Wie ich meiner letzten Depression entkam

Es war die zweite probatorische Sitzung bei meiner Therapeutin, als sie mich fragte wie es mir geht, was die Symptome meiner Depression machen bzw. ob ich mich depressiv fühle. – Mir wurde bewusst, dass ich mich vordergründig ängstlich, minderwertig und permanent angespannt fühle. Doch diese Symptome gehören zu meiner Angsterkrankung und nicht zu meiner Depression. Nein, depressiv fühle ich mich derzeit nicht!

Was ist passiert?

Vor etwa vier Wochen hatte ich einen Termin bei meinem Psychiater. Bereits seit einigen Wochen arbeitsunfähig geschrieben, wusste ich einfach nicht, was ich an meinem Alltag ändern sollte oder konnte, damit es mir endlich mal besser geht. Antriebslosigkeit, Schweregefühl und Grübeleien bestimmten meinen Alltag. Selbst einfachste Entscheidungen zu treffen erschien mir nahezu unmöglich.

Sollte ich mich weiter dem Kontakt mit Menschen stellen? Mich also mit meiner Angst und anhaltenden Anspannung auseinandersetzen? Oder ist es jetzt vielleicht „richtiger“, dass ich meinem Bedürfnis nach Ruhe und dem Allein-Sein nachkomme und mich in meiner Höhle zu Hause verkrieche? Meine ewige Gradwanderung zwischen Selbstfürsorge und Vermeidungsverhalten …

„Probieren Sie sich aus!“, meinte er, „Solange Sie krankgeschrieben sind und keine Verpflichtungen haben, nutzen Sie die „Narrenfreiheit“ und testen Sie aus, was Ihnen gut tut. Und wenn Sie meinen, Sie wollen die nächsten 3 Wochen im Bett liegen bleiben, dann machen Sie es und schauen, was passiert!“ – Ungläubig sah ich ihn an. Er, ein renommierter, erfahrener Psychiater, rät mir im Bett liegen zu bleiben, wenn mir danach ist???

Na, nun nimmt er mich aber auf den Arm. Das ist ja wohl einer der schlechtesten Tipps, den man einem Depressiven geben kann … oder doch nicht?

Mich störte etwas … Ich wollte etwas …

Ziemlich verwirrt ging ich nach Hause. Drei Tage später lag ich wirklich für über eine Woche im Bett. Aber nicht, weil ich das so für mich ausprobieren wollte, sondern weil ich eine Grippe bekam. Bettruhe stand also auf dem Plan. Die ersten 4/5 Tage habe ich fast nur geschlafen. Danach die Zeit konnte ich immer noch nicht viel machen, wie das bei einer Grippe halt so ist, doch mein Kopf wurde wacher.

Das ich gezwungen war, so nichts machend im Bett zu liegen, störte mich. Und dieses Stören war sehr gut und hilfreich! Denn dadurch wurde mir bewusst, dass ich etwas anderes möchte – eine der wichtigsten Erkenntnisse in einer Depression: etwas von sich aus wollen! Ich hatte Lust, mit meinen Tieren zu spielen, mit meinem Freund spazieren zu gehen oder mich mit kreativen Schreibübungen auseinanderzusetzen … Stopp – Schreiben! Da war doch mal die Idee von einem eigenen Blog …

Entwicklung von Plänen und Zielen

Als man mir vor etwa einem dreiviertel Jahr eine ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung diagnostizierte, dachte ich das erste Mal daran, einen eigenen Blog zu schreiben (siehe auch: Warum der Blog). Dem war ich damals nicht weiter nachgegangen aufgrund anderer (somatischer) Erkrankungen und meiner ehrenamtlichen Tätigkeit.

Doch vor ein paar Wochen, wie ich nur so rumlag, wachte der Wunsch erneut in mir auf. Und so spann ich mir in meinem Kopf meine Ideen und Entwürfe zurecht. Und je mehr ich mich mit diesem Gedanken beschäftigte, desto mehr wollte ich auch anfangen.

In meinem Kopf hat es Klick gemacht. Ich hatte einen Plan, ein Ziel und wusste was ich wollte. Zurück im Grippe-freien Modus schaffte ich es sogar, früh um halb acht aufzustehen, denn ich wußte wofür. Am Rechner durchforstete ich sämtliche Blog-Ratgeber, probierte mich an einer Testdomain aus um zu erfahren, ob ich mit dem ganzen technischen Hexenwerk überhaupt zurecht komme und schaute mir unzählige Designs und Plugins an. All das, was man halt für ne Homepage so braucht.

Erfolgserlebnisse und das Gefühl von Lebendigkeit

Mich gezielt mit der Thematik einer eigenen Internetseite auseinanderzusetzen machte mir total Spaß. Das wurde mir bewusst, als ich schon fast „gerne“ früh um halb acht aufstand und es schade fand, dass der Tag so schnell vorbei war. Und nein, es war nicht alles so leicht, wie es vielleicht den Eindruck erweckt. Selbstzweifel tauchten zwischendurch immer mal wieder auf. Vor allem, wenn ich aus technischer Sicht nicht weiterkam.

Allein für das Erstellen eines Kontaktformulars brauchte ich fast fünf Stunden. Was habe ich an Anleitungen gelesen (noch dazu auf Englisch, was nun überhaupt nicht mein Fall ist) und mich mit Leuten aus entsprechenden Foren darüber ausgetauscht. Und dann fand ich die eine Erklärung und das Kontaktformular funktionierte. (Du darfst es hier gerne selbst überprüfen 😉 )

Mann, was habe ich mich gefreut, ja sogar ein bisschen stolz war ich auf mich. Immerhin bin ich in Sachen Internetseiten erstellen totaler Laie. Und auch im Blogschreiben bin ich absoluter Anfänger. Aber das ist egal. Von vornherein habe ich mit mir vereinbart, dass es mir egal sein muss, wenn dieses „Projekt“ nach ein paar Wochen oder einem Jahr doch nicht funktioniert. Sei es, weil ich es aus technischer Sicht nicht schaffe oder weil mir das Schreiben vielleicht doch nicht so gut tut, wie ich es derzeit glaube.

Doch bis jetzt motiviert mich mein Blog total. Es ist meins. Mein Blog. Mein Projekt. Meine Entscheidung. Ich ganz allein habe die Seite aufgebaut, ohne Hilfe von Freunden oder meinem Partner (Unterstützung übers Internet lasse ich mal außen vor!). Ich allein habe die Entscheidung getroffen, welches Design ich verwende, wie ich das Seitenmenü anordne und über welche Themen ich schreibe. Das die Entscheidungsfindung zu einzelnen Bausteinen mehrere Tage bis hin zu zwei Wochen gedauert hat, ist unwichtig.

Wer einmal nur in einer Depression steckte, weiß, wie schwierig es sein kann, sich überhaupt für irgendetwas zu entschließen. Und ich habe es geschafft. Wie gut oder wie schlecht, ist eine andere Frage, die ich übe zu vermeiden – ich versuche, den guten Wolf in mir zu füttern.

Mit dem Blog stehe ich nun nicht mehr nur reglos auf der Rolltreppe meines Lebens, sondern laufe ein paar Stufen der Treppe selbst. Ich mache etwas, bewege mich, bin aktiv. Das ist anstrengend, ja, und doch fühlt es sich gut an. Vor allem wenn ich etwas geschafft habe – wie jetzt zum Beispiel, da der Beitrag hier fertig ist. Ein kleines Erfolgserlebnis. Ich habe etwas geschafft, ganz allein.

Und das … fühlt sich lebendig an!

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Wunderbar. Ein ehrlicher und aufrüttelnder Beitrag. Ich persönlich kenne Depressionen nicht aus der persönlichen Erfahrung, ich habe den Verlauf dieser Krankheit aber bei meiner Oma begleiten dürfen. Daher würdige ich solche ehrlichen und vor allem selbstkritischen Beiträge besonders, – diese Ehrlichkeit mit sich selbst ist nicht selbstverständlich.

    Es freut mich, dass Du mit Deinem Blog etwas gefunden hast, an dem Du Dich selbst motivieren kannst, etwas was Dir eine Stütze ist. Zumal ich als treuer Leser ja auch letzten Endes davon profitiere! 😉

    Ich wünsche Dir auf jeden Fall weiterhin diese Kraft und Motivation, Deinen Weg weiterzugehen.

    Liebe Grüße,
    Patrick

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    • Vielen Dank für Deine lieben Zeilen, Patrick!

      Deine Aussage, dass Du den Verlauf der Depression bei Deiner Oma begleiten durftest finde ich nicht nur interessant sondern zutiefst beeindruckend. Durftest? Wie viele würden eher von einer Last sprechen, die sie mit durchgestanden haben. Aus Deinen Worten fließt viel Würde und Empathie für Deine Oma und ihre Krankheit – und das finde ich nicht selbstverständlich und echt stark!!!

      Die Sache mit dem profitieren – es ist toll, wenn Du und vielleicht auch andere Leser aus meinen Texten etwas für sich mitnehmen können. Für mich ist der Blog ein Fenster zu meinem inneren Erleben, durch welches andere reinschauen dürfen. Es sind persönliche Einblicke, damit doch mal irgendwann mehr Verständnis für psychische Krankheiten besteht.

      Nur bitte nicht missverstehen – ich schreibe hier ganz egoistisch von mir, meinem Denken, meinem Fühlen und meiner Krankheit – es ist kein Ratgeber! Vielleicht zeigt der ein oder andere Text, wie man mit psychisch Kranken umgehen könnte – doch keinesfalls ist es ein sollen. Dass, was mir hilft und gut tut, kann für andere gegenteilig wirken. Alles kann richtig und falsch sein – aber vielleicht habe ich Dich jetzt auch einfach nur fehlinterpretiert!?

      Beste Grüße,
      Nora

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