Krankheit

Krankheit als Entwicklungschance

Diagnosen misst er keine allzu große Bedeutung bei, sieht diese eher als Orientierungshilfe – seien es nun Depressionen, Anpassungs- oder Persönlichkeitsstörungen. Denn die psychische Krankheit ist nur eines von vielen Mosaiksteinchen seiner Persönlichkeit und seinem Leben – so schreibt es der etwa 50jährige Blogger, Autor und vor allem Mensch Eckhard Neuhoff auf seiner Homepage Gedankenwelt eines Psychos. Was ihn seine Krisen gelehrt haben und weshalb er durch diese einen Weg zu sich selbst fand, schreibt er im heutigen Gastbeitrag auf meiner Seite:

Auf dem Weg – Eckhard Neuhoff

Ich habe mich unterwegs auf meinem Lebensweg etliche Male verloren. Schon als Kind, aber noch viel deutlicher und schmerzhafter als Jugendlicher und Erwachsener, habe ich gespürt, dass ich „anders“ bin als all die Anderen. Ich war ein Außenseiter, ein Sonderling, der immer wieder verspottet und mit Gewalt bedroht wurde und der nicht wusste, wie ihm geschah.

In meiner Fantasiewelt hingegen – meinem immer stärker und größer werdenden Schutzpanzer – war ich durchweg der selbstsichere und starke Typ, der ich nur zu gerne gewesen wäre und dem alles gelang, auch weil er auf die Befindlichkeiten und Wünsche anderer Menschen immer weniger Rücksicht nahm.

Kontrollverlust und Unsichtbarkeit

Wenn aber die Fantasie überhand nimmt und sich unmerklich mehr und mehr mit der Gegenwart vermischt und sie am Ende sogar vollständig beeinflusst, dann nimmt die Seele dauerhaft Schaden. Und ich konnte immer weniger kontrollieren, wann und ob ich die Wahrheit sage oder mich in immer komplexere Lügen verstricke, um mich vor meiner von mir zunehmend als feindlich und bedrohlich erlebten Umwelt zu schützen und um meine vermeintlich langweilige und fehlerhafte Persönlichkeit zu „optimieren“ und mich für andere sichtbarer zu machen.

Irgendwann wusste ich nicht mehr, wer ich bin oder was mich eigentlich als Mensch überhaupt ausmacht.

Ich taumelte blindlings durch die Welt – ohne Ziele für mich und mein Leben finden zu können und wusste nicht, wohin mit mir. So kam es schließlich dazu, dass ich keinerlei Ausbildung durchstehen konnte und sogar kriminell wurde. Und diese Geschehnisse bestätigten mich nur darin, nicht in dieses Leben und in diese Welt zu gehören.

Das Leben – ein Labyrinth

Für viele Jahre glich mein Leben einem Irrgarten – ohne Ausweg und auch mit immer weniger Menschen um mich. Denn ich verschloss mich allmählich und ohne es selber zu bemerken vor der Welt und machte mich selber zum „Outlaw“ und Einzelgänger, ohne jegliches Vertrauen in mich und andere. Und gleichzeitig wurde ich immer verzweifelter und depressiver – gefangen in einem selbst errichteten Gefängnis ohne Türen und ohne Wärter – und anscheinend auch ohne die Möglichkeit, zu entkommen.

Hilfe bekam ich erst, als ich bereit war, mich wieder auf Menschen einzulassen und mich überwand, die erste von vielen Therapien, ambulant und stationär, auf mich zu nehmen und mich meinen übergroßen Schwierigkeiten und inneren Dämonen zu stellen.

Zurück ins Leben

Es tat ungeheuer weh, mich meinen dunklen Seiten zu stellen, in den Abgrund der eigenen Seele zu schauen und dabei nicht die Hoffnung und den Verstand zu verlieren.

Aber ganz allmählich entdeckte ich auch wieder die guten Seiten an mir. Ich schöpfte ganz langsam Vertrauen in mich und auch in meine Mitmenschen. Ich konnte ganz vorsichtig wieder zulassen, dass andere Menschen mich berühren und bemerkte staunend, dass auch starke Gefühle schön sein können und sogar imstande sind, mich zu beflügeln und zu inspirieren. Irgendwann waren dann auch die unzähligen Lügen nicht mehr notwendig – ebenso wenig wie die selbstgewählte Einsamkeit. Ich war wieder auf dem Weg, ein ganzer Mensch zu werden.

Schreiben und Gemeinschaft

Vor ungefähr zwanzig Jahren habe ich dann damit begonnen zu schreiben. Aber zunächst nur für mich und im Verborgenen, denn damals vermochte ich mir nicht vorzustellen, dass meine Gedanken irgendeinen Wert für andere Menschen haben könnten. Mir aber tat es unendlich gut, meinen Gefühlen und dem was mich beschäftigte, auf diese Weise Ausdruck zu verleihen.

Irgendwann entdeckte ich dann – von meiner damaligen Therapeutin angeregt – das Bloggen für mich. Und es tat sich eine neue Welt auf: Mich anderen Menschen mitteilen zu können, sie an dem teilhaben zu lassen, was mich umtreibt, mich sorgt oder mir Angst bereitet. Und ich bemerkte, dass es mich ungemein erleichtert, all das in Worte fassen zu können und für andere Menschen auf ganz andere Weise als zuvor sichtbar und erlebbar zu werden: Nämlich als der Mensch, der ich tatsächlich bin – mit all meinen Facetten.

Ich bin Teil einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten geworden, tausche mich aus und gleichzeitig lerne ich mich immer besser kennen – und sogar schätzen.

Gemeinschaft ist genau das, was ich immer gesucht habe, ohne es ganz am Anfang meiner Suche benennen zu können. Gemeinschaft macht mich stark und gibt mir die Unterstützung, die ich für mich benötige, um in dieser Welt bestehen zu können.

Und sie bestärkt mich darin, dass ich genau richtig bin, so wie ich bin. Das macht mich sehr froh und reich an neuen Erfahrungen.

Aber manchmal muss ich mich doch etwas zurückziehen, um Kraft zu schöpfen und um mich zu sammeln. Denn durch die langen Jahre des Kampfes mit mir selber, bin ich müde geworden. Aber ich weiß, dass ich nicht einsam bin, sondern dass die anderen da draußen auf mich warten, wenn ich wieder dazu bereit bin.

© Eckhard Neuhoff

Homepage: Gedankenwelt eines Psychos
Facebook: Eckhard Neuhoff

Bildquelle: Eckhard Neuhoff

 

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.