Krankheit

Der Sprung in der Schüssel – oder wie bewerte ich meine Krankheit?

Es war einmal eine alte chinesische Frau, die zwei große Schüsseln hatte, die von den Enden einer Stange hingen, die sie über ihren Schultern trug. Eine der Schüsseln hatte einen Sprung, während die andere makellos war und stets eine volle Portion Wasser fasste.

Am Ende der langen Wanderung vom Fluss zum Haus der alten Frau war die andere Schüssel jedoch immer nur noch halb voll.

Zwei Jahre lang geschah dies täglich: die alte Frau brachte immer nur anderthalb Schüsseln Wasser mit nach Hause.

Die makellose Schüssel war natürlich sehr stolz auf ihre Leistung, aber die arme Schüssel mit dem Sprung schämte sich wegen ihres Makels und war betrübt, dass sie nur die Hälfte dessen verrichten konnte, wofür sie gemacht worden war.

Nach zwei Jahren, die ihr wie ein endloses Versagen vorkamen, sprach die Schüssel zu der alten Frau: „Ich schäme mich so wegen meines Sprungs, aus dem den ganzen Weg zu deinem Haus immer Wasser läuft.“

Die alte Frau lächelte. „Ist dir aufgefallen, dass auf deiner Seite des Weges Blumen blühen, aber auf der Seite der anderen Schüssel nicht?

Ich habe auf deiner Seite des Pfades Blumensamen gesät, weil ich mir deines Fehlers bewusst war. Nun gießt du sie jeden Tag, wenn wir nach Hause laufen.

Zwei Jahre lang konnte ich diese wunderschönen Blumen pflücken und den Tisch damit schmücken. Wenn du nicht genauso wärst, wie du bist, würde diese Schönheit nicht existieren und unser Haus beehren.

– Asiatische Weisheit, Autor unbekannt –

Wie sehe ich mich und meine Depression, Angst oder Persönlichkeitsstörung? Sehe ich darin nur den Makel, der mich entstellt und anderen Menschen gegenüber abwertet?

Oder kann ich meinen Erfahrungen auch etwas positives abgewinnen?

Schätze ich meine Erfahrungen, so schwer und krisenbehaftet sie auch waren/sind? Bin ich in der Lage, ein paar Blumen an meinem Wegesrand zu erkennen?

Wie bewertest Du Deinen „Sprung in der Schüssel“?

Bildquelle: pixabay.com

Kommentare (7) Schreibe einen Kommentar

  1. Ich bin vor 2 Tagen auf deinen Blog gestoßen und bin sehr Froh darüber.
    Ich lese mich seither durch deinen Blog. Du triffst die Dinge so oft auf den Punkt.

    Diese Geschichte finde ich unwahrscheinlich schön.
    Aber sie zeigt mir nach wie vor, das ich meinen Sprung immer noch nicht akzeptiert habe. Für mich bin ich 2 Personen in einem. Mein *Ich * von Heute und mein *Ich* von damals.
    Und ich möchte so gerne wieder so sein wie früher. Ich weiß das ich nicht mehr so sein werde und ich zerbreche daran. Denn auch mein Mann wünscht sich mein altes *Ich* wieder zurück.

    Ich hoffe das ich mich irgendwann so akzeptieren kann….

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  2. Tolle Geschichte, Nora! Ich persönlich glaube ja bei jeder Krankheit, dass sie da ist, damit der(/ die Betroffene etwas lernt oder dass sie da ist, weil die betroffene Person etwas übersieht oder übersehen hat. So gesehen hat jede Krankheit ihren Sinn, auch wenn das kaum zu verstehen ist, wenn man mitten drin steckt und leidet. Deine Geschichte finde ich deshalb wundervoll! Liebe Grüße aus Salzburg!!

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    • Im Nachhinein denke ich auch oft, dass die Krise ihren Sinn hatte und mir etwas gezeigt hat … aber wie Du sagst, währenddessen ist es unglaublich schwer, dass positive in dem Schweren zu sehen!

      Liebe verschneite Grüße nach Salzburg aus Berlin 😉

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  3. Liebe Nora,
    die Geschichte gefällt mir sehr gut und war mir bisher noch gar nicht bekannt. Ich denke ich muss etwas darüber nachdenken, was das auf mich übertragen bedeuten kann. Mein Sprung in der Schlüssel – manchmal akzeptiere ich ihn, manchmal würde ich ihn gerne sofort reparieren.
    Annie

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    • Ja, ein Segen und ein Fluch – so ähnlich sehe ich das auch! Es freut mich, dass Dir die Geschichte gefällt 😉

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  4. Mein Sprung in der Schüssel ist ein Teil von mir oben den ich nicht wäre, wer ich bin. Es macht mich an vielen Tagen sensibler für mich und meine Umwelt und zeigt mir immer wieder, dass das Leben zu kurz ist, um es nicht wenigstens einmal am Tag zu genießen.
    Liebe Grüße
    Yvonne

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    • Ein sehr schöner Gedanke, Yvonne! Es klingt, als ob Du Deinen Sprung in der Schüssel (und damit auch Dich selbst) schon sehr starkt akzeptiert und angenommen hast – und das ist beeindruckend!

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