Sternenkind

Tabu-Thema Sternenkind – #alleredenübertrauer

„Trauer und Tod sind immer noch Tabuthemen in unserer Gesellschaft. Themen, über die viele von uns nicht gerne reden wollen, die Angst machen und Unsicherheit wecken. Auch Gefühle zeigen wir oft nicht gerne – zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Das trägt dazu bei, dass viele Menschen sich nach Verlusten einsam und oft auf eine Art „falsch“ fühlen.“ – So schreibt es Silke Szymura auf ihrer Webseite In lauter Trauer. Ein Name, der mich von Anfang an faszinierte – ihr Umgang mit ihrer Trauer und ihre Arbeit beeindruckten mich. Anlässlich ihrer Erlebnisse und dem Todestag ihres Partners rief sie die Blog-Aktion #alleredenübertrauer ins Leben – viele Menschen erzählen von ihrem Umgang mit Trauer. So auch ich.

Tabu-Thema Sternenkind – #alleredenübertrauer

„Hast Du auch Kinder?“, zwei braune Augen strahlen mich fragend an. „Ähm“ … der Moment friert ein und innerhalb von Sekunden schießen mir hunderte Gedanken durch den Kopf:

Sage ich jetzt einfach nein und verleugne alles? Sage ich ihr die Wahrheit? Wird dann die ganze Stimmung gedrückt? Möchte ich ihr das überhaupt sagen? Mit welcher Antwort fühle ich mich selber wohl? Möchte ich mich weiter mit ihr unterhalten? Was wird sie über mich denken? Wird sie mir die Schuld geben? Interessiert mich das, was sie über mich denkt? Oder gehe ich einfach? Dann denkt sie erst recht komisch über mich, oder? Ist mir das wirklich egal? Entscheidest Du Dich bitte mal zackig, sie guckt schon so verwirrt …

Eine klare Frage, auf welche man doch eigentlich nur mit einem „ja“ oder einem „nein“ antworten kann. Entweder man hat Kinder oder man hat keine. Eigentlich.

„Wir haben ein Sternenkind.“, antworte ich manchmal ehrlich, worauf meistens irritierende fragende Blicke folgen. Obwohl in Deutschland ca. 45.000 Frauen damit konfrontiert sind, ist dies vielen Menschen kein Begriff.

Vorhang auf für ein weiteres Tabu-Thema in Deutschland: Sternenkinder

Sternenkinder werden die Kinder genannt, welche vor, während oder nach der Geburt versterben. Auch nennen viele Eltern ihre verstorbenen Kinder Sternenkinder, wenn sie im Kleinkindesalter oder als Jugendliche verstarben.

„Der poetischen Wortschöpfung liegt die Idee zugrunde, Kinder zu benennen, die „den Himmel“ (poetisch: die Sterne) „erreicht haben, noch bevor sie das Licht der Welt erblicken durften“.
Quelle: wikipedia.de

Offiziell gesehen habe ich weder ein Kind noch bin ich eine Mama. Ich fühle mich auch nicht als Mama – aber ich fühle, dass ich ein Kind habe. Auch wenn es „nur“ ein Sternenkind ist, auch wenn es nie das Licht der Welt erblicken durfte und auch wenn ich es nie in meinen Armen halten durfte.

Ich trug es in mir. Für ganze 14 Wochen. Es war ein Teil von mir.

Für viele Menschen ist ein Fötus oder gar ein Embryo (Begriff für das Ungeborene bis zur 9. Woche) kein Mensch. Es ist kein Lebewesen. Es ist ein Nichts.

„Baby“ – von Anfang an spricht man davon, dass man ein Baby bekommt bzw. eines erwartet oder sogar, dass man ein Baby unter seinem Herzen trägt. Doch so oft ist es nur ein leeres Wort – erst wenn es schreiend auf der Welt ist, ist es ein „richtiges“ Baby.

Das wir Menschen unterschiedliche Ansichten haben, was einen Menschen ausmacht bzw. ab wann man denn von einem Menschen spricht, ist für mich völlig in Ordnung. Dies sind philosophische Fragen, auf welche es keine allgemein gültigen Antworten gibt. Schlimm wird es jedoch, wenn wir die Aussagen, Ansichten und Gefühle von anderen bewerten und in dem Fall oftmals abwerten.

„Was hast Du denn – das war doch nur ein Zellhaufen. Das war doch noch nichts.“

„Das war doch noch nichts.“ …

Nichts …

Nichts …

NICHTS???

Was ist denn etwas, wenn ein potenzielles Menschenleben „nichts“ ist?

Dabei geht es auch nicht nur um den sogenannten „Zellhaufen“ – es geht um Wünsche, Hoffnungen und Vorstellungen.

Ich war bereits in der sechsten Schwangerschaftswoche, als ich mit dem Ultraschallbild nach Hause kam. Zu der Zeit hatte ich bereits seit vielen Jahren mit Depressionen und Angststörungen zu tun, so dass ich sehr unsicher war, ob ich überhaupt eine gute Mama sein könnte.

Zaghaft und gespannt zeigte ich das Bildchen meinem Freund – seine blauen Augen strahlten mich sofort an und er nahm mich freudig in die Arme.

Seine Sicherheit, seine Freude und seine Zuversicht beruhigten mich, sodass ich mich auch endlich freuen konnte. Wir beide würden nun also Eltern werden – Mama und Papa.

Eigentlich wollten wir uns mit der Familiengründung ja noch etwas Zeit lassen. Aber jetzt war es so und über eine Abtreibung dachten wir keine einzige Sekunde nach. Nein, wir freuten uns und hießen unser ungeplantes Wunschkind willkommen.

Da wir ja noch nicht wussten, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, nannten wir es „Knirps“. Wie dies genau zustande kam, weiß ich nicht mehr. Doch es war ein Name für unser Ungeborenes, wodurch eine engere Beziehung aufgebaut wurde. Es war nicht „nur“ ein Ungeborenes, es war nicht „nur“ ein Baby – es war unser Kind. Unser Knirps.

Wir malten uns eine gemeinsame Zukunft aus

In den nächsten Tagen und Wochen schmiedeten wir Pläne, fingen an Vorbereitungen zu treffen und freundeten uns immer mehr mit dem Gedanken an, bald eine eigene kleine Familie zu sein.

Ich sammelte sämtliche Informationsmaterialien und bekam durch manche Anmeldung bei Newslettern Pflegeprodukte zugesandt. Über Ebay oder anderen SecondHand-Läden kaufte ich mir die ein oder andere Umstandshose. Und wenn mein Partner abends nach der Arbeit nach Hause kam, gab es nach dem Begrüßungskuss für mich auch einen auf meinen Bauch – für Knirps. Wir überlegten, ob bzw. wann wir aus unserer gemütlichen Drei-Zimmer-Wohnung ausziehen müssten und welche Formalitäten es alle zu bedenken gilt. Und ja, es ist total unromantisch, aber wir dachten auch über eine spontane Hochzeit nach.

Als wir das erste T-Shirt für Knirps von meiner Schwiegermama bekamen, war dies nochmal ein ganz besonders emotionaler Moment. Während anfangs alles unreal erschien, so nahm jetzt alles mehr und mehr Form an. So auch ich 

Auch wenn Ungeborene erst ab etwa der 13. Schwangerschaftswoche Geräusche wahrnehmen können, so haben wir von Anfang an mit ihm erzählt. Die Hand auf meinem Bauch liegend überlegten wir, welche Namen schön klingen und wessen Bedeutung uns wichtig ist.

Ein weiterer besonderer Moment war der nächste Kontrolltermin bei meiner Frauenärztin. Meinen besonderen Umstand hatte ich inzwischen natürlich viel mehr realisiert, sodass ich mich bei der Untersuchung ganz auf die Ultraschallbilder und Herzgeräusche konzentrieren konnte. Auf dem Monitor bewegte sich unser Knirps und sein Herz pochte.

Das, was man so oft in Filmen sieht ist unfassbar einmalig, wenn man es selbst erlebt. Man sieht die Bewegungen und hört es pochen. Und ja … wie in den kitschigen Filmszenen, rührte auch mich das zu Tränen. Vor Freude.

Pochpoch … pochpoch … da IST tatsächlich Leben in mir.

Zum nächsten Kontrolltermin sollte und durfte mein Freund mitkommen, worauf wir uns beide freuten. Endlich würde auch er unseren Knirps einmal „live“ sehen und vor allem seinen Herzschlag hören.

Doch soweit kam es nicht.

Wir waren in der 14. Schwangerschaftswoche und wie man so sagt, im zweiten Drittel der Schwangerschaft. Laut Frauenärzten und diversen Ratgebern war die „kritische Zeit“ vorbei. Inzwischen wussten von unserem Nachwuchs nicht nur unsere Eltern, sondern auch die weitere Verwandtschaft und natürlich auch unsere Freunde.

Mitten in der Nacht, vom 10. auf den 11. April 2012, wurde ich wach. Das Bett fühlte sich feucht an und völlig verschlafen machte ich das Licht an.  So viel Blut auf einmal hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen. Mir war völlig klar, was das bedeutete.

Ich weckte meinen Freund, rief in der Notaufnahme an und keine zehn Minuten waren wir im Krankenhaus. Dort mussten wir etwa 45 Minuten warten, ehe ich untersucht wurde.

Der Arzt unternahm mehrere Versuche, die Schwester legte ihren Arm auf meine Schulter während ich die Tränen nicht zurückhalten konnte. Und dann sprach er es aus. Es waren keine Herztöne zu vernehmen. Das Kind in mir ist gestorben.

Mein Freund wurde in das Besprechungszimmer dazu geholt und der Arzt teilte uns mit, dass wir aufgrund der vorangeschrittenen Schwangerschaft das Kind auf natürlichem Wege zur Welt bringen mussten. Totgeburt. Ein weiterer Schock in dieser Nacht.

Da wir in der Nähe der Klinik wohnten, durften wir die Nacht über zu Hause verbringen. Es war etwa vier Uhr, als wir im Dunkeln und in der Stille unserer Wohnung saßen.

Unser Kind, unser kleiner Knirps. Ist tot.

Mein Freund weinte und schluchzte laut. Das war etwas, was mich sehr mitnahm. Ich hatte ihn noch nie so erlebt. Überhaupt habe ich noch nie jemand anderen mit so einer intensiven Trauer erlebt. Und ich selbst. Ich wusste so gar nichts. Ich weinte und war doch in mir taub. Unreal erschien mir alles.

Früh morgens gegen sieben Uhr rief ich meine Eltern an. Denn eigentlich waren wir aufgrund eines Geburtstages in der Verwandtschaft verabredet. Eine Stunde später war ich im Krankenhaus und wurde erneut untersucht.

Diesmal meinte der Arzt, dass ich das Kind nicht auf natürlichem Wege zur Welt bringen müsse. Es würde eine Ausschabung unter Vollnarkose geben. Auch wenn das jetzt total bescheuert klingt – aber diese Nachricht war eine Erleichterung.

Ich hatte gerade erfahren, dass das Kind in mir, mein kleiner Knirps, gestorben ist – wie hätte ich ihn unter Einleitung künstlicher Wehen denn auf die Welt bringen können. Wie hätte ich diesen 14-Wochen-alten Fötus ansehen können? Wie hätte ich ihn dann wieder weggeben können?

Das wollte ich nicht. Das konnte ich nicht. Nein, ich wollte das ganze nicht wahrhaben und aus diesem gruseligen Traum aufwachen.

Und so nahm bekam ich das Narkosemittel und fuhr mit der Krankenschwester im Aufzug in den OP-Saal. Ich lag auf diesem Krankenbett bei völligem Bewusstsein, starrte die metallene Fahrstuhldecke an und ließ meinen Tränen freien, doch kontrollierten Lauf. Da stockte der Fahrstuhl. Herzrasen. Der Fahrstuhl bleibt stecken.

Mein Herz pochte laut und ich atmete immer schneller. Ich hatte Angst. Die Krankenschwester stand am Ende des Bettes, haute mir auf die Füße und fuhr mich schroff an: „Nun hyperventilisieren Sie mal nicht. Das können wir jetzt hier nicht gebrauchen.“ Schnappatmung. Schock. Angst.

Lange habe ich mich nicht so alleine und abwertend behandelt gefühlt. Zum Glück fuhr der Fahrstuhl weiter. Diese Krankenschwester machte mir Angst.

An alles nachfolgende kann ich mich nur noch schwammig erinnern. Ich weiß, dass ich ein Krankenzimmer ganz für mich alleine hatte. Darüber war ich froh, denn ich wollte niemanden sehen und hören. Eine Seelsorgerin besuchte mich und wollte mit mir über den Tod von Knirps reden. Doch ich konnte und wollte nicht. Ich fühlte mich taub und leer.

Sie bot mir ein Gespräch für später an und informierte mich darüber, dass Spontanaborte gesammelt beerdigt werden. Was für eine distanzierte, medizinische Ausdrucksweise – wie hätte ich mit ihr über meine Gefühle und unseren Verlust vertrauensvoll reden können?

Spontanaborte, Fehlgeburten … was für Wörter … „Sternenkind“ ist doch viel schöner. Es drückt für mich eine emotionale Bindung aus – es klingt liebe- und gefühlvoll. Den Ausdruck, dass wir ein Kind verloren haben, finde ich nahezu makaber – ich verliere ab und an mal einen Kugelschreiber oder einen Zettel aus Schusseligkeit, so eine Aussage mag ich aber nicht mit dem Verlust unseres Kindes in Verbindung bringen. Auch den Begriff „Fehlgeburt“ empfinde ich sehr schwierig und bewertend … vielleicht liegt es an dem Wortteil „fehl“, welches mir impliziert, dass ich einen Fehler gemacht habe und Schuld an dem ganzen sei!?

Natürlich habe ich mich seitdem viele Momente und Stunden gefragt, ob ich Schuld sei. Es gibt so einige Faktoren, die dafür sprechen – bevor ich wusste, dass ich schwanger sei, habe ich verschiedene Tabletten genommen, geraucht und manchmal Alkohol getrunken. Doch es geht nicht um Schuld – versuche ich zumindest so zu sehen.

Unser Knirps ist gestorben, doch ich weiß weder wieso noch warum. Diese Fragen versuche ich zu vermeiden, sie bringen mich nur ins Grübeln und verstärken meine Verzweiflung. Ich möchte lernen, den Tod unseres Kindes zu akzeptieren bzw. diesen zu verarbeiten. Zugleich möchte ich es nicht vergessen und in Erinnerung behalten.

Denn Knirps war viel mehr als „nur ein Zellhaufen“ – wir verbrachten etwa acht Wochen miteinander und wir haben zu dem kleinen Wesen eine Beziehung aufgebaut. Wie kann all die Zeit und all das, was war als „Nichts“ bewertet werden?

Und so vergeht kein Tag, an dem ich nicht an unser Sternenkind denke.

In der Klinik bekam ich Schmerz- und Beruhigungsmittel und einen Tag nach der Operation wurde ich entlassen. Mein Partner und ich verbrachten viele Stunden gemeinsam auf der Couch und ließen den Tag vergehen.

Von jetzt auf gleich war alles weg. Von möglichen drei auf realistische zwei. Wir wurden zu keiner Familie. Unter meinem Herzen entwickelte sich kein neues Leben.

Ich war leer. Unterm Herzen. Im Herzen.

16 Tage später starb meine Lieblingsoma, eine Woche vor ihrem 90. Geburtstag. Es war kein plötzlicher Tod. Sie war krank und ich wusste, dass es besser für sie ist.

Dennoch war es für mich ein neuer Schicksalsschlag. Es ist nicht nur unter meinem Herzen gestorben, sondern auch ein Teil in meinem Herzen.

Viele Menschen in meinem Umfeld konnten mit meiner intensiven Trauer über den Tod meiner Oma nicht umgehen. Sie verstanden nicht. Doch sie wussten auch nicht – denn meine Oma war der Halt in meinem Leben. Der Grund, weshalb ich noch am Leben war. Nur wegen ihr hatte ich keinen weiteren Suizidversuch unternommen. Sie war der Grund, weshalb ich das mit dem Leben so aushielt. Sie war im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtig für mich.

Meine Oma hatte und hat eine sehr intensive Bedeutung für mich und mein Leben – und nun war sie gestorben. Und Knirps, der ein neuer Grund und eine neue Bedeutung in meinem Leben hätte werden soll, war auch gestorben.

Auch in mir war etwas gestorben.

Nach nur vier Wochen der Beerdigung meiner Oma wurde mir gesagt, ich müsse damit doch endlich mal zurechtkommen. Andere meinten, dass ich ja noch immer schwanger werden könnte – so sollen wir doch einfach ein neues machen. So etwas passiert doch vielen Frauen …

Ja. Ich kann rein theoretisch immer noch schwanger werden, ich weiß, dass dieses Schicksal viele Frauen trifft, ich weiß, dass meine Oma ein stolzes Alter erreichte und der Tod für sie eine Erlösung war, ich weiß dass der Tod zum Leben gehört.

Ich weiß all die Fakten – doch wie kann denn jemand ernsthaft glauben, dass all dieses Wissen mich nicht fühlen lässt?

Ein paar Monate nach dem Tod von Knirps waren wir zusammen auf dessen Beerdigung. Zweimal im Jahr gibt es eine Beisetzung von Sternenkindern. Bis zu einem bestimmten Gewicht werden sie in einem Kindersarg zusammen beigesetzt. Im Krankenhaus durften wir noch etwas persönliches abgeben, was mit in den Sarg getan wurde. Das es so eine Möglichkeit gibt, war für meinen Partner und mich durchaus eine Hilfe.

Respektiert meine Trauer

Natürlich ist es schwierig, mit trauernden Menschen umzugehen. Vielerlei Verhaltensweisen meines Gegenübers spiegelt dessen Unsicherheit wieder. Dazu habe ich keine Patentlösung, weiß ich doch so oft selbst nicht mit mir umzugehen … ich würde mir nur für mich wünschen, dass mir keine Ratschläge entgegen gebracht werden, weil ich am Tag des Geburtstermins oder am Todestag mehr in meiner Trauer gefangen bin, als die anderen Tage im Jahr.

Ich möchte auch jetzt nach sieben Jahren noch traurig sein dürfen, ohne mich für meine Gefühle zu rechtfertigen. Auch wenn andere ähnliches erleben und ganz anders verarbeiten, so habe ich den Anspruch, dass ich es auf meine Art und Weise verarbeiten darf. Vor allem in meinem Tempo.

Meine Trauer habe ich lange verdrängt, doch mit Hilfe meiner Therapeutin fing ich an, die Todesfälle zu verarbeiten. Bei ihr durfte ich auch nach all der Zeit und all den bestehenden rationalen Gründen weinen. Bei ihr durfte ich trauern, ohne mich deswegen zu erklären. Sie ließ mich SEIN und FÜHLEN.

Eine weitere Unterstützung ist mir vor allem auch mein Partner gewesen bzw. ist es noch. Er hat eine ganz andere Vorstellung als ich vom Tod bzw. dem, was danach ist. Aber er akzeptiert mich und meine Gefühle so, wie sie eben sind. Bei ihm darf ich weinen und traurig sein. Auch er lässt mich auf meine Weise nach all der Zeit trauern. Er steht mir bei.

Ich wünsche mir, dass meine Trauer ebenso respektiert und akzeptiert wird, wie wenn mein Kind schon auf der Welt gewesen wäre und vielleicht ein paar Jahre gelebt hätte.

Für viele ist das ein riesengroßer Unterschied – für mein Gefühl jedoch nicht.

Ich wünsche mir, dass ich nicht unter Druck gesetzt werde, dass mache ich so oft schon selber. Doch Menschen in meinem näheren Umfeld müssen, genauso wie ich, lernen, dass ich mit dem Abschied halt länger brauche. Ich wünsche mir, dass meine Tränen akzeptiert werden, ohne mir zu unterstellen, dass ich nur nicht loslassen möchte.

Dabei ist es keine Frage des Wollens – ich kann „einfach“ noch nicht bzw. bin noch nicht soweit.

Trauer und Abschied sind sehr intime Momente im Leben eines Menschen.

Ich hadere mit meiner Trauer jetzt seit sieben Jahren. Nicht jeden Tag ist sie zu 100% gleich stark, es gibt auch gute Tage oder Wochen, wo die Trauer keinen großen Raum einnimmt. Und doch ist sie stets und ständig da, wenn auch leise. Und das ist okay – versuche ich zumindest zu lernen.

Meine Trauer anzunehmen, heißt auch, mich anzunehmen. Denn ich bin diejenige, mit dem riesengroßen Arsenal von Gefühlen, die mich dann und wann übermannen.

Zwischenzeitlich habe ich auch verstanden, warum der Abschied für mich so schwer ist – meine Oma war der Grund, weshalb ich mir damals nicht versucht habe, dass Leben zu nehmen, mein Kind wäre ein neuer Grund gewesen.

Ich weiß auch, dass gerade für mein Kind so etwas eine Riesenverantwortung gewesen wäre und mittlerweile finde ich die Ansicht auch nicht mehr okay.

Kein Kind ist dazu da, um die Eltern glücklich zu machen oder um diese am Leben zu erhalten.

Doch vor sieben Jahren hab ich halt so gedacht. Und das ist auch mein Grund, weswegen ich mich seit dem Verlust unseres Knirpses sehr stark von meinem Kinderwunsch distanziere:

Ich kann kein Kind bekommen, wenn ich noch so stark mit mir selbst zu tun habe. In meinem Kopf und meiner Seele gibt es noch so viel aufzuräumen, bis da richtig Platz für ein neues, mein, Erdenkind ist. Zudem habe ich besonders mit Angst- und Katastrophengedanken zu tun, sodass ich wahrscheinlich total die Glucke wäre. Es gibt krankheitsbedingt so einige Gründe, welche gegen ein Kind sprechen. Alles in allem fühle ich mich der Verantwortung eines Kindes überhaupt nicht gewachsen.

Auch wenn einige meinen, dass das schon kommt, wenn das Kind erst einmal da ist, dass man da als Eltern reinwächst und dass das andere Mütter ja auch hinbekommen … ist mir das zu „einfach“ gedacht. Es geht eben nicht bei allen gut, dazu brauch man sich nur mal umzuschauen.

Mit diesen Aussagen möchte ich keineswegs ausdrücken, dass grundsätzlich psychisch Erkrankte keine Kinder bekommen sollen – ich rede hier von mir! Ich selbst kenne tolle Mütter und Väter, die Probleme mit sich haben, sich aber super um ihr Kind kümmern können! Umgedreht lernte ich Eltern kennen, die (angeblich) keine psychische Störung haben und sich absolut nicht um ihr Kind kümmern (können).

Es ist wie alles, individuell zu sehen. Vor allem ist es die Entscheidung meines Freundes und mir.

Ich habe meine drei Frettchen – dass sind meine Kinder. Und wegen ihnen habe ich ganz viel Freude in meinem Leben, Liebe im Herzen, Spielzeug im Wohnzimmer, aber auch ängstliche Verlustgedanken in meinem Kopf – diese Verantwortung reicht mir vollkommen. Ich bin Frettchen-Mama mit einem Sternenkind. Punkt.

Allein der Glaube, dass mein Sternenkind im Himmel bei meiner Oma ist und beide mit den Engeln fliegen lernen, lässt mich nicht total verzweifeln.

Eines Tages werde ich die Kraft haben, um Knirps und meine Oma auf dem Friedhof zu besuchen. Derzeit ist dies ein noch zu großer Schritt, der mich im ersten Todesjahr immer regelrecht zusammenbrechen ließ. Deswegen habe ich den Friedhof dann irgendwann gemieden.

Und das ist völlig okay, denn beide leben in meinen Herzen, in meinen Erinnerungen und in meinen Vorstellungen weiter:

Ich stelle mir vor, wie Knirps und meine Oma gemeinsam mit Regentropfen Ball spielen, wie sie aus den Farben des Regenbogens Bilder in die Luft malen, wie sie vom Wind getragen durch den Himmel schweben, wie sie auf den Sternen sitzend die Welt beobachten und wie sie in den weichen Wolken eingekuschelt und geborgen schlafen.

Ich stelle mir vor, wie meine Oma unserem Knirps ähnlich wie mir Walzer tanzen beibringt, wie sie selbstgemachte Zitronenbrause trinken, gemeinsam Kreuzworträtsel lösen, im Fernsehen bei Quizshows mitraten und wie sie gemeinsam Enten füttern gehen. Ich stelle mir vor, wie unser Sternenkind sich mit den vielen Halstüchern meiner Oma verkleidet, wie es in ihrem Bett schlafen darf und wie lecker ihm die tolle Möhrensuppe meiner Oma schmeckt.

Ich stelle mir vor, dass meine Oma auf ihrer Wolke immer ein paar Schoko-Bons für Knirps zu stehen hat und wie sie sagt, dass er zwischendurch auch ruhig mal ein Stück Apfel essen soll. Ich stelle mir vor, wie meine Oma ihm zuzwinkert, weil die knackenden Geräusche vom Apfel, Kohlrabi und Mohrrüben so witzig sind.

Ich stelle mir vor, wie meine Oma so herzlich lacht, da Knirps sie so gerne umarmt.
Und wie wohlig warm es beiden dabei ums Herz wird.

Die meisten dieser Vorstellungen resultieren aus eigenen Erinnerungen mit meiner Oma. Ich glaube daran, dass ich beide einmal wiedersehen werde.

Und dieser Glaube tröstet mich etwas. Er lässt mich weiterleben.

Weitere interessante und durchaus inspirierende Beiträge zum Thema Trauer findest Du auf der Webseite In lauter Trauer von Silke Szymura

Bildquelle: pixabay

Kommentare (3) Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Nora,
    dein Text zu deinem Sternenkind und der damit verbundenen Trauer hat mich beim Lesen sehr berührt.
    Ich selbst komme auch bei der Frage „Hast du Kinder?“ jedes Mal ins Stocken, aber aus einem anderen Grund als du. Ich kann die Situation zumindest aber sehr gut nachfühlen.
    Vielen Dank, dass du uns daran teilhaben lässt, das finde ich sehr mutig von dir :-)! Und deine Gefühle sind dein Maßstab, du bist und du fühlst, niemand anderes sollte das be- oder sogar verurteilen. Derjenige wöllte das bei sich selbst auch nicht, niemand will und sollte für seine Gefühle beurteilt oder verurteilt werden…

    Alles Liebe und Gute wünsche ich dir :-)!

    Caritas

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  2. Ich hatte heute Tränen in den Augen, als ich Deinen Text las und es erinnerte mich an meine Sternenkindzeit im Jahre 2006 und 2011. Danke für Deine Zeilen, das hast Du ganz toll geschrieben! Es ist schlimm, dass Du damals von der Krankenschwester nicht gut begleitet wurdest und die gesamte Situation es Dir noch schwerer gemacht hat.
    ich denke, es wird immer ein Teil von einem bleiben und in Herzen trage ich die Sternenkinder weiter und zünde jedes Jahr eine Kerze an, wenn der errechnete Geburtsmonat ist und denke immer daran, wie alt sie jetzt wären…. jeder, der sagt, das ist doch nur ein Zellhaufen – hat absolut keine Ahnung davon, wie sich eine Schwangerschaft, die Vorfreude und das plötzliche Begreifen müssen, dass da plötzlich kein Kind mehr in einem heranwächst, anfühlen… ganz herzliche Grüße mygesundmithund

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  3. Liebe Nora,
    ich bin ganz gerührt und (kopf)geschüttelt. Danke, dass du so klare Worte für das Sterben deines Kindes gefunden hast… Schnüffz… Dein Knirps ist bestimmt voll stolz auf dich und freut sich auch auf ein Wiedersehen (aber noch muss es sich gedulden, ja?! ;0)
    Fassungslos bin ich, dass immer wieder und immer noch so viele leere bzw. gar falsche Phrasen gedroschen werden. Da würde ich gerne durch die Zeit reisen und die Nora von damals in den Arm nehmen.
    Schön, dass du bist und das heute und hier!
    Herzlich,
    Anja

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