Selbstschutz

Selbstschutz – erlaubt, gefordert, respektiert!

Fragen hat man zu beantworten, ohne groß rumzumurren und erst recht ohne Gegenfragen zu stellen – so habe ich es gelernt und auch lange Zeit gehandhabt. Doch dadurch habe ich mir teilweise selbst geschadet – denn nicht alle Fragen bzw. deren Beantwortung tun mir gut. Meinen Selbstschutz und Selbstfürsorge hatte ich dabei vernachlässigt. Der Fokus liegt hierbei auf persönlichen Fragen … auf Fragen, die schwierige Lebensereignisse betreffen. Dies kann durchaus ein „Warum geht es Dir schlecht?“ sein, wenn es mich zu einer Rechtfertigung drängt oder aber „Was ist damals passiert?“, wenn jemand (durchaus auch ehrliches) Interesse an meiner Vergangenheit hat.

Hunderte solcher Fragen werden mir derzeit gestellt …

Seit zwei Wochen bin ich nun schon ambulant zur medizinischen Reha im Reha-Zentrum Seehof in Berlin-Teltow. Es gab bis jetzt 5 Einzelgespräche ( á 30 Minuten) und noch immer sind wir mit meiner Anamnese beschäftigt. Dafür, dass ich nur 5 Wochen da bin und auch einige Ziele erreichen möchte, deren Angehen und Umsetzung ich ja auch besprechen möchte, ist das ganz schön viel Zeit, die damit so vergangen ist.

Viele Fragen finde ich schon nachvollziehbar – Fragen nach meinem gesundheitlichen, beruflichen und allgemeinen Lebenslauf, nach meinen Themen in der ambulanten Therapie, nach meinem sozialen Umfeld und Fragen nach schwierigen bis traumatischen Erfahrungen.

Doch vor allem letzteres ist ein wesentlicher Knackpunkt. Ich kann mittlerweile meine traumatischen Erlebnisse in kurzen Stichworten benennen, doch tiefer darauf eingehen kann ich bei einigen Erfahrungen noch nicht. Dies habe ich gleich im Erstgespräch deutlich gemacht und somit eine Grenze gesetzt. Ich war zwar selbst etwas überrascht, dass ich das so klar aussprechen konnte, doch es war mir auch sehr wichtig. Es gab unzählige Male, dass ich bei manchen Themen in der Tagesklinik oder bei meiner ambulanten Therapeutin „zusammen gekracht“ bin. Dort war es auch okay, dort konnte bzw. kann ich das Thema weiter bearbeiten.

Während der medizinischen Reha kann ich das nicht. Dort stehen andere Baustellen im Vordergrund. Umso wichtiger ist es für mich, dass ich Grenzen ziehe und diverse Fragen nicht beantworte. – Meine Brennessel-Fragen.

Was haben Fragen mit Brennesseln zu tun?

Für viele, meistens gesunde Menschen, ist es nicht nachvollziehbar, dass mich Gespräche über diverse Lebensereignisse noch sehr stark aufwühlen. Immerhin ist es ja teilweise schon so lange her. Mit der Aussage, dass die Zeit keine Rolle spielt, da ich die Erlebnisse noch nicht auf- bzw. verarbeitet habe, können viele nichts anfangen.

Der Vergleich, dass es für mich oft so schmerzhaft ist, wie eine Operation ohne Narkose am offenen Herzen oder die Aussage, dass manche Wörter wie Glasscherben im Mund sind, die „nur“ wehtun wenn man schweigt, jedoch bluten wenn man sie ausspricht, erscheint vielen zu abstrakt.

Nun, man kann das ganze auch mit Brennesseln vergleichen – denn manche Erinnerungen sind wie Brennesseln.

Ich weiß wie sie aussehen und oft habe ich auch vor Augen, wie die Wurzeln der Brennesseln aussehen, auch wenn sie durch die Erde verdeckt sind. Das Bild derer ist da. Inzwischen kann ich auch die Ereignisse benennen … die Brennesseln halt und ich schaffe es, danach an ihr vorbei zu gehen. Manchmal streife ich dabei die Pflanze und es tut weh. Nach einiger Zeit, je mehr ich mich wieder von ihr entfernen konnte, verschwindet der Schmerz und „nur“ die Erinnerung daran bleibt.

Wenn Fragen zu einem traumatischen Erlebnis tiefer gehen, dann gleicht dies dem Anfassen von Brennesseln – es tut weh, es brennt. Manche Fragen gehen noch tiefer in die Thematik ein, z.B. wie es genau zu dem Ereignis kam, wie ich mich fühlte, wie jeder einzelne Moment abgelaufen ist … mit der Beantwortung solcher Fragen, hole ich die Brennessel Stück für Stück aus der Erde heraus.

Ich ich fasse die Brennessel an und schabe die Erde um die Pflanze herum weg. Wurzel um Wurzel hole ich die Pflanze aus der Erde heraus und halte sie in meinen Händen. Die gesamte Pflanze – das ganze traumatische Erlebnis – liegt nun blank vor meinen Augen. Jede einzelne Wurzelfaser ist für mich sichtbar und hängt mir an den Händen. Ich habe keinen Schutz davor. Pur liegt sie auf meiner Haut, während in der Erde ein Loch ist und drum herum die kleinen Häufchen restlicher Erde liegen.

Die Brennessel mit all ihren Wurzeln sind mein traumatisches Erlebniss mit all seinen Details.

Selbstschutz – erlaubt, gefordert, respektiert

Gestern war ich wieder zum Einzelgespräch. Ein paar Fragen waren noch offen, u.a. wollte meine Bezugstherapeutin etwas zu dem von mir erwähnten Übergriff aus dem Jahr 2009 wissen. Schon allein die Fragen, wie es dazu kam bzw. wie alles abgelaufen ist, löste in mir Herzrasen, Hitzewallungen und leichte Übelkeit aus. Und ich dachte nur „NEIN“ – ich kann und möchte das jetzt niemandem erzählen. Vor allem dann nicht, wenn ich an dem Thema nicht weiter mit der Person arbeiten kann bzw. für dieses Thema kein Raum und kein Platz während der medizinischen Reha ist.

Und so kam es, dass ich das machte, was doch eigentlich nicht erlaubt ist – ich stellte eine Gegenfrage. Warum sie das denn jetzt wissen möchte?! Doch noch ehe ich ihr die Chance gab, mir zu antworten, erklärte ich ihr den Grund für meine Gegenfrage. Genaugenommen rechtfertigte ich mich für meine Frage und äußerte meine Skepsis, dass dieses Thema in dem Rahmen Sinn macht.

Unsicher sprach ich das alles aus und stockte zwischendurch – ich äußerte nicht nur Skepsis, sondern auch Kritik. Zu meinem Erstaunen fand sie meine Anmerkungen völlig in Ordnung und erwähnte anerkennend, dass sie es gut findet, dass ich „Stopp“ sagte. Es zeigt ihr, dass ich auf meine Grenzen und Belastbarkeit achte und mich selbst schütze, wo es durchaus auch angebracht ist. Und das schätzt sie.

Damit respektierte sie meine Bedenken, meine Angst und meine Sorge und wird dieses Thema nicht nochmal ansprechen. Denn meine Brennessel-Themen gehören zu meiner ambulanten Therapeutin. Wir werden uns nun auf die für die medizinische Reha vordergründigen Themen konzentrieren.

Somit habe ich zwar keine Antwort auf meine Gegenfrage erhalten, doch hat es mir gezeigt, dass Gegenfragen durchaus Sinn machen, wenn es für MICH sinnvoll erscheint. Egal, ob es andere unhöflich oder respektlos empfinden – ich muss nicht alle Fragen beantworten, wenn mir das nicht gut tut. Weder Freunden, Eltern, Kollegen, Nachbarn – oder halt auch so manch einem Therapeuten.

Ich werde mich also, wenn es mir angebracht erscheint, weiterhin im mutigen Gegenfragen-stellen üben!

Bildquelle: pixabay.com

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Finde es toll, dass du gegenüber der Therapeutin klar deine Grenzen ziehen konntest!

    Man muss selbst einschätzen können, wann man die Energie hat und auch therapeutisch lange genug Hilfe vorhanden ist, um gewisse Probleme anzusprechen.

    Ich sehe das gerade bei einer Mitpatientin. Sie hat einen festen Entlasstermin, der nicht geändert werden kann, da sie in einem zeitlich begrenzten Programm ist. In ihrer Vergangenheit hat sie schon viel Schlimmes erlebt, was sie sicherlich auch heute noch beeinflusst. Aber sie hat auch aktuell konkrete Probleme, wegen denen sie auch in der Klinik ist, weil diese es unmöglich für sie machen, den Alltag zu bewältigen.
    Und ihre Therapeutin in der Klinik hat ein Thema ihrer Vergangenheit genommen und angefangen, dieses zum Hauptthema der Therapie zu machen, was die Patientin stark belastet.

    Allgemein bin ich auch eher dafür, dass die Vergangenheit aufgearbeitet werden sollte, wenn es der Person hilft. Aber wenn absehbar ist, dass die Person in wenigen Wochen entlassen wird und danach keinerlei ambulante Betreuung hat, finde ich es kontraproduktiv, solche Themen zu beginnen.

    Stimme dir da vollkommen zu.

    Alles Gute weiterhin!

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    • Liebe Alice,

      vielen Dank für Deine Zeilen. Und ja, ich sehe es genauso, wie Du es schreibst. Um so mehr schätze ich es, wenn die Therapeuten bereit sind, dass die Patienten die Themen in der Therapie (egal ob stationär oder ambulant) mitbestimmen lassen.

      Ich wünsche Dir alles Liebe,
      Nora

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