Schreiben

Schreiben – ein Teil meiner Therapie

Auf der Seite „Warum der Blog“ habe ich geschrieben, warum ich meine Gedanken und Gefühle hier mit aller Welt teile. Doch das online-stellen meiner Beiträge ist nur ein kleiner Teil dessen, was das Schreiben für mich bedeutet.

Als ich vor gut zwei Jahren wiederholt wegen meiner Angststörung und Depressionen in einer Tagesklinik war, habe ich mit einem Therapie-Tagebuch angefangen. In dieser Tagesklinik war ich zwei Jahre zuvor schon einmal und war beeindruckt, an was sich die Ergotherapeutin oder eine der Krankenschwestern alles erinnern konnten. Sätze wie „Sie sagten damals dieses oder jenes.“ hauten mich regelrecht um – denn ich hatte sie vergessen. Und so ging es für mich anfangs beim Tagebuch schreiben nur darum, die Ereignisse des Tages als auch die Gespräche mit den Therapeuten und Mitpatienten festzuhalten, um ja nichts zu vergessen.

Doch dieses Schreiben hatte einen Nebeneffekt – es tat mir gut, denn damit konnte ich ein wenig meine „Festplatte“ löschen und meinen Kopf freier bekommen.

Schreiben wurde so für mich zu einer Form der Selbstreflektion und Verarbeitung

Mittlerweile „muss“ ich regelmäßig schreiben, um nicht einen völlig verrauchten Kopf zu bekommen. Manchmal sprudelt alles an Gedanken und Gefühlen aus mir heraus, die mich bedrücken und welche ich nicht länger in mir verstecken möchte. Oft ist es auch ein Kampf – denn wie drückt man etwas aus, für das es keine Worte gibt? So suche und krame ich nach Worten für das, was mich sprachlos macht.

Und dies wirkt sich sehr oft befreiend aus, auch wenn es natürlich nicht immer leicht ist, da das Schreiben auch weh tun kann. In dem ich etwas zu Papier bringe, ist es da. Der Gedanke ist festgehalten, steht dort schwarz auf weiß, ist etwas anfassbarer – vor allem real.

Es gibt immer wieder Sitzungen bei meiner Therapeutin, bei denen es mir schwer fällt, die Themen so anzunehmen wie sie sind. Da ist dieses kleine Kind in mir, was mit dem Fuß aufstampft und „Nein“ schreit – so vieles will es nicht wahrhaben. Sei es, dass es nicht die Liebe und Geborgenheit von den Eltern erfährt, wie sie es sich wünscht oder der Tod meiner Oma. Diesen verdränge ich oft in meinem Alltag. Ich weiß, dass sie gestorben ist und doch stelle ich mir vor, wie sie in meinem Heimatort in ihrem Sessel sitzt und Kreuzworträtsel löst. Dass ist meine Überlebensstrategie, wenn auch oft unbewusst. Es ist eine gedankliche Flucht vor der Realität.

Im Gespräch mit meiner Therapeutin wird all das real. Da stehen die Themen und Erlebnisse im Raum, ich teile sie mit ihr, wir reden darüber – es ist nicht mehr alleine in meinem Kopf. Und dadurch wird es für mich real. Dieser Moment ist immer wieder ein Schlag ins Gesicht, als ob ich aus einem Traum aufwache.

Genauso geht es mir mit dem Schreiben – die Worte meiner Gedanken stehen vor mir auf Papier. Es muss in irgendeiner Form raus aus meinem Kopf, damit ich es als wirklich wahr und real erkennen kann. Insofern ist das Schreiben sehr oft ein schmerzhafter Prozess, bei dem ich weiß, dass ich dadurch muss, um in mir zu heilen.

Es tut weh und zugleich tut es gut.

Schreiben, um Gedanken loszulassen

Ich bin ein ziemlich verkopfter Mensch. Immer wurde mir gesagt, ich soll nicht soviel nachdenken und mal abschalten – den Knopf dafür konnte mir lange Zeit niemand zeigen. Bis ich ihn irgendwann selbst gefunden habe – mein Knopf ist das Schreiben.

Grübeleien und Gedankenkreisen habe ich immer noch, häufig wenn ich einschlafen möchte oder nachts, wenn ich zwischendurch aufwache oder morgens um 5 Uhr, wenn ich doch eigentlich noch 3 Stunden schlafen könnte. Aber nein, da sind Gedanken, die bedacht werden wollen.

Wenn ich all das, was mich belastet, bedrückt oder anderweitig beschäftigt niederschreibe, dann ist es quasi gespeichert. Ich kann mir nun die Erlaubnis geben, den Gedanken nicht mehr festhalten zu müssen, ich „darf“ ihn vergessen und aus meinem Kopf verbannen – immerhin steht er auf Papier oder ist in einer Datei gespeichert.

Es funktioniert natürlich (noch) nicht bei jedem meiner Themen und auch nicht immer in jeder Krise. Ich glaube, dass es auch ein stückweit Übungssache ist. Doch zu großen Teilen kann ich sagen, dass ich dadurch etwas weniger kopflastig zu Bett gehe und durchaus auch mal Nächte durchschlafen kann.

Ich schreibe, was ich denke, damit ich lese, was ich fühle

Bei meinem letzten Tagesklinik-Aufenthalt vor gut einem Jahr war ich bei einer Psychotherapeutin zu einem diagnostischen Interview. Hierbei wurden mir Fragen gestellt zum Thema Vertrauen, Kindheitserlebnissen und ob ich der Meinung bin, ob ich ein traumatisches Erlebnis hatte. Sofort schoss mir da die Situation von einem Übergriff von vor 7 Jahren in den Kopf, mir wurde schwarz vor Augen, schwindelig und schlecht. Doch darauf habe ich nicht weiter geachtet, ich wollte das Gespräch hinter mich bringen und bin danach zur Kunsttherapie gegangen. Alle Gedanken und Gefühle, die ich während dieses Interviews hatte, versuchte ich zu verdrängen. Ich wollte sie nicht wahrhaben.

Bis zum nächsten Tag war mir weiterhin schwindelig und wirr im Kopf. Ich fühlte gar nichts in mir, außer einer immensen Leere, zudem erschien mir meine Umgebung als auch ich mir selbst unreal und fremd. Fachleute sprechen hier von Derealisation und Depersonalisation.

Im Gespräch mit meiner dortigen Psychotherapeutin versuchten wir, der Sache auf den Grund zu kommen. Ich vermutete zwar, dass das Interview der Auslöser war, doch wollte ich das nicht wahrhaben. Meine Therapeutin gab mir die Hausaufgabe, eine Rekonstruktion des vergangenen Tages zu erstellen. Also schrieb ich zu Hause alles auf, was mir durch den Kopf ging, ohne Punkt und Komma – es sollte „einfach“ erstmal alles raus. Und damit kam ich zu einem Gefühl.

Diese Form des Gefühlsprotokolls oder der Rekonstruktion ist für mich seit dem oft das Mittel der Wahl, wenn ich nicht weiß, was ich fühle oder wenn ich nur Leere in mir spüre. So wie diese dissoziativen Zustände einen Auslöser haben, so haben sie auch eine Schutzfunktion. Die Seele lässt in dem Moment nur das an Gefühlen zu, was sie auch aushalten bzw. verarbeiten kann.

Durch das Schreiben komme ich nicht unbedingt gleich und sofort zurück zu einem Gefühl, doch dadurch wird mir erstmal klarer, weshalb ich so fühle. Oder auch nicht fühle. Das Wissen darum ist für mich ebenso wichtig.

Schreiben als Therapie

Das Schreiben ersetzt für mich keine Psychotherapie, doch ist es wie meine Selbsthilfegruppen für mich eine sehr wichtige Ergänzung geworden, die mir im Alltag hilft.

Auch viele Psychologen sehen das Schreiben als eine Form der Selbsthilfe oder gar Eigentherapie an. In dem man sich ehrlich mit sich selbst auseinandersetzt, kann man zu einer Art Selbsterkenntnis kommen. Viele empfehlen das Schreiben als psychische Strategie, um schwierige Lebensereignisse und kritische Phasen zu bewältigen, indem sich der Betroffene seine ganzen belastenden Gefühle und Gedanken von der Seele schreibt.

Wenn man nicht alleine schreiben bzw. seine Texte deuten kann oder möchte, kann man sich zudem an ausgebildete Schreibtherapeuten wenden. Diese unterstützen Betroffene professionell und analysieren die Schriftstücke. Gemeinsam wird dann ein Weg aus der Lebenskrise gesucht.

Mehr Informationen zur professionellen Schreibtherapie findest Du auf der Seite des Schreibtherapeuten Andreas Kawallek: heilkundigepsychotherapie.com

Neben Erklärungen, was Schreibtherapie ist, was sie bewirkt und was der Unterschied zum Tagebuch schreiben ist, erwähnt A. Kawallek, dass Johann-Wolfgang von Goethe einer der bekanntesten Verwender der Schreibtherapie war, dessen Mutter sagte: „Mein Sohn hat gesagt: Was einen drückt, dass muss man verarbeiten, und wenn er ein Leid gehabt hat, da hat er ein Gedicht daraus gemacht.“

Auch das Buch „Die Leiden des jungen Werthers“ von Goethe wird von Schreibtherapeuten als eine Form der Schreibtherapie anerkannt.

Natalie Goldber, eine amerikanische Schriftstellerin und Schreiblehrerin, formulierte es so: „Schreiben zu üben heißt auch, sich mit seinem ganzen Leben auseinander zu setzen.“

Das ist es auch für mich – ich setze mich schriftlich mit mir, meinen Gedanken und Gefühlen – kurz meinem Leben – auseinander und suche einen Weg zu mir selbst.

Und oft finde ich auch einen.

Bildquelle: pixabay.com

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Nora,
    Deinem Plädoyer für das Schreiben möchte ich mich auch als Therapeutin anschließen. Schreiben kann unglaublich hilfreich sein, um Worte für innere Zustände und Gefühle zu finden, die sonst allzu leicht übergangen werden. Das Schreiben fordert uns heraus, noch einmal genauer hinzuschauen und das treffendste Wort zu finden. Ein Vorteil ist auch, dass man danach etwas „greifbares“ hat, aber selbst entscheiden kann, ob man es mit jemandem teilt. (Im Gegensatz zu einer Psychotherapie -Sitzung z.B., wo die Selbsterforschung in Gegenwart der Therapeutin gemacht wird.)
    Eine Gefahr sehe ich allerdings im Schreiben zur „Ergebnissicherung“: Wer nach jeder Therapiestunde versucht, seine „Erfolge“ und „Fortschritte“ festzuhalten, zwängt seine langsam erwachende Fähigkeit zur realistischen Selbstwahrnehmung in ein Korsett, das nur an Leistung und Erfolg interessiert ist. Dabei geht es doch in der Psychotherapie häufig genau um das Gegenteil: nicht nur funktionieren, sondern leben!
    Herzliche Grüße von
    Sandra

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    • Liebe Sandra,

      vielen Dank auch hier für Deine Anmerkung. Wie auf Facebook ja schon beschrieben, lege ich den Fokus gar nicht so sehr auf eine Ergebnissicherung, sondern eher auf das Hier und Jetzt meiner Gefühle. Damit komme ich dem Leben manchmal näher.

      Alles Gute,
      Nora

      Antworten

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