Depression & Borderline – Der Ozean in meinem Kopf

Depression

Heute folgt ein Gastbeitrag von Raphael, dem Gründer von „The Ocean in your Mind“. Er selbst hat Erfahrungen mit Depression und Borderline – aber auch damit,  einem Weg aus diesen Störungen zu finden. Nun, wie und was, das erzählt er nachfolgend selbst:

Depression & Borderline –
Der Ozean in meinem Kopf

Ich bin Raphael, 26 Jahr alt, verheiratet mit meiner wunderschönen Frau Miriam. Ich arbeite in einer Kirche als Veranstaltungstechniker und habe Juli 2016 „The Ocean In Your Mind“ ins Leben gerufen, eine Seite auf der wir Menschen die mit psychischen Erkrankungen kämpfen ermutigen wollen. Das ist meine Geschichte:

Wie alles angefangen hat

Ich weiß nicht genau, wie alles angefangen hat. Mit ca. 12 Jahren fing ich an, mich selbst zu verletzen. Ich hatte schon eine ganze Zeit lang Depressionen und kämpfte mit meiner Einsamkeit. Erst war Lego mein bester Freund, später dann mein Computer. Irgendwie habe ich nicht reingepasst. Ich war zwar der Klassenclown, aber wurde dadurch eher ausgenutzt. Ich glaube nicht, dass das irgendjemand böse gemeint hat, also so im Nachhinein. Irgendwie war ich einfach eher nicht so der Mensch, der dazu gehört hat.

Vieles wurde durch mein ADHS und die Tabletten dagegen auch nicht besser. Am Tag war ich appetitlos und am Abend umso depressiver, wenn die Wirkung der Tabletten nachließ. Ich habe Stück für Stück angefangen, mich selbst zu hassen – dafür, dass ich alleine war, dafür, dass ich so komisch war und dafür, dass ich mich hasste.

Der Druck steigt

Jeder Mensch sollte irgendwie wissen, wie er Hass, Stress und Druck verarbeiten kann. Eigentlich müsste man das üben, besonders wenn es einem gut geht. Sport, Musik, irgendein Hobby. Ich persönlich habe leider nicht so sehr darauf geachtet und das auch nicht wirklich geübt.

Langsam fing ich an, mich von meiner Familie abzukapseln, ohne irgendeinen logischen Grund, obwohl sie mich liebten. Ich wollte cool sein und ich wollte kalt sein, unverletzlich. Ich fing an Gefühlen und Gedanken auszuweichen, ich habe aufgehört meine Tage zu verarbeiten, ich habe mir verboten zu weinen.

Ich hatte Angst davor alleine zu sein, vor allem Angst davor, mich mit meinen Gedanken auseinander setzen zu müssen. Immer mehr unverarbeitete Gefühle haben sich angestaut. Vermutlich wäre es am Anfang noch einfach gewesen mich mit all den Gefühlen auseinander zu setzen, aber irgendwann hatte ich das Gefühl, dass in meinem Kopf ein unüberwindbarer Berg sich angestaut hatte. Ich hatte verlernt, zu fühlen und zu verarbeiten.

Mein ungesundes Ventil

All die Gedanken, die ich hatte, all die Gefühle, die nie verarbeitet wurden, entwickelten sich zu einem Schmerz, gegen den ich nichts tun konnte. Ein Schmerz der sich irgendwie ausdrücken wollte, der verarbeitet werden musste. Ich fing an mich selbst zu verletzen. Ich ließ meine Haut die Tränen weinen, die ich mit meinen Augen nicht mehr weinen konnte.

Der Schmerz fand seinen Weg, sich auszudrücken. Das, was irgendwie undefiniert sich in mir angestaut hatte, der gesamte Druck, fand ein Ventil. Ich konnte irgendwie fühlen. Irgendetwas fühlen. Ich fühlte Schmerz. Ein Lebenszeichen. Es floss noch Blut durch meine Adern. Beziehungsweise aus meinen Adern. Ich wusste ich lebe. Ich war immer noch der Herr über meinen Körper und konnte meine Gedanken auf den Schmerz fokussieren.

Der Ozean in meinem Kopf

Oft sind die Gedanken wie ein großer Ozean in unserem Kopf und wir in einem kleinen Boot mittendrin. Angst und Hass sind wie Stürme und erzeugen riesige Wellen. Vielleicht kannst Du Dir vorstellen, wie sich das anfühlt, wenn man merkt, man hat seine Gedanken nicht mehr unter Kontrolle und ist dem riesigen Chaos alleine ausgesetzt.

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Das war die Situation, in der ich jeden Tag gelebt habe. Wie diese Stürme angefangen haben, jeden Tag wieder, ist schwer zu sagen. Oft war am Morgen alles gut, aber irgendwann am Tag war ich plötzlich gefangen auf einem stürmischen Ozean. Rechtzeitig bemerkt habe ich es eigentlich nie – oder manchmal sogar darauf angelegt, wer weiß.

Für viele sind Depressionen irgendwie noch nachvollziehbar, weil sie denken, es ist einfach nur eine große Traurigkeit. Bei Selbstverletzung hört eigentlich bei allen das Verständnis auf, die nie selbst damit zu kämpfen hatten. Ich versuche Dir mal zu erklären, wie sich all das bei mir entwickelt hat: Als sich aus Angst, Selbsthass und Einsamkeit ein Sturm entwickelt hat, konnte ich nichts anderes mehr sehen. Nichts, außer den Wellen meiner Gedanken, die drohten mich herunterzuziehen. Nichts, außer der Angst und der Überforderung. Nichts, außer Einsamkeit und Hass.

Aus Selbstverletzung wurde eine Sucht

Vielleicht kannst Du Dir vorstellen, dass man in so einem Moment nach einem Anker oder einem Licht am Horizont sucht. In all dem Chaos war für mich der körperliche Schmerz etwas, das außerhalb dieses Ozeans lag. Etwas, an dem ich mich festhalten konnte. Ich konnte Blut sehen, anstelle von Wellen. Für einen kurzen Moment Schmerz spüren, statt den Wellengang, das Chaos und die Angst. Natürlich weiß man irgendwie, dass es nicht gut ist, aber die kurze Entspannung, kurz nicht in seinen Gedanken gefangen zu sein, fühlt sich für den Moment gut an.

Wenn dieser Schmerz immer wieder das einzige ist, was Dich für kürzer oder länger aus dem Chaos rausholt, wird der Schmerz Dein Freund, Dein Zufluchtsort und Du fängst an, Dich auch „grundlos“ zu verletzen, weil es Dir irgendwie Ruhe gibt. Die kurze Ruhe, der Schmerz, das Gefühl sich selbst zu spüren, wird zu einer Sucht. Es wird etwas, dass Du kennst, das Dir vertraut ist, auch wenn Du weißt, dass es nicht das Beste ist. Ich denke, vielen geht es ähnlich, die in selbstzerstörerischen Mustern gefangen sind.

Borderline Persönlichkeitsstörung

Ich wurde im Alter von 17 Jahren mit Borderline Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Das war irgendwie Segen und Fluch zugleich. Ich wusste ungefähr, was los mit mir ist und dass ich nicht der einzige bin, dem es so geht. Aber ich habe auch angefangen Symptome zu entwickeln, von denen ich einfach nur gelesen hatte.

Ich habe angefangen, ein Selbsthilfebuch zu lesen und bin für kurze Zeit in eine Therapie gegangen. Dort habe ich ein bisschen über Skills gelernt und teilweise erfolgreich mir angewöhnt. Ich hatte Freunde und Familie, die alle ihr Bestes gegeben haben. Meinen größten Durchbruch hatte ich bei einem Seelsorger aus meiner Kirche – ich konnte über viele Dinge reden und beten, über die ich mich nie getraut hätte, auch nur nachzudenken.

Hoffnung ist berechtigt

Ich durfte lernen, dass Hoffnung ein Anker in dem Ozean sein kann. Die Hoffnung, dass der Sturm vorbei geht, die Hoffnung, dass bessere Tage kommen, die Hoffnung, dass der Schmerz nur vorübergehend ist. Ich durfte lernen, dass diese Hoffnung berechtigt ist. Als ich gesehen habe, dass andere es geschafft haben, ihre Depressionen und ihre Sucht, sich selbst zu verletzen zu überwinden, hat es mich so sehr ermutigt.

Inzwischen bin ich seit vier Jahren frei von Depressionen und Selbstverletzung. Ich hatte immer wieder Rückfälle in die Selbstverletzung und auch immer wieder mit Depressionen zu kämpfen. Ich sage aber bewusst „Ich bin frei.“, weil ich glauben möchte, dass die Zeiten in denen es mir gut geht, meine „normalen“ Zeiten sind und irgendwann die Depressionen nicht mehr zurückkommen!

Wenn Du gerade diese Stürme in Deinem Ozean hast, lass mich Dir sagen: Ich war dort, ich weiß, wie es sich anfühlt, ich kenne den Schmerz – aber Du bist nicht allein!

Die guten Tage liegen vor Dir!

Hoffnung ist real!

Mehr von Raphael und seinem Projekt, als auch vielen weiteren interessanten und mutmachenden Erfahrungsberichten liest Du auf der Website von „The Ocean in your Mind“, als auch auf deren Facebook- und Instagramaccount.

1 Kommentar zu „Depression & Borderline – Der Ozean in meinem Kopf“

  1. Hallo
    Vielen Dank für den kleinen Einblick, ich fühlte mich sehr angsprochen und war nur mit dem Kopf am nicken.

    LG Melanie Klein aus Köln

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