Interview

Nora Fieling im Interview

Im November 2016 erreichte mich eine Anfrage von ein paar Gymnasiasten, welche mich für ihre Schülerzeitung gerne zum Thema Depressionen und Suizidgedanken interviewen wollten. Es war ein aufwühlendes, doch sehr spannendes Treffen und ich freue mich sehr darüber, mit Jugendlichen über dieses Thema gesprochen zu haben. Mit Einverständnis der Redaktion von Moron, welche sogar schon dreimal zur besten Schülerzeitung des Jahres gewählt wurde, veröffentliche ich nachfolgend nun das Interview.

„Ich habe mich relativ früh schon ziemlich fremd gefühlt – in meiner Familie und auf der Welt.“

Nora Fieling lebt in Berlin. Schon seit ihrer Kindheit leidet sie unter Depressionen. In der achten Klasse klaut sie die Schlaftabletten ihrer Mutter, doch selbst im Krankenhaus bemerken die Ärzte ihren Suizidversuch nicht. Heute schafft sie es, mit ihrer Depression zu leben und schreibt auf ihrem Blog über ihre Erfahrungen und ihr Leben mit der Krankheit. In einem Interview erzählt sie uns ihre Geschichte.

Moron: Was hat Dich in Deinem Leben am meisten geprägt? Erzähl uns Deine Geschichte.

Nora Fieling: Am meisten hat mich die Beziehung zu meinen Eltern geprägt. Ich habe eine jüngere Schwester und eine ältere Halbschwester. Meine Eltern hatten selbst Probleme und eher wenig Zeit für mich. Meine Therapeutin bezeichnet mich daher auch als das „unsichtbare Kind“.

Ich habe mich relativ früh schon ziemlich fremd gefühlt – in meiner Familie und auf dieser Welt. Als würde ich nicht dazugehören. Meine Mutter hat öfters gesagt, dass ich eigentlich nicht geplant war, aber das sie mich trotzdem lieb hätte. Bei mir kam allerdings immer nur an: Du warst nicht geplant,Dich sollte es eigentlich gar nicht geben.

Gefühle haben auch keine so große Rolle in meiner Familie gespielt. Mein Vater war sehr gefühlskalt und meine Mutter selbst etwas instabil. Ich wurde schon in der Grundschule gehänselt, auf dem Gymnasium gemobbt und das hat mein Selbstbewusstsein auch nicht gerade gestärkt.

Meine Eltern hatten außerdem viel Streit, lauten Streit, und mein Vater hat phasenweise sehr viel getrunken. Außerdem fing er früh an, mir von seinen Problemen mit meiner Mutter zu erzählen und mich um Rat zu fragen. Damit war natürlich total überfordert. Als ich ungefähr 12 Jahre alt war, sagte ich ihm, dass mir das zu viel sei, aber er entgegnete nur, dass er ja mir ja auch immer hilft und ich deshalb doch auch mal für ihn da sein könnte. Das war in gewisser Weise eine Art von emotionaler Erpressung und er hat mich in meinem Leid einfach nicht verstanden. Das war mein erster und einziger Versuch Grenzen zu ziehen, der mir misslungen war.

Es gab auch Gewalt in meiner Familie, nicht so brutal, dass ich danach blaue Flecken gehabt hätte, aber schon mal den Hefter im Gesicht, wenn die Schulaufgaben falsch waren, mit Werkzeug auf die Finger, wenn ich das falsche gereicht hatte oder an Weihnachten einen Blumenstrauß ins Gesicht, weil ich die falschen Blumen gekauft habe.

Hattest Du jemanden, mit dem Du über diese Belastungen sprechen konntest?

Nein, hatte ich nicht. Ich fühlte mich ja von niemandem wirklich verstanden. Auch zu meinen Schwestern hatte ich damals kein wirklich gutes Verhältnis. Ich hatte zwar einige Freunde, aber mit denen konnte ich auch nicht reden. Vieles habe ich selbst erst jetzt im Nachhinein verstanden.

Als Kind nimmst Du erstmal an, alles was Deine Eltern machen, ist normal und richtig.

Als Kind nimmst Du ja erstmal an, alles was Deine Eltern machen, wäre normal und richtig und Du glaubst, bei anderen sei es genauso. Irgendwann merkst Du dann, dass es in anderen Familien doch anders läuft. Dann merkst Du, dass Du viel lieber bei der Familie Deiner Freundin bist, als bei Dir zu Hause. Dazu kommt, dass meine ältere Schwester ziemlich Hals über Kopf ausgezogen ist, als ich dreizehn Jahre alt war.

Danach verlagerte sich das Problem, sodass ich zum Kummerkasten meiner Mutter wurde – meine Mutter, welche selbst schon öfters überlegt hatte, abzuhauen und welche mir gegenüber häufig Suizidgedanken geäußert hatte. Die nächste Überforderung.

Ich dachte natürlich, ich muss für sie da sein, damit sie sich nichts antut. Außerdem habe ich damals nicht verstanden, warum meine Schwester den Kontakt zu meinen Eltern abgebrochen hatte. Ich sah nur das Leiden meiner Mutter.

Erst jetzt, wo ich vieles von früher reflektieren und aufarbeiten konnte, erst jetzt, wo ich selbst verstehe, was damals schiefgelaufen ist, erst jetzt, wo ich selbst seit einigen Wochen keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern habe, kann ich nachvollziehen, wie sie (meine ältere Schwester) sich damals gefühlt hat.

Erst als ich achtzehn Jahre alt war, bekamen wir Internet und ich hatte die Möglichkeit mich zu informieren. Ich war viel in Suizidforen unterwegs, auch weil ich nach Anleitungen gesucht habe, wie man sich selbst sicher umbringen kann. Es ist krass, was man da alles findet!

Dann bin ich mit einem Jungen ins Gespräch gekommen, dem es ähnlich ging wie mir und das hat gut getan. Zu wissen, dass dort jemand ist, der irgendwie verstehen zu scheint, wie es einem geht. Dann habe ich mich auch an die Telefonseelsorge gewandt und lange Zeit mich mit den Mitarbeitern per Mail ausgetauscht.

Meine Hausärztin hat bei einer Untersuchung die Narben von meiner Selbstverletzung an meinem Armen entdeckt und hat mich daraufhin zur Psychiaterin überwiesen, von der ich auch zum Therapeuten kam.

Kannst Du beschreiben, wie Du Dich gefühlt hast und auch, warum Du Dir Suizidgedanken gemacht hast?

Das fing auch schon in der Grundschule an. Dieses Alleinfühlen … ich habe mich als Kind oft abends in den Schlaf geweint und mir gewünscht, unheilbar krank zu sein, damit sich meine Eltern für mich interessieren und sich um mich kümmern. Also, emotional mehr kümmern, körperlich hatten wir ja alles, was wir brauchten: Wir hatten Spielsachen, zu Essen, sind in den Urlaub gefahren. Aber diese Liebe spüren, das hat damals wie heute gefehlt.

Dann kamen mir auch Fragen wie: Was ist der Sinn des Lebens? Damit verbunden auch eine gewisse Todessehnsucht, das Gefühl, dass ich das alles nicht mehr will bzw. kann.

Schon in der Grundschule fing ich dann an, mir selbst zu schaden.

Schon in der Grundschule fing ich dann an, mir selbst zu schaden. Ich ritzte mich noch nicht mit einer Rasierklinge, doch ich kratzte mir zum Beispiel Mückenstiche auf oder schlug mir mit einem Hammer die Knochen kaputt. Nicht so sehr, dass sie brachen, doch grün und blau halt, damit ich etwas hatte, was ich meinen Eltern zeigen konnte, damit sie sich um mich kümmern.

In meiner Kindheit war es also der Wunsch nach Aufmerksamkeit, später der Versuch, etwas zu spüren. Dieses selbstverletzende Verhalten wurde schnell zu meiner Überlebensstrategie – um mich von meinen Suizidgedanken abzuhalten.

In der achten Klasse kam es dann doch dazu, dass ich Schlaftabletten von meiner Mutter klaute, weil ich in der Physikklassenarbeit eine fünf hatte und mich nicht nach Hause traute. Das war einfach der bekannte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Ich war kurz davor, zu unserer Gemeindereferentin zu gehen, habe mich dann aber doch nicht getraut, weil sie eine gute Freundin meiner Mutter war.

Ich hatte auch keinen wirklich guten Draht zu irgendwelchen Lehrern, zumal ich keine gute Schülerin war. Vertrauenslehrer oder Sozialarbeiter gab es an unserer Schule nicht, so wie es heute meistens der Fall ist.

Außerdem dachte ich, dass ich soweit es geht, stark sein musste. Die beste Freundin meiner Mutter nannte mich auch den Robin Hood der Familie. Ich sollte sie zusammenhalten und mich vor allem um meine Mutter kümmern – doch das war schon wieder die nächste Überforderung für mich, die mich unter Druck setzte.

Glaubst Du, dass man Dir in der Schule angemerkt hat, dass Du so unter Druck stehst?

Man könnte sagen, dass meine schlechten Leistungen ein Indiz waren, vor allem, da meine Noten stark geschwankt haben. Meine Eltern wussten auch, dass ich meine Wunden aufkratzte, einmal musste mein Vater deshalb sogar mit mir in die Notaufnahme, aber sie haben nie mit mir darüber geredet.

Ich habe als Kind und Jugendliche auch viel geklaut. Ich habe zum Beispiel meine Eltern beklaut, mir Geld genommen um irgendwelchen Schrott zu kaufen und das war auch ein Indiz.

Ich habe mich immer ziemlich unauffällig verhalten, aber eben geklaut und ab der 10. Klasse viel Alkohol getrunken.

Hätte es etwas für Dich verändert, wenn Dich einer Deiner Freunde auf Deine Probleme angesprochen hätte?

Bei Freunden bin ich mir nicht sicher, zumal ich selbst eine Freundin hatte, die unter Depressionen, Bulimie und selbstverletzendem Verhalten litt und von der ich wusste, dass sie in einer Klinik war. Bei ihr kannte ich auch die Hintergründe, dass es in ihrer Vergangenheit einen sexuellen Missbrauch gegeben hatte.

Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht das Recht hatte, mich schlecht zu fühlen.

Dass es ihr schlecht ging, konnte ich verstehen, aber bei mir war ja nicht wirklich etwas vorgefallen und so hatte ich das Gefühl, dass ich nicht das Recht hatte, mich schlecht zu fühlen. Ich habe mein Problem selber heruntergespielt.

Die Frage ist, was passiert wäre, wenn mich ein Erwachsener gefragt hätte, wie es mir geht. Bei dem ich das Gefühl hätte, dass er Erfahrung hat und mir helfen kann. Andererseits hat mich in einem Abschlussgespräch einmal eine Lehrerin gefragt, was denn mit mir los sei und ob es Probleme in meiner Familie gäbe. Da habe ich die ganze Zeit nur geweint und ihr nichts sagen können. Dies wäre jedoch, so sehe ich es im Nachhinein, eine Situation gewesen, in der ich mich vielleicht hätte öffnen können.

Als ich nach meinem Suizidversuch aus dem Krankenhaus zurückkam, fragte mich meine ältere Schwester, ob ich irgendwelche Tabletten genommen hätte, doch das leugnete ich.

Weder meine Eltern noch die Ärzte hatten mitbekommen, dass ich versucht hatte, mich umzubringen.

Weder meine Eltern noch die Ärzte hatten mitbekommen, dass ich versucht hatte, mich umzubringen. Es war Sommer und sie gingen einfach davon aus, dass ich zu wenig getrunken und gegessen hätte und ich einen Kreislaufkosllaps hatte. Auch der Drogentest hatte nichts ergeben.

Meiner Schwester gegenüber war ich unehrlich, weil ich Angst hatte, in eine Klinik zu kommen. Die Psychiatrie hat heute schon einen schlechten Ruf und damals war sie noch mehr verschrien.

Welche Erfahrung hast Du persönlich mit der Psychiatrie gemacht?

Ich war einmal für drei Wochen in einer Psychiatrie, dass hat mir so halb geholfen. Außerdem war ich dreieinhalb mal in einer psychiatrischen Tagesklinik, was mir sehr geholfen hat. Zusätzlich war ich jetzt im Sommer für neun Wochen in der medizinischen Reha, was einer Psychiatrie stark ähnelt, nur ein bisschen offener ist.

Du hast in allen Kliniken viele Gruppentherapien und Gruppengespräche, die oft verschrien sind, aber mir hat das sehr geholfen. Du bekommst nochmal einen anderen Blick auf Dein Thema, die anderen geben Dir eine Rückmeldung, dass ist eigentlich ähnlich wie in einer Selbsthilfegruppe.

Der Austausch mit anderen Betroffenen ist sehr hilfreich und effektiv, weil Du jemanden hast, der zwar eine andere Geschichte hat als Du, Dich aber in Deinem Gefühl versteht. Du bist eben „einfach“ krank, dass habe ich so für mich gelernt.

Du hast natürlich auch viele Einzelgespräche, machst Sport und Kundsttherapie. Mit Bildern können viele sich sehr gut ausdrücken, ihre Gefühle rauslassen, ich habe das leider nicht hinbekommen, weil ich nicht gut zeichnen kann, es aber dennoch gerne perfekt haben wollte. Ich war wirklich beeindruckt, wie andere das so umgesetzt haben.

Selbstfürsorge war auch ein Baustein unserer Therapie. Da ging es darum, einen Notfallkoffer zu erstellen. Das ist mit das erste, was Du machst, wenn Du in die Klinik kommst. Den Notfallkoffer hast Du parat, wenn Du z.B. in einer Krise bist bzw. kurz davor. Darin hast Du zum Beispiel Dinge, die Du gerne riechst, schmeckst oder siehst. Sei es ein Beutel Deines Lieblingstees oder ein Entspannungsbad. Dann brauchst Du „einfach“ nur irgendetwas zu greifen und kannst Dich ablenken, sodass Du Dich z.B. nicht selbst verletzt.

Ist eine Depression eine Krankheit und was bedeutet es, darunter zu leiden?

Das ist eine sehr schwierige Frage, auch die Frage, wie sich eine Depression anfühlt. Mal einen schlechten Tag hat jeder, aber bei einer Depression hast Du das mindestens zwei Wochen und länger.

Du spürst nichts. Du spürst keine Freude, Du spürst keine Trauer. Innerlich bist Du tot.

Und Du spürst nichts. Du spürst keine Freude, Du spürst keine Trauer. Innerlich bist Du tot. Du hast keine Kraft und Dein ganzer Körper fühlt sich so schwer an, dass Du nicht aus dem Bett kommst. Dir fehlt der Antrieb. Du willst etwas tun, aber Du kannst es einfach nicht.

Mir ging es jetzt in den letzten Wochen selbst sehr schlecht, ich hatte extreme Panikattacken und musste Medikamente nehmen. Ich war total in einer Depression, Zähneputzen ging gerade noch, aber mehr habe ich nicht geschafft. Ich lag den ganzen Tag auf dem Sofa und habe die Wand angestarrt, obwohl ich wusste, was ich alles hätte machen können.

Oft, vor allem bei Kindern und Jugendlichen, wird das einfach als Faulheit abgetan, aber das hat überhaupt nichts mit Faulheit zu tun. Du kannst in dem Moment „einfach“ nichts machen und bist von allem total abgeschnitten. Dir fehlt die Verbindung zur Außenwelt, aber auch zu Deinen eigenen Gefühlen, Du bist „einfach“ leer.

Und ja, es ist eindeutig eine Erkrankung, auch wenn es meistens die Umstände sind, die krank sind. Doch diese machen viele Menschen krank.

Es gibt natürlich unterschiedliche Arten von Depressionen. Ich war eigentlich immer in Verbindung mit irgendeiner Krise depressiv, wenn ich mit einem Thema nicht klargekommen bin, zum Beispiel an Todestagen. Aber dieses Mal war es anders. Ich hatte eigentlich vieles vor, aber mein Kopf konnte einfach nicht. In dieser Intensität war das auch für mich eine ganz neue Erfahrung, auch weil ich keine Suizidgedanken oder Selbstverletzungsdruck hatte, aber dennoch total in der Depression festgesteckt habe.

Wie hast Du es überhaupt geschafft, so offen mit Deiner Depression umzugehen und Dir einzugestehen, dass Du krank bist? Das ist bei Jugendlichen ja oft ein großes Problem.

Dabei bekommen Kinder und Jugendliche genauso Depressionen, wie Erwachsene. Wenn man sich überlegt, dass es ca. 10.000 Menschen in Deutschland gibt, die jährlich durch Suizid sterben, sind davon 600 Kinder und Jugendliche. Suizid ist auch die häufigste Todesursache bei jungen Leuten, dass ist krass.

Für mich war es schon eine Erleichterung, als ich mit 18 Jahren die Diagnose gestellt bekommen habe, dass ich unter einer Depression leide.

Da wusste ich, dass ich nicht verrückt bin, sondern einfach krank.

Da wusste ich, dass ich nicht verrückt bin, sondern einfach krank. Bis ich das aber wirklich annehmen konnte, habe ich nochmal vier Jahre gebraucht. In den letzten zwei Jahren habe ich einen großen Schritt nach vorne gemacht und viele Dinge bzw. Zusammenhänge, die früher waren und die heute sind, erkannt.

Auch die Selbsthilfegruppe tut mir gut. Allein wenn ich mich einem Neuen dort vorstelle, sage ich andauernd, dass ich Depressionen habe – und das hilft, weil es das ganze alltäglicher, normaler macht. Auch meinen Blog zu schreiben, hat mir unglaublich gut getan, einfach, um mich selbst besser akzeptieren zu lernen, genau wie mein Freund es auch tut.

Gibt es etwas, was Du Schülern raten möchtest, die das Gefühl haben, eine Depression zu haben, aber niemanden haben, an denen sie sich wenden können?

Wenn Du niemanden hast, an den Du Dich persönlich wenden kannst, dann gibt es zum Glück das Internet. Zudem gibt es den Verein Jugendnotmail, an den können sich gerade Schüler wenden. Dort sitzen Sozialarbeiter und Psychologen, mit denen Du auch längerfristig Kontakt haben kannst – anonym und kostenfrei.

Man sich natürlich auch an die Deutsche Depressionsliga oder die Telefonseelsorge wenden.

Was kann ich als Außenstehender oder Freund tun, wenn ich denke, dass ein Schüler oder eine Schülerin an Depressionen leidet?

Ein Gesprächsangebot machen ist gut. Die Aussage „Ich verstehe Dich.“ finde ich persönlich nicht so angebracht, denn man kann nicht einfach verstehen, was es bedeutet, eine Depression zu haben.

Aber sprich denjenigen öfter darauf an und zeige ihm, dass Du ihm zuhören möchtest. Nicht jeder wird sofort anfangen, all seine Probleme vor Dir auszubreiten, aber Du könntest demjenigen ein paar Adressen geben, an die er oder sie sich wenden kann. Oder Du bietest ihm an, gemeinsam nach Hilfe zu suchen.

In Berlin gibt es auch persönliche Krisenanlaufstellen (z.B. Berliner Krisendienst oder den Sozialpsychiatrischer Dienst), doch es kostet immer Überwindung, dort hinzugehen.

In diesem Bereich ist auch das Internet als anonymer Raum eine gute Gelegenheit. Natürlich gibt es nicht die eine Lösung. Manchen hilft es schon, einfach mit der besten Freundin zu reden, doch nicht jeder kann das so.

Was bedeutet es, eine Therapie zu machen und welche Möglichkeiten gibt es da?

Es gibt in Deutschland drei verschiedene Therapieverfahren, die auch von der Krankenkasse finanziert werden: Die Psychoanalyse, die Verhaltenstherapie und die tiefenpsychologisch fundierte Therapie. Darüber hinaus gibt es noch andere Therapien, wie die Kunst- und auch Musiktherapie, deren Kosten jedoch nicht von der Krankenkasse übernommen werden.

Bei der Verhaltenstherapie, die ich selbst mit 18 Jahren angefangen habe, ging es darum, mein Verhalten zu ändern, hauptsächlich das selbstverletzende Verhalten. Dabei wird vor allem das konkrete Verhalten behandelt und Wege erarbeitet, dieses zu ändern.

Die Psychoanalyse ist auch sehr auf die Vergangenheit und den Ursachen der heutigen Probleme ausgerichtet. Mit diesem Therapieverfahren habe ich persönlich jedoch keine Erfahrungen.

Doch die tiefenpsychologisch fundierte Therapie, welche ich auch seit gut einem Jahr mache, ähnelt der Psychoanalyse. Es geht wie gesagt mehr um die Vergangenheit und die Suche nach den Ursachen. Was sind die Auslöser und Hintergründe meiner heutigen Konflikte?

Mein gegenwärtiges Verhalten ist ja durch Verhaltensmuster, die ich mir in der Vergangenheit angeeignet habe, bestimmt und diese werden dort aufgearbeitet. Wir sprechen viel darüber, wie ich mich als Kind gefühlt habe. Vieles wird mir dadurch erst im Nachhinein bewusst, zum Beispiel, wie wichtig mir die Beziehung zu meiner verstorbenen Oma war und das ich eigentlich nur durch sie überlebt habe.

Meine Vergangenheit kann ich nicht mehr ändern, aber das Ziel ist es, dass ich lerne, mit meinen Gefühlen umzugehen.

Es geht nicht immer darum, Probleme zu lösen, sondern mir selbst näher zu kommen. Meine Vergangenheit kann ich nicht mehr ändern, aber das Ziel ist es, dass ich lerne, mit meinen Gefühlen umzugehen.

Was macht für Dich das Leben lebenswert?

Also, das auf jeden Fall mein Freund und unsere drei Frettchen, doch leider fehlt in einer depressiven Phase auch da der Zugang. Du spürst die Verbindung einfach nicht. Doch auch Freundschaften, mein freiwilliges Engagement, die gute Beziehung zu meiner Schwiegerfamilie und auch die seit ein paar Jahren viel bessere Beziehung zu meiner älteren Schwester machen für mich das Leben lebenswert.

Seit ungefähr einem Jahr ist es jedoch so, dass ich Ziele für mich habe – Ziele und Träume. Ich, dass eigentlich unsichtbare Kind, möchte mir selbst Farbe geben, mich selbst verwirklichen. Es ist wichtig, dass man erkennt, was man eigetnlich wirklich möchte und das dann auch macht.

Ich möchte noch mein eigenes Buch schreiben, ich möchte eine neue Ausbildung machen und damit dann in der Prävention und Aufklärung arbeiten, zum Beispiel in Vereinen, die in Schulen gehen und dort informieren.

All das schöne, was ich um mich habe und meine Ziele und Träume, die ich in mir habe, machen für mich das Leben lebenswert.

Wenn Du etwas an der Welt verändern könntest, was wäre das?

Ich würde gerne die Menschen verändern. Ich fände es gut, wenn wir weniger Druck auf alles und jeden ausüben würden.

Wenn nicht die Leistung im Vordergrund steht, sondern der Moment. Wenn wir mehr darauf achten würden, was wir fühlen, anstatt nur Geld und Karriere hinterherzujagen. Wenn Menschen offener sind. Genau das würde ich gerne ändern.

Dann gäbe es auch mehr Verständnis und Mitgefühl für Menschen mit Depressionen als auch anderen „unsichtbaren“ Erkrankungen. Viele würden dann nicht einfach als „Psychos“ abgestempelt werden. Also grundsätzlich alle Menschen, die heute als „anders“ betrachtet werden.

Es ist wichtig, sich zu fragen, was das Leben ausmacht.

Bist Du froh, noch am Leben  zu sein?

Ja … doch. Das erste Mal, dass ich das gedacht habe, war erst vor ein paar Jahren in einem Urlaub mit meinem Freund. Wir lagen in der Türkei am Strand, die Sonne schien und uns ging es gut. Da hatte ich das Gefühl und den Gedanken, dass hier gerade alles so wunderschön ist und ich eigentlich froh bin, dass ich noch lebe. So sehe ich das auch heute.

Ich wünschte mir nur, dass ich, als ich damals nach meinem Suizidversuch aus dem Krankenhaus gekommen bin, mit jemandem offen geredet hätte. Das hätte vielleicht vieles verändern können.

Dennoch glaube ich daran, dass es für mich weitergeht – immerhin habe ich meine liebe Menschen und Tiere um mich und einige Ziele und Träume 😉

Interview: Schülerzeitung „Moron“, Carl-von-Ossietzky-Gymnasium Berlin
Foto: Nora Fieling

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