Selbsthilfegruppen

Zusammen und nicht allein – Selbsthilfegruppen

Ich gebe zu, anfangs war ich total skeptisch und überhaupt nicht davon überzeugt. Nun bin seit 8 Monaten selbst engagiert dabei – in Selbsthilfegruppen.

Was Selbsthilfegruppen (nicht) sind

Auch ich musste mir anfangs darüber klar werden, dass Selbsthilfegruppen nicht identisch mit Gruppentherapie sind. Es gibt keine fachliche Anleitung, also keinen Therapeuten, Psychiater oder Coach. Zudem ist es keine Anlaufstellen für akute Krisen.

In Selbsthilfegruppen treffen sich Menschen, die genauso von der Krankheit betroffen sind wie Du und ich. Für alle möglichen Krankheiten gibt es Selbsthilfegruppen – für Depression, Angst, Borderline, Sucht, Essstörungen und natürlich auch für sämtliche körperliche Krankheiten. Zusätzlich gibt’s viele Angehörigengruppen, in denen sich Partner, Eltern, Kinder über das Zusammenleben mit ihren betroffenen, kranken Mitmenschen austauschen.

Die Betroffenen, die sich in Selbsthilfegruppen zusammenfinden, haben alle den Willen, sich selbst helfen zu wollen und somit ein Stück mehr Verantwortung für sich und ihr Leben zu übernehmen. Sie alle haben gemeinsam,

  • dass sie über sich und ihre Sorgen reden möchten,
  • dass sie anderen zuhören wollen, die ähnliche Probleme haben wie sie selbst,
  • dass sie ihre Erfahrungen weitergeben bzw. von denen anderer lernen möchten,
  • dass sie sich gegenseitig in ihrer problematischen Lebenssituation helfen wollen.

Struktur in Selbsthilfegruppen

Meine eine Depressions-Selbsthilfegruppe war lange Zeit ziemlich unstrukturiert. Kaum einer hatte Erfahrung mit Selbsthilfegruppen und so artete das Treffen öfter mal in einen Kaffeeklatsch aus, bei dem über Gott und die Welt erzählt wurde. Das war zwar ganz nett, aber so richtig zufriedenstellend war es nicht.

Inzwischen haben wir einen kleinen „Ablaufplan“ erstellt, mit welchem die meisten Selbsthilfegruppen arbeiten. Zu Beginn gibt es eine Blitzlichtrunde – jeder erzählt der Reihe nach, in welcher Stimmung er da ist und wie seine vergangene Woche war. Meist hat sich nach dieser Runde schon ein Thema herauskristallisiert, welches wir bearbeiten wollen. Wenn nicht, dann gibt es halt nochmal eine Runde, in der jeder ein Thema vorschlägt, über welches dann abgestimmt wird.

Zum Abschluss, nach circa 1,5 Stunden gibt es nochmal ein Blitzlicht. Auch hier sagen wir, in welcher Stimmung wir nun gehen, wie wir das Treffen fanden und ob wir was bestimmtes hilfreiches aus dem Treffen mitnehmen können.

Bei den Themen selbst geht es selten um harte traumatische Erfahrungen. Das wäre für viele von uns überhaupt nicht tragbar, gerade wo wir alle etwas instabil sind. Nein, wir ergründen keine Ursachen unserer Krankheit(en) – dass ist eher ein Thema für ein Therapiegespräch – sondern wir reden über den Alltag selbst. Wir tauschen uns so z. B. über Einschlafhilfen, Verträglichkeit diverser Medikamente, Entspannungs-/Imaginationsübungen, Skills zur Ablenkung bei Angst und Grübeleien, Erfahrungen mit psychiatrischen Einrichtungen und der Alltagsstruktur aus.

Spielregeln in Selbsthilfegruppen

Gerade unter fremden Menschen ist es schwierig, über so ein sensibles und intimes Thema wie psychische Krankheiten zu sprechen. Daher haben auch wir uns ein paar sogenannte Spielregeln aufgestellt, um die Kommunikation und das Miteinander annehmbar zu gestalten. Viele davon entsprechen der alltäglichen Gesprächskultur – zumindest sollte diese so sein. So besteht die Verbindlichkeit, dass wir nichts nach außen tragen, was in dem jeweiligen Treffen besprochen wurde. Alles gesagte bleibt in dem Raum. Auch besteht bei uns das Prinzip der Anonymität – jeder sagt und gibt nur das von sich preis, was er möchte. Dies betrifft z. B. den Zunamen, den Job, das Alter, die derzeitige Familiensituation …

Wir achten darauf, dass wir uns wertschätzend begegnen, in dem wir andere ausreden lassen und immer nur eine Person spricht. Zudem bleiben wir bei uns und berichten von unseren eigenen Erfahrungen ohne Ratschläge zu geben. Das bedeutet, wir sagen nicht, was jemand machen soll (Geh in die Psychiatrie!) oder was er nicht machen soll (Geh bloß nicht in die Psychiatrie!). In dem Zusammenhang pauschalisieren wir auch nicht (Psychiatrien sind alle doof!). Wichtig ist auch, dass man die Aussagen anderer nicht bewertet á la „Dass, was Du da erzählst ist totaler Quark!“

In unseren Selbsthilfegruppen haben wir auch ein paar Aufgaben verteilt. So hat einer beispielsweise die Verantwortung des Schlüsseldienstes für den Raum, ein paar andere bereiten einige Getränke für das Treffen vor und wiederum andere kümmern sich nach dem Treffen ums Abräumen. So eine Aufgabe fördert das Miteinander, weshalb auch neue Mitglieder relativ schnell, sofern sie möchten, eine Aufgabe bekommen. Dadurch wird deutlich, dass jeder Teil und mit verantwortlich für die Gruppe ist.

In Selbsthilfegruppen hat jeder für sich selbst die Verantwortung. Jeder ist für das, was er sagt, selbst verantwortlich. Auch kann jeder Teilnehmer unserer Gruppe zu uns kommen, egal in welcher Stimmung er ist. Bei akuten Krisen haben wir jedoch vereinbart, dass professionelle Hilfe angenommen und entsprechende Hilfseinrichtungen aufgesucht werden. Diese findet man bei seinem Arzt, diversen Krisendiensten seiner Stadt oder auch bei der Telefonseelsorge.

Es ist wichtig, dass man weiß, dass Selbsthilfegruppen keine Therapiegruppen sind. Auch können sie eine Therapie nicht ersetzen – sie stellen jedoch für viele, und so auch für mich, eine wertvolle Ergänzung dar.

Auch wenn die anderen aus meiner Gruppe nicht genau wissen, was ich erlebt habe oder was meine Geschichte ist – sie können nachempfinden was es heißt, sich leer, ängstlich oder depressiv zu fühlen. Ich brauche das gar nicht erklären – die anderen kennen es von sich selbst. Dadurch fühle ich mich ein Stück weniger einsam, in meinem Gefühl sogar etwas verstanden.

Selbsthilfegruppen gegen Einsamkeit

In dem was die anderen von sich erzählen, erkenne ich mich manchmal wieder. Zudem helfen mir die Gruppen, dass ich mich weniger isoliere. Die Treffen sind nicht zwingen verbindlich und ich kann jederzeit aussteigen, doch sind sie für mich zu einem festen Termin in der Woche geworden. Auch wenn mir oft überhaupt nicht nach Menschen und Reden ist, fahre ich zu dem Treffen und öffne so von innen die Tür meiner Einsamkeit.

Durch diese Treffen, wie erwähnt bin ich 2 verschiedenen Gruppen, verlasse ich mindestens 2 mal die Woche meine Wohnung. Ich unterhalte mich mit anderen Menschen außer meinen Ärzten, meinem Freund und meinen Tieren.

Wie ich es hier schon mal gesagt habe – Menschen sind mir oftmals zu nervig, zu viel, zu anstrengend. Doch letzten Endes brauche ich sie. In Maßen tun sie mir gut.

Und ich kann sagen, dass mir meine Selbsthilfegruppen gut tun!

Wie ist es mit Dir – Hast Du auch Erfahrung mit Selbsthilfegruppen? Oder hast Du eine totale Abneigung dagegen? Ich freue mich auf nen Kommentar von Dir 🙂

Kommentare (10) Schreibe einen Kommentar

  1. Hi Nora
    klar kannst gerne fragen. Das ist die Wiese in Essen. Sehr hilfreich, wenn man auf der Suche nach einer SHG ist, egal um welches Thema es sich dreht. Ich möchte schon auch selbst aktiver werden, in eine Gruppe gehen und Unterstützung finden. Wie immer gibt es zwei Seiten in mir 😉
    Annie

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    • Der Name sagt mir nichts, aber es ist ein interessanter Name ;)! Ja, ich finde es auf jeden Fall auch sehr hilfreich, wenn es Verbände/Vereine/Anlaufstellen – how ever – gibt, die einen sozusagen weiter vermitteln können! Das mit den zwei Seiten in Dir kann ich auf jeden Fall nachvollziehen … ich will auch oft viel und hab dann totale Torschlusspanik … In meiner SHG wurde mir vor ein paar Tagen gesagt, dass der Weg dort ist, wo die Angst ist – schauen wir mal …

      Ich wünsche Dir, dass Du über die Wiese eine für Dich geeignete Gruppe findest und Dich dort auch wohlfühlst! Und wer weiß, solche Gruppen leben ja nicht von alleine, vielleicht findest Du eine Aufgabe, in der Du aktiver werden kannst. Ich bin da auch nach und nach reingerutscht und auch wenn ich immer noch sehr oft totales Herzrasen habe (z.B. bei der Moderation und Begrüßung neuer Mitglieder) so macht es mir auch Freude, aktiv zu sein!

      Ich wünsch Dir viel Glück 😉

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  2. Ich gehe schon seit fast drei Jahren in eine Selbsthilfegruppe.
    Sie tut mir sehr gut. Alle dort haben großes Verständnis und wissen wovon ich rede. Diese Erfahrung mache ich nur bei Menschen, die selbst erkrankt sind.

    Seit über einem Jahr leite ich die Gruppe in Zusammenarbeit mit noch einer Person.

    Seit fast einem Jahr haben wir einen großen Zulauf (ca. 16 Personen), das wir die Gruppe zeitgleich teilen. Sonst ist die Zeit zu knapp und es kommt nicht jeder dran, der Redebedarf hat.

    Die Leitung der Gruppe gibt mir viel Selbstbewusstsein.

    Sabine Schaub

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    • Hallo Sabine,

      Deine Erfahrung mit Selbsthilfegruppen klingt schön und hilfreich – ich hoffe, dass sie auch anderen Mut macht, die einen eher schlechten Start in Selbsthilfegruppen hatten!

      Ich wünsche Dir, dass es Dir weiterhin Kraft und Selbstvertrauen gibt und Du andere mit Deiner Gruppe erreichst und ihr einander begleitet!

      Alles Gute,
      Nora 😉

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  3. Hi Nora,

    es kostete mich damals große Überwindung, zu einer Selbsthilfegruppe zu gehen. Und es war leider eine absolute Katastrophe. Ich bin danach raus gegangen und war absolut fassungslos. Das trug natürlich nicht gerade dazu bei, meine Bedenken abzubauen.

    Ich kenne einige Leute, die auch Selbsthilfegruppen besuchen und die mir komplett andere Erlebnisse schildern und nur den Kopf schütteln können, wenn ich ihnen erzähle, was ich erlebt habe.

    Ich denke immer wieder darüber nach, ob ich noch mal eine Selbsthilfegruppe besuchen sollte. Deine Erzählung bestätigt mich darin, dass es auch andere Gruppen geben kann. Und ich es vielleicht einfach noch mal bei einer anderen Stelle versuchen sollte.

    Liebe Grüße

    Alice

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    • Oha, dass klingt ja ziemlich aufwühlend – was war bei der Gruppe die Katastrophe bzw. weswegen warst Du fassungslos?

      Ich finde, Selbsthilfegruppen sind ein bisschen so wie die Therapeutensuche – Du kannst totales Glück haben oder total bestürzt und kopfschüttelnd das Treffen verlassen …

      Vielleicht hast Du auch einen Dachverband/Verein bei Dir in der Nähe, der Dich dazu beraten kann, welche Gruppe für Dich geeignet wäre? Oder was ist mit Deinen Leuten, die in Selbsthilfegruppen sind – kannst du bei denen nicht mit einsteigen? Oder kann Dir Dein Therapeut/Psychiater/Krankenkasse keine Infos geben?

      Ich wünsche Dir den Mut, nochmal diesen Schritt zu gehen, einfach, weil solche Gruppen, wenn sie gut sind, echt ne hilfreiche Unterstützung sein können!

      Hab n guten Start in die Woche,
      Nora

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      • Es war eine geleitete Gruppe durch eine Sozialarbeiterin. Und hauptsächlich wurden Hasstiraden über den Ex Mann eines Mitglieds verbreitet ( den Niemand aus der Gruppe ansonsten persönlich kannte ). Und das Treffen bestand darin, Pläne zu entwickeln, wie man diesen Ex Mann fertig machen könnte. Und daran beteiligte sich die Sozialarbeiterin auch sehr. Und ich saß nur noch da und war sprachlos, während die Sozialarbeiterin meinte, man solle dem Mann Reißnägel ins Bett legen, woraufhin ein Gruppenmitglied meinte, die könne er ja einfach aus dem Bett werfen und man solle die doch besser mit Kleber fixieren.

        Die Kurzbeschreibung dieses Treffens….

        Meine Bekannten, die mir positive Berichte über deren Selbsthilfegruppen liefern konnten, sind bezüglich ganz anderen Thematiken in ihren Gruppen. Also wäre in deren Gruppen einfach thematisch fehl am Platz.

        Das Absurde ist, dass ich zu der oben beschriebenen Gruppe erst durch den Kontakt mit einer Organisation kam ( ich nenne absichtlich keinen Namen ), bei denen ich erstmal ein Vorstellungsgespräch mit einem Mitarbeiter hatte und erst nachdem wurde ich überhaupt zu dieser Gruppe zugelassen. Und das ist die Zuständigkeitsstelle für meine Stadt.

        Allerdings gibt es in der Nachbarstadt auch noch eine Gruppe und bei der war ich bisher noch nicht. Das wäre auf jeden Fall noch eine Möglichkeit. Muss halt noch die Überwindung finden, mich wieder auf eine Gruppe einzulassen.

        Danke für deine Wünsche!

        Liebe Grüße

        Antworten

        • Okay, ich bin baff … das klingt ja mal echt extrem niveaulos und überhaupt nicht hilfreich!

          Ich finde es gut, dass Du keine Namen nennst, auch wenn ich echt neugierig bin. Man muss halt irgendwie dazusagen, dass es überall schwarze Schafe gibt, auch wenn das in dem Moment (für Dich) überhaupt nicht hilfreich ist! Ich hoffe, dass Du den Mut und die Kraft aufbringst, es nochmal woanders zu versuchen – also, sofern Du das natürlich selbst für Dich möchtest! Vielleicht muss man auch erstmal rausfinden, ob solche Gruppen überhaupt für einen selbst was hilfreiches sind bzw. sein könnten!?

          Alles Gute und liebe Grüße,
          Nora

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  4. Liebe Nora,
    Selbsthilfegruppen sind ein sehr spannendes Thema. Ich war bisher nur in einer einzigen, die aber nicht so das Wahre für mich war. Sie wurde gerade frisch gegründet, als ich sie entdeckte und sollte sich an junge Frauen mit Depressionen richten. Allerdings gab die Gründerin recht früh auf, so dass wir quasi etwas führerlos waren. Für mich war auch die wöchentlich wechselnde Besatzung nichts. Ich denke etwas Konstantes wäre besser. Nach einigen Monaten hat sie sich dann komplett aufgelöst.
    Meine Therapeutin beharrt aber noch sehr auf dem Thema, so dass ich die in den nächsten Wochen Kontakt mit einem Verein hier aufnehmen werde, der Selbsthilfegruppen organisiert. Das ist sehr praktisch, denn dort bekommen die Gründer auch eine kleine Schulung, wie so ein Treffen ablaufen soll, damit es nicht zum Kaffeeklatsch wird. Meine Therapeutin ist der Ansicht ich könnte ja auch selbstständig eine Gruppe dort gründen – ähm ja nee 😉
    Gruß
    Annie

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    • Hey Annie,

      ja, dass was Du beschreibst, dass es anfangs chaotisch und führerlos war, dass kann ich nachvollziehen. Auch bei uns ist jetzt erst, nach Monaten, ein kleiner fester Kern entstanden. Einmal im Monat sind wir offen für Neuinteressierte – so ist es auch noch ein Kommen und Gehen. Aber es wächst so langsam.

      Dass Du Dich an einen Verein wendest, finde ich eine gute Alternative. Ich finde nur, dass Du es auch selbst wollen müsstest – es hat keinen Sinn, dass Deiner Therapeutin zu liebe zu tun, oder verstehe ich das gerade falsch?

      Eine Gruppe selbstständig von 0 auf 100 alleine zu gründen, finde ich ein ganz schön riesige Herausforderung. Aber wenn man den ein oder anderen an seiner Seite hat, dann hat man auch Unterstützung. Selbsthilfegruppen haben ja keinen Leiter in dem Sinne – das ganze Treffen hängt davon ab, wie sehr jeder einzelne sich einbringt.

      Ich hoffe, dass Du über den Verein eine bestehende Gruppe findest, in der Du Dich wohl fühlst. Wie heißt der Verein? Woher kommst Du eigentlich, wenn ich das hier so fragen darf?

      Dir einen guten Start in die Woche,
      beste Grüße,
      Nora

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