.

Gehst auch Du einem Ehrenamt nach? Wo arbeitest Du? Inwieweit hilft und tut es Dir gut? Ich freue mich über einen Kommentar von Dir 😉

Bildquelle: pixabay.com

Kommentare (3) Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Nicole ich arbeite bei der Lebenshilfe.Habe in der Rente diese tolle Erfüllung gefunden,bin Gruppenleiterin bei der Freizeitgruppe und habe eine Einzelbetreung bei Leuten mit Handicap,erfüllt mein Leben mit viel Freude und Dankbarkeit.Ich reiss mich zusammen und habe noch nie gefehlt .
    Liebe Grüsse
    VP

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  2. Hallo Nicole,
    da hast Du wirklich einen guten Platz für Dich gefunden! Ich gratuliere herzlich und bin zutiefst davon überzeugt, dass Du mit dieser Arbeit nicht nur das Wachstum der Pflanzen, sondern auch Dein eigenes unterstützt. Nicht umsonst werden Naturerfahrungen immer häufiger in der Psychotherapie eingesetzt. Hier habe ich mal 10 Vorteile aufgelistet: http://www.pan-praxis.de/2014/10/10-vorteile-des-naturerlebens/
    Liebe Grüße von
    Sandra

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