Beruf

Psychisch Kranke nicht in soziale Berufe!?

„Wer mit einer psychischen Erkrankung zu kämpfen hat, sollte nicht mit Menschen arbeiten.“
„Für psychisch Erkrankte ist es gesundheitlich besser, sie würden im Büro arbeiten.“
„Psychisch Kranke haben in sozialen Berufen nichts zu suchen. Dies wäre verantwortungslos und unprofessionell.“

Solche und weitere Aussagen erlebte ich häufig von ärztlichen Gutachtern des Arbeitsamtes und der Rentenversicherung, von Mitarbeitern des Arbeitsamtes, von Ärzten und Therapeuten in psychiatrischen Einrichtungen, von manchen Freunden und Familienmitgliedern als auch von manch anderen Betroffenen psychischer Erkrankungen. Es waren entweder Menschen, welche mich nicht genauer kannten oder welche die pauschale Meinung vertraten, dass psychisch Erkrankte viel zu labil für den sozialen Bereich seien.

Psychisch krank – doch ich möchte arbeiten!

Was bisher geschah:

(1) Meine eigene berufliche Laufbahn könnte ein Beispiel dafür sein, dass man als psychisch Erkrankte einer Arbeit im sozialen Bereich nicht gewachsen ist.

Nach meinem Fachabitur hatte ich für 1,5 Jahre ein freiwilliges soziales Jahr absolviert. Ein halbes Jahr war ich in einer Jugendbildungsstätte und ein ganzes Jahr lang in einem Kinderheim für verhaltensauffällige Kinder. Gerade das Jahr im Kinderheim war eines meiner schönsten Jahre, da ich mich in dem Heim total wohl fühlte. Ich wurde freundlich in die Gruppe aufgenommen, mochte die Kinder/Jugendlichen als auch das Team.

Oft habe ich abends geweint, weil mich die Geschichten der Kinder sehr mitnahmen. Zugleich bin ich auch an meinen freien Tagen ins Heim gegangen, um dort zu helfen und etwas sinnvolles zu tun. Abgrenzung war damals noch ein Fremdwort. Helfersyndrom dafür meine „Leidenschaft“. Doch sie schaffte nicht nur Leiden, sondern vermittelte mir auch ein Gefühl davon, dass ich wertvoll bin, wenn ich für andere Menschen da sein kann und etwas sinnvolles tat.

Und nach dem Jahr dachte ich, ich packe das mit dem sozialen Bereich. So zog ich nach Berlin und fing mit dem Studium der Sozialen Arbeit an. Am Ende des vierten Semesters, nach einem 5-monatigen Praktikum in einer Sucht- und Drogenberatungsstelle, wies ich mich aufgrund extremer Panikattacken und Depressionen selbst in die Psychiatrie ein.

Ein Jahr später ließ ich mich exmatrikulieren, in der Überzeugung, dass ich zu labil für den Arbeitsbereich der Sozialen Arbeit sei.

(2) Meine eigene berufliche Laufbahn könnte ein Beispiel dafür sein, dass eine Arbeit im „unsozialen“, z.B. kaufmännischen, Bereich nicht automatisch bedeutet, dass es dadurch psychisch Erkrankten besser geht.

Vor meinem Fachabitur absolvierte ich eine 3-jährige Ausbildung zur Bürokauffrau. Im letzten Ausbildungsjahr fiel ich immer mehr in depressive Phasen, die ich nicht einordnen konnte. Immer häufiger griff ich zur Rasierklinge und schnitt mir in die Arme und teilweise in die Beine. Das selbstverletzende Verhalten wurde meine Überlebensstrategie. Ende der Ausbildung bemerkte meine Hausärztin die Narben und überwies mich zur Psychiaterin und die wiederum vermittelte mich an einen Psychotherapeuten.

Jahre später, nachdem ich mich bei der Fachhochschule exmatrikulieren ließ und der Arbeitswelt des sozialen Bereiches den Rücken kehrte, wollte ich zurück in den kaufmännischen Bereich. So war ich erst ein Jahr lang im BackOffice eines CallCenters, wo ich die schriftlichen Kundenanliegen bearbeite. Das Jahr hielt ich durch, ich war auch gut in meiner Arbeit, hatte jedoch auch hier hin und wieder meine Krisen.

Da mein Vertrag nicht verlängert wurde, war ich danach einige Zeit arbeitssuchend, ehe ich in einem anderen CallCenter als Kundenberaterin anfing. Glücklicherweise haben nicht wir die Kunden angerufen, sondern diese uns, wenn sie Probleme mit ihrem Produkt hatten, dieses kündigen wollten oder sonstige Fragen dazu hatten.

Auch hier war ich gut und wurde bald zur Ansprechpartnerin für neue Kollegen, wies diese in ihre Arbeit ein und übernahm für andere Kollegen Eskalationsgespräche am Telefon.

Nach nicht einmal fünf Monaten in der Firma ging gar nichts mehr. Zusammenbruch. Derealisation. Depression.

Dies war Anfang 2014. Seitdem war ich arbeitsunfähig bzw. arbeitssuchend, in der Tagesklinik oder zur Reha. Und immer dabei die große Frage, was ich denn beruflich eigentlich nur machen möchte und kann.

Psychisch krank – doch ich möchte arbeiten!

Wie geht es nun weiter?

Meine bisherige berufliche Laufbahn war für viele Menschen ein Zeichen dafür, dass ich nicht im sozialen Bereich tätig werden sollte. Besonders manche Gutachter und Mitarbeiter des Arbeitsamtes vertraten diese Meinung, welche meist aufgrund der ihnen vorliegenden Akten entstanden ist.

Doch was die Menschen nicht sahen, war mich. Mich als Mensch mit seinen individuellen Problemen und Umständen. Es wurde nicht gesehen, in welchen Situationen ich war bzw. durch welche Umstände ich in Krisen geriet. Es hieß immer nur, dass ich zu labil für den sozialen Bereich sei.

Wie gesagt, seit ca. drei Jahren bin ich nun ohne ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis – und arbeite dennoch. Ehrenamtlich. Ich probierte mich ein Jahr lang in einer Freiwilligenagentur aus, wo ich im Büro mithalf bzw. deren Facebookseite gemanaged habe. Auch wenn es ein tolles Team war und ich durchaus meine Freude an dem Tun hatte, so ganz das wahre war es dann doch nicht.

Und so kam ich nach und nach doch wieder zurück, in den sozialen Bereich … über meine Selbsthilfegruppen.

Ich bin ein ganz „normales“ Mitglied in meiner einen Selbsthilfegruppe und zudem eine von mehreren Gastgebern in einem offenen Treff für Angst und Depression in Berlin. Hier können einmal die Woche Menschen ohne Anmeldung kommen, welche auf der Suche nach einer Selbsthilfegruppe sind bzw. welche mal schauen wollen, ob diese Form von Hilfe etwas für sie sein könnte.

Wir Gastgeber sind für die Gäste da, informieren sie über das Konzept der Selbsthilfe, vermitteln sie bei Wunsch und Möglichkeit in bestehende Gruppen und haben ein offenes Ohr für ihr Anliegen. Wir geben Tipps zur Therapeutensuche, informieren, wie es in einer Tagesklinik abläuft und tauschen uns aus.

Über einen der Gastgeber wurde ich auf die Deutsche Depressionsliga e.V. aufmerksam, bei welcher ich seit fast einem Jahr als Mail-Beraterin arbeite. Häufige Fragen sind auch hier, wie man vorgeht, wenn man bei sich eine Depression vermutet, welcher Arzt der erste Ansprechpartner ist, wie man Ärzte und Therapeuten findet oder wie man mit betroffenen Angehörigen umgehen kann.

Diese beiden Ehrenämter füllen mich aus, machen mir Freude, geben mir einen Sinn. Meine Qualifikation ist meine eigene Erfahrung. Meinen Wirkungskreis werde ich demnächst erweitern, indem ich mit ein paar anderen (Betroffenen und einer Hauptamtlichen von einem Stadtteilzentrum) an die Fachhochschulen in Berlin gehe und angehenden Sozialarbeiterinnen das Konzept der Selbsthilfe näherbringe.

Psychisch krank – und doch geht es zurück in den sozialen Bereich

Vor gut einem Jahr habe ich mich entschieden, dass ich jobmäßig zurück in den sozialen Bereich möchte. Eine Arbeit im Büro, einem Blumenladen (wie es mir eine Mitarbeiterin vom Arbeitsamt mal nahelegte) oder an die Kasse vom Lebensmittelladen kann ich nicht. Und dieses „kann ich nicht“ wohnt hierbei NICHT in der „Ich-will-nicht-Straße“, sondern wirklich in der „Ich-kann-nicht-Straße“.

Ich kann nicht in einem Job arbeiten, bei welchem ich nicht ich sein kann und bei dem ich einen Teil von mir verstecken muss, der zu mir gehört – meine Erkrankung. Gerade weil ich psychisch erkrankt bin und in anderer Form auf meine Belastungsgrenze achten muss, als ein „gesunder“ Mensch, muss ich für mich ein Berufsfeld finden, welches mich nicht noch kränker macht. Und wie soll das funktionieren, wenn ich eine Arbeit mache, welche mich nicht ansatzweise interessiert? In einem Blumenladen zum Beispiel!?

Und so werde ich endlich (!) mal mehr auf mein Herz, mehr auf mich hören. Aufgrund meiner genannten ehrenamtlichen Tätigkeiten konnte ich in mir wachsen. Ich habe etwas gefunden, was ich kann, was mir Freude bereitet, was für mich sinnstiftend ist, was mich nicht überfordert, wobei ich mich etwas selbst verwirklichen kann und wo ich ICH sein kann (und muss).

Getreu dem Motto „Experte aus Erfahrung“ werde ich eine Ex-In-Ausbildung machen, um etwas professioneller im Bereich der Peer-Beratung, der Aufklärung und Prävention tätig zu werden.

Und ich freue mich sehr, dass Menschen, die mich etwas intensiver kennen, hinter mir stehen. Damit meine ich natürlich allen voran meinen Partner und manche Freunde von mir. Ich freue mich jedoch auch, dass mein Psychiater und meine Therapeutin hinter meiner Entscheidung stehen und mich in dieser bestärken.

Und auch der Mitarbeiter vom Jobcenter meinte neulich „Na, dann machen Sie das doch.“

Psychisch krank und dann in einem sozialen Beruf tätig sein. Wie soll das gut gehen?

Natürlich ist ein Risiko. Aber ist es weniger riskant für mich, jetzt doch in einem Blumenladen zu arbeiten?

Ich stelle aufgrund meiner bisherigen Erfahrung die These auf, dass es nahezu egal ist, ob man als Betroffener einer psychischen Erkrankung im sozialen oder im bspw. kaufmännischen Bereich arbeitet, solange man mit sich selbst nicht halbwegs im Reinen bist bzw. sich gefunden hat.

Der soziale Bereich erstreckt sich vom Krisendienst für akut Suizidgefährdete über die Arbeit mit Kindern, mit denen man was bastelt, bis hin zu dem Bereich, wo man andere über die jeweilige Erkrankung informiert (an Schulen z.B., so auch meine Vorstellung). Die Palette ist total breit – allein schon deswegen bin ich gegen die pauschalisierte Aussage, dass psychisch Erkrankte nicht im sozialen Bereich arbeiten sollen bzw. dürfen.

Hinzu kommt natürlich die individuelle Betrachtung des Menschen! Jemand mit leichten Depressionen kann die Arbeit mit anderen Menschen durchaus zu viel sein. Ein anderer hingegen, der z. B. eine Posttraumatische Belastungsstörung und Panikattacken hat, kann in einem Kindergarten total aufgehen. Und ich als Betroffene einer rezidivierenden, also immer wiederkehrenden Depression, einer generalisierten Angststörung und Borderline-Anteilen fühle mich sehr wohl in der Betroffenenberatung.

Natürlich ist man im sozialen Bereich viel mehr mit seiner eigenen Abgrenzungsfähigkeit konfrontiert. Natürlich läuft man hierbei eher Gefahr, dass man mit anderen mit-leidet und sich selbst dabei aus den Augen verliert. Umso wichtiger ist es, dass man auf sich achtet und sich selbst und seinen Anzeichen zuhört. Zugleich beinhaltet es ein großes Potenzial – psychisch Erkrankte sind oft sensibler, empathischer und können sich vor allem in der Arbeit mit anderen Betroffenen viel besser in diese hineinversetzen.

Mit meiner angestrebten Ausbildung werde ich weder Therapeutin noch Sozialarbeiterin, denn beide Berufsgruppen brauchen wir nach wie vor. Ich weiß „nur“ aus Erfahrung und habe dafür weniger Lehrbuchwissen. Ich weiß wovon ich rede, wenn ich über Depressionen, Ängste, Krisen und Suizidgedanken rede. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man in einer Psychiatrie oder einer Tagesklinik ist.  Und so stellt dies eine Ergänzung dar, mit welcher anderen Betroffenen begegnet wird, welche zugleich auch weiterhin den Therapeuten und Sozialarbeiter benötigen.

Wichtig ist, dass ich auf mich und meine Grenzen achte. Dass ich mir Hilfe suche, wenn ich sie benötige und nicht erst, wenn ich schon längst in der Krise bin. Wichtig ist, dass ich eine gewisse Stabilität erreicht habe, um auf andere Menschen zugehen zu können. – Dies gilt jedoch für ALLE Berufsfelder!

Was möchte man eigentlich?

Es ist die wichtigste und zugleich schwierigste Frage. Mein Psychiater würde jetzt empfehlen, „einfach“ mal ganz in Ruhe auf das Bauchgefühl zu hören 😉

Ich wünsche jedem den Mut, auf seinen Bauch zu hören und das zu machen, was er wirklich machen möchte.

Denn eine Arbeit, die eher „unsozial“ ist, Dir aber keine Freude macht oder für Dich nicht sinnstiftend ist, tut Dir auch nicht gut bzw. kann auch eher schädlich sein.

Daher – egal wo Du beruflich hingehst – wenn Du nicht auf Dich und Deine Grenzen, auf Deine Interessen und Werte achtest, dann schadet Dir auch eine Arbeit, obwohl sie nicht im sozialen Bereich ist.

Was ist Deine Meinung? In welchem Bereich arbeitest Du, obwohl Du erkrankt bist? Oder wo würdest Du gerne arbeiten wollen, auch wenn Du derzeit arbeitsunfähig bist? Ich freue mich sehr über einen Kommentar von Dir 😉

Bildquelle: pixabay.de

Kommentare (5) Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo, Nora!

    Was du hier schreibst, kann ich 100%ig unterschreiben. Ich war 10 Jahre lang Sozialarbeiterin, bis ich wegen Depressionen in die Berufsunfähigkeit ging. Es waren mehr die internen Strukturen und die Arbeitsatmosphäre, die mir zu schaffen machten. Aber es ist natürlich ein Risiko, als sehr empathischer Mensch im sozialen Bereich zu arbeiten. Ebenso wie es eine Riesenchance ist. Einerseits ist man geradezu dafür prädestiniert, andererseits ist man auch gefährdet. Eine pauschale Aussage ist auf jeden Fall kompletter Unsinn. Wenn man es schafft, sich zu schützen, kann man seine Fähigkeiten wunderbar einsetzen. Als selbst Betroffener ist man Klienten eine große Hilfe.

    Ich habe für mich entschieden, dass ich keine Sozialarbeit mehr machen möchte. Ich war damit nicht glücklich, weil ich nie so arbeiten bzw. helfen durfte, wie ich es für nötig hielt. Die steigenden Erwartungshaltungen von allen Seiten haben mich irgendwann kaputt gemacht. Trotzdem habe ich meine psychotherapeutische Zusatzausbildung zu Ende gemacht. Einerseits ist mir dieses Thema sehr wichtig, andererseits möchte ich nicht mehr täglich dazu gezwungen sein, mich damit auseinander zu setzen, wenn es mal für mich nicht geht und zuviel wird. Etwas ganz anderes habe ich auch versucht. Es passte einfach nicht zu mir.

    Ich habe für mich noch keine Lösung gefunden und bin weiterhin arbeitsunfähig, weil mich das Thema Arbeit zunehmend mit Angst erfüllt. Da ist der Bereich völlig egal. Mir wurde auch immer wieder empfohlen, mir einen Bürojob zu suchen. Das wäre aber absolut falsch für mich.

    Ich wünsche dir viel Erfolg und Erfüllung auf deinem Weg!
    Liebe Grüße
    Yvonne

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  2. Hallo liebe Nora,

    ersteinmal: Toller Blog, toller Artikel! Ich schreibe selber und habe mir deshalb vor einiger Zeit viele verschiedene Blogs zu dieser Thematik angeschaut. Warum bin ich erst jetzt über deine Seite gestolpert? Das ist, mit Abstand, die beste, intensivste, informativste und reflektierteste Webseite über diese Erkrankung, die ich bisher gesehen habe.

    Mit diesem Artikel stößt du wie ich finde ein sehr, sehr wichtiges Thema an. Ich stimme dir auf ganzer Linie zu: Die pauschale Meinung, als psychisch erkrankte Person beruflich nicht in den sozialen Bereich zu gehören, ist weitverbreitet und nicht richtig. Die berufliche Perspektive ist ein individelles Thema, dem man mit derartigen Pauschalisierungen überhaupt nicht gerecht wird. Natürlich wird es viele Betroffene geben, für die dieser Bereich keine gute Alternative darstellt – vielleicht aufgrund zu hoher Belastung, vielleicht auch einfach, weil das Interesse an anderer Stelle liegt. Oft habe ich schon Sätze gehört wie „Du hast doch schon genug mit deinen eigenen Problemen zu kämpfen. Wie sollst du anderen mit etwas helfen, was für dich selbst eine große Schwierigkeit in der Lebensbewältigung darstellt?“ Dabei kann doch gerade die eigene Erfahrung eine ungemein hohe Qualifizierung dafür sein, anderen Personen in schweren Lebenslagen zu unterstützen. Aber nur, weil man eine Erkrankung(!) hat, die einen selbst lebensmüder bzw. das eigene Leben schwieriger zu bewältigen macht, bedeutet das noch lange nicht, dass man für den sozialen Bereich grundsätzlich unqualifiziert oder ungeeingnet ist.

    Es muss eine individuelle Entscheidung sein, frei von den Vorurteilen anderer, auch wenn es der Hausarzt, Therapeut oder der zuständige Sachbearbeiter beim Arbeitsamt ist.
    Was ich aber bei individueller Betrachtung schon eher problematisch sehe: Ich zum Beispiel suche zurzeit nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit und habe großes Interesse, mich in einem Verein zu engagieren, der sich mit psychischen Erkrankungen beschäftigt. Aber ist das für mich gerade wirklich sinnvoll? Oder ist es Ausdruck dafür, dass ich mich gedanklich viel zu sehr mit Krankheit beschäftige? Ich bin nicht gesund, werde vielleicht immer wieder Phasen im Leben haben, in denen sich die Depression stärker zeigt. Ist es dann wirklich so gut, dass es bereits privat für mich sehr viel um das Leben mit Depressionen geht und ich diese Thematik nun auch noch mit in meinen beruflichen Alltag nehme, sodass sich ein Großteil meiner Zeit (zumindest im Entferntesten) um diese Erkrankung dreht? Wäre vielleicht eine ablenkende Tätigkeit für mich persönlich gesünder und befreiender? Wenn ich über diese Fragen nachdenke, finde ich in Bezug auf meine eigene Situation keine richtigen Antworten. Bzw. weiß ich nicht, ob ICH diejenige bin, die an dem sozialen Bereich interessiert ist – oder ob es meine Depression ist, die weiterhin präsent sein und vordergründig bleiben will. Die mich an sich gebunden und auch in gewisser Weise abhängig gemacht hat.
    Deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass es viele Betroffene gibt, für die es nicht sinnvoll ist, wenn sie auch ihre berufliche Zeit mit einer Thematik verbringen, mit der sie schon in ihrer Freizeit viel zu tun haben. Vielleicht brauchen die Gedanken zumindest auf der Arbeit eine Regenerationspause, frei von Problemen oder Themen, bei denen es in irgendeiner Art und Weise um Lebensbewältigung geht.

    Wie gesagt, das ist individuell total unterschiedlich und lässt sich nicht pauschalisieren. Für viele Betroffene wird der soziale Bereich genau der richtige Weg sein, anderen Menschen in Situationen zu helfen, in denen sie sich so oder so ähnlich selbst mal befunden haben.
    Vielleicht hast du hierzu aber ja auch noch weitere Gedanken. Interessieren würden sie mich sehr 🙂

    Beste Grüße
    Madeline

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  3. Hallo,ich bin ein ausgebildeter pflegehelfer und habe immer gerne in der langzeitpflege altenarbeit gearbeitet,.seit ich meinen sohn vorigen jahr an meinen ex mann verlor,den rechtsstreit verlor,ging es mit mir bergab,ich kämpfte sechs monate,verlor alles mein kind,meinen mann,meine arbeit,einfach alles,ich hatte wegen das mein sohn weg wahr,ein thrauma,einen schock und rutschte dann in eine schwere tiefe Depression schlussendlich gind es soweit das ich in den suizid ging. Ich wollte mir das Leben nehmen mit Medikamenten. Es war alles sinnlos geworden ohne meinen sohn,deshalb wollte ich mir mein Leben nehmen. Mein Bruder rettete mir damals das Leben,ich war ihn nicht dankbar dafür,sehr lange nicht. Ich konnte nicht ohne meinen sohn leben. Ich brauchte sehr lange mit therapien das ich andere Gedanken bekam. Mittlerweile bin ich arbeitsunfähig….,suche denoch nach arbeit und erfüllung,würde gerne mit meinen Erfahrungen im sozialen Bereich arbeiten. Du bist für mich ein Vorbild,danke dafür.vielleicht kannst du mir ja Informationen zukommen lassen,was ich machen könnte.Danke dafür

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  4. Liebe Nora,
    ich bin ja mittlerweile als Sozialarbeiterin im Bildungssektor tätig und es gibt mir gerade mehr Stabilität als in meinem vorherigen Leben. Solche Pauschalaussaugen, die du und auch ich schon häufiger gehört haben, sind sowas von Käse. Egal ob im sozialen Bereich, im Büro oder im Einzelhandel – es können überall Situationen entstehen, die uns zusätzlich belasten. Selbst psychisch Gesunde können durch ihre Arbeit krank werden. Jeder von uns muss sein passendes Konzept finden, seine Grenzen definieren . Für mich ist meine Arbeit eine gute Möglichkeit an mir zu wachsen. Ich treffe auf so viele Situationen, die ich bewältigen muss und werde dadurch mit meinen innersten Ängsten konfrontiert. Seitdem meine Therapeutin mir mal sagte ich soll es als Spielwiese zum Ausprobieren sehen, auf der ich auch noch Geld verdiene, versuche ich es. Was hält mich ab zu gehen, falls es doch zu arg wird? Nichts und niemand. Arbeitslos war ich vorher auch schon, wieso nicht Neues probieren?

    Ich mag dich bestärken DEINEN Weg zu gehen. Probier dich aus und definiere deine Grenzen. Dein Leben ist flexibel, du hast jederzeit die Chance neu zu entscheiden.

    Annie

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  5. Hallo ! Ich finde es toll, wie Du in Worte fassen kannst was ich denke ! Bei mir ist es genau anders herum. Ich bin im öffentlichen Dienst seit 25 Jahren. Ich kann da nicht mehr hin, aber alle sagen: “ es ist so ein toller Job, da hast du deine Ruhe im Büro und so viel Geld““ Ich bin nach meiner ersten Klinikphase freiwillig auf 6 Stunden täglich runter und habe Geldeinbußen in Kauf genommen, weil ich dachte, dadurch mehr ebensqualität zu haben.
    Das mich die Arbeit „krank“ macht versteht keiner. Ich muß es 100 Leuten im Ministerium recht machen , Fristen einhalten unter Druck arbeiten.
    Ich möchte gerne mit meinen Händen was schaffen und ein „Ergebnis“ sehen.
    Nach all den Jahren dort weiß ich nicht wer ich bin, was mich ausmacht.
    Meine Diagnosen sind : rezidivierende Depression, posttraumatische Belastungsstörung und das sogenannte „Skin picking“ – so eine Art Impulskontrollstörung ( wobei man sich da nicht so einig ist ob Zwangsstörung oder Impulskonntrolle oder Borderlein ).
    Meine Erfüllung meine ich im kreativen Bereich zu finden. Ich Bastel und Nähe und werkel gerne mit Naturmaterialien und habe mich sogar als Kleinunternehmer eintragen lassen um ab und zu Produkte ins Kreativkaufhaus zu bringen. In meinen 4 Wänden mache ich auch „Bastelnachmittage“. Es strengt mich unheimlich an frei zu sprechen vor fremden Menschen , meine Unsicherheit soll keiner merken. Aber es macht sehr viel Freude gemeinsam zu werkeln und zu sehen was für schöne Projekte jeder zum Schluss mit nach Hause nimmt. KO aber Zufrieden.
    Ich sitze dann wieder in meinem Bastelzimmer und überlege neue Projekte und bereite die nächste Bastelrunde vor. – Aber leben kann man davon nicht, das weiß ich wohl.
    Ich habe auch schon oft überlegt in den sozialen Bereich zu gehen, aber bin für eine Ausbildung zu alt und würde das Lernen und Prüfungen auch geistig nicht hinbekommen.
    Ich bin gefangen in meinem -ach so tollen Bürojob-,( mit Kolleginnen im Zimmer die nicht glauben, dass ich krank bin und über Alles und jeden lästern und mich kontrollieren ) -im öffentlichen Dienst und kann mich von der“ Kette am Pflog“ nicht lösen. Erwarte ich zu viel vom Leben ???
    Seit April 2016 bin ich nun schon krank geschrieben.
    ( Just in diesem Moment beginnt wieder mein „Pipsen“ im Ohr – das Thema Arbeit ist wohl mein „Streßfaktor“ )
    Oh, nun habe ich aber ausgeholt, bitte entschuldige!
    Ich wollte Dir nur sagen, dass, wenn Du merkst, dieser Job ist genau Das was Du willst, – dann ist es genau richtig für Dich !!! ( bei mir mangelt es noch am „merken“ )
    Liebe Grüße
    Andrea

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