Flüchtlinge

Traumatisierte Flüchtlinge und der Mangel an Therapieplätzen

In den letzten Wochen erschreckten mich immer mehr feindliche Posts gegen Flüchtlinge in Facebookgruppen, die sich vorrangig mit Depression, Angst, PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) und ähnlichen psychischen Krankheiten beschäftigen.

Nun hat vor ein paar Tagen tatsächlich jemand gefragt, ob irgendjemand Deutsches aufgrund seiner Traumatisierung Spenden erhalten hätte, freudig vom Jobcenter und den „Gutmenschen“ mit Geschenken und finanziellen Hilfen begrüßt wurde oder Wünsche von den Augen abgelesen bekommen hätte. Die Person war überzeugt davon, dass deutsche Traumatisierte ganz bewusst diskriminiert werden!

Ich war mehr als erschrocken über diese Worte! Vielleicht war ich zu naiv, als ich dachte, dass doch gerade psychisch Kranke tolerant und empathisch sein müssten, in Bezug auf das Leid anderer Menschen. – Doch das war also ein Irrtum!

Angeblich nehmen uns Flüchtlinge Therapieplätze weg

Vieles ist in Deutschland und seinem Gesundheitssystem nicht perfekt bzw. super ausgebaut, doch mal ehrlich – das wäre doch nicht anders, wenn die Flüchtlinge dieses Jahr nicht so zahlreich nach Deutschland gekommen wären.

Ein Hauptgrund in den ganzen Diskussionen war bzw. ist, dass die traumatisierten Flüchtlinge uns deutschen psychisch Kranken nun die Therapieplätze wegnehmen als auch die Plätze in Kliniken. Auch waren/sind einige der Meinung, dass das für die Flüchtlinge ausgegebene Geld hätte verwendet werden können, um unser Sozial- und Gesundheitssystem besser auszubauen.

Nun, ein Teil stimmt ja. Es gibt viele ehrenwerte soziale Projekte, die auf Fördermittel angewiesen sind und die zusehen müssen, woher diese kommen. Auch haben wir zwar im Vergleich zu anderen Ländern ein gut ausgebautes Sozialsystem mit Arbeitslosengeld, Kranken- und Rentenversicherung und Ärzte/Psychiater/Psychotherapeuten, die von den Krankenkassen bezahlt werden – doch wir müssen monatelang auf einen Therapieplatz warten, vorausgesetzt, es besteht überhaupt die Möglichkeit, sich auf eine Warteliste setzen zu lassen.

Doch das ein Arzttermin oder Krankenhausaufenthalt grundsätzlich verweigert wird, weil die Ärzte wegen der Flüchtlinge ausgebucht sind, dass kann ich einfach nicht glauben!

Jeder kann natürlich nur von seinen Erfahrungen erzählen, so auch ich:

Meine Therapeutin hat nach wie vor jede Woche für mich Zeit, mein Psychiater hat wie immer einmal die Woche eine Akutsprechstunde (ja, für uns Deutsche) und meine deutsche Freundin wurde vor drei Wochen notfallmäßig zeitnah in der Tagesklinik aufgenommen.

Von den Mitgliedern meiner Selbsthilfegruppe habe ich neulich erst erfahren, dass der Krisendienst und auch die Psychiatrien nach wie vor ein offenes Ohr oder aber auch ein freies Bett haben – für Deutsche in Krisen!

Nicht wir Deutsche werden wie Patienten zweiter Klasse behandelt, sondern die Flüchtlinge!

Viele von Ihnen sind durch Krieg, Gewalt, Folter, Flucht sehr stark traumatisiert und benötigen psychologische Hilfe. Mithilfe von Ehrenamtlern und Betreuern in Flüchtlingsunterkünften werden zwar Anträge für Psychotherapie gestellt, doch deren Bearbeitung dauert viel zu lange:

„Die Anträge müssten von qualifizierten Gutachtern geprüft werden. Bisher erhielten Flüchtlinge in den ersten 15 Monaten nur sehr „extrem eingeschränkte“ Leistungen.“ So sagte es der Bundespräsident der Psychotherapeutenkammer, Dietrich Munz, gegenüber dem Magazin Zeit im September diesen Jahres.

Auch der Spiegel schrieb im Juli diesen Jahres: „Die Versorgung von psychisch erkrankten Flüchtlingen sei „ohnehin schon beschämend schlecht“, so die Bundespsychotherapeutenkammer. Nur ein geringer Teil der behandlungsbedürftigen Asylsuchenden erhielte tatsächlich eine Psychotherapie.“

Zudem werden Flüchtlinge oftmals nicht direkt an die niedergelassenen Psychiater und Psychotherapeuten vermittelt, sondern in speziellen psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer versorgt!

Natürlich kosten all diese Leistungen Geld, was ja das nächste Hauptargument vieler Deutschen sind.

Laut dem Flüchtlingsgipfel in Berlin vom September 2015 übernimmt der Bund pro Flüchtling und Monat 670 €, vom Tag der Registrierung bis zum Ende des Asylverfahrens.

Damit ist natürlich noch nicht alles bezahlt, aber mir geht es jetzt auch nicht darum, jeden Cent aufzulisten – die findet jeder schnell über google! Nein, mir geht es darum, dass der Bund jedes Jahr sauviel Geld ausgibt, worüber sich kaum einer beschwert, also zumindest nicht so stark wie bei den Flüchtlingen.

Natürlich werden aus den Steuergeldern viele Ausgaben getilgt, die für die meisten von uns logisch sind: Straßen, Renten, Arbeitslosenunterstützung, Verwaltung, Sicherheit und so weiter.

Doch gibt es auch Ausgaben, die wirklich sinnlos sind, nach denen aber kein Hahn kräht:

Ein leuchtender Gullydeckel in Niedersachsen für 10.000 €, eine Friedhofs-App für 548.000 € oder eine Weinlounge für mindestens 850.000 € – so die Information laut dem Schwarzbuch für Steuerverschwendung vom September 2015 bzw. dem Bund der Steuerzahler e.V.

Deutschland ist also nicht arm, sondern hat Geld, welches nach falschen Prioritäten ausgegeben wird. Und ich frage mich, warum der Bau des Großflughafens BER in Berlin, der die Steuerzahler mindestens eine Milliarde Euro kostet, so hingenommen wird – gegen die Flüchtlinge aber immer und überall Hasstiraden zu lesen sind!?

Flüchtlinge sind eine Zielscheibe für Hassparolen – dabei sind es Menschen wie Du und ich

Menschen, die Hilfe und Untersützung benötigen – wie Du und ich.

Menschen, die einfach nur in Sicherheit mit ihrer Familie leben wollen – wie Du und ich.

Menschen, die vor Krieg, Hunger und Terror fliehen – anders als Du und ich.

Wenn sie dann hier jedoch auf Hassparolen und hasserfüllte Demonstranten treffen, dann begünstigt dies eine Retraumatisierung, so der Kinder- und Jugendpsychiater Enrico Ullman Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung!

Wir Deutschen haben das Glück, in einem Land wie Deutschland leben zu dürfen. Wir brauchen keine Angst zu haben, dass unser Haus plötzlich zerbombt wird, unsere Kinder zum Krieg eingezogen werden oder wir verschleppt werden.

Und jetzt sag nicht, dass wird noch so kommen, nur weil wir Flüchtlinge aufnehmen.

Das ist eine menschenunwürdige und –verachtende Unterstellung, die einfach nur rassistisch und diskriminierend ist!

Wer wirklich nur den Terror nach Deutschland bringen will, den halten auch keine schärferen Grenzen davon ab!

Zudem kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass das, was ich bisher an Gewalt und ähnlichem erlebt habe, nie von einem Ausländer ausging, sondern von Deutschen. Sei es Mobbing, eine Prügelei, ein Übergriff oder andere Beleidigungen!

Laut Anfragen der tagesschau.de bei Polizei und Innenministerien verschiedener Bundesländer bestehen keine Anhaltspunkte für einen überdurchschnittlichen Anstieg der Kriminalität, seit mehr und mehr Flüchtlinge ins Land kommen.

Und wer jetzt sagt, dass auch ich nur die Flüchtlinge sehe und die Obdachlosen unseres Landes vergesse – den muss ich enttäuschen: Gut erhaltene Kleidung spenden mein Freund und ich! Den Straßenzeitungsverkäufer vor „meinem“ Rewe frage ich jedes Mal, ob ich ihm aus dem Laden etwas mitbringen darf und zudem habe ich mal ehrenamtlich in einer Suppenküche ausgeholfen.

Was ich damit sagen möchte ist, dass man das eine tun kann ohne das andere lassen zu müssen.

Ich verstehe nicht, warum so viele Menschen gegen Flüchtlinge hetzen! Wem wird denn durch diese etwas weggenommen? Wer wird denn arm dadurch? Mir wurde beigebracht, dass man anderen Menschen in Not hilft. Auch ich bin froh, wenn mir jemand hilft, ohne mich vorher zu fragen, woher ich komme, welche Nationalität ich habe, welchen kulturellen Hintergrund, welchen Glauben!

Wir sind eine Welt und die gibt es nur einmal! Daher bleibt einfach mein „Warum?“!

Warum haben so viele Menschen Angst vor den Flüchtlingen, vor dem Fremden, vor dem Anderen, vor dem Unbekannten?

Bildquelle: imagebase.net

 

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Um ein bisschen Fröhlichkeit reinzubringen: Ich hab dich über den Kommentiertag im Oktober gefunden und… ich freu mich 🙂

    Die Frage nach dem „Warum?“ ist nicht leicht zu beantworten, weil das Thema so komplex ist. Es ist nicht die Angst vor dem Fremden. Es ist die Angst davor, dass sich der Staat, die Eltern, mehr um andere kümmert als um uns.

    Beim Thema „Kriegs-Trauma“ bin ich betrübt, weil ich nicht weiß, ob die Verantwortlichen dafür ausgerüstet sind. Es ist ja nicht nur die Sprachbarriere, sondern auch die Tatsache, dass der Krieg in Dtl. kaum eine Rolle spielt. Aber vlt. irre ich. Und es fehlt der Halt. Wir haben die Gesellschaft. Bei Flüchtlingen muss sich das erst aufbauen.

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    • Oh, dass ist ja toll – also, Dein erster Teil 😉

      Ich weiß nicht, meinst Du, wenn auf einmal noch mehr die deutsche Bevölkerung wachsen würde (weil jede deutsche Frau alle 2 Jahre vllt. n Kind bekommen), wäre es ähnlich? Weil – wer ist dieses „uns“? Gibt es Deiner Meinung nach so ein starkes deutsches Gemeinsamkeitsgefühl? Oder sind es nicht doch eher Vorurteile ggü. Ausländern?

      Bei den Verantwortlichen der Flüchtlingszentren weiß ich natürlich nicht, wie sehr sie ausgerüstet sind – doch ich habe gelesen, dass es speziell Trauma-Therapeuten sind, die für solche Krisen zuständig sind! Dieser Verein besteht ja auch schon seit 1997 und lt. Wikipedia ist dieser „… ein Zusammenschluss von Zentren, Einrichtungen und Projekten, die sich die soziale, psychologische und medizinische Versorgung und Behandlung von Flüchtlingen und Überlebenden organisierter Gewalt zur Aufgabe gemacht haben.“

      Kann man nicht dabei daran glauben, dass die auch speziell ausgebildet/ausgerüstet sind?

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