Würde

Würde – für Depris die Hälfte

Offen, authentisch, ehrlich, berührend, mutig, expressiv – Cooker Elb schreibt auf seinem Blog Depri – B Log Buch über seine Erfahrungen mit Depressionen, anderen Menschen und dem Leben. Ich freue mich sehr, dass er heute als Gastautor bei mir zu Besuch ist und offen über Würde, Depressionen und Besuche beim JobCenter und der Tafel spricht.

Stationen einer Reise mit Depressionen

Depri-B Logbuch, 08. Juli 2017, 15:45 Uhr, Elb 7, gerade als ein Schauer den Julisommer ertränkt

Ich muss meine Erfahrungen immer wieder schreibend verarbeiten. Dabei laufe ich Gefahr, sie dadurch zu zementieren, auch die Muster darin. 

So vieles habe ich schon komplett runter gefahren in meinem jetzigen Leben. Schreiben zu lassen, geht nicht, denn es lindert ein wenig.

Falling down naked oder: Du willst Money vom Staat!

Was ist bloß los mit mir? Dauerkopfschütteln. Über mich selbst. Immerhin schaffe ich es aus dem Bett, in die Klamotten, in die Schuhe, aufs Fahrrad … und zum Jobcenter.

Diese Woche steht im Zeichen des ALG-II-Antrages, denn bei der Agentur wurde ich rausqualifiziert: „Kannst du nicht 15 Stunden, können wir hier nix mehr für dich tun. Raus! Aufhebungsbescheid.“

Okaaaayyy. Was jetzt? Noch zwei Wochen zur nächsten Miete.

Plan A – wieder ein Job …

Job besorgen… jedoch landen alle meine Versuche in der Erschöpfung.

Und in Selbstzerfleischung: „Du kriegst nichts hin.“

Und in Minderwertigkeitsgefühlen: „Was kann ich schon?“

In sozialem Rückzug.

Irgendwann meldet sich dann die Seele … an Mensch:

„Spinnst du? Komm runter, ach, ich helf‘ dir dabei!“ Und schwupps zieht sie die Reißleine und streckt mich im vollen Lauf nieder.

Das ist soooo anstrengend. Immer wieder dieses Versuchen, immer wieder dieses Ausgebremstwerden.

„Du musst es annehmen, dann wird es besser.“ Okay. Kein Problem. „Es annehmen“ – leichteste Übung – f***!

Plan B – Jobcenter

Immerhin lebe ich in einem Sozialstaat. Der prüft, ob ich von ihm Unterstützung bekommen kann. Vor Ort sind diese vielen, vielen Menschen … „in besonderen Lebenslagen“.

An der Eingangsschleuse geduldiges Warten. Warum eigentlich? Vielleicht weil jede/r merkt, dass die zwei Damen an der „Rezeption“ sich redlich um Zügigkeit bemühen. Irgendwie gerecht.

Ironisch ist dann schon ein Hinweis, frei wieder gegeben:

„Wenn’s dir langweilig wird, nutz‘ doch die Zeit schon mal für die 40 Formulare, die wir dir hier schon mal zur Verfügung stellen.“

Ich habe das vage Gefühl, dem wahren Leben ins Gesicht zu schauen. Ein jede/r trägt hier sein Päckchen mit sich rein. Doch alle wirken irgendwie geplättet, gebeugt, gebrochen. Viele sind angespannt, tippeln mit dem Fuß, knabbern an den Nägeln oder wischen sich alle paar Sekunden die Haare aus dem Gesicht. Mir läuft der Schweiß und die Nähe so vieler Menschen beengt mich.

Ich sehe hier jedoch keine/n, dem es leicht fällt, sich in diesen Alg-II-Antrags-Marathon zu begeben.

Seien es nun die Frührentner, die zahlreichen Muttis mit ihren Steppken, Menschen mit Handicaps, Junkies, Einwanderer, Gescheiterte, in der Seele erkrankte … sie alle stehen an für ein kleines Stück des Teilhabe- und Versorgungskuchens, den unsere Gesellschaft dankenswerterweise (keine Ironie – ernst gemeint!) bereit hält.

Eine Wolke der Verzweiflung und Wut schwebt über allem.

Ich mache mir wieder bewusst, dass mir hier geholfen werden kann, meine Wohnung nicht zu verlieren und meinen Unterhalt auf geringer Ebene zu haben. Durchatmen.

Vor mir blökt ein Mensch mit geringen Deutschkenntnissen die Mitarbeiterin an. Das Wenige, was ich verstehe, weckt vor allem ein Gefühl in mir: Der Mann ist verzweifelt … und wütend … und das muss alles mal raus. Er fühlt sich ungerecht behandelt und ist überfordert.

Ein Wachmann nähert sich dem Geschehen.

Doch ich erklimme die Stufen zum Erstkontakt zur Aufnahme grundlegender Daten.

Mir ist schwindlig.

Auffangnetz vs. Bürokratie

Ich betone ausdrücklich wie dankbar ich als chronisch Depressiver bin, dass ich in Deutschland lebe.

Hier gibt es ein Auffangsystem: Krankengeld, Arbeitslosengeld, Sozialkaufhäuser, Tafeln, Anlaufstellen und Beratungsstellen, Beratungshilfeübernahme, Psychiatrische Kliniken, Reha-Kliniken, Jobcenter, EU-Rente.

Ein sehr dichtes Netz – und ich möchte die unendlich vielen empathischen Ehrenamtlichen nicht vergessen!

Was mir jedoch immer wieder gewaltig aufstößt, ist die Begegnung mit der Bürokratie dieser Verwaltungsapparate.

Wenn mir das Gefühl vermittelt wird, ich müsse mich nackt machen. Wenn ich vom Staat vollkommen durchleuchtet werde. Wenn stets die Verteilungsgerechtigkeit über allem schwebt.

Wenn sich dann bei mir das Gefühl einstellt, ich werde auf Herz, Nieren, Kontostand und Gesinnung geprüft. Auf dass ich den Staat nicht um EUR 21,50 bescheiße.

Wenn ich Mitarbeiter/innen begegne, die mir das Gefühl geben oder zumindest in mir wecken, ich griffe in seine/ihre Tasche.

Eine ging tatsächlich mal soweit, ich müsse sicher stellen, dass ich IHR (als Vertreterin des Landes Niedersachsens, was sie aber nicht sagte) soviel zahle wie möglich. Ich schaute sie heftig irritiert an und wies sie höflich auf ihre Stellvertreterfunktion hin.

Es geht mir um Würde.

Würde der Schwachen und Geschwächten.

Es geht mir auch ums Verstehen:

Wie kann es sein, dass für ein Ereignis wie G20 Millionen im dreistelligen Bereich ausgegeben werden, während Oma Meier das Geburtstagsgeschenk, den Fuffi von ihrer Tochter, angeben müsste?

Und wie es kann es sein, dass Radioreporter von Radio Hamburg wie so viele andere den Ausdruck „die wichtigsten Menschen der Welt“ verwenden.

DAS GEHT GAR NICHT. Der wichtigste Mensch bist du, bin ich, ist mein Kind, meine Partnerin, die Kassiererin im Supermarkt, der alkoholisierte Bettler in der Fußgängerzone und und und.

JEDE/R VON EUCH

Würde gefordert – egal ob beim JobCenter, im Bundestag oder bei der Tafel!

Depri – B Logbuch, 29.6.2017 , Elb7, 13:12 Uhr, Down under up and around … das stumme Schreien der Entwürdigten

Ich komme auf einen großen Hof, der von mehreren modernen Gebäuden umgeben wird. Eine Schlange von rund 30 Menschen steht in der sommerlichen Wärme und diesigen Sonne.

Ich erfahre, dass sie alle auf die Vergabe der Nummern warten: der junge Rollstuhlfahrer, die würdevolle frisch frisörte kräftige Mittfünfzigerin, etliche ältere Herren, einige jüngere, ganze Familien, auch nichtdeutscher Herkunft.

Ich wage mich an der Schlange vorbei zur Tür und erfahre dort, dass ich mich für die Antragstellung für die Erteilung einer Berechtigungskarte (Deutschland und seine Bürokratie) nicht anstellen muss. Ich erhalte die Nummer 5.

In der folgenden halben Stunde verlängert sich die Schlange, während ich neben der Tür stehe und mich über die entspannte Atmosphäre wundere. Ein gelassenes Geplapper liegt über dem Platz, manchmal ein Lachen, doch auch der eine oder andere ernste Ausdruck auf den Gesichtern.

Alle haben Taschen, Einkaufswägelchen, Tüten dabei.

Kinder rennen umher. Ein kleines vielleicht höchstens dreijähriges Mädchen mit dunklem Haar und einem Rucksack auf dem Rücken so groß wie sie selbst, rennt unentwegt umher und bringt ihre in der Schlange wartende Mutter ins Schwitzen.

Ein ehemaliger Mit“insasse“ aus dem Psychiatrischen Klinikum erscheint mit seiner Freundin. Auch diese beiden haben kräftig körperlich angebaut. Wie kommt das eigentlich, dass Menschen die wenig Geld haben, plötzlich und schnell so aufquellen? Medikamente? Billige ungesunde Lebensmittel? Frustalkohol?

Die Tickets werden endlich AUSGELOST. Ein allgemeines Abschätzen beginnt, wie viele Stunden wohl in den Tag ziehen werden, bevor die Tasche gefüllt wird.

Viele holen sich Stühle aus dem viel zu kleinen Saal, wo ein Quartett älterer, lebensgezeichneter Männer sich dem Kartenspiel hingibt.

Auf dem Hof stellt sich Warteatmosphäre ein. Alle sind geduldig. Das Losverfahren wird wohl als gerecht empfunden.

Was auffällt, sind Vereinzelte am Rand, deren Blick immer wieder nach unten geht, wie als drücke die Scham den Kopf in die Tiefe.

Andere Grüppchen bilden sich: ausländische Tafelisten auf heraus geholten Stühlen in Kreisen unter einem Bäumchen, deutsche nach Frührentnern aussehende Männlein und Weiblein aufgereiht in einer wohl sonst kaum zu ertragenden Nähe auf der einzigen Bank weit und breit.

Als ich nach einiger Zeit nachfrage, erfahre ich, dass ich schon aufgerufen wurde. Ich müsse mich doch nah an die Tür stellen und so. Mein Hinweis, dass ich die ganze Zeit dort stand, tut nichts zur Sache. Ich komme schnell dran und werde eingelassen ins Paradies der aufgestapelten Brotmassen und sonstigen Lebensmitteloasen.

Kaum auszudenken, dass dies alles Ware ist, die ansonsten im Container gelandet wäre.

Ich weise mich aus, belege mit Rentenbescheid und Mietvertrag meine finanzielle Lage und erhalte den Ausweis.

Ich erfahre die Spielregeln und vor allem: „Bringen Sie Zeit mit!“ In dieser Lüneburger TAFEL seien über 4000 Teilnehmer (Lüneburg hat etwas mehr als 70.000 Einwohner). An einem Tag wie dem vorgestrigen kommen an die 400 von ihnen in Bedürftigkeit.

Die zahlreichen energischen Ehrenamtlichen, vor allem Frauen, erholen sich am Rande vom Vorbereiten der Ausgabe der Lebensmittel. Küchenwäsche wird aufgehängt. Zigaretten geschmökt.

Die Ausgabe selbst werde sich über ca. 5-6 Stunden hinziehen, meint die Leiterin. Es komme natürlich immer darauf an, was gespendet worden sei. Wenn wenig oder nichts da sei, nun ja.

Tatsächlich gibt es ja viele Menschen in unserer Gesellschaft, die durchaus der Meinung sind, dass Sozialhilfeempfänger, allein erziehende Mütter, Obdachlose, Asylbewerber, sonstige in „Not“ geratene Menschen, seelisch aus der Bahn Gekommene, Witwen, Frührentner und Rentner, dass all diese Schmarotzer seien.

Dass diese Schar der Unterprivilegierten dem Staat auf der Tasche liege, wie Blutegel an ihrem Wirt. Dass die doch einfach nur mal was tun müssten. Ihren A… hochkriegen. Sich zusammenreißen. Nicht nur abkassieren.

Alle diese Überzeugten, die zudem das Gefühl haben, ihre Sozialbeiträge in den Topf der Solidargemeinschaft landeten direkt in den Schlünden dieser Sozialmissbraucher, lade ich zu einem gemütlichen Wartenachmittag in frag-würd(e)-iger Umgebung ein.

Mitgefühl, Respekt, Wertschätzung, zumindest der Versuch zu verstehen, warum ein jeder so handelt wie er es tut, halte ich für eine zumutbare Erwartung an jeden von uns.

So kann sich Würde entfalten.

Würde, die unserer Wertegemeinschaft als oberstes Gut „unantastbar“ voran steht.

© Cooker Elb

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Bildquelle: Cooker Elb

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