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Mehr JA zum NEIN

Letzte Woche schrieb ich über meine mangelnde Konfliktfähigkeit bzw. darüber, dass (innere) Konflikte eine Chance sind, einen Weg zu sich selbst zu finden. Dieses Thema steht nah im Zusammenhang mit dem „Nein“ sagen – „Nein sagen und selbstbestimmt glücklich werden!“, so lautet der Titel der Blogparade, zu der Katrin Klemm von Die Kernforscher aufgerufen hat.

Es gibt alleine zwischen meiner Mutter und mir zig Situationen, die mich nerven, wo ich mich in eine Ecke gedrängt fühle und das nur, weil ich nicht „Nein“ gesagt habe. Nicht allein die Situationen nerven mich, sondern vor allem die Tatsache, dass ich nicht „Nein“ sagen konnte!

Ein ganz banales Beispiel besteht darin, dass ich dienstags mit ihr telefoniere und sie immer meint, dass ich doch Donnerstag nochmal anrufen könnte. Ich denke: „Nein, möchte ich nicht! Mir reicht ein Telefonat die Woche mit ihr bzw. meinem Vater, mehr brauche und möchte ich nicht.“ Dennoch sage ich „Ja“ und rufe sie den Donnerstag an, obwohl es mir total widerstrebt. Das ganze geht seit Jahren so und macht mich immer mehr unzufrieden – vor allem mit mir selbst, weil ich es nicht schaffe, meine Bedürfnisse und Wünsche durchzusetzen und somit für mich eine Grenze zu ziehen.

Warum sage ich nicht einfach „Nein“?

Ganz direkt ist es so, dass ich es einfach nicht gelernt habe. Damals, als mein Vater mich mit seinen Problemen überhäuft hat, habe ich einmal „Nein“ gesagt in dem Sinne, dass mir die Gespräche über seine Beziehungsprobleme zu viel sind, dass ich ihm dabei nicht helfen kann und das es mich belastet. Er meinte eingeschnappt, dass er mir ja auch immer helfe, so könne ich auch mal für ihn da sein.

Diese Situation sehe ich als mein Schlüsselerlebnis: Wenn ich zu jemandem „Nein“ sage, dann ist er eingeschnappt, beleidigt, hält mich für egoistisch und mag mich nicht mehr. Das ganze führt dazu, dass ich in mir Schuldgefühle entwickle, weil ich ihm/ihr doch hätte helfen müssen. Die Gründe für mein vermeidetes „Nein“ sind also ähnlich derer, wie ich letzte Woche schrieb, warum ich Konflikte soweit es geht, vermeide.

Das Resultat ist, dass ich zwar die Erwartungen anderer weitestgehend erfülle, dabei aber gegen mich handle, was zu einer Unzufriedenheit mit mir selbst führt und vor allem meine depressiven Verstimmungen nährt. Es ist auch hier ein Teufelskreislauf.

In kleinen Schritten zum „Nein“

Auch wenn es banal klingt, doch dass ich erkenne, was mich stört und was ich doch eigentlich möchte, ist die halbe Miete und der erste Schritt. Es ist wichtig zu erkennen, in welchem Schema man festsitzt, da man nur dann an sich arbeiten kann, wenn man weiß, wo die Baustelle ist.

„Des Menschen Gedanken färben seine Seel!“ (Marc Aurel)

„Wenn Du Deine Gedanken änderst, ändert sich Dein Leben!“ (Anonymus)

Bei vielen Depressiven und so auch bei mir, haben sich im Laufe der Jahre viele Gedankenmuster festgesetzt. Ich halte nicht viel von mir, mache mich klein und weiß vor allem, was ich doch alles nicht kann! Und so fühle ich mich dann auch – klein, minderwertig und schlecht!

Wenn es im Gespräch mit meiner Therapeutin um so ein Beispiel wie das Telefonat mit meiner Mutter geht, dann sagt sie (meine Therapeutin) mir häufig, dass ich nicht für die Gefühlswelt meiner Mutter verantwortlich bin. Es mag sein, dass sie enttäuscht ist, wenn ich nicht ein zweites Mal die Woche mit ihr telefonieren möchte – aber dann ist das ihr Gefühl, mit dem sie ein Problem hat. Ich darf dieses nicht zu meinem machen, nur, weil ich nicht möchte, dass es ihr wegen mir schlecht geht.

Es gilt in dem Zusammenhang zu erkennen, dass auch ich Wünsche haben darf, dass ich mich um mich kümmern darf und dass ich äußern darf, was ich möchte bzw. nicht möchte! In dem Sinne ist dieses „Nein“ zu meinem Gegenüber, auch hierbei ein „Ja“ zu mir selbst!

„Ich bin nicht für die Gefühle anderer verantwortlich! Ich darf auf mein Innerstes hören und „Nein“ sagen!“ – Manchmal denke ich das wie ein Mantra vor mich hin, in der Hoffnung, dass diese Gedanken meine Gefühle färben und es mir ein bisschen egal ist, was der andere denkt, wenn ich „Nein“ sage.

In der Praxis und in dem Beispiel mit meiner Mutter stehe ich noch an diesem Punkt. Mir fehlt auch noch viel Mut, einfach die Augen zu zumachen und „Nein“ zu sagen – aber es ist ein Prozess und ich bleibe am Ball.

Es gibt jedoch eine Person, die mir in gewisser Weise zu einem Fortschritt verhalf!

Seit mehreren Jahren lebe ich in einer festen Beziehung mit einem geduldigen, verständnisvollen Partner. Durch ihn und mit ihm habe ich wichtige Dinge gelernt, die mir in der Kindheit nicht beigebracht worden sind. So z. B., dass man einen Konflikt haben kann, man sich dennoch liebt und dass ich zu ihm „Nein“ sagen darf, ohne dass er eingeschnappt ist und mich weniger mag.

Auch hier war das ein langer, anstrengender Prozess – die Ängste vor Konflikten, die Angst vorm „Nein“ sagen, wenn er was möchte, was ich nicht will, die Angst, deswegen nicht mehr gemocht oder verlassen zu werden.

Wir führen eine vertrauensvolle Beziehung, in der wir viel über uns und unsere Gefühle miteinander reden. Wir haben Verständnis füreinander und werten die Probleme oder Ängste des anderen nicht ab. Das wichtigste ist, ich darf bei ihm so sein wie ich bin.

Das sind wesentliche Voraussetzungen, die mir halfen, ihm gegenüber Wünsche/Meinungen zu formulieren bzw. auch zu sagen, dass ich dieses oder jenes nicht möchte.

Und auch hier sind es eher scheinbar banale Sachen, die für mich anfangs jedoch eine große Herausforderung waren: Wenn er mich fragt, ob wir zusammen einen Film sehen wollen und ich ihm antworte, dass ich das nicht möchte, weil ich lieber ein Buch lesen möchte. Oder wenn er fragt, ob wir am Samstag auf eine Party gehen wollen und ich sage, dass ich darauf einfach keine Lust habe.

Die Ängste, ob er mich für langweilig hält oder eingeschnappt ist, weil ich nichts mit ihm unternehmen möchte (im Beispiel Buch lesen) sind auch hier nach wie vor dabei, wenn auch mittlerweile weniger ausgeprägt. Es ist die Erfahrung, die ich bei und mit ihm machen durfte und darf, dass nach einem „Nein“ nicht die Welt einstürzt.

Wenn man schon nicht als Kind gelernt hat, dass man „Nein“ sagen und das es Konflikte geben darf – man sich trotz allem aber lieb hat – dann ist es umso hilfreicher, wenn man das mit einer Person üben kann, mit der ein vertrauensvolles Verhältnis besteht.

Ich glaube, dass jeder Mensch in einer Beziehung mit einem anderen wächst. Für mich ist es jedoch von besonderer Bedeutung, dass ich durch meinen Partner lernen durfte, was er und viele andere (gesunde?) Menschen in der Kindheit gelernt haben.

Das „Nein“-sagen und das Angehen von Konflikten sind Grundformen der sozialen Kommunikation, die ich nicht nur in der Beziehung zu meinem Partner oder zu meinen Eltern brauche, sondern die mir überall im Zusammentreffen mit anderen Menschen widerfahren. Sei es mit Freunden, auf der Arbeit oder auf der Straße mit fremden Menschen.

Ich durfte durch meinen Partner lernen, dass es völlig in Ordnung ist, wenn ich zu einem Vorschlag von ihm „Nein“ sage. Natürlich ist er manchmal enttäuscht, weil er liebend gern auf die Party gegangen wäre oder den Film gerne gesehen hätte. Aber das er enttäuscht ist, darf nicht mein Problem sein. Sein Gefühl darf nicht der Grund dafür sein, dass ich mich verbiege und ihm zuliebe mit auf die Party gehe.

Anfangs machte es mir selbst zu schaffen, dass er enttäuscht war, weil ich „Nein“ gesagt habe. Die Spirale von Schuldgefühlen begann sich zu drehen.

Ich habe das Glück, dass ich ihm gegenüber das direkt aussprechen kann, ich kann ihm sagen, was ich in dem Moment fühle wo ich merke, er ist enttäuscht. Diese kurzen Gespräche und die Rückmeldung, dass es jetzt kein Weltuntergang sei und er mich dennoch lieb hat, haben mir ungemein geholfen.

Andersherum machte ich auch die Erfahrung, dass ich mal Lust hatte wegzugehen – er aber nicht, sodass wir  also zu Hause geblieben sind. Auch ich fand das in dem Moment schade und enttäuschend – aber ganz ehrlich, ich habe deshalb nicht meine Gefühle und meine Beziehung in Frage gestellt.

Diese Erfahrungen mit meinem Freund helfen mir und machen mir etwas Mut, auch anderen mal „Nein“ zu sagen. Noch kann ich es nicht super-gut, aber ich glaube daran, dass ich es weiter lernen werde.

Ein Mensch, der nach meinem „Nein“ mich nicht mehr mag oder mich dafür verurteilt, bei dem muss ich mich dann auch fragen, inwieweit er mir wohlgesonnen ist und ob er nicht manipulierend auf mich einwirkt.

Im Übrigen musste ich vergangenen Sommer mehrmals täglich laut „Nein“ sagen – und das war ne Herausforderung, wenn im Nachhinein auch eine witzige: Unsere Frettchen zogen bei uns ein. Da es Welpen waren, mussten sie noch erzogen werden und lernen, dass man mich nicht in die Füße zu zwicken hat. Also war ich ein paar Wochen damit beschäftigt, ihnen meine Grenzen mit einem strengen „Nein“ klarzumachen.

Ähnlich wie beim Üben von Vorträgen, finde ich es hilfreich, wenn man erstmal seinem Spiegelbild, Kuscheltieren oder halt auch Haustieren das sagt, was man später einer anderen Person sagen möchte. Man merkt, welches Gefühl in einem ausgelöst wird, wenn man laut und deutlich sagt, was man möchte oder auch nicht bzw. in meinem Fall, einfach mal laut „Nein“ sagt!

Ich kann sagen, dass es ein Stück weit befreiend ist – ich fühle mich weniger eingeengt und verschaffe um mich herum ein Stück weit mehr Luft. Anderen bzw. meinen Tieren „Nein“ zu sagen und ihnen Grenzen zu setzen, bestärkt mich in mir selbst! Ich wachse in mir selbst!

Übrigens haben mich meine Tiere dennoch voll lieb und kommen zu mir kuscheln, auch wenn ich ihnen manchmal noch „Nein“ sagen muss, wenn sie Blödsinn bauen wollen. Mein Freund hat mich lieb, obwohl ich schon mehrmals „Nein“ zu ihm gesagt habe – mich ermutigen diese Erfahrungen, grundsätzlich auch anderen Menschen mal selbstbewusst ein „Nein“ zu entgegnen.

Und wenn deswegen doch die Freundschaft auseinanderbricht oder ich deswegen abgewertet werde – also, dann glaube ich, lief schon vorher in der Beziehung was schief!

Wie ist es denn bei Dir? Kannst Du selbstbestimmt „Nein“ sagen? Wenn nicht, wie löst Du diesen Konflikt für Dich? Ich freue mich auf einen Kommentar von Dir – zu diesem sage ich gerne nicht „Nein“!

Bildquelle: pixabay

 

 

Published inGefühlte Einblicke

8 Kommentare

  1. Evy Evy

    Ich hab die Erfahrung gemacht, dass es gut ist, anderen ihre Gefühle zuzugestehen. Wenn jemand ständig Kontakt braucht, obwohl ihn ein anderer nicht haben will, ist das bedauerlich. In diesem Fall – ich will nicht anmaßend klingen – sieht es nach Abhängigkeit aus und…dann kann man dem anderen wünschen, dass er es schafft, andere Kontakte zu knüpfen bzw. dir zu vertrauen. Aber du bist nicht dafür verantwortlich. Andererseits: So sind wir. Menschen mit Ängsten 🙁

    • Nora Fieling Nora Fieling

      Ja, dass ist eine berechtigte Anmerkung – wo hört Mitteilung und Kontakt auf und fängt Abhängigkeit an!? Und ja … ich bin nicht für andere (erst recht nicht volljährige, geistesgesunde Menschen) verantwortlich – einzig nur für mich! Dass muss ich mir wohl noch ein paar Mal in den Kopf hämmern!

      Bist Du auch von Ängsten/Depressionen betroffen, wenn ich mal so direkt fragen darf?

      • Evy Evy

        Ich denke gern über mich und meine Gefühle, und die der anderen, nach 🙂

      • Nora Fieling Nora Fieling

        😉

  2. Ja, ich kenne das auch. Das mit der Mutter und nicht nein sagen können, weil dann einfach das schlechte Gewissen anklopft und man denkt, jetzt habe ich sie enttäuscht bzw. jetzt habe ich ihre Erwartungen nicht erfüllt und sie ist traurig, dass ich einfach keine Lust habe sie zu sehen. Dann denke ich sie sitzt traurig alleine in ihrem Haus und dieses Bild ist für mich kaum erträglich.
    Das komische dabei ist aber, dass meine Mutter mich mehrfach im Stich gelassen hat, als es mir wichtig war sie an meiner Seite zu wissen. Und nein sagen kann sie auch, wenn sie was besseres vorhat als mich zu sehen.
    Und da ist sie wieder, diese innere Stimme – dieses andere ich, dass mich immer wieder in die Knie zwingt. Ich weiss um die Problematik und bin mir dessen Bewusst.
    Ich kenne auch seit einigen Wochen die Werkzeuge, die ich benutzen könnte….aber ich schaffe das irgendwie nicht.
    Die Artikel helfen mir doch sehr zu versuchen mit mir zusammen daran zu arbeiten und nicht gegen mich, wie ich das bisher getan habe. Vielen Dank und bitte mehr davon.
    Andrea

    • Nora Fieling Nora Fieling

      Hallo Andrea,

      vielen Dank für Deine lieben Zeilen! Ja, es ist ein andauernder Kampf – ich bin auch noch mittendrin. Doch ich habe die Hoffnung, und ich hoffe, Du auch, dass es irgendwann einmal besser wird und dass nicht erst, wenn sie gestorben ist. Anhand der Therapie finde ich immer auf meinen Weg zurück und erkenne, was ich möchte und so nach und nach lerne ich auch, dieses umzusetzen!

      Es braucht seine Zeit und so wünsche ich Dir weiterhin viel Kraft und vor allem Geduld, als auch Mut und Hoffnung, dass Du Deine erlernten Werkzeuge bald anwenden kannst! Ich weiß, zuversichtlich zu sein ist schwer – doch auch Du wirst es schaffen! Ich wünsche es Dir!

      Liebe Grüße,

      Nora

  3. Liebe Nora,

    Deine Beiträge berühren mich sehr.
    Du beschreibst so ehrlich und deutlich, wie es so vielen Menschen geht.
    Nein sagen können ganz viele Menschen nicht. Auch ganz ganz viele, die aus deiner Perspektive als gesund gelten könnten.
    Auch mir geht es bei manchem Menschen immer noch so, obwohl ich es viel besser weiß und eigentlich Profi sein sollte. Mutter, Vater und eigene Kinder sind das, was in machen Computerspielen (früher jedenfalls, heute weiß ich es nicht mehr, die Kinder sind erwachsen ) als „DER ENDGEGNER“ bezeichnet wurde. Gerade weil sie uns so nahe stehen, fallen die ganz frühen Prägungen unbewusst und mit Macht wieder ein.
    Das soll die aber nicht den Mut nehmen – im Gegenteil.
    Der weg, den ihr als Paar geht, ist in meinen Augen der genau richtige. Aus den frühen Prägungen rauswachsen, in die Augenhöhe, die Gleichwertigkeit. Dazu wünsche ich dir, euch beiden, alle Gute weiterhin.
    Herzliche Grüße
    Elke

    PS: Leider hab ich auch mal meinen Kindern Unterstützung gesucht, aus Verzweiflung. Aber das war ehrlich, sorry, mir fällt nichts Adäquates ein, richtig große Scheiße, die ich da gebaut habe. Das tut mir heute noch leid.

    • Nora Fieling Nora Fieling

      Liebe Elke,

      vielen Dank für Deine Zeilen!

      Ja, Du hast wahrscheinlich recht – man sieht so schnell Stärken und Können in den vermeintlich gesunden Menschen. Man sieht das, was man nicht kann. Und dabei haben sie doch oft dieselben oder ähnliche Herausforderungen zu meistern, wie eben Konfliktfähigkeit oder „Nein“sagen!

      Mit Computerspielen kenne ich mich überhaupt nicht aus, aber ja – bei mir ist es auch so, dass gerade bei nahestehenden Menschen mir es schwerfällt Grenzen zu setzen oder Wünsche zu äußern. Die frühen Prägungen entwickeln sich als Handlungsmuster … nein, Du nimmst mir damit nicht den Mut! In meiner Therapie mache ich mich ja auf die Suche nach solchen Mustern und versuche sie zu durchbrechen bzw. zu ändern!

      Vielen Dank für Deine Wünsche und Dein offenes P.S. … Wenn ich fragen darf – wie sehen das Deine Kinder heute? Werfen sie es Dir vor, haben sie einen Schaden genommen oder ist alles total in Ordnung?

      Ich finde es vor allem bemerkenswert, dass Du einsehen kannst, dass Du da Mist gebaut hast und dass es Dir aufrichtig leid tut – dass kann nicht jeder, dabei ist das doch der wichtigste Schritt, oder?

      Ich wünsche Dir und Euch alles Gute,

      liebe Grüße,

      Nora

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