Halt

Halt … (!) mich bitte fest

Mit „Die Stille ist mir zu laut“ war Wortakrobatin Tine im Sommer 2018 erstmals als Gastautorin bei mir zu Besuch. Ich freue mich sehr, dass sie ihre Gedanken und Gefühle nun erneut hier veröffentlichen mag. Augen und Seele auf für:

Halt … (!) mich bitte fest

by Tine alias KreativKopfZeit

Immer wieder überkommt mich das Gefühl, allein zu sein, keinen Halt zu haben. Ich fühle mich haltlos und damit einhergehend oft hilflos und überfordert. Dabei habe ich eine tolle Familie und wunderbare Freunde, die ich immer anrufen könnte, die für mich da wären. Dieses weiß ich, man sagt es mir immer wieder.

Und trotzdem bleibe ich zumeist still. Wie soll ich mich erklären, wenn ich selbst im Grau nur schwimme?

Ich möchte es aber versuchen, meine Gedanken in Worte zu fassen. Vielleicht kann ich die Gedanken „begreifbar“ und „greifbar“ machen – für Dich, als mein Gegenüber, ebenso wie für mich.

Stopp! Halt! Es ist mir zu viel.

Gestern noch war der Glaube an den richtigen Weg so groß, was ist nun schon wieder los? Wer erklärt mir dieses Auf und Ab? Es zieht so viel Kraft – all diese Gedanken, sie lassen mich wieder schwanken. Den einen Tag sprühe ich vor lauter Ideen, komme gar nicht hinterher, am nächsten Tag schon die Frage nach dem Wer – wertlos, so fühle ich mich. Wieder ist da die Angst, sind da die Sorgen – geborgen?

Ich könnte wieder so tun, nach außen hin sichtbar in mir ruh`n – während das Karussell in mir sich dreht, rasend schnell. Wo ist nur der Knopf zum Abschalten? Irgendwer muss all das doch verwalten – Halt! –  Stopp! – der Looping on top – so sehe ich das Gipfelkreuz im Nebel  verschwinden, kann mich einfach nicht überwinden, Du wirst nur Leere in meinem Blick finden.

Und doch mache ich weiter wie bisher …

 Durchhalten …

Komm, den einen Tag überstehst du schon!
Sage ich mir jeden Morgen und jeden Abend hatte ich recht.
Nur reihen sich mit jedem Tag die Tage
zu einem Leben aneinander,
das man eben nicht gelebt, sondern nur überstanden hat.
Und so sollte das nicht sein.
ges. by Nina Nuthouse

Durchhalten. Aushalten. Standhalten. Sich richtig verhalten. Die Haltung bewahren …

Ist das also MEIN Leben?

ICH … – … bist DU das???

Oft lege ich mir die Steine wohl selbst in den Weg …

Alles muss perfekt sein. Alles versuche ich zu kontrollieren. Und so denke ich und erdenke und überdenke und denke weiter bis alles verschwimmt, das Schwarz gewinnt, die Anspannung mich von innen zerreißt. Da ist kein Ausweg dann zu sehen, es gehen Zweifel, Sorgen, Ängste und Unsicherheiten immer mit. Schritt für Schritt.

Ich breche ein, mal wieder, häufiger zuletzt. Ich will nicht, dass es wieder so wird wie im Jahr zuvor … denke ich … Die Tränen laufen, kullern über die Wangen – gefangen in dieser Enge sind meine Hände der einzige Schutz.

Sie greifen … ins Leere … auf der Suche nach Halt.

Halt … (!) mich bitte fest

Halt … (!)
Vier Buchstaben, eine Silbe
stehend für eine Interjektion
eine Lautäußerung als Aufforderung
oder Ausdruck einer Empfindung
es ist ein Wortstamm
halt einfach nur ein Wort.

Das richtige Verhalten
so oft gefordert
wie muss ich mich verhalten
verhalten agiere ich
immer zweifelnd
verhalten
halte ich mich zurück
enthalte mich
und halte dich nicht auf
doch bewahre stets die Haltung
wirke groß und fühle mich klein.

Ja, es ist ein Wortstamm
halt einfach nur ein Wort
also – ein Partikel eben
Modifizierung einer Aussage
Veränderung der Sichtweise
ziemlich kompliziert
und doch ein Wortstamm.

Ich werde doch wohl aushalten
den Schmerz
die Haltung nicht verlieren
möchte ich mich festhalten
an Vertrautem
nicht alles kann geändert werden
Spannungen sind auszuhalten
und doch: standhalten
all den Herausforderungen.

Ganz klar halt: ziemlich kompliziert
Und doch ein Wortstamm
Vor allem aber
Stammwort meines Ausdrucks
Ausdruck meines Empfindens.

Halt … (!) mich bitte fest! Ich selbst verliere mich.

Halt
 

Halt … (!) mich bitte fest! Ich selbst verliere mich.

Halt … (!) mich bitte fest, ich selbst verliere mich. Ein kurzer Satz nur, der jedoch so viel Gewicht trägt, so schwer wiegt, ich, die momentan wieder am Boden liegt. Siegt die Kraft der Dunkelheit? Ich hoffe nicht – ich suche doch eigentlich das Licht.

Ich wünsche mir die vielen bunten, so schönen Farben zwischen dem Schwarz und dem Weiß. Doch ich erwarte von mir, was gar nicht zu leisten ist und lasse zu, dass dieser so hohe Anspruch mich von innen zerfrisst. Immer wieder wird es dunkel, ich suche dann stets nach dem Sternengefunkel. Schutzlos umhüllt mich die schwarze Nacht – sie lacht – und ich mache mich klein, möchte schrei`n, doch weiß, ich bin allein. Allein in diesem Moment. Allein mit mir. Und sehne mich so sehr nach dem Halt – von Dir.

Noch sehe ich also keinen Ausweg, finde nicht den Schalter, der umlegt. Verharre, erstarre, bleibe einfach nur sitzen – still – einzig beginne ich zu ritzen, mit den Fingern feine Kerben in die Haut. Nachgeschaut, sind keine Scherben zu finden und doch bin ich eingebrochen, zerbrochen meine eigene so mühsam aufgebaute neue kleine Welt – sie zerfällt.

Manchmal innerhalb schon weniger Sekunden, nur ein kurzer Moment schon reicht mir zu zeigen, meine Erkrankung ist nicht mal so eben überwunden. Heute aber habe ich trotzdem Halt gefunden, bei Dir, dieses eine Mal fühle ich mich nicht allein. Ich habe um Hilfe gebeten. Ich habe meinem Bedürfnis Ausdruck verliehen.

Gehalten werden. Ganz fest. Es zulassen. Nicht abwehren. Sich spüren. Das ist, was ein bisschen hilft. Dankbar – das bin ich.

Es ist ein kleiner Schritt nur. Aber ein Schritt von großer Bedeutung. Ich lasse zu, gehalten zu werden.

Ich bin mutig

Und am nächsten Morgen dann wähle ich den Schritt heraus aus meinem (Schnecken-)Haus. Ein neuer Tag beginnt. Die Dunkelheit weicht. Es dämmert.  Der Nebel verzieht sich, es klart auf. Ein wunderbares Foto entsteht. Ein Moment des Glücks und der Zuversicht erwacht.

Dieser Moment macht Mut, denn ich weiß, jede dunkle Stunde und jeder (Migräne-)Schmerz vergeht, das Karussell auch immer wieder steht und dann riskiere ich den Blick nach vorn, um zu leben bin ich gebor`n. Ich halte an meinem Leben fest, gehe meinen Weg mutig weiter. Und doch …

Mut
An vielen Tagen bin ich mutlos,
demütig erkenne ich,
all das was ich nicht kann.
Unmut macht sich breit, ich fühle mich schuldig,
hasse mich dafür und denke:
für mein Gegenüber bin ich unzumutbar.

Vor allem gehört viel Mut dazu,
zurückzuschauen,
sich der Auseinandersetzung nicht zu verschließen,
mutig sich der Wahrheit zu stellen.
Doch habe ich auch nicht den Mut,
immer nach vorn zu blicken,
stetig Mut zu fassen,
die Verantwortung für mich zu übernehmen.

Und machst Du mir dann Mut,
bin ich verunsichert,
denn zumeist zweifle ich doch an mir,
wobei ich gleichzeitig
Dein Vertrauen mir gegenüber spüre.

Und dann habe ich den Mut,
stolz zu sein (okay, nur ein kleines bisschen),
Dankbarkeit für Deine Unterstützung zu empfinden
und mutig zu sein,
neue Wege einzuschlagen, nicht aufzugeben.
Lebensmut.

Halt
(geschrieben nach einem Vortrag von Herr Bock)

Mutig sein, neue Wege einschlagen, nicht aufgeben …

Mein Weg. Er ist mutig.

Aber ich habe gerade keinen Mut, ich sehe nicht, was ich kann, was ich geleistet oder geschafft habe. Ich sehe nicht, wer ich bin und erst recht nicht, dass ich wertvoll sein könnte. Wie also soll ich mich erklären, wenn ich selbst in diesem Grau nur schwimme, keinen festen Boden finde, keine Hand zum Greifen sehe. Du müsstest Deine schon in meine legen, damit ich dann vielleicht mich festhalten kann. Und doch wüsste ich noch immer nicht, ob ich wirklich Halt fände, Sicherheit spüren könnte.

Denn ich habe Angst.

In so vielen Momenten  ist es noch immer dunkel. Ich fühle mich einsam, verzweifelt, hilflos und unsicher. Ich suche nach Halt.

Ich selbst möchte mir diesen Halt geben können. Halt finden bei mir.
Und diesen langen Weg, zu mir, gehe ich. Und das ist mutig.

Siehst du die kleine Blume am Wegesrand? Sie hält jeglichem Wetter stand.

~ Tine

Kommentare (3) Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Nora!
    Als Betroffener danke ich sehr für deine Initiative. Dann fühlt man sich nicht mehr so allein mit seiner Geschichte. Alles Liebe
    Johann

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  2. Danke euch beiden –
    dir Nora für die Plattform, die du gibst,
    dir Tine für das Teilhabendürfen an dem Strudel der Wörter, der Seelenkaskaden voller Katarakte wechselnd mit seichterem Wortgewässer bis hin zum stets drohenden Tiefensogstrudel oder dem Sturz über den Wörterfallrand ………………… es ist möglich, sich in Depression einzufühlen, wenn gewagt und gewollt.

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    • Danke dir, Klaus, für deine lieben Worte und – wie ich finde – spannende Zusammenfassung und einfach tolle, treffende Um- und Beschreibung meiner Gedanken.

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