Warum

Warum erst jetzt? – Therapie-Erkenntnisse & das Timing

„Warum erst jetzt?“, wurde ich neulich vorwurfsvoll von einem Verantwortlichen aus meiner Kindheit gefragt. Ein paar Tage zuvor konfrontierte ich ihn mit Gedanken, Gefühlen und Situationen von früher. Anstatt auf diese fragend, mitfühlend oder auch erschrocken einzugehen, wurden diese Ereignisse negiert. In all den vergangenen Jahren hätte ich nie etwas gesagt, warum also erst jetzt, fragte er.

Warum wurde all das, was jetzt gesehen wird, nicht schon damals erkannt?

Warum erst jetzt und nicht schon früher, fragte auch ich mich in der Vergangenheit öfter.

In meinem Aufenthalt in der Tagesklinik im Sommer 2015 begann ich langsam zu verstehen, was bei mir in der Kindheit und Jugend schief gelaufen war. Mit Hilfe der Therapeutin konnte ich Situationen von damals in Erinnerung rufen und reflektieren. Offen erzählte ich, wie ich mich damals fühlte und was ich dachte.

Damals, vor zwei Jahren, fragte ich mich, weshalb mein erster Therapeut (ca. 2006) dies nicht schon erkannt hat. Warum hat er mich nicht gefragt, wie ich mich im Kindergarten oder in der Schule fühlte oder wie die Beziehung damals zu meinen Eltern gewesen sei?

Vor ein paar Wochen, als ich bei meiner ambulanten Therapeutin einen Aha-Moment hatte und so langsam begriff, wo der Ursprung meiner starken Anspannung, Schreckhaftigkeit und Verlustangst herrührte, fragte ich mich auch – warum jetzt? Warum konnten wir das nicht schon vor zwei Jahren erkennen?

„Vielleicht waren Sie damals noch nicht bereit dazu, dies zu erkennen.“, sagte mir vor zwei Jahren die total freundliche Ergotherapeutin aus der Tagesklinik. So ähnlich formulierte es auch meine Therapeutin letzte Woche.

Beides sind Therapeutinnen, welche ich sehr schätze. Ihre Antworten stellten mich jedoch nicht zufrieden. Im Gegenteil, ich war zunächst wütend und auch in gewisser Weise verletzt – es liegt also schon wieder an mir. Sind die beiden nicht die studierten Fachleute, welche erkennen müssten, was los ist?

„Wenn ich Ihnen vor zwei Jahren gesagt hätte, dass Sie in einem Umfeld aufgewachsen sind, wo viele Manipulationen und psychische Gewalt herrschen – vorausgesetzt, ich hätte all dies gewusst, was wir bis dato erarbeitet haben – wie hätten Sie damals reagiert?“, fragte mich also meine Therapeutin.

Man könnte meinen, dass ich damit geantwortet hätte, dass ich vermutlich einen riesen Luftsprung gemacht hätte, weil es nun für alles eine Ursache gibt und wir uns nun damit auf die Suche nach Lösungen machen können. Könnte man meinen, kann ich mir aber nicht vorstellen.

„Ich hätte vermutlich alles abgestritten und als übertrieben empfunden. Wahrscheinlich hätte ich Ihnen nicht geglaubt.“, lautete also meine Antwort.

Therapie ist Arbeit – Arbeit an sich selbst

Wenn ich mit Zahnschmerzen zu meiner Zahnärztin gehe, dann schaut sie sich den Zahn an, findet das Loch, bohrt und füllt das ganze mit dem entsprechenden Material. Nach ein paar Stunden ist wieder alles gut und ich kann wie gehabt lachen, essen und trinken.

In einer psychologischen Therapie ist das leider nicht so einfach. Oft wurde ich damals, während meiner ersten Therapie gefragt, wann es denn mal besser werden würde. Als ich die diversen Tagesklinikaufenthalte beendete, dachten und erwarteten einige, ich sei nun gesund.

Bei manchen Sachen geht so eine Rechnung auf. Manchmal führen Lebensumstände in eine Krise – ändert man die Umstände, kann dadurch die Krise behoben werden. Dies ist jedoch kein alltagstaugliches Beispiel. Die meisten Krisen sind viel komplizierter und vielschichtiger.

So ist es, dass ich mich als Patientin durch viele Schichten durchgearbeitet habe, bis ich an den Kern meiner Ursache gelangen konnte. Und dies schafft man – bzw. ich – nicht innerhalb von zehn Therapiestunden.

Bei mir sind es inzwischen – mit Pausen und unterschiedlichen Therapeuten – 14 Jahre. Mit 18 begann ich meine erste Therapie, inzwischen bin ich 32 …

Doch alleine das Wissen der Ursache bedeutet nicht automatisch, dass ich damit auch umgehen kann.

Wenn ich am Ertrinken bin, kann ich sicher schnell kausale Zusammenhänge herführen, wieso, weshalb, warum ich in den See gefallen bin – dass sagt aber noch nichts darüber aus, dass ich auch weiß, wie ich zurück an Land komme, geschweige denn, ob ich die Kraft dafür habe. So ähnlich ist es in der Therapie.

Seit etwa 1,5 Jahren befinde ich mich in einer tiefenpsychologisch fundierten Therapie. Wir schauen, was die Ursachen hinter meinen aktuellen Problemen sind. Und so landeten wir häufig in meiner Kindheit und Jugend.

Die Arbeit an sich bedeutet in der Therapie jedoch auch die Arbeit mit Gefühlen. D.h., selbst wenn ich schon 10 mal meiner Therapeutin erzählt habe, dass ich mich in der Kindheit selbst verletzt habe, dass ich oft lauten Streit oder auch physische Gewalt erlebte, heißt das noch nicht, dass ich dazu jedes Mal ein Gefühl habe.

Noch zu oft kommt es mir vor, als rede ich von einer Figur aus einem Film.

Ich weiß, dass ich von mir rede – doch ich fühle es nicht. Ich fühle MICH nicht.

Insofern ist mit solchen Aussagen über Erlebnisse von früher manchmal nichts anzufangen – eben weil ich emotional dazu gerade keinen Zugang habe oder aber nicht „tiefer“ komme.

Dafür ist dann meine Therapeutin da – sie stellt Fragen, die das ganze nochmal von einer anderen Seite beleuchten und welche mich manchmal weiterführen. Und so wurde mir vor kurzem in der Therapie bewusst, weshalb und wodurch der Ursprung meiner inneren Anspannung als auch meiner Verlustangst in der Kindheit begann.

Was genau die Ursachen und Umstände sind, möchte ich grundsätzlich noch thematisieren. Da es jedoch nicht mein Ziel ist, die Verantwortlichen anzuprangern, bloß zu stellen oder Rache zu üben, werde ich den Teil anders verpacken. Es geht mir nicht um Schuldzuweisung, sondern um Verantwortung, auch wenn das die Beteiligten derzeit leider nicht so sehen oder verstehen (wollen). Aufgrund der Persönlichkeitsrechte lasse ich es hier nun auch völlig frei gestellt, ob es sich bei den Beteiligten um Verwandte, Nachbarn, Eltern oder Lehrer handelte.

Ich war und bin auf der Suche nach mir selbst

Jeder hat mal eine Sinnkrise und fragt sich, wer er eigentlich wirklich sei, dass ist völlig normal. Ich habe mich so oft gefragt, warum ich mich selbst verletzen musste, warum ich Todessehnsucht hatte, warum ich immer wieder in teilweise schwere, suizidale Krisen rutschte und warum ich Panikattacken hatte. (By the way: Seit Februar 2017 kann ich dies in Vergangenheit formulieren 😉 )

Ich wollte verstehen, was passiert ist, warum ich so geworden bin wie ich bin. Und ich habe verstanden, dass das, was einem vorgelebt wird nicht automatisch das richtige ist.

Als Kind nimmst Du aber an, dass das, was Erwachsene sagen und tun, richtig ist. Vor allem, wenn es von Erwachsenen kommt, denen Du vertraust oder aber auf welche Du angewiesen bist.

Im Alter von etwa 10 Jahren sagte ich ihm, dass ich es nicht mehr ertrage, mir seine Probleme über seine Ehe anzuhören. Dass ich nicht weiß, was ich machen soll und das mir das „einfach“ zu viel ist.

„Ja, aber ich helfe Dir doch auch immer, da kannst Du doch auch mal für mich da sein.“, war seine Antwort. Und mein Schlüsselerlebnis.

Denn ich war auf ihn angewiesen. Und ich hatte Angst, dass ich nicht gemocht oder ausgegrenzt oder noch stärker nicht beachtet werde – also spielte ich weiter Kummerkasten für ihn und überforderte mich selbst.

Dies ist nur ein Beispiel, welches mir inzwischen erklärt, warum ich mich als Kind selbst verletzt habe. Ein Kind, was doch eigentlich spielen, lachen und sorgenfrei sein sollte.

Natürlich spielte und lachte ich zwischendurch. Natürlich war ich aber auch in der Rolle, wo ich Erwachsenen ein offenes Ohr schenkte, wann immer sie es benötigten und dies zu Themen, von denen ich keine Ahnung hatte, wie z.B. Eheprobleme, Erziehungsfragen und suizidale Gedanken.

Das was Unnatürlich ist, war Teil meiner Normalität

Natürlich ist es nicht selbstverständlich, dass ein Grundschulkind oder ein Teenager mit solchen Themen oder solchen Situationen konfrontiert wird. Aber das wusste ich als Kind ja nicht. Es war für mich relativ normal und ich entwickelte ein Verantwortungsgefühl für diejenigen Erwachsenen.

Das u.a. diese benannten Situationen wichtige und vor allem stark prägende Ereignisse für mich waren bzw. sind, habe ich erst ziemlich spät verstanden. Vielleicht war es so, wie es die Therapeutin damals sagte – ich war nicht eher dafür bereit.

„Ich lernte, dass das Leben dich dann vor Herausforderungen stellt, wenn Du bereit bist sie zu meistern. Keinen Tag früher – und auch nicht irgendwann später.“ Annegret Corsing

Diese Aussage stammt aus dem Beitrag „Arbeit ist bei mir selbst sein“ von meiner Freundin Annegret Corsing, auch einer Erfahrungsexpertin. Und inzwischen kann ich diese Aussage auch für mich annehmen und erkennen.

All das, was ich in den letzten Jahren meiner Therapie erarbeitet habe, hätte ich höchstwahrscheinlich vor zehn Jahren emotional gar nicht verkraftet.

Um – vor allem traumatische Erlebnisse, wozu emotionale Vernachlässigung und auch Parentifizierung (wie im vorgenannten Beispiel beschrieben) auf jeden Fall zählt – aushalten zu können, um sich das ganze bewusst zu machen, ist eine gewisse emotionale Belastbarkeit notwendig.

Mein Fortschritt – für andere ein Rückschritt. Mein Durchbruch – für andere ein Ausbruch.

Nun, in den letzten Jahren habe ich mich selbst reflektiert, vieles in Frage gestellt und einen neuen Zugang zu mir gefunden. Einen ehrlichen.

Vieles habe ich verstanden, wenn auch emotional noch nicht verarbeitet. Das ich jedoch kausale Zusammenhänge herstellen kann, ist für mich sehr wichtig und hilft mir bei der Erarbeitung von Lösungsmöglichkeiten.

Die kausalen Zusammenhänge habe ich lange nicht erkannt und es wurde mir auf verschiedene Arten suggeriert, dass ich diese falsch sehe oder empfinde. Und ich weiß, was ich erlebt habe. Und oft weiß ich auch, was ich gefühlt habe.

Diverse Beteiligten von damals habe ich nun mit meinen Erkenntnissen konfrontiert. Nicht einfach so. Es bestand seit längerem ein Konflikt und ich wollte mal klare Worte sprechen. In der Hoffnung, sie würden nun anfangen, sich selbst zu hinterfragen.

Ach ja, die Hoffnung … die Hoffnung wurde stark angeschossen, als meine Darstellung von zwei Krankenhausbesuchen verleugnet und abgestritten wurden.

Und so kam es, dass mein Fortschritt – den ich eindeutig in meiner Therapie und Persönlichkeitsentwicklung als Fortschritt sehe – vermutlich als Rückschritt interpretiert wird.

Ja, vermutlich. Denn ich weiß, dass die Beteiligten nichts groß von Psychiatern und Psychotherapeuten halten. Zudem führte all dies nicht zu einer besseren Kommunikation zwischen denjenigen Erwachsenen und mir, sondern zu einer größeren Entfremdung.

Was meiner Überzeugung nach nicht der Therapie oder gar Therapeutin liegt, sondern an mangelnder Selbstreflektion und Einsichtsvermögen der anderen Beteiligten.

Meinen Durchbrauch interpretieren vermutlich andere als Ausbruch. Mit meinen Aussagen ihnen gegenüber, meinen Erinnerungen und Gefühlen, habe ich eine Grenze überschritten.

„Warum jetzt?“ fragte er, ich hätte schließlich die ganze Zeit nie was davon gesagt. Tja, wie sollte ich auch, wenn es mir doch gar nicht bewusst war oder aber ich noch zu sehr in dem Verantwortungsgefühl drin war, ja nichts falsches zu sagen!?

Sein bzw. ihr „Warum jetzt?“ ist zugleich eine klare Anzweifelung. Es wird mir nicht geglaubt.

Meine Therapeutin meinte, dass sie das wirklich nicht mehr wissen, was ich an Erinnerungen schilderte. Dass sie das so sehr verdrängt haben, dass sie sich daran nicht erinnern können. Und dass sie diese Verdrängung, diese Fassade brauchen.

Aus dieser Fassade bin ich ausgebrochen. Aus dem System. Aus ihrer Normalität.

Ich bin ausgebrochen, um nicht nochmal einzubrechen.

Um nicht nochmal zu zerbrechen.

Ich bin auf dem Weg.

Jetzt.

Zu mir.

Mit mir.

Bildquelle: pixabay

Kommentare (3) Schreibe einen Kommentar

  1. Dieser Beitrag hat mich sehr berührt weil Du von Dingen erzählst über die ich mir gerade selbst in einer Therapie klar werde. Danke für diesen Blog!

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  2. Liebe Nora, vielen Dank für diesen Einblick und die vielen wahren Worte. Ich hatte mir auf Facebook ja schon einige Sorgen um dich gemacht und jetzt verstehe ich es endlich besser.
    Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn ich mich an eine Situation so sehr gewöhnt hatte, dass sie für mich ganz normal war, dann war sie für die Verursacher ja auch ganz normal. Deswegen haben die sich all zu oft nicht mehr daran erinnern können. Wenn Dinge Normalität sind, dann vergisst man sie wohl schneller.
    Ich wünsche dir natürlich auch weiterhin, dass du an jeder neuen Herausforderung wachsen und mehr zu dir selber finden kannst.

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  3. Eine ganz grandiose und extrem wichtige Differenzierung – was verträgt meine Seele, mein ganzer Daseinsleib wann und wieviel davon? Bin ich schon stabil und konturiert genug innen wie außen, um mit Wahrnehmungen aus der Vergangenheit so umzugehen, dass ich damit nicht nur über- oder weiter- sondern sogar aufrecht leben kann?!

    Danke, liebe Nora, für deine große Offenheit, mit der du auch den „Verantwortlichen“ aus meiner Sicht eine Menge schenkst. Vor allem spricht DU von DIR. Und das ist gut so. Ein wundervoller Beitrag!

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