Kunst

TALK! – Kann Kunst Leben retten?

Sonntagabend, 18 Uhr. Etwa 70 Leute finden sich im Wolkn Space, einem Loft-Studio in Berlin-Wilmersdorf, zusammen. Die Stimmung ist lebhaft, die Menschen stehen beeinander, erzählen und lachen. Nahezu alle sehen belebt und glücklich aus. Von außen sieht es gar nicht so aus, doch das Thema und der Grund der Veranstaltung ist alles andere als glücklich und leicht. Es ist Sonntag, der 10.09.2017 – der Welttag zur Suizidprävention. Anlässlich dessen fand die Preview von TALK! statt, einem Kunstprojekt von Tom Wagner und dem Verein Freunde fürs Leben.

Mit Hilfe von Kunst ins Gespräch kommen

Wie üblich sitze ich in der letzten Reihe, am Rand außen. Von dort habe ich im Falle einer Panikattacke die besten Fluchtmöglichkeiten. Zwar hatte ich seit neun Monaten keine Attacke mehr, dennoch bevorzuge ich so einen Platz als Sicherheitsmaßnahme.

Der weitere Vorteil ist, dass man viel mehr im Blick hat, als wenn man in der ersten Reihe sitzt.

Schräg vor mir war noch ein Platz in der Mitte der Reihe frei. Ein paar Minuten später stand ein Herr in meiner Nähe, welcher einen freien Sitzplatz suchte. Er unterhielt sich mit einem Team-Mitglied der Veranstalter, welche eine Frau neben diesem freien Platz fragte, ob eben dieser noch frei sei. Es wurde bejaht, der Mann setzte sich. Bis hierhin nichts weiter außergewöhnliches.

Doch etwa zehn Sekunden später drehte sich die Frau zu dem Herrn um, stellte sich ihm lächelnd vor und gab ihm die Hand. Es folgte ein Gespräch zwischen den beiden, welchem ich etwas erstaunt zusah – hören konnte ich aus der Entfernung nichts, doch um den Inhalt des Gespräches geht es mir auch nicht.

Habt ihr so etwas schon mal im Theater oder in der Oper (etc.) erlebt oder beobachtet? Also, ich habe mich schon öfter neben fremde Menschen gesetzt – wie das im Theater, im Kino oder bei einem Konzert halt so ist – doch zu mir hat sich noch nie jemand umgedreht, sich vorgestellt und mit mir ein Gespräch angefangen.

Ich habe dies selbst jedoch auch noch nie gemacht, muss ich fairerweise dazu sagen. Doch diesen Moment zu beobachten, war für mich schon bewegend und außergewöhnlich.

War es Zufall? Oder lag es an den Themen des Abends – Kunst, Depression und Suizid?

Suizidprävention – mit und durch Kunst

Ein Fotograf – 50 Portraits. 50 Künstler – 50 Werke. Eine Ausstellung. TALK!

„Wir versuchen bei Freunde fürs Leben auf ganz vielen verschiedenen Kommunikationskanälen über das Thema Depression und Suizid zu reden, zu sprechen, die Öffentlichkeit darüber aufzuklären und im Bereich Kunst haben wir noch nie etwas gemacht und dachten – ja super, warum nicht?“ so Diana Doko, eine der Vereinsgründerinnen, in dem kurzen Dokumentarfilm über TALK!

Wir sehen in dem Film u.a. auch den ca. 40-jährigen Punk und Künstler, Thomas Grundmann. Von etwa seinem 10. bis 30. Lebensjahr kämpfte er sich durch viele depressive Phasen. Doch andere Künstler gaben ihm eine Idee, wie man in Würde altern kann und das man sich vorher nicht wegschneiden müsse.

„Reden könne er immer“, so Thomas Grundmann, „doch wenn ich was sagen will, dann werde ich es malen müssen.“

Im weiteren Verlauf der Kurz-Dokumentation bzw. des Abends wird das Kunstprojekt TALK! intensiver vorgestellt. Der Fotograf Tom Wagner porträtiert die Künstler, lässt ihnen den Ausdruck zukommen und diese verwandeln das stumme, gefühllose Bild in ein Kunstwerk, was einen Blick ins wahre Innere zeigt.

Auch wenn es natürlich viele emotionale Fotos gibt, so ist ein Portrait doch relativ ausdruckslos. Ziel ist, dass ein ehrliches Bild entsteht, welches einem Betrachter eines einfachen Portraits verborgen geblieben wäre. Ziel von TALK! ist es, einen Austausch über Gefühle und Gedanken anzuregen, über die man sonst nicht so offen reden würde: Probleme, Krisen, Suizidgedanken …

„Die Malerei ist nicht nur eine Sprache. Sie ist mein Auffangnetz unter meinem Drahtseilakt. Die Malerei ist etwas, was mich auffängt.“ – Lars Theuerkauff

Kann Kunst Leben retten?

Die zentrale Frage des Abends wurde anschließend in einer Gesprächsrunde erörtert. Moderiert von der RadioEins-Moderatorin Marie Kaiser, tauschten sich die Künstler Uli Aigner, Sarah Lüdemann, Lars Theuerkauff, Dan Harms und Tom Wagner aus. Das gesamte Gespräch wurde übrigens live auf der Facebook-Seite der Freunde fürs Leben übertragen, wo man es sich auch im Nachhinein ansehen kann.

Jeder von ihnen erzählt von seiner Kunst und was sie für ihn bedeutet – sei es nun Malerei, Fotografie, Töpfern oder auch Videokunst.

„Kunst hat viel mit Imagination zu tun, durch sie kann ich Geschichten erzählen und Kunst hat die Fähigkeit, depressive Gefühle rauszulassen bzw. diese zu einem Bild zu verarbeiten.“, erzählt die junge Videokünstlerin Sarah Lüdemann. Mit Hilfe der Kunst konnte sie anfangen, mit der Depression umgehen zu lernen. Zudem zeigte es ihr, dass die Depression längst nicht alles ist, was sie ausmacht.

Auch für den Berliner Künstler Daniel Harms ist Kunst ein Weg der Kommunikation – etwas, womit er sich, seine Gefühle als auch Gedanken ausdrücken kann.

Meine Bilder sind meine Tagebücher – in XXL. – Daniel Harms –

Letzten Endes ist der Foto-Apparat oder die Farbe für die Künstler das, was für den Musiker die Noten und für mich die Buchstaben sind – die Form der Kunst ist egal. Die gemeinsame Komponente und das Wichtigste überhaupt ist, dass sie ein Ventil ist. Dass sie das ausdrückt, „was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ (Zitat nach Viktor Hugo)

Insofern kann Kunst – Zeichenkunst, Musik, Fotografie, Videobearbeitung, Schreibkunst, etc. – natürlich Leben retten.

Als Künstler drücke ich mich aus und habe mein Ventil, wiederum andere finden sich darin wieder. Dies merken wir vor allem in der Musik – der unlängst verstorbene Linkin Park-Sänger Chester Benington hat in seinen Texten viele depressive Gefühle und traumatische Erlebnisse verarbeitet.

Die Musik war nicht nur rockig, sie war emotional und beinhaltete vor allem eine Message – jenseits von „atemloser Glücksgefühle in der Nacht„. Viele Menschen fanden sich in den Texten von Linkin Park wieder. So kannten sie z.B. auch das Gefühl, sich innerlich taub zu fühlen, doch durch das Lied wurde es auch ausgedrückt. So etwas scheinbar banales zeigt, dass es anderen ebenso geht. Das wichtigste: ein Mensch weiß, er ist mit diesem oder jenem Gefühl nicht alleine!

Ähnlich ist es mit den visuellen Künstlern – sie schaffen ein Sprachrohr für Tabu-Themen. In diesem Fall eines für Depressionen und Suizidgedanken.

Von positiven Dingen singen, schreiben und malen viele – wie brauchen aber auch Menschen, die hinter die Fassade blicken und vor allem jene Menschen, welche aus ihrer versteinerten Fassade einen Blick nach draußen wagen, sich öffnen und etwas von ihrem Inneren zeigen.

Dadurch kommen wir in einen Austausch, in ein Gespräch. Erst wenn wir offen darüber reden, aufgeschlossen und bewertungsfrei zuhören, können wir Vorurteile abbauen und Verständnis einander entstehen lassen. All dies ist der Grundstein für die Suizidprävention – dem Ziel von TALK!

Aber wie geht es denn nun weiter?

Am 10.09.2017 wurden 20 Portraits gezeigt, welche bis nächstes Jahr zu ausdrucksstarken Kunstwerken von den jeweiligen Künstlern umgestaltet werden. Auf weißen Blättern konnte man sich bzw. weitere Künstler vorschlagen, um an dem Projekt mitzuwirken. Wenn auch Du Interesse hast oder jemanden kennst, der bei dem Projekt mitmachen möchte, dann schau mal auf den Seiten der Freunde fürs Leben vorbei.

Denn Ende 2018 soll eine Gruppenausstellung mit 50 Kunstwerken präsentiert werden. In diesem Rahmen können die Kunstwerke auch erworben werden, deren Erlöse der gemeinnützigen Aufklärungsarbeit von Freunde fürs Leben e.V. zugute kommen.

Insofern bleibt es spannend, wie es weiter geht und was zwischendurch verraten wird – auf dem Laufenden und Informationen aus erster Hand gibt es auch auf der Facebook-Seite der Freunde fürs Leben.

Ich kann im Nachhinein sagen, dass die Preview zu TALK! auf jeden Fall eine sehr interessante Veranstaltung war und ich freue mich auch, mit dem ein oder anderen Künstler ins Gespräch gekommen zu sein.

Alles in allem bin ich offen gesagt jedoch auch etwas wehmütig, da die Aktion 600 Leben am Brandenburger Tor, welche in den vergangenen Jahren von U25 Deutschland und den Freunden fürs Leben initiiert wurde, doch sehr eindrücklich und bewegend war.

Einen kleinen Eindruck zu dieser Suizidpräventions-Aktion bekommst Du in meinem kurzen Video vom letzten Jahr: 600 Leben – Suizidprävention in Berlin am 10.09.2016

Nun, egal was es für Aktionen rund um Suizidprävention es gibt – am wichtigsten ist es, dass es welche gibt. Insofern bin ich schon gespannt, was es nächstes Jahr gibt und wie die finale Ausstellung von TALK! realisiert wird!

Vielleicht hast Du ja auch eine Idee, was man mal machen könnte? Sowas muss ja nicht immer nur zum Welttag der Suizidprävention und etwas ganz großes sein, schließlich ist Prävention von allen Dingen ein 24/7-Job und fängt vor allem im Kleinen an. Wenn Du eine grobe Idee oder auch einen konkreten Vorschlag hast, dann schreibe mir gerne einen Kommentar – ich bin gespannt 😉

Bildquelle: Freunde fürs Leben

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