unteilbar – Für eine offene und freie Gesellschaft

Auf meinem Blog gibt es wenige bis gar keine politischen Beiträge, was vorrangig daran liegt, dass es überhaupt nicht mein Lieblingsthema ist. Ja, Politik ist nicht mein größtes Interesse und aufgrund dessen bin ich darin nicht sonderlich „sattelfest“. Zugleich lassen mich die aktuellen Ereignisse bzw. die der letzten Jahre aber auch nicht kalt bzw. berühren sie mich auf anderen Ebenen, so wie ich es beispielsweise in dem Beitrag Traumatisierte Flüchtlinge und der Mangel an Therapieplätzen beschrieb. Anlässlich der Großdemo „#unteilbar“ am Samstag, den 13.10.18, in Berlin, hat der Lehrer, Schriftsteller und Politiker Arfst Wagner freundlicherweise für meine Seite einen Gastbeitrag geschrieben und das in Worte gefasst, was mir wichtig ist und wofür ich stehe. Das Vor- und Nachwort dazu entstammt aus der Feder meines Partners Marcel.

#unteilbar – Für eine offene und freie Gesellschaft

Es ist gar nicht so leicht, heutzutage den richtigen Ton zu treffen, wenn man aktuelle politische Themen ansprechen möchte. Die Sollbruchstellen in unserer Gesellschaft werden immer sichtbarer, die Fronten verhärten sich. Wenn ich an dieser Stelle also dazu motivieren möchte, sich politisch für eine offene und freie Gesellschaft einzusetzen, dann richtet sich das ausdrücklich nicht gegen die Menschen, deren teilweise berechtigte, teilweise künstlich verstärkte Sorgen sich ihre Bahnen brechen, indem die AfD gewählt und sich an sogenannten Trauermärschen beteiligt wird. (Ich verkenne dabei nicht, dass bei diesen Trauermärschen szenebekannte Nazis mitliefen bzw. dass diese sogar an der Organisation beteiligt waren. Gegen die richtetet sich dieser Aufruf durchaus.)

Vielmehr ist dies ein Plädoyer dafür, dass zu einer offenen und freien Gesellschaft durchaus verschiedene Meinungen gehören, die gehört und diskutiert werden dürfen.

Das gilt für unsere Energieversorgung, unsere soziale Grundsicherung und das gilt natürlich auch für die Frage, wie viel Migration eine Nation verkraftet. Zu letzterer eine eher vorsichtige Position einzunehmen, auch wenn das nicht meine Position ist, schließt das Ideal einer offenen und freien Gesellschaft nicht aus.

Reden wir darüber. Gehen wir vor allem gemeinsam den Gründen für die Verwerfungen unserer Gesellschaft auf den Grund.

Was könnten also diese Gründe sein? Dazu spreche (und schreibe) ich derzeit mit vielen Menschen. Einen davon, und seine Antwort auf diese Frage, möchte ich euch gern vorstellen.

~ Marcel 

Veränderung und menschliche Identität am Ende des Kapitalismus

Arfst Wagner

Im Jahr 2009 hat sich in der Bankenkrise der Skorpion des Kapitalismus den Stachel in den eigenen Rücken gestochen. Er wird in seinem Todeskampf noch große Verwüstungen erzeugen.

Es wird mehrerer Generationen bedürfen, die Schäden zu heilen, die der Kapitalismus mit seinen Kindern – der Ökonomisierung der gesamten Gesellschaft und der Monetarisierung der politischen und wirtschaftlichen Ideen – hinterlassen hat. Wenn das überhaupt möglich sein wird.

Unsere Gesellschaft muss wieder vom Kopf auf die Füße gestellt werden.

Das vom Kapitalismus hinterlassene kulturelle Vakuum wird so schnell nicht geschlossen werden können.

In der Bildung ist der Mensch aus dem Fokus gerutscht. Seine Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt ist der Schlüssel der Pädagogik geworden bis hin in die Kindergärten. Die Idee „Europa“ hat sich, seines kulturellen Kontextes beraubt, in der geistigen Einöde der Ökonomisierung und Monetarisierung wiedergefunden, sodass viele gar nicht mehr wissen, dass Länder wie Bosnien, Mazedonien, Island, Georgien, Russland (ja, Russland!)  zu Europa gehören.

Definiert man, wie manche es tun, das „eigentliche Europa“ durch die Währungsunion, sind es noch mehr, die herausfallen.

Die EU mit Europa zu verwechseln ist eine aus Arroganz stammende diskriminierende Auffassung, die zeigt, wie weit sich „Europa“ nicht gefunden, sondern verloren hat.

Nachdem wir Europäer und die ganze westliche Welt seit mehr als hundert Jahren in die Welt posaunt haben, wie großartig wir doch sind, weil es uns gelingt, unsere Waffen und eine McDonalds-Filiale bis in die letzten Winkel der Erde zu tragen, scheinen wir jetzt überrascht, dass derzeit Hunderte von Millionen Menschen aus so genannten „Drittländern“ darüber nachdenken, nach Europa zu flüchten.

In den Jahren zwischen 2014 und 2017 war permanent davon die Rede, man müsse „Fluchtursachen bekämpfen“. Davon ist kaum etwas übrig geblieben.

Wie weit sich die Politik (und das sind wir letztlich alle!) von der Realität entfernt hat, zeigte im Rückblick, dass noch 2013 in Deutschen Bundestag heftig darüber gestritten wurde, ob Deutschland 3.000 syrische Flüchtlinge aufnehmen soll (wofür die Einen waren), oder ob das zu viele seien (was die Anderen meinten). 3.000!

Die Meere vor Afrika werden währenddessen weiter leer gefischt, die ökologische Katastrophe, die ein Totaldesaster für die kommenden Generationen sein wird, schreitet voran. In den Weltmeeren schwimmt kein Fisch mehr, in dem Mikroplastik nicht nachweisbar ist.

Und immer noch meinen viele: Der Schlüssel zur Bekämpfung von Fluchtursachen läge in nordafrikanischen Flüchtlingslagern verborgen.

Die Welt ist aus den Fugen geraten.

Ein kulturell-geistiges und ein wirtschaftlich-politisches Vakuum wird nun, im Sterbeprozess des Kapitalismus, sichtbar.

Und die Welt ist noch weiter im Wandel.

Manche halten die Digitalisierung für unabwendbar. Das ist sie sicherlich, denn die Interessen, die auch schon den Kapitalismus geleitet haben, erwarten von der Digitalisierung die Rettung. Die Digitalisierung scheint das komfortable Rettungsboot des sinkenden Kapitalismus. Dabei wird diese Digitalisierung für uns alle Probleme schaffen, von denen wir heute erst einen Bruchteil überhaupt erkennen können.

Allein für die Rüstungsindustrie bieten sich jetzt völlig neue Möglichkeiten. Bald kann jede und jeder einem alles in den Briefkasten stopfen: per Drohne. Ob das, was wir in den Briefkästen finden werden, immer erfreulich sein wird, bleibt zu bezweifeln.

Die gesamte soziale Welt und die Arbeitswelt werden sich total verändern. Sie sind bereits dabei, das zu tun. Und wie bei der Debatte um 3000 syrische Flüchtlinge im Bundestag steckt die Risikoerforschung auch hier den Kopf in den Sand. Wir sind auf all diese Veränderungen kulturell nicht vorbereitet.

„Die Welt ist im Wandel“: mit diesem Satz beginnt eine bekannte Filmtrilogie. Ja, das ist sie! Und die kulturellen und politischen Mittel, die derzeit angewendet und vorgeschlagen werden, greifen ins Leere, denn sie stammen aus dem letzten Jahrhundert.

Wir brauchen einen kulturellen Wandel.

Die Entwicklung des Menschen, von der viele gar nicht mehr wissen, dass es sie überhaupt gibt, hält mit der äußeren technischen und wirtschaftlichen Entwicklung schon lange nicht mehr mit.

Wir brauchen einen neuen Humanismus. Und wir brauchen eine Wissenschaft, die die geistige Entwicklung des Menschen und seine Freiheit in den Mittelpunkt stellt und sich nicht mehr den Zwängen unterordnet, die genau diese Freiheit strukturell verunmöglichen.

Dafür lohnt es sich, sich politisch zu engagieren, wobei „Politik“ mehr ist, als wir denken. Beuys meinte: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Dem nachfolgend ist auch jeder Mensch ein(e) Politiker(in).

Wir brauchen nicht nur einen erweiterten Kunstbegriff, wir brauchen auch einen erweiterten Politikbegriff auf der Basis dessen, was das 21. Jahrhundert von uns verlangt: Ein Bewusstsein davon, dass es nichts auf der Welt gibt, was nicht mit allem anderen zusammenhängt.

Wir brauchen, wiederum dem folgend, ein gesamtgesellschaftliches Denken, das die Interessen aller im Auge hat und nicht nur die Interessen von Gruppen, mögen es gesellschaftliche Kreise oder ganze Völker sein.

Nur dann haben wir als Menschen in einer sich verändernden Welt eine Chance. Jeder einzelne Mensch steht in diesen Auseinandersetzungen.

Es kommt auf jede und jeden an.

Ein erster Schritt zur Selbstermächtigung des Menschen wäre die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens als eine Art Demokratiepauschale. Wir können den Übergang von einer Misstrauensgesellschaft in eine Vertrauensgesellschaft gestalten. Wohin erstere führt, kann allen heute vor Augen stehen. Wir stehen an einer Wegscheide. Wer seine Identität nicht in sich selber findet, wird sie sich aus Nationalismen oder Ähnlichen holen.

Wohin werden wir gehen?


Nachwort: „Es kommt auf jede und jeden an.“

Ganz konkret heißt das: Es kommt auf uns an, auf mich, der das hier schreibt, und auf Dich, der oder die das hier liest.

Lasst uns politischer werden. Lasst uns intensiver und tiefer mit politischen Themen beschäftigen. Lasst uns darüber streiten.

Lasst uns unsere Unterschiedlichkeit aushalten, sie sogar als Bereicherung anerkennen.

Und lasst uns auch gemeinsam auf die Straße gehen, für das Ideal einer offenen und freien Gesellschaft, unabhängig davon, ob wir offene Grenzen in der aktuellen Realität für eine saugute oder eine saublöde Idee halten.

Es ist an der Zeit ein klares Zeichen zu setzen, dafür dass der Faschismus bei uns keine zweite Chance erhält.

Denn eines will ich auch ganz klar sagen – und an dieser Stelle wird’s kurz persönlich. Kritische Stimmen mundtot zu machen, indem man Lügen verbreitet und dann Adressen online stellt, sind Methoden des Faschismus. Ich hatte vor kurzem das Vergnügen Christian Brandes (alias Schlecky Silberstein) kennenzulernen. Wir wollten eigentlich einen Verein für mehr Digitale Gerechtigkeit gründen. Das geht zurzeit leider nicht, weil Christian mit seiner Familie untertauchen musste. Aufgrund von Morddrohungen. Morddrohungen, die auf das Konto der AfD gehen. (Näheres in dem Beitrag „Ein Hauch von ´33 – Und plötzlich stehen sie vor Deiner Tür“)

Und das ist nur ein Beispiel für deren Vorgehen. Ich muss das daher abschließend deutlich machen:

Bei allem Verständnis für die Sorgen der Menschen, die in ihrer Not diese Partei wählen – aber die AfD ist KEINE Alternative!

~ Marcel

Bildquelle: unteilbar

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