sensibel

Ich bin sensibel und das ist gut so!

„Du bist aber auch empfindlich!“ … „Na, haste mal wieder Weltschmerz?“ … „Nun sei doch nicht so sensibel!“ – Diese Aussagen kommen vermutlich vielen von Euch bekannt vor, wa? Ja … ich wurde dazu auch öfter genervt gefragt, warum ich denn schon wieder heule. Und ich bekam den ultimativen Tipp, statt zu weinen doch einfach pullern zu gehen … ich sollte mir ein dickeres Fell wachsen lassen und dadurch härter werden.

Viel zu sensibel?!

Als fester Glaubenssatz verankerte sich in mir die Überzeugung, dass ich falsch bin – ich und meine Gefühle, meine Empfindungen, meine Tränen. Wir sind allesamt nicht richtig – nur warum, das habe ich nicht verstanden. Und wie ich das ändern sollte, wusste ich auch nicht.

In meinen Tagesklinik-Aufenthalten und in meiner Therapie lernte bzw. lerne ich, dass alle Gefühle da sein dürfen und es keine „falschen“ Gefühle gibt.

Jedes Gefühl hat seine Daseinsberechtigung, seinen Grund und darf im Leben eines Menschen seinen Platz haben.

Auch in meinem. Und auch in Deinem. Wir alle sind mit unseren Empfindungen richtig!

Soweit die Theorie.

Vor mehreren Wochen warf mir jemand vor, ich reagiere „extrem überempfindlich“. Mit diesen Worten endete eine Zusammenarbeit an einem Projekt und auch die Freundschaft zerbrach. Im Nachhinein würde ich eher sagen, dass es eine kumpelhafte Beziehung statt einer Freundschaft war, aber das spielt jetzt vermutlich keine große Rolle mehr.

Fakt ist, dass ich zunächst anfing, mich und mein Verhalten so in Frage zu stellen, dass ich wieder dachte, meine Empfindungen seien falsch. Und weil meine Empfindungen ja falsch seien, bin ich auch schuld, dass diese Kumpel-Freundschaft gegen den Baum krachte.

Und bei all diesem Gedanken-und-Gefühlen-Wirrwarr fragte ich mich, ähnlich wie früher, was ich denn eigentlich falsch gemacht hatte und ob wirklich ALLES meinerseits falsch war.

Doch es geht gar nicht um richtig oder falsch. Gefühle kann man nicht in richtig oder falsch einordnen. Es geht um Verantwortung.

In dem Moment, wo ich mit mir selbst achtsam und selbst-fürsorglich umgehe, in dem Sinne, dass es mir gut geht in dem was ich tue – in dem Moment übernehme ich Verantwortung für mich.

In meinem Fall bedeutet das, dass ich anderen Grenzen setze, ihnen sage, was mich stört. Im benannten Beispiel der Kumpel-Freundschaft war es der Ton in der Kommunikation, mit dem ich absolut nicht klar kam.

In den letzten Jahren habe ich solche bzw. solch ähnliche Kritik gegenüber verschiedenen Menschen geäußert, u. a. manchen familiären Bezugspersonen, meiner Therapeutin bzw. meinem Psychiater, manchen engen Freunden und auch meinem Partner habe ich mal gesagt, dass ich diese oder jene Aussage bzw. Formulierung eher unangebracht fand.

Während die familiären Bezugspersonen als auch der vorgenannte Kumpel mich aufgrund meiner Äußerung als „überempfindlich“ und „extrem sensibel“ bewerteten und meinten, ich würde mich in eine watteweiche „Opferrolle“ packen, in welcher ich das arme Mäuschen bin und alle anderen die bösen sind, haben meine Therapeutin bzw. Psychiater als auch mein Partner auf eine respektvollere Art reagiert.

Sie haben mir zugehört, als ich ihnen erklärte, was mich gerade störte oder welche Aussage mich verletzte. Meine Äußerung haben sie angenommen, ohne zu bewerten.

Bezogen auf einen Konflikt mit meinem Psychiater und wie ich ihm sagte, dass mich eine Äußerung störte, habe ich in dem Beitrag „Erkenntnis: Mein Psychiater ist auch nur ein Mensch“ geschrieben.

Dass meine Gefühle und Aussagen unbewertet ernst genommen wurden bedeutet NICHT, dass die anderen diese automatisch nachvollziehen konnten oder toll fanden. Darum geht es auch nicht – sie haben akzeptiert, dass ich so empfinde. Punkt.

Umgedreht kam es natürlich auch schon vor, dass jemand mir mal sagte, dass diese oder jene Aussage bzw. Reaktion jetzt eher unangebracht war.

Ich hoffe, dass ich jetzt von niemandem das Weltbild zerstöre – aber auch ich bin (noch) kein Engel. Auch ich mach(t)e Fehler und bin nicht perfekt.

Fehler, unglücklich formulierte Aussagen – all das gehört zu uns Menschen. Der wesentliche Punkt ist jedoch, dass wir darüber reden. Und wie wir darüber miteinander reden.

Die Sache mit dem Reden, erst Recht über Gefühle, ist alles andere als leicht. Doch man kann es lernen. Vor allem wenn sich mit den Techniken der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg auseinandersetzt.

Gewaltfreies Kommunizieren – z.B. Ich-Botschaften statt Vorwürfe, Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen, anstatt diese anderen zu überstülpen, Wahrnehmen ohne zu bewerten – ist etwas, was ich in den letzten Jahren immer mehr gelernt habe und was durchaus noch immer eine Übung in meinem Alltag ist.

Es ist auch das „Mittel“ in meinem Leben, nach dem ich öfter gefragt werde, z.B. wenn es darum geht, dass mein Partner und ich nun schon fast neun Jahre in einer festen Beziehung sind. Das unsere Beziehung stabil ist und er trotz zahlreicher Krisen in dieser Zeit nicht das Weite gesucht hat, hat nichts mit „Glück“ zu tun. Es ist Arbeit. Von mir, von ihm, von uns.

Mir kommt es vor, als wäre mein Herz aus Seidenpapier. Ich wünschte, die Welt würde vorsichtiger mit ihm umgehen.
~ Richelle E. Goodrich

Bevor ich mir wünsche, wie die Welt mit meinem Herz aus Seidenpapier umgeht, ist die Frage zu klären, wie ich selbst mit mir umgehe!

Ich kann nicht erwarten, dass jeder auf mich Rücksicht nimmt, wenn ich mich selbst hart und erniedrigend behandele. Das ist Verantwortungsübernahme für das eigene Gefühl – ich kümmere mich um mich und meine Gefühle, anstatt andere dafür verantwortlich zu machen.

Das bedeutet, dass ich akzeptiere, dass ich so empfinde, wie ich es nun mal tue. Akzeptanz meiner Gefühle und der damit verbundenen Sensibilität.

Ich bin sensibel – Ein Segen. Und ein Fluch.

Mich selbst zu akzeptieren, so wie ich bin, ist ein langer Weg gewesen, auf dem ich noch immer gehe. Aber immerhin gehe ich inzwischen auf diesem, während ich anfangs nur stolperte.

Es gibt viele Momente, wo mir meine emotionale Ader und Sensibilität ziemlich unangenehm sind – sei es, wie ich neulich bei der Hochzeit einer sehr nahe-stehenden Freundin in der Kirche andauernd weinen musste, wie mir bei einem Film die Tränen die Wange runter kullern oder sei es, wenn ich vor meiner Therapeutin oder meinem Partner in einen Weinkrampf verfalle.

Das sind alles keine angenehmen Situationen. Und ja, nicht jeder – vor allem in der Öffentlichkeit – kann mit Tränen oder einer anderweitig geäußerten Emotionalität umgehen. Aber dass versuche ich nicht mehr zu meinem Problem zu machen – es zählt, wie ICH damit umgehe. Und NEIN, diese Denke ist NICHT egoistisch.

Inzwischen weiß ich, dass meine Gefühle völlig in Ordnung sind. Für mich. Und für die Menschen, die mich so akzeptieren und mögen wie ich bin. Meine Gefühle sind genauso richtig wie auch ich es bin.

Wenn ich mir ein „dickeres Fell“ wachsen lassen würde, dann wäre es eine Flucht vor mir selbst. Ebenso ist es lediglich ein Verdrängen, wenn man pullern geht anstatt seinen Gefühlen mit Tränen freien Lauf zu lassen. Beides sind natürlich auch Handlungsideen, die total unrealistisch sind.

Umgedreht übrigens genauso – neulich versuchte ich zu weinen, weil weit und breit keine Toilette war, ich aber eben dieses menschliche Bedürfnis hatte. Nun ja, das ging auch nicht auf. Das mal so am Rande.

Wer meine Tränen vor Rührung albern oder meine Tränen vor Trauer zu übertrieben und wer mich und mein Verhalten zu empfindlich findet … nun, derjenige passt dann einfach nicht zu mir und meinem Leben.

Denn all das bin ich.

Mittlerweile mag ich meine Sensibilität mehr als das sie mich stört. Was wohl auch daran liegt, dass ich mich und mein Leben inzwischen mehr mag, als das es mich stört.

Genau wie (m)eine Krisenerfahrungen durchaus eine Zusatzqualifikation in der Zusammenarbeit mit anderen erkrankten Menschen ist, ist auch (m)eine Sensibilität eine Eigenschaft, die wir brauchen. Nicht nur in der Zusammenarbeit mit kranken Menschen. Sondern in der Arbeit mit Menschen im Allgemeinen. Im Leben.

Die Gefühle, egal wie stark und intensiv sie sind, gehören zu uns Menschen.

Sie machen uns Menschen aus.

Sie ermöglichen Menschlichkeit.

Und das kann doch nicht falsch sein!?

Wenn Dir jemand sagt, Du seist zu sensibel und empfindsam, dann trage Dein weiches Herz mit Stolz. Denn die Welt braucht einen Ausgleich, für die aus Stein und Holz.
~ unbekannt

Bildquelle: pixabay.com

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