Eine Krise ist mehr als eine Krise

Es war Donnerstag, der 20.03.2014, als ich nicht zur Arbeit konnte und mich krank meldete. Seit Wochen begleiteten mich Panikattacken, derealisierende Zustände und immer tiefer rutschte ich erneut in eine depressive Krise. Wie soll es nur weitergehen? Was soll ich nur machen? Was kann ich machen? Was möchte ich machen? – Kann ich etwas machen?

Die Krise mit der Krise

Spätestens, als ein Rückfall in das selbstverletzende Verhalten als auch suizidale Gedanken auftraten, war klar, dass irgendetwas passieren muss. Da die Welt wider Erwarten nicht von alleine aufhörte sich zu drehen, musste ich etwas machen!

Obwohl ich raus aus dem stressigen Alltag eines CallCenters war, zog die Welt noch immer wie Nebelschwaden an mir vorbei. So ganz war ich nicht bei mir. Wo ich war, wusste ich allerdings auch nicht …

„Wenn es meiner Partnerin über einen längeren Zeitraum so richtig schlecht geht, ist sie nur ein blasser Schatten ihrer selbst.“
– so beschrieb es mal mein Freund Marcel im Interview mit den Initiatoren von Mutmachleute

Es folgten einige Termine bei meinem Psychiater, der zu den seltenen Exemplaren von Ärzten gehört, die ihren Patienten zuhören, anstatt gleich den Rezeptblock zu zücken.

Gemeinsam entschieden wir uns vorerst gegen eine medikamentöse Therapie, dafür für einen erneuten Besuch in der Tagesklinik, in der ich zwei Jahre vorher erst war. Er setzte sich sogar dafür ein, dass ich aufgrund des akuten Zustandes einen früheren Termin in der Klinik erhalte – eine Wartezeit von nur drei, statt sechs Monaten. Das mag lustig klingen, ist es aber überhaupt nicht. Und ich weiß, was für ein großes Glück ich hatte, dass ich so schnell einen Aufnahmetermin bekam.

In der Klinik wurde schnell klar, dass ich der Arbeit im CallCenter überhaupt nicht gewachsen bin. Gemeinsam kamen wir zu dem Entschluss, dass es für mich gesünder wäre, den Job dort zu kündigen bzw. meinen befristeten Vertrag auslaufen zu lassen.

Meine Krise zwang mich, mich und mein Leben erneut zu hinterfragen

So war ich alsbald ohne Arbeit und ohne Perspektive. Neben der Empfehlung, meinen ehemaligen Arbeitsbereich zu verlassen, wurde in der Tagesklinik als auch später in einer Beratungsstelle natürlich auch eine neue berufliche Richtung thematisiert.

Was und wohin möchte ich eigentlich?
– Die Antwort auf diese Frage könnte Seiten füllen.
Seiten voller erschlagender Leere.

Nichtsdestotrotz suchte ich – im Internet, in Büchern und in Gesprächen mit anderen Menschen suchte ich nach der Antwort, von der erhoffte, dass sie diese glänzende Leere in mir vertreiben würde. Die eine Antwort, die das Licht in meinem Kopf aufgehen und das Feuer in meinem Herzen entfachen würde.

„Irgendwann musste aber mal was machen oder wie lange willst Du noch vom Amt leben?“ – Ja, es gab schon so richtig unterstützende Aussagen, die mir weiterhalfen. Nicht.

Natürlich ist es alles andere als toll, wenn man vom Arbeitsamt oder vom JobCenter leben muss. Das ist nichts, worauf ich stolz bin und es ist nichts, was ich in meinem Leben mag. Jedoch ist es inzwischen für mich aber auch nicht mehr so schlimm, als das ich deswegen jeden x-beliebigen Job annehmen würde.

Das habe ich einmal gemacht – im Jahr 2013. Etwa ein halbes Jahr bevor ich den Zusammenbruch hatte und daraufhin in der Tagesklinik landete. Voller Verzweiflung, dafür ohne Lebenswillen.

Das mutigste, was ich je in meinem Leben gemacht habe,
war weiterzuleben als ich sterben wollte.
~ Netzfund

Körperliche Erkrankungen sind mit psychischen nicht so wirklich zu vergleichen, dennoch mal die Frage:

Würde man einem Krebspatienten nach der 3. Chemotherapiesitzung sagen, dass er nun doch langsam mal zurechtkommen müsse? Das er immerhin schon X Wochen im Krankenhaus war und jetzt doch endlich mal gesund sein müsste? Würde man diesen Menschen fragen, wie lange er noch gedenkt, vom Amt zu leben?

So in etwa wurde ich gefragt und nein, ich hatte weder Krebs noch war ich in einer chemotherapeutischen Behandlung. Ich war nur verzweifelt und ohne Lebenswillen. Naja, so geht´s schließlich jedem mal …

Dem Rat der Therapeutin aus der Klinik folgend, besuchte ich ein Jahr nach meinem Zusammenbruch eine Selbsthilfegruppe. Wiederum kurze Zeit später kam mein Blog-Baby hier auf die Welt und alles nahm in seinem Lauf eine neue Richtung …

Durch die Krise fand ich zu mir

Die letzten vier Jahre ist laut meinem beruflichen Werdegang nichts passiert. Tatsächlich ist jedoch das komplette Gegenteil von Nichts passiert.

Ich habe sehr viel gelernt, vor allem über mich selbst und meine Geschichte. Viele Puzzleteile fügten sich zusammen und ich habe durchaus verstanden, wieso, weshalb, warum ich mich so entwickelt habe, wie ich es nun mal tat.

In diesem ganzen Bild gibt es noch ein paar schwarze Stellen, auch kann ich noch nicht jedes Puzzleteil an die jeweilige Stelle setzen, auch wenn ich diese kenne – manche Puzzleteile kann ich noch nicht länger ansehen, bei manchen möchte ich es vielleicht auch gerade gar nicht. Aber das ist okay.

Ich weiß bzw. habe inzwischen verstanden, dass das ganze Bild okay ist. Mein Lebensbild ist okay. Und auch ich selbst bin voll okay.

Viele Wege führen nach Rom.
– Wer sagt, dass ich nach Rom möchte?

Inmitten einer Krise, wo alles schwarz, dunkel und trostlos ist, siehst Du keine Wege. Erst Recht keine Auswege. Andere geben Empfehlungen oder machen es noch direkter und schreiben vor, was man denn wie machen sollte … mein Psychiater und meine Therapeutin haben mich ermutigt (bzw. tun es immer noch), mir die Zeit zu nehmen und auf mich und mein Bauchgefühl zu hören.

Mein Psychiater ging sogar so weit und meinte, dass wenn mir danach ist, drei Wochen lang im Bett liegen zu bleiben, dann solle ich es einfach mal ausprobieren. Ohne Job und somit ohne größere feste Termine, könne ich mir die – wie er sagte – Narrenfreiheit doch mal herausnehmen und schauen, was passiert.

Offen gesagt dachte ich, ihm geht´s nicht gut, schließlich liest man in jedem Depressions-Ratgeber, dass man raus aus dem Bett und an die frische Luft soll … Nun, seinen Rat musste ich ein paar Tage später mehr oder weniger zwangsweise umsetzen und fand dadurch tatsächlich einen Halm, an dem ich mich festhalten und aus dem depressiven Sumpf ziehen konnte. Genauer habe ich das in dem Beitrag Wie ich meiner letzten Depression entkam beschrieben.

Mein Partner und ein paar liebe Menschen aus meinem Umfeld haben mich in meinen Schritten unterstützt und mir die Zeit gelassen, die ich brauchte. Dadurch fand ich immer mehr zu mir und in mir die Kraft, fürs Leben.

Durch Ehrenämter (u.a. Peer-Beratung im Offenen Treff für Angst und Depression in der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe im Stadtteilzentrum Berlin-Pankow, Peer-Beratung bei der Deutschen Depressionsliga, Mit-Referentin vor Studenten der Sozialen Arbeit und Resilienztrainerin mit meiner Freundin, Kollegin und ebenfalls Erfahrungsexpertin Annegret Corsing) konnte ich (und kann ich immernoch) meine Zeit sinnvoll nutzen und habe u.a. eine berufliche Perspektive für mich gefunden.

Das u.a. müsste eigentlich RIESENGROSS  geschrieben werden – denn ich fand nicht nur eine berufliche Perspektive, sondern fand MICH und MEIN LEBEN.

Krise

Zeit. Manchmal brauchen wir in einer Krise „einfach“ nur Zeit.

Es war Donnerstag, der 20.03.2014, als ich nicht zur Arbeit konnte und mich krank meldete. Verzweifelt, hoffnungslos und suizidal.

Heute ist Donnerstag, der 03.05.2018 und ich habe den ersten Tag der Ex-In-Ausbildung absolviert. (M)Ein weiterer Schritt in eine berufliche Zukunft.

Fortsetzung folgt …

Mein Weg ist mein Weg und (leider) keine Pauschallösung für jeden anderen. Doch der Weg, sich zu trauen mehr auf sein Bauchgefühl zu hören – das könnte doch der Anfang einer Pauschallösung sein, oder?

Bildquelle: pixabay.com

Kommentare (3) Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Nora,

    Danke für diesen Beitrag. Meine letzte depressive Krise liegt nunmehr drei Jahre zurück. Im Nachhinein betrachtet, aber auch in den Momenten als ich den Weg heraus fand, ging es mir ähnlich wie du es hier beschreibst.
    Es machte auf einmal Sinn, denn ich hatte etwas essentielles über mich und mein Leben gelernt.
    Ich glaube inzwischen, dass es viele viele Menschen gibt, die mit ihrem platz in unserem Gesellschaftssystem ebenso wenig zufrieden sind, aber diese Unzufriedenheit darüber, dass auch sie einst einen anderen Traum vom Leben hatten eben verdrängen.

    Heute bin ich dankbar darüber, dass sich der Schmerz mir aufgedrängt hat, seine volle Aufmerksamkeit einforderte, denn darüber habe ich mich in meinem Wesen kennen und akzeptieren gelernt.

    Ich wünsche Dir alles Liebe auf Deinem Weg!

    Sabine

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  2. Dieser Bericht hat mir jetzt gar nicht gut getan. Bin heute morgen schon mit dem falschen Bein aufgestanden und ich habe ein ganz mieses Gefühl, schlechte Laune und – ich will mich zwar nicht umbringen, aber am besten wäre es, wenn ganz einfach Schluss wäre. Ich erwarte nichts mehr vom Leben…

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    • Lieber Heinz-Peter,

      tut mir leid, wenn Dir das Lesen des Beitrages nicht gut getan hat. Ich hoffe, dass es Dir inzwischen etwas besser geht und vor allem wünsche ich Dir, dass Du wieder den Weg ins Leben findest.

      Alles Gute,
      Nora

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