Trauer

Weil Trauer keine Grenzen kennt …

Über den Tod von geliebten Menschen zu schreiben, gar zu reden ist unglaublich schwer. Fast viel schwieriger ist es für mich, über den Tod eines Tieres zu reden und zu schreiben.

Mein Kopf sagt, ich darf traurig sein, doch in mir breitet sich ein Schamgefühl aus.

Wenn ich sage, dass ich über den Tod von zwei Menschen noch nicht hinweg bin, werde ich manchmal komisch angesehen – immerhin ist das nun schon fast 4 Jahre her. „Damit musst Du doch mal klar kommen!“ oder „Ihr geht es jetzt viel besser!“ sind Aussagen, die ich mir öfter anhören darf.

Wie reagieren erst Menschen, wenn ich über den Verlust eines Tieres unglaublich traurig bin?

Darf man da genauso traurig sein, wie beim Verlust eines Menschen? Wie viel Trauer ist da noch im Rahmen, um nicht zu sagen „normal“?

Gestern ist ein Frettchen von Freunden gestorben. Plötzlich. Unerwartet. Leise.

Und ich fühlte mich zurückversetzt zu dem Tag, an dem meine letzte Ratte starb.

Sie, die so viele Stunden mit mir geteilt hat. Sie, die mich zum Lachen brachte. Sie, die mir zuhörte. Sie, die sich in meinen Schal eingekuschelt hat. Sie, die mich lieb hatte, egal in welcher Stimmung ich war. Sie, meine erste von drei Ratten, die mich als letztes verließ. Sie, die ich gehen lassen musste. Sie, die ich am Ende erlösen lassen musste.

Schuldgefühle! Gerade wir, die wir Tier-Mitbewohner haben, stehen oftmals vor solchen schwierigen Entscheidungen – erlöst man das Tier von seinen Schmerzen oder schläft es von alleine ein? Hilft man dem Tier? Tötet man es?

Mit solchen Fragen ist man oft alleine. Mein Tierarzt hat mich zwar unterstützt in der Entscheidungsfindung, doch letzten Endes war ich diejenige, die alleine eine Entscheidung treffen musste. Vor allem, bin ich aber mit meinen Schuld- und Trauergefühlen alleine.

Auch wenn ich alle meine Gefühle mit meiner Therapeutin thematisieren als auch teilen kann, auch wenn mein Freund für mich da ist und ich mich bei ihm ausweinen kann – sie fühlen nicht so wie ich. Ich bin in meinem Gefühl alleine und es ist mir peinlich und unangenehm, sie zu haben, geschweige denn rauszulassen.

Es ist mir peinlich, stundenlang über meine zwei menschlichen Verluste zu weinen und zu verzweifeln. – Doch das waren wenigstens Menschen.

Bei einem Tier ist das Thema „Trauer“ noch mehr tabuisiert.

In mir löste der plötzliche Verlust von gestern auch die Angst aus, was passiert, wenn eines meiner drei Frettchen stirbt. Noch sind sie jung und wirbeln bei uns durch die Wohnung. Doch was ist, wenn …

Viele verstehen nicht, wie wertvoll eine Beziehung zum Tier sein kann. Dabei ist es eine ebenso wichtige und existenzielle Beziehung  wie zu manch einem Menschen. Für mich sind meine Frettchen nicht nur einfach kuschelige, quirlige Haustiere, die bei mir herum springen – es sind meine Kinder!

Sie haben sich in mein Herz gemuckert (so nennt man die Lautsprache bei Frettchen), füllen vielleicht auch ein Stück weit die Lücke, die meine Ratten hinterlassen haben.

Auch wenn sie mich nicht wörtlich verstehen, so hören sie mir zu ohne einen blöden Kommentar abzugeben – und ich fühle mich für einen Moment verstanden.

Gestern kuschelten sie an mich, als mich meine Tränen überfielen. Mindestens einmal am Tag bringen sie mich zum Lachen. Oft lenken sie mich von meinem Gedankenchaos ab.

Zudem verurteilen sie mich nicht wegen meiner Gedanken und Gefühle.

Von meinen tierischen Kindern fühle ich mich geliebt! So wie ich bin!

Vor allem sind sie, ähnlich wie meine Ratten damals, für mich eine große Unterstützung im Alltag.

Sie motivieren mich, diesen überhaupt erst mal zu beginnen. Haustiere sind für viele einsame und kranke Menschen nicht einfach nur ein tierischer Freund, sondern ein wichtiger Lebensunterstützer.

Meine Tiere verhindern zwar keine depressive Episode oder Angstzustände, aber sie wirken sich diesbezüglich präventiv aus. Für mich sind meine Haustiere Vorbilder – sie zeigen mir in ihrer Unbeschwertheit, wie schön das Leben sein kann. (Mehr dazu auch in meinem Beitrag „Mein Vorbild mit der kalten Schnauze“)

Durch meine Frettchen füllt sich mein Tag mit mehr Leben. Ich lache und lebe durch sie viel mehr.

Umso mehr schmerzt mich der Gedanke, dass auch sie einmal den Weg über die Regenbogenbrücke antreten müssen …

So vieles wird fehlen, was sie mir jetzt geben: ihre Liebe, ihre freudige Begrüßung, ihre seelische Wärme, ihr Trost in schweren Zeiten …

Tierliebe ist eine Liebe, die man nicht mit jedem teilen kann. Dies kann nur jemand verstehen, der ebenso fühlt – jemand, der ebenso lieben kann!

Und so versteht auch nur derjenige meiner Trauer, meinen Schmerz, meine Angst, der ebenso fühlen kann …

Bildquelle: pixabay.com

Kommentare (6) Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Nora,
    du schreibst mir aus der Seele. Ich habe mit 19 meine tierische „Schwester“ verloren mit der ich aufgewachsen bin. Der zweite Hund, meine beste Freundin, musste ich auch irgendwann gehen lassen. Ich wäre am liebsten mit ihnen gegangen, so schwer hat es mich geschmerzt. Meine 1. Frettchen bekam ich 1998 und habe bis heute schon mehrere meiner „Kinder“ verabschieden müssen. Es bricht mir jedes mal das Herz. Viele Leute belächeln das, es ist schließlich „nur“ ein Tier. Für mich haben Tiere nicht weniger Wert als Menschen. Ich kann deshalb auch keine Tiere essen.
    Seit 15 Jahren habe ich mit schweren depressiven Episoden zu kämpfen. Was mir die Kraft gibt nicht aufzugeben sind meine pelzigen Freunde. Es ist ein Geben und Nehmen. Ich gebe Abgabe-Frettchen, meist aus nicht artgerechter Haltung, ein liebevolles zu Hause, dass ich ganz mit ihnen Teile (Käfige sind hier tabu) und die Frettchen geben mir dafür Freundschaft, Freude, Spaß und Halt.
    An dieser Stelle möchte ich Loriot zitieren und ersetze das Wort „Mops“ mit „Tiere“: “ ein Leben ohne Tiere ist möglich, aber sinnlos.“
    Darf man für ein Tier trauern wie für einen Menschen? Meiner Überzeugung nach JA!
    Liebe Grüße von Anita und den Frettchen Bilbo (Billi), Amy (Amchen), Scotty (Scottl) und Trudy (Trüdchen)!

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  2. Pingback: Depression: Frische Luft ist manchmal schlecht | Aktuelle Nachrichten

  3. Liebe Nora,
    ich habe auch manchmal das Gefühl, dass meine Tiere mir mehr geben, als meine direkten Bezugspersonen es können. Ich denke, das liegt unter anderem daran, dass hier eine Verbindung entstehen kann, die so ganz ohne Bewertungen und Erwartungen ist. Das Verständnis für einander und die Liebe die hier entstehen kann ist so ohne Worte. Einfach weil man ohne Kompromisse geliebt wird – so wie man eben ist. Ich denke du weisst was ich meine.
    Auch meine Vierbeiner zaubern mir täglich ein Lächeln ins Gesicht und ohne sie möchte ich nicht sein. Ich werde immer „tierische Gesellschaft“ haben so lange ich lebe. Sie geben mir einen inneren Frieden, das habe ich bei Menschen so noch nicht erlebt.
    Umso schlimmer, wenn man sich verabschieden muss.
    Trauer braucht Zeit – egal wie lange – da gibt es doch keine Begrenzung. Die Erinnerungen aber bleiben und das gute Gefühl der ehrlichen Freundschaft oder Liebe zu ihnen. Und wenn der Abschied gekommen ist, nehmen sie einen Teil von uns mit sich.
    Sie werden immer einen Platz in unserem Herzen behalten.
    Wie andere darüber denken kann man sowieso nicht beeinflussen und schämen darf man sich auch nicht dafür.
    LG
    Andrea

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    • Liebe Andrea,

      wie recht Du doch hast! Vor allem hast Du es sehr schön beschrieben, dem ist nichts hinzuzufügen – und ich weiß, wie Du es meinst! 😉

      Was für Vierbeiner leben denn bei Dir?

      Antworten

  4. Ich finde deinen Beitrag sehr interessant. Habe mir diesbezüglich auch schon Gedanken gemacht, da mir immer wieder zwei extrem verschiedene Einstellungen zu Tieren begegnet sind.
    Zum einen die Sichtweise, dass Tiere einen Nutzen zu erfüllen haben. Und genau dafür gehalten werden. Zum Beispiel ein Bekannter von mir, der auf einem Bauernhof aufwuchs. Sie hielten unter anderem Schweine und er mochte diese und kümmerte sich um sie. Gleichzeitig wurde regelmäßig geschlachtet und das Fleisch der umsorgten Schweine wurde verkauft und zum Mittagessen serviert. Er sieht bis heute keinen Widerspruch darin. Er versteht bis heute nicht, wieso ich einen Hund habe.
    Zum anderen die Sichtweise, dass Tierbesitzer ihren Tieren gegenüber einen Nutzen zu erfüllen haben. Nämlich bedingungslose Ehrerbietung. Die Katze isst das Futter nicht auf? Sofort wird exklusives Gourmet Futter mit Azteken Gold im Internet bestellt. Der Hund braucht Platz zum Schlafen? Sofort kauert man sich am Bettende zusammen, um ihn nicht zu stören. Lieber selbst hungern, als dem Tier das Exklusivfutter nicht kaufen zu können. Lieber selbst Rückenschmerzen haben, als das Tier zur Seite zu schieben.
    Diese Leute verstehen bis heute nicht, wieso ich einen Hund habe und ihm Luxusfutter und mein Bett vorenthalte.
    Ich kann beide Sichtweise verstehen, auch wenn ich selbst keine von beiden teile.
    Ich denke, was am Ende zählen sollte, ist die Akzeptanz.
    Ein Mensch kann sein Haustier verlieren und darunter unglaublich leiden. Auch wenn andere Menschen, wie mein oben erwähnter Bekannter, dies selbst nicht so erleben würden, kann der betroffenen Personen trotz allem Mitgefühl und Verständnis entgegen gebracht werden.
    Andersrum sehe ich es genau so. Ein Mensch kann den Tod einer Person erleben, um die er – gesellschaftlichen Maßstäben nach – trauern müsste. Aber aus verschiedenen Gründen wird dieser Tod manchmal für diesen Mensch nicht als Verlust empfunden. Und das sollte man genau so akzeptieren.
    Manche Lebewesen bedeuten Menschen mehr als andere. Völlig unabhängig davon, ob es sich dabei um Tiere oder Menschen handelt.

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    • Hi Alice,

      also, ich teile Deine beiden vorgestellten Sichtweisen auch nicht. Zum einen sehe ich Tiere nicht als Nutztiere und ernähre mich vegan. Und zum anderen verwöhne ich zwar gerne mal meine Kleinen, aber das auch nur in Maßen. Gut, wenn ihnen bestimmtes Fleisch nicht schmeckt, dann wird es nicht wieder gekauft. Aber das finde ich voll okay. Zumal wir Frischfleisch kaufen und nichts von irgendeiner Marke!

      Und ja klar, Akzeptanz ist das Zauberwort. Das wünsche ich mir auch mehr von manchen Menschen aus meinem Umfeld. Und manchmal eben auch von mir – akzeptieren, dass ich so fühle wie ich es nun mal tue …

      Liebe Grüße,

      Nora

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