Kontaktabbruch

Kontaktabbruch – eine Form von Selbstschutz

Der nachfolgende Text als auch das Beitragsbild entstanden im Sommer diesen Jahres, als ich zur medizinischen Reha war. Einige kennen ihn bereits, da ich ihn damals auf meiner Facebook-Seite veröffentlichte. Nun gibt es aufgrund des derzeitigen Kontaktabbruch zu meinen Eltern einen aktuellen Bezug, weshalb ich ihn hier noch einmal aufgreife:

Ich bin ein Baum, der zu Leben versucht

Ich bin zwar kein großer Zeichenkünstler, dennoch wollte ich Euch

an meinem Bild aus der Ergotherapie teilhaben lassen.

Es ist eine wichtige Metapher für mich geworden:

Regen ist per se nicht schlecht. Bäume brauchen Regen.

Doch es gibt sehr starken und langanhaltenden Regen,

den schwache Bäume nicht aushalten.

Mit Sturmregen können sie nicht umgehen,

sind nicht standhaft genug, zerbrechen daran.

Vor allem sind junge Bäume so einem Sturmregen nicht gewachsen.

Sie brauchen da mehr Schutz.

Es gab durchaus Regen, an dem ich gewachsen bin.

Hier und da ein Konflikt oder eine Hürde, die mich gefordert hat.

Doch es gab Stürme,

die mir als junger Baum zu schwer waren.

Ich konnte nicht richtig wachsen bzw.

mich entfalten. So wurde ich etwas krumm und schief.

Nun bin ich als Baum jedoch in einer Gegend gepflanzt worden,

aus der ich nicht so einfach raus kann – wo es immer mal wieder Sturm

und Tiefdruckgebiete gibt, die mir zu schaffen machen.

Ich wünschte mir, dass sich aus dem Regen,

den ich teilweise stark verinnerlicht habe

und der inzwischen ein Teil von mir ist,

sich ein schützender Schirm entwickelt.

Er wird den Sturmregen nicht komplett

an mir abprallen lassen, doch zu großen Stücken.

Ich wünsche mir diesen Schirm,

der ein stückweit auch schon da ist,

damit ich mich darunter wieder entfalten kann

und meine Wurzeln tiefer in die Erde eindringen.

 –

Ich möchte, dass der Schirm mich darin unterstützt,

weitere Blätter oder auch Früchte wachsen zu lassen.

Ich wünsche mir, dass dieser Schirm verhindert,

dass wieder Zweige abbrechen.

Ich wünsche mir, dass all meine Erfahrungen mich

irgendwann mal spürbar stärken und

dass ich mich selbst beschützen kann.

Ich wünsche mir, dass ich unter meinem Schirm,

dass Leben kennen lerne und nicht nur den Sturm …

Das „M.“ in dem Bild steht übrigens für meine Oma,

welche mir damals ganz viel Kraft geschenkt hat, sodass ich überlebt habe.

Leider wurde sie schon in eine ganz andere Welt umgepflanzt.

Kontaktabbruch – ich als Baum, muss mich von meinem Wald abschotten

Vergangenes Wochenende war es mal wieder so weit. Ja, mal wieder. Erst vor 1,5 Jahren teilte ich meinem Vater mit, dass ich einen Kontaktabbruch wünsche. Ich schrieb ihm und meiner Mutter einige Zeit später eine Mail, versuchte mich und meine Entscheidung zu erklären. Doch geändert hat dies nichts. Nur ein „Deine Mail habe ich gelesen – und ich werde sie so respektieren. Weitere Worte oder Fragen hierzu also nicht.“ Und schon ging es weiter mit dem alltäglichen Floskeln …

Vergangene Tage gab es erneut einen Streit, der mich verletzte und durch welchen ich mich (und wohl auch mein Partner sich) gedemütigt fühle. Und so teilte ich ihm mit, dass wir in unserem Kontakt eine Pause machen sollten. Das ich das so wünsche. Denn die Beziehung zu ihm, tut mir nicht nur weh, sie schadet mir.

Ich brauche für die Gründe dazu gar nicht in die Details von früher gehen, die von emotionaler Erpressung, Alkohol, Gewalt, Parentifizierung, lautem Streit und kalter Liebe geprägt sind. Mehr dazu auch in dem Beitrag Fremd in der eigenen Familie.

Es gibt heute zwar keine körperliche Gewalt mehr – dafür bestehen Verhaltensweisen und Worte, subtile Gewalt, die mir schadet.

Ständig das Gefühl, dass ich mich rechtfertigen muss, nicht richtig bin, ich nicht akzeptiert geschweige denn geliebt fühle, mangelndes Interesse an mir als Person und meinem Tun … soweit ich eine eigene Meinung vertrete und ihnen gegenüber Grenzen setze oder mal „Nein“ sage, wird sich eingeschnappt abgeschottet, verächtlich geguckt und beleidigt „ok“ gesagt. Und schon hab ich wieder das Gefühl, ich mache es nicht richtig, ich bin falsch.

Es gibt durchaus Fragen ihrerseits, die von Interesse an meinem Tun zeugen: Was ich derzeit so mache, z.B. Doch kaum gehe ich raus aus mir, öffne eine Tür, erzähle etwas, was mir vielleicht gar nicht so leicht fällt – und schon wechselt mein Vater das Thema und erzählt von seinem Garten.

„Das ist doch jetzt nicht so schlimm.“, mögen einige vielleicht denken. Das mag es objektiv auch sein. Doch mir tut es weh! Meine Therapeutin sagte ganz am Anfang mal zu mir (und wiederholt es auch jetzt manchmal), dass ich früher ein unsichtbares Kind war. Meine Interessen und Bedürfnisse wurden seitens meiner Eltern nicht wahrgenommen. Zumindest nicht ausreichend. Und dies zeichnet sich heute noch ab – es werden kurze Fragen gestellt, es besteht ein kurzer Informationsaustausch, doch ein vertrauensvolles Gespräch findet nicht statt.

Und für so etwas mag ich mich nicht mehr öffnen. Ich mag unter solchen Umständen nicht erzählen, was ich mache oder wie es mir geht – erst recht mag ich nicht sagen, wenn es mir schlecht geht – um dann verbal eine „gescheuert“ zu bekommen. Dies ist auch Gewalt – und mir tut es weh!

Es gibt viele subtile Verhaltensweisen meiner Eltern, die mir weh tun – die zugleich so unglaublich schwer zu beschreiben sind. Vielleicht finde ich irgendwann mal Worte für das, was ich mich vielleicht derzeit auch noch nicht traue auszusprechen.

Doch für jetzt, muss ich mich selbst schützen. Und daher findet jetzt der Kontaktabbruch statt.

Wunschdenken vs. Realität – was will ich eigentlich?

Ich wünsche mir Eltern, die sich wirklich für mich interessieren. Die akzeptieren, dass in meinen Depressionen frische Luft und Sonnenschein nicht das beste Mittel der Wahl sind, sondern die Verständnis zeigen. Ich wünsche mir Eltern, die akzeptieren, dass meine Träume, Ziele und Pläne nicht mit den ihren übereinstimmen, welche mir jedoch dennoch Zuversicht zusprechen …

Ich wünsche mir Eltern, die mir Mut zusprechen … ein „Ich finde es toll, wie Du Dich trotz Deiner Erkrankungen und Beschwerden kümmerst und Dich immer wieder aufrappelst und kämpfst!“ … ein „Ich wünsche Dir, dass Du Dein berufliches Ziel umsetzen kannst.“ … ein „Ich glaube an Dich und stehe hinter Dir!“ … ein „Egal, was Du anfängst, durchhältst oder wieder abbrechen musst, wir haben Dich lieb, so wie Du bist!“ … oder welche mir auch eine Umarmung schenken, die ehrlich ist und mich nicht bedrückt …

Ich wünsche mir Eltern, bei denen ich mich trotz meines Erwachsen-seins beschützt und sicher fühlen kann. Ich wünsche mir Eltern, bei denen ich das Kind sein darf! ich wünsche mir Eltern, bei denen ich mich nicht ängstlich fühlen muss, vor ihren Launen, Worten oder Taten.

Doch das ist meine kindliche Phantasie. Denn ich kann und werde meine Eltern nicht ändern.

Und während ich davon träume, betrauere ich das, was ich niemals hatte … zugleich versuche ich mich in meinem Verhalten zu ändern!

Wie es jetzt weitergeht, weiß ich noch nicht. Doch was ich weiß ist, dass der jetzige Kontaktabbruch die richtige Entscheidung ist. Vielleicht erstmal auf Zeit. Ich mus und werde mich um meinen Baum kümmern. Den Schirm, den ich bis dato gebaut habe, reicht für diesen Sturmregen bei meinen Eltern nicht. Und so muss ich zum Eigenschutz mich erstmal woanders hin verpflanzen. Nicht alle Pflanzen können über den Winter draußen im Garten bleiben – so auch ich nicht!

Und natürlich habe ich bei all dem Schuldgefühle und irgendwie tut es auch weh … doch in diesem Sturm zu leben, tut mir derzeit noch mehr weh. Und ich weiß inzwischen, dass ich für mich einstehen darf! Ich glaube mir selbst das nicht immer, doch ich darf das!

Denn ich als Mensch darf

– „nein“ sagen
– sagen, was mir nicht gut tut
– auf mich achten
– meine Belastungsgrenzen respektieren
– schädliche Beziehungen einschränken
– Gefühle haben, die andere nicht verstehen
– benennen, was mich stört
– Grenzen setzen
– …

Was für andere egoistisch klingt, ist für mich gesunder Egoismus! Der Kontaktabbruch ist für mich eine Form von Selbstfürsorge und Selbstschutz.

Denn jeder Mensch darf in seinem Sinne und gut für sich handeln!

Auch ich als Kind meiner Eltern, bin und darf ein individueller Mensch sein, der auf sich selbst acht gibt!

Bildquelle: Nora Fieling

 

 

 

 

Kommentare (9) Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Nora,
    Ich bin heute auf deine Seite gestoßen und freue mich diese tollen Artikel zu lesen. Besonders dieser Artikel hat mich berührt, denn in nahezu jeder Schilderung entdecke ich meine Geschichte wieder.
    Ich finde es mutig, dass du den Kontaktabbruch gewagt hast und damit auch toll wie du dich selbst IN Schutz nimmst
    Nachdem ich erkannt habe wie weit die Realität meiner Familie und dem Wunsch nach einer emotional-stabilisierenden Familie auseinander klaffen suche auch ich nach einer Möglichkeit mich zu schützen
    Allerdings befinde ich mich noch in dem Stadium, dass ich einen Weg finden möchte, mich irgendwie liebevoll abzugrenzen ohne einen kompletten Kontakabbruch, denn davor habe ich enorme Angst (Verlustangst). Meine Familie ist trotz allem noch das letzte was ich habe auch wenn ihre unempathische und meist sogar erniedrigend Art mich depressiv stimmen.

    LG Tanja

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    • Liebe Nora oder vllt. auch andere Betroffene,
      Habt ihr Wege gefunden , den kompletten Kontaktabbruch zu vermeiden, wenn ja würde mich interessieren wie?
      VG Tanja

      Antworten

      • Hallo Tanja,
        ich hatte in meinem Leben einen kompletten Kontaktabbruch gemacht – und mich erst wieder bei meinen Eltern gemeldet als ich stabiler war.
        Für mich war dieser Abstand der richtige Weg. Heute habe ich ein Verhältnis zu ihnen, das für mich in Ordnung ist und mich nicht mehr verletzt.

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  2. Zumindest in meinem Fall bin ich mir sicher das meine Kindheit eine große Role bei meiner Entwicklung von Ängsten und Phobien bin.

    Ich denke man muss sich trotz aller „Erwachsenheit“ oft wieder in die Vergangenheit zurückversetzen, dort erhält man viele Antworten warum man so ist wie man ist und wurde wie man wurde.

    schöner Text!

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  3. Hallo, Nora!

    Auch ich habe den Kontakt zu meinen Eltern abgebrochen, nachdem ich lange mit mir gerungen habe, weil ich dachte, das nicht zu dürfen. Bei falschen Freunden überlegt man nicht so lange. Aber bei der Familie ist das irgendwie ein Tabu. Schädliche Beziehung bleibt jedoch schädliche Beziehung. Egal zu wem.

    Ich erkenne mich in dem, was du schreibst, selbst wieder. Deshalb finde ich es sehr wohl schlimm, wenn dein Vater dir nicht zuhört und einfach das Thema wechselt. Das kann ich sehr gut nachvollziehen!

    Liebe Grüße
    Yvonne

    Antworten

  4. Wünderschön wie du etwas erklären kannst!
    Und ja du darfst auf dich aufpassen
    Ich hab sogar gelernt
    Ich muss mir selbst gute Mutter und Vater sein und für mich kämpfen und mich schützen
    Was meine Mutter nie könnte durch viel Therapie familienaufstellung etc
    Bin ich nachgewachsen von 3 jahre jetzt erwachsen mit 45
    Aber man lernt nie aus
    Hab auch meinen Frieden gefunden geschlossen und erkannt das meine Mutter selber sich nicht schützen kann
    Und kann sie heute liebevoll betreuen und pflegen
    Finde deine Seite so toll

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  5. Ja echt auch nochmal Danke dafür wie Du mich auch in Deinen Schilderungen wiedererkennen lässt. Du bist so mutig!!!!!

    Hans Peter

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  6. Wow, Danke für diese Worte, für diesen Einblick in Deiner Seele. Du hast das geschrieben was ich fühle. Nur so konnte ich es nie sehen. Es hilft mir mit Deinen Worten mich und meine Krankheit zu verstehen und akzeptieren dass ICH nichts dafür kann. Ich mag Deine Seite und Gedankengänge. Vielen Dank dafür

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  7. Wie immer – Nora – danke ich dir für deine Offenheit. Ich hatte den Beitrag schon auf Facebook gelesen, doch ganz aktuell bekommt er eine neue Aktualität für mich. Anfang der Woche ging bei mir eine Schleuse auf und ich wurde und werde von Erinnerungen, Gefühlen, Stimmungen, Stimmen, Orten, Worten, Gerüchen u. v. m. aus der Kindheit geflutet.
    Und da hilft mir dein Beitrag noch feiner wieder hin zu spüren.
    Denn den Kontakt habe ich schon Jahrzehnte abgebrochen und damit nur vollzogen, was mit mir auch gemacht wurde. Jetzt im Moment bin ich durch die Depression „Kontaktabbrecher“ auch zu meinen Kindern hin, d. h. es geht nur dosiert. Aber so wiederholt sich Geschichte, wenn … ja, wenn es nicht so mutige Menschen wie uns gäbe, die an sich arbeiten und sich dem Nebel der Vergangenheit UND der Gegenwart stellen würden. Liebe Grüße Klaus (Cooker Elb)

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