Warum „Therapie wollen“ hilft – und warum das keine Entscheidung ist

Jannis Tenbrink ist 24 Jahre alt und lebt in Hamburg. Er sieht bei sich autistische Züge im Rahmen von Asperger und verfolgt dafür eine Diagnose. Seit vier Jahren versucht er therapeutisch bei sich etwas zu verbessern. Mit Geschichten und Sichtweisen hunderter anderer psychisch Kranker im Hinterkopf und eigener Analysearbeit versucht er, Emotionen und Menschen besser zu verstehen – und Erkenntnisse mit der Welt zu teilen.

Warum „Therapie wollen“ hilft – und weshalb das keine Entscheidung ist

Ich bin letztens über eine (weitere) Liste gestolpert, die Dinge aufzählt welche psychisch Kranke (vor allem Depressive) ständig hören und helfen sollen – aber normalerweise das Gegenteil erreichen. Ein Punkt auf der Liste war, wie bei vielen dieser Art, dass man Therapie „wollen“ muss. Das zu sagen hat einen sehr vorverurteilenden und überheblichen Subtext und lässt jeden, der das sagt in einem uninformierten Licht dastehen (was in fast allen Fällen auch die Wahrheit sein wird). Dieses Statement zu hören nervt und frustriert jeden Betroffenen, doch es ist im Grundprinzip etwas Wahrheit drin (die allerdings den meisten die sowas sagen so nicht mal bewusst ist). Das, was frustriert und nicht hilfreich ist, ist die Assoziation, nicht das direkt gesagte, also werde ich mal versuchen zu erläutern und zu differenzieren wo hier tatsächlich etwas dran ist – über die üblichen Implikationen und den verbreiteten Subtext hinaus.

Rationale Entscheidungen vs. emotionale Einstellungen

Wenn man sich Termine für Therapie macht, Anweisungen/Tipps der Therapie folgt, verschriebene Medikamente ordnungsgemäß einnimmt und auch alles andere tut das einem auf der Oberfläche geraten/nahegelegt wird und als Hilfe gedacht ist, wird das niemals den vollen Effekt haben, wenn das Gehirn auf emotionaler Ebene nicht mitspielt. Das klingt nach einer eloquenten Art das Selbe zu sagen (und zu meinen) was man normalerweise hört – ist es aber nicht.

Der Unterschied ist, dass ich nicht die rationalen Entscheidungen meine oder impliziere, über die man (direkte) Kontrolle hat. Wenn du Therapie mitmachst, dich engagierst, tust was dir Therapeuten empfehlen und offen über deine Gefühle und inneren Vorgänge redest, dann beweist du, dass du die rationale Entscheidung getroffen hast, deinen Mentalstatus verbessern zu wollen – auch wenn die Depression dich davon abhält einige oder in manchen Fällen auch alle diese Dinge zu verfolgen. Der rationale Wunsch zur Veränderung ist auch in diesen Fällen noch da, aber Depressionen können dich so stark von generell allen Dingen abhalten wie ein Felsen der dich unter Wasser zieht, während du verzweifelt versuchst an die Oberfläche zu kommen.

Niemand hat direkte Kontrolle über seine eigenen Emotionen, nur – und auch das nicht immer – indirekten Einfluss. Man kann immer nur alles versuchen was möglich und nötig ist, um seine Emotionen dazu zu bringen mitzuspielen. Du tust alles von dem du rational weißt, dass es Sinn macht und/oder nötig ist, bis es dazu kommt dass deine Emotionen einlenken. Bis dahin wird alles was du tust Selbstdisziplin erfordern, die (zu einem gewissen Grad) entgegen die eigenen emotionalen Impulse geht – denn Emotionen werden immer versuchen, die aktuelle Situation beizubehalten, selbst wenn das rational nicht den geringsten Sinn macht (Emotionen interessiert das einfach einen Scheiß).

Der Placebo-Effekt

Der Grund, dass Emotionen helfen, die in Richtung deiner rationalen Ziele und Wünsche laufen, ist der Placebo-Effekt, der wissenschaftlich bewiesen (einfach geschrieben – wissenschaftlich erklärt) einen (kleinen) Einfluss auf jeden psychischen und physischen medizinischen Prozess hat. Allein durch die emotionale (NICHT rationale, wichtige Differenzierung!) Überzeugung (Einstellung), dass etwas funktionieren wird/soll oder nicht – und ob etwas nötig ist oder nicht – wird der Prozess selbst positiv oder negativ beeinflusst, zu einem gewissen Grad.

Je nach dem zugrundeliegenden Problem hat der Effekt mehr oder weniger Einfluss auf den Prozess, obwohl es grundsätzlich verglichen mit tatsächlicher Therapie und Medikation immer eher ein geringer Einfluss ist. Außerdem wird es natürlich niemals ganz allein ausreichen; dennoch kann auch ein kleinster Einfluss bei bestimmten Umständen (grade bei Depressionen) einen Unterschied machen.

Die emotionale Einstellung beeinflussen

Ein Weg um zu versuchen dies zu beeinflussen, ist sich auf jede mögliche Art emotionalen Support zu holen, wie zum Beispiel sich um sich selbst zu kümmern, auf welche Art auch immer das für dich funktioniert. Im Internet gibt es lange, gute Listen für hunderte Möglichkeiten für self-care; irgendwann ist definitiv was dabei. Wichtig ist im Kopf zu behalten dass man nicht wissen kann wie sehr einem etwas hilft ohne es zu probieren; wenn einen etwas abstößt ist es unwahrscheinlich, dass da was positives bei rauskommt, aber nur weil etwas nicht sinnvoll klingt, heißt das nicht, dass es das auch nicht ist. Viele dieser Listen bzw. deren Inhalte (zumindest die von medizinischen Quellen) kommen von Profis auf dem Gebiet, die das ewig studiert und oft lange darin gearbeitet haben.

Außerdem ist es hilfreich offen und ehrlich gegenüber verständnisvollen Menschen mit den eigenen Emotionen zu sein, damit die einen unterstützen und Hilfe/Beistand leisten können. Das englische Wort „comfort“ passt hier besser und wird selbst im deutschen gern genutzt, weil es impliziert dass es nicht direkt um Trauer oder einen Unfall geht, sondern einfach darum, dass diese Menschen helfen, dass es einem besser geht (wie auch immer das dann aussieht).

Darüber hinaus kann man auch in Flyern und Listen nachsehen, wie man den eigenen Mentalstatus im täglichen Leben verbessern kann. Diese (und wohl jeder uninformierte/überhebliche Mensch der solche zitiert) können vorverurteilend, herablassend, unprofessionell usw. klingen, aber die Grundlage ist immer noch der Placebo-Effekt, der unanfechtbar einen (nochmal, kleinen) Einfluss hat. Dass viele Menschen – vor allem selbst nicht betroffene – darauf aufbauend dann Fehlschlüsse ziehen, ändert nichts an der Wirkung einer Methode selbst.

Der unbemerkte Einfluss von Depressionen auf Rationalität

Über all dies hinaus ist es immer wichtig im Kopf zu behalten dass, wenn man es nicht schafft diese Dinge zu tun (oder sie nicht helfen), das NICHT deine Schuld ist und keiner dich dafür verantwortlich machen kann, wenn sie an einigen – gern auch vielen – Tagen nicht funktionieren, oder du es gar nicht erst schafft es überhaupt zu versuchen. Noch einmal: Niemand ist schuld an seinen Emotionen und dies ist eine absolut emotionale Geschichte. Gefühle haben Einfluss auf generell jede Entscheidung zu einem gewissen Grad und können dich, teilweise extrem unbemerkt, in eine Richtung beeinflussen die am Ende dazu führt dass du Dinge eben nicht tust die nötig wären, um deinen Mentalstatus zu verbessern. Es würde nun mal eine Veränderung des aktuellen Zustands bedeuten, wovor Emotionen generell Angst haben – selbst wenn du dir rational völlig klar bist, dass etwas absolut notwendig oder gar dringend ist.

Depressionen sind SEHR gut in solchen Dingen. Sie finden ganz tolle rational klingende Argumente gegen alles das möglicherweise hilfreich sein kann und lügen dir direkt ins Gesicht, ohne dass du meistens überhaupt was davon mitbekommst in den konkreten Situationen. Du tust was du kannst und du wirst versuchen müssen, dir Fehler so gut wie möglich zu vergeben, die du unter Einfluss von Emotionen machst. Trage immer alle Konsequenzen, achte darauf ob andere unter deinen Fehlern Schaden (irgendwelcher Art) genommen haben und versuche das wieder gut zu machen (frag sie wie!). Das passiert; nicht jeder wird – oder kann – das verstehen (oder vergeben), aber das ist dann deren Problem, nicht deins.

Nochmal: Du kannst nur rationale Entscheidungen direkt beeinflussen, nicht deine Emotionen. Wenn Leute das nicht verstehen, ist das deren Ding. Das entbindet dich nicht von deiner Verantwortung – aber von der Schuld. Spätestens für deinen eigenen Selbstwert ist das ein gewaltiger und wichtiger Unterschied.

Die Stärke des Gehirns, und wie es die Realität manipulieren kann

Dies ist ein wissenschaftlicher (verständlicher) Artikel über die Stärke des Gehirns im Zusammenhang damit, dich erkennen zu lassen was real und rational ist und was nicht. Es geht beispielhaft um Wahnvorstellungen und Halluzinationen, aber das Grundprinzip ist auf alles was im Kopf passiert anzuwenden – besonders auf psychische/neurologische Störungen und Krankheiten wie Depressionen, da es zeigt wie gut und überzeugend das Gehirn die eigene Auffassung der Realität und von Rationalität manipulieren kann. Wenn dies in kleinerem Rahmen passiert ist diese Art von Realitäts-/Rationalitätsmanipulation auch von außen unfassbar schwer zu erkennen.

Es gibt Beispiele dafür im Leben jedes depressiven Menschen, der unter Zusammenbrüchen leidet: Vergleiche deine Handlungen und Aussagen während eines emotionalen Zusammenbruchs damit was du außerhalb von einem tust und sagst. Nun erinnere dich daran, wie „richtig“ und angemessen die Dinge die du während eines Zusammenbruchs getan und gesagt hast in deinem Kopf klangen – oder sich genauer gesagt angefühlt haben, aber die Depression will nicht dass du dir dessen bewusst bist. Selbst wenn du „irgendwo“ wusstest dass du einen Fehler machst hast du diesen Fehler dennoch begangen, und deine Handlungen steuerst immer noch du. Das ist die Depression die dich überzeugen konnte das etwas das nicht rational ist doch rational ist, und deine verbliebene Rationalität muss hilflos zuschauen.

Diese Mechanik finden allerdings nicht nur in Zusammenbrüchen statt. Depressionen und psychische Störungen haben gewissen Einfluss auf jede einzelne deiner Entscheidungen; dieser Einfluss ist je weniger Emotion vorherrscht einfach nur weniger stark. Dennoch ist dein Bewusstsein des Verhältnisses von tatsächlicher Rationalität und durch Depressionen manipulierte Rationalität sehr ähnlich; du machst halt einfach weniger und weniger schwerwiegende Fehler wenn der Einfluss geringer ist.

Kämpfe deinen individuellen Kampf

Letztendlich bedeutet das alles nicht, dass du niemals eingreifen oder zumindest versuchen kannst Einfluss auszuüben. Sich dieser Mechanik bewusst zu sein und im Besten Fall zu verstehen, weswegen ich hier so detailliert und ausführlich bin, ist essentiell um zu versuchen damit zu arbeiten. Mach deine eigenen weiteren Nachforschungen und Analysen, und wende das dann auf deine eigene Situation und psychische/neurologische Störung/Krankheit und deine eigenen Erfahrungen und Verhältnisse an.

Viel Glück mit deinem Kampf. Überlebe trotz der Depression, nicht mit ihr. Sie ist kein Teil von dir, und du kämpfst gegen sie. Sie verdient nichtmal deinen kleinen Finger – sie würde dir nur die Hand abreißen.

© Jannis Tenbrink

Den Orignialbeitrag auf Englisch findest Du auf Jannis‘ Medium Account

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Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag. Die Ansichten und Meinungen spiegeln nicht unbedingt die meinen wider.
Bildquelle: pixabay.de

 

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Danke, dass du meinen Content auf deinem Blog aufgenommen hast.

    Wenn jemand Fragen oder Anmerkungen hat die direkt an mich gehen sollen kann man mich gerne über Twitter oder Facebook anschreiben. 🙂

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