Wie mein Speckstein mir hilft, mich mehr wertzuschätzen

Während meiner Zeit in der Tagesklinik im Sommer 2015 hatte ich drei mal die Woche Ergotherapie. Hierbei gab es die Auswahl zu stricken oder mit Ton und Speckstein zu arbeiten. Vor mir ein Stück Speckstein liegend, war ich total unmotiviert, blickte alle paar Minuten auf die Uhr und fieberte dem Ende der Stunde entgegen.

Ich wusste überhaupt nicht, was ich hier machen wollte, hatte keine Idee, keinen Plan, kein Ziel. Ich fühlte mich nur unter Druck gesetzt, weil ich ja irgendwas machen musste. Meine Begeisterung für diese Therapie-Einheit hielt sich somit arg in Grenzen.

Planlos folgte ich irgendwelchen inneren Impulsen. Ich feilte, sägte und bohrte wahllos Löcher in den Stein und dachte permanent „Schön ist irgendwie anders!“ Und zack, brach mir eine Ecke ab. Na toll. Ich war innerlich so aufgebracht und wütend, am liebsten hätte ich den Stein gegen die Wand geschmissen, damit er richtig zerschmettert und kaputt geht. Aber nein, so impulsiv bin ich dann doch wieder nicht. Lieber schlucke ich meine Wut und Tränen herunter.

Verstohlen schweifte mein Blick auf die Werke meiner Mitpatienten. Alle hatten ein Ziel vor Augen, was aus ihrem Stein oder Ton einmal werden sollte – eine Skulptur, ein Amulett, ein Aschenbecher … Mir selbst gefiel nicht unbedingt deren Plan, doch ich war beeindruckt davon, dass sie überhaupt einen hatten.

Ja, offen gesagt, ich war neidisch auf die anderen mit ihrem Ziel vor Augen. Ich wollte auch einen Sinn in meiner Arbeit am Speckstein sehen, eine Bedeutung sollte dieser haben. Wie gerne hätte auch ich mich auf die Ergo-Stunde gefreut, motiviert an meinem Projekt gearbeitet, um am Ende mit meinem Werk zufrieden sein zu können.

Mein Stein – mein Leben

Aber nein … da ist nichts … ich konnte von meinem durchlöcherten Stein nur Parallelen zu meinem Leben ziehen, in welchem ich planlos umher irre, ohne ein Ziel zu verfolgen. Mein Leben, das ich leben muss, welches mir so oft bedeutungslos erscheint und was ich in mancher dunklen Stunde gerne kaputt gemacht hätte.

Von mir selbst genervt, werkelte ich die nächsten Stunden weiter an meinem Stein herum. Doch irgendwann musste ich ein Ende finden – wenn ich noch weiter Löcher gebohrt und an den Ecken gefeilt hätte, wäre bald nichts mehr von ihm da gewesen. Also fing ich an, die Oberfläche des Steins glatt zu feilen. Und was für eine Überraschung, der Stein sah total langweilig aus. Er war einfach nur komisch grün, hässlich, unpraktisch … nichts besonderes – wie ich!

Zwei Tage später erklärte ich den Stein für fertig, es gab an ihm einfach nichts mehr zu tun. Und während er so vor mir lag und ich ihn missmutig und abwertend ansah, zeigte er mir seine kleinen, nahezu unscheinbaren Seiten.

Er war nicht einfach nur komisch grün und fad. Er wies eine kleine leichte Maserung auf, die ich nie beachtet hatte. Und er fühlte sich wunderbar schmeichelnd glatt und weich an.  Und mit dem braunen Band, was den Stein und seine Löcher zusammenhielt, sah er doch eigentlich ganz nett aus … – nun ziehe noch einmal Parallelen zu Deinem Leben, Nora!

Einzigartigkeit liegt im Detail

Mein Stein ist wie ich! Er ist nicht Teil eines großen monumentalen Bauwerks und doch ist er auf seine Weise schön, einzigartig und für jemanden wichtig – für mich. Mittlerweile mag ich meinen von Abnutzungserscheinungen gezeichneten, durchlöcherten, kantigen Speckstein sogar. Er hat mir gezeigt, wie oberflächlich ich mir gegenüber doch bin und er erinnert mich daran, dass Einzigartigkeit oftmals im Detail liegt.

Ihn so zu akzeptieren wie er ist, war für mich der erste Schritt in die Richtung, mich selbst anzunehmen und wertzuschätzen.  Neben all den vielen großen Dingen, die ich weder bin noch kann, gibt es auch in mir kleine, wertvolle Schätze! Daran versuche ich zu glauben!

Ich sehe sie nicht auf den ersten Blick, ähnlich wie die Maserung meines Steins! Doch sie sind da – ähnlich wie die Maserung meines Steins!

In dieser Weise hilft mir mein Speckstein, mich in Selbstakzeptanz und Selbstwertschätzung zu üben. Solange, bis ich mich selbst achte, meine Maserungen erkenne und zu mir stehe, so wie ich bin – mit meinen Fehlern, Ecken und Kanten.

P.S.: Die restlichen Ergotherapie-Stunden lernte ich tatsächlich stricken und betrat damit einen Pfad, mit der mir fehlenden Liebe umzugehen … aber dazu ein andermal mehr!

 

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Nora,
    dein Speckstein erinnert mich an „Batman“:))
    Seine Überlegenheit basiert auf Intelligenz, Willenskraft und hartem Training und auch ein bisschen auf technische Hilfsmittel.
    Ich habe in der Ergotherpaie mein Herz für die Bildgestaltung mit Acrylfarben entdeckt. Was mich besonders umgehauen hat ist, dass ich eine große weisse Fläche vor mir hatte und keinen Plan hatte was ich machen wollte. Ich habe einfach angefangen und mich dann von meinen Gefühlen leiten lassen. Das Ergebnis waren tolle, abstrakte Bilder. Ich war innerlich erfüllt, hatte die Anerkennung meiner Mitpatienten und in mir wuchs ein unbeschreibliches Gefühl der Zufriedenheit. Da wurde ein Ventil geöffnet. Dieses Gefühl war so erfüllend, dass kannte ich noch nicht. Das werde ich weiter machen. Wir mögen keine einfachen Menschen sein.
    Aber Willenskraft, Intelligenz und hartes Training ist ja mal kein schlechter Anfang um sich auf den Weg zu machen….:)) Darum werden wir irgendwann Frieden mit uns selbst schliessen.
    Ich bin auf dem Weg…..und die Erkenntnis wächst.
    Für alle hier wünsche ich, dass ihr eueren Weg findet.
    Liebe Grüße
    Andrea

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    • Hach, an Batman hatte ich ja in dem Zusammenhang noch gar nicht gedacht *grins

      Das mit dem Bild klingt voll toll! Vor allem ist es beeindruckend, wie Du es geschafft hast, Dich von Deinen Gefühlen leiten zu lassen. Du schreibst „Du hast einfach angefangen …“ – ich finde bzw. fand das damals in der Kunst- und Ergotherapie überhaupt nicht einfach! Dieses Anfangen und Gefühle rauslassen …

      In verschiedenen Situationen würde ich Dir recht geben, dass mit Willenskraft, Intelligenz und hartem Training man etwas erreichen kann – nur beim Beispiel Depression passt es einfach nicht :/ Das hat nichts mit Willenskraft zu tun!

      Auch die Sache mit der Intelligenz … ich habe in der Tagesklinik auch mal zwei, drei Leute kennengelernt, die jetzt nicht die Fähigkeit hatten, Zusammenhänge zu erkennen oder gut sich und ihr Leben reflektieren konnten! Dennoch hatten sie ihre Erfolge in der Kunst-/Ergotherapie … werden weniger intelligente Menschen langsamer „gesund“? Vllt. haben sie auch die Eigenschaft, sich über Kleinigkeiten eher zu freuen als diejenigen, die über jeden Ast und Zweig stundenlang nachdenken und rumphilosophieren müssen …

      Wie dem auch sei – Du bist auf dem Weg und das ist toll! ich wünsche Dir weiterhin wachsende Erkenntnisse und alles Gute 😉

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