Depression: Wenn die Sonne Schatten wirft

Depression

Draußen werden die Tage langsam wieder länger hell, die Sonne scheint und die Vögel zwitschern morgens schon wieder ihre Lieder – während es in mir stockduster ist und alles abgestorben zu sein scheint. So ging es mir über viele Jahre hinweg. Auch im Sommer. Obwohl draußen die Sonne lachte, war es in mir stockduster. Tot. Depression. Nachfolgender Text ist von vor ein paar Jahren und entspricht nicht meiner aktuellen Verfassung. Im Gegenteil, seit Herbst 2021 hatte ich keine ernstere (depressive) Krise. Ich fand meinen Weg in meinen Leben und zu mir – nichts desto trotz ist es mir wichtig, über Depressionen aus „erster Hand“ zu informieren – das brauchen wir leider auch 2024 noch.

Meine Psyche trägt im Sommer Winter. – Eiszeit. Dunkel. Depression.


Frühjahr 2016: Nachts kann ich seit Tagen nicht schlafen, dafür tue ich das viel zu lange. Mein Wecker klingelt früh gegen 8:00 Uhr, denn ich habe einiges zu tun, vieles davon möchte ich auch tun – doch mir fehlt die Kraft zum aufstehen. Ich mach das Handy aus und kuschel mich in die Bettdecke ein. Das klingt einerseits schön und doch ist es eine Flucht.

Eine Flucht vor der Depression. Eine Flucht vor dem Tag, der mir nun bevorsteht – ein Tag mit Schwere, Leere und Gelähmtheit.

Die Sonne wirft ihre hellen Strahlen in mein Zimmer. Gleißend hell brennt sie mir in den Augen und auf meiner Haut. Wie kann etwas so schönes mir so weh tun? Mein Kopf brummt, als hätte ich gestern viel zu viel getrunken. Wie, wenn ich einen Stacheldrahthelm aufhabe, fühlt sich mein Gehirn zerquetscht an.

Irgendwann denke ich, ich muss doch aufstehen. Ich kann doch jetzt nicht den ganzen Tag hier liegen bleiben – doch mir fehlt die Kraft dazu. Es kostet mich enorm viel Energie, mich wenigstens mal rumzudrehen. So starre ich gegen die Wand und finde keine Motivation in mir, diesen Tag aktiv anzufangen.

Das Bedürfnis nach einer Toilette zwingt mich, nun doch aufzustehen. Allein der Gedanke, dass ich mich dafür aufrichten und die vier Meter bis zum Badezimmer gehen muss, erscheint mir viel zu viel. Also bleibe ich liegen, ziehe mir die Bettdecke über den Kopf und verstecke mich vor mir selbst und meinen leeren Gedanken.

Wenn ich es selbst nicht besser wüsste, würde ich sagen, ich habe über Nacht 100 kg zugenommen. Mein eigener matter, schwerer Körper drückt mich immer mehr in mein Bett. Ich möchte hier nicht unbedingt den ganzen Tag liegenbleiben, doch ich sehe für mich gerade keinen anderen Ausweg.

Ich kann gerade nicht anders.

Irgendwann muss ich anders können – denn ich muss immer noch auf die Toilette. Wie, wenn ich mit einer schweren Steinschicht überzogen wurde oder einen zu engen Neoprenanzug anhabe, fühlen sich meine Bewegungen gehemmt und zugeschnürt an. Es kostet mich so unheimlich viel Kraft, dass ich erschöpft im Bad ankomme, als hätte ich gerade einen 20 km langen Marsch hinter mir.

Im Bad verweile ich die nächste halbe Stunde – mit Nichtstun. Einfach so. Nein, nicht einfach so … ich kann gerade nicht anders.

Ich sitze da und starre vor mich hin und überlege, ob ich nun duschen gehe oder nicht, während zwischendurch der Nebel in meinem Kopf aufzieht und mein Ich darin verschwindet.

Manchmal finde ich es toll, wenn ich mal an Nichts denken könnte – doch das geht bei mir nur in der Depression, wenn ich mich in mir selbst verliere. Plötzlich ist eine Stunde vergangen und ich weiß nicht, warum. Ich war schließlich nicht dabei. So irgendwie.

Ich habe heute noch einen Termin, also sollte ich duschen gehen. Druck baut sich in mir auf, weil ich das jetzt einfach schaffen muss. Das Wasser aus der Dusche ist unheimlich laut. Es knallt auf die Badewanne und verursacht tösenden Lärm. Selbst die einzelnen Wassertropfen fallen schwer und schmerzhaft auf meine Haut, als ob sie mich erschlagen wollen. Wie soll ich das jetzt auch noch überstehen?

Erschöpft steige ich aus der Wanne, wickele mich in ein Handtuch ein und muss mich erst einmal hinsetzen und ausruhen. Wie soll ich den heutigen Tag nur schaffen?

Durch diese unbändige Müdigkeit fehlt mir die Kraft – doch um gegen meine Depression anzukämpfen, benötige ich Kraft. Gerne würde ich mich wieder in meinem Bett verkriechen und dort so lange verweilen, bis die Sonne wieder in mir scheint und nicht mehr solche schweren Schatten wirft. Doch dann fällt mir wieder ein, dass ich heute noch diesen einen Termin habe …

Während ich das Duschen an manchen Tagen gerne vernachlässige, ist mir das Zähneputzen doch sehr wichtig – auch wenn ich keinen Termin habe. Doch selbst meine Zahnbürste wiegt heute gefühlte 20 kg. Bemüht und angestrengt halte ich sie in der Hand fest, damit sie mir ja nicht runter fällt – wenn ich mich jetzt auch noch hinunterbücken müsste, würde ich wohl kaum wieder hochkommen …

So vergeht der Tag in winzigen Schritten, dafür mit einem immensen Kraftaufwand für jede Kleinigkeit.

Es war mir nahezu unmöglich, mich auf meinen Termin zu konzentrieren oder einen Gedanken ganz zu vollenden. Immer wieder tauchte eine Blockade auf. Und erst im Nachhinein, wenn ich wieder in der Gegenwart lande, wird mir bewusst, dass ich mit meinen Gedanken abgeschweift bin. Ich kann dies in dem Moment nicht steuern, es bricht einfach über mich ein.

Kreuz und quer rasen die Gedanken, so schnell, dass ich sie nicht fassen kann. Mein Kopf ist voll von ihnen, doch kann ich nicht sagen, was da umherschwirrt.

Es ist wie ein Bild vom Himmel, welcher voll von fliegenden Vögeln ist – ich erkenne, dass es Vögel sind. Doch sie sind weder zu fassen noch so deutlich zu erkennen, als dass ich sie als Amsel, Adler oder Storch identifizieren könnte. So ist das mit meinen Gedanken im Kopf.

Und ich frage mich, was doch eigentlich los mit mir ist … es fällt mir schwer, meinen derzeitigen Zustand zu akzeptieren, ich möchte ihn nicht wahrhaben … nicht schon wieder.

Es gab doch so viele schöne Sachen in letzter Zeit und vor allem, die Sonne scheint – so viele Menschen sagen doch, ich soll an die frische Luft und in die Sonne, dass würde mir schließlich gut tun. Doch das Gegenteil ist der Fall – all das zieht mich noch mehr runter.

Die Sonne strahlt nicht, sie wirft dunkle Schatten. Auf mich, auf mein Leben. Konfrontiert mit den schönen, lebendigen Dingen um mich herum wird mir klar, was in mir tot und leer ist.

Ich fühle mich gefangen in mir selbst, gelähmt und hilflos. Wie eine leere Hülle, aus der zwei stumme Augen gucken.

Mittlerweile ist es dunkel draußen und ich erkenne aus dem Fenster heraus nur die Umrisse der Stadt. Mit der Dunkelheit kommt die Stille – sie schluckt den Lärm. Stille ist einerseits schön, andererseits schreit sie mich oftmals auch an. Die Stille in mir ist verzweifelnd unerträglich. Ich weiß, dass ich lebe, doch in mir ist ein Teil gerade tot.

Doch dass es draußen nun stiller und dunkler wird, tröstet mich etwas. Das der äußere Schein zu meinem inneren Erleben passt, beruhigt etwas in mir. Die Dunkelheit der Nacht passt zu meiner Dunkelheit in mir. Die Welt da draußen hat sich meinem Gemütszustand angepasst.  Es fühlt sich stimmig an.

Und so schaffe ich es, diese Zeilen hier zu schreiben. Ich werde es so stehenlassen, auch wenn mir jedes Wort so arg nichtssagend erscheint.

Franz Kafka hat es mal sehr treffend ausgedrückt:

Verlassen sind wir doch wie verirrte Kinder im Walde. Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von den Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich.

Heute. Frühjahr 2024. Die Depression gehört meiner  Vergangenheit an

„Manchen geht´s im Winter schlechter, ich bin froh, wenn der Herbst beginnt.“, sagte ich vor einigen Jahren mal zu meinem Psychiater. Seit Herbst 21 hatte ich keine stärkere (depressive) Krise. Was mich jedoch nahezu in eine treibt, sind die Ratschläge die ich von anderen mitbekomme:

Wenn mir Ratsuchende in der Peer-Beratung erzählen, dass andere erwarten, dass es ihnen nun besser ginge – weil, ist ja Sommer. Oder wenn Angehörige mir schreiben, dass sie die Traurigkeit nicht verstehen, weil draußen doch die Sonne lacht.

Ja, „Die Sonne lacht … mich aus!“, so brachte es Eva a.k.a. Depridisco mal treffend auf den Punkt. Der Sommer ist für viele Betroffene von Depressionen oder auch anderen (psychischen) Erkrankungen oft schwerer. Mir wurde früher während der Depression genau dann schmerzlich bewusst, wie anders ich bin – weil ich mich gerade nicht über Eis und Freibad freuen konnte. Weil ich trotz Sonnenschein mich innerlich tot fühlte.

Jetzt aktuell mag ich es, dass es abends länger hell ist, wenn es bissel über 20 Grad sind, ein kleiner Wind weht oder es (bald wieder) einen erfrischenden Sommerregen gibt. Dennoch bedeutet es nicht, dass es mir dadurch automatisch auf allen emotionalen Ebenen besser geht. Meiner Angststörung ist beispielsweise egal, ob es regnet, schneit oder sonnig ist. Auch meine körperlichen Erkrankungen halten sich nicht an eine Sommer-/Wintergrenze.

Unabhängig davon, dass es nun „schöner“ draußen ist, bin ich Angehörige von Menschen mit Erkrankungen, was mir emotional nahe geht. Ebenso habe ich im Sommer dennoch Flashbacks/Intrusionen. Und meine Schlafstörungen werden jetzt sogar wieder zunehmen, weil ich meine Gewichtsdecke im Sommer nicht so angenehm finde …

Früher krachte es auch im Sommer in mir zusammen. Und dann saß ich da weinend auf dem Boden, war mit schwierigen Erinnerungen von früher konfrontiert, wusste nicht, wie ich weiter leben soll – aber wenigstens die Sonne strahlte übers ganze Gesicht.

Mir half das darüber reden in der Therapie, in der Selbsthilfegruppe und auch anderweitige individuelle Selbsthilfe-Strategien.

Nicht aber die Sonne!

Was sind Deine Erfahrungen mit Sommer, Sonne, Depression?

Depression … Warum ich? Was nun?

Neben fachlichen Infos berichte ich von meinen eigenen Erfahrungen – wie war das damals als Kind mit dieser Symptomatik? Wie fand ich Hilfe? Wie läuft das so in der Partnerschaft mit Depressionen? Warum waren und sind Tiere eine so große Unterstützung? Auch Suizidalität bzw. dem Umgang damit und Infos/Hilfestellungen für Angehörige enthält das Buch.
 
Fachliches, privates – nun, ein persönlicher Wegweiser eben, von mir als Expertin aus eigener Erfahrung.
Nora Fieling Beratung Mentoring


„Depression – und jetzt? Wegweiser einer Erfahrungexpertin“
, veröffentlicht durch den Starks-Sture-Verlag

Und nun?

Hilfe zur Selbsthilfe


Hier findest Du Informationen zu meinem Buch „Depression – und jetzt? Wegweiser einer Erfahrungsexpertin“ sowie zu  Beratungs- und Workshopangeboten für Betroffene von Depression und Angststörungen und deren Angehörige.

Akut in der Krise? 


Du bist nicht allein, weder mit Deiner Erkrankung  noch bei deren Bewältigung. Also lass Dir gern helfen!  Hier findest Du eine Übersicht zu Krisenanlaufstellen.

Tipps zur
Therapieplatzsuche


Hier findest Du nützliche Hinweise und Infos zum  Kostenerstattungsverfahren.

Newsletter & Co.


Es gibt diverse Möglichkeiten, auf dem Laufenden zu bleiben, regelmäßig Input zu erhalten, über Lesungen und Workshops informiert zu werden, dabei meine Arbeit zu unterstützen oder mehr über meine eigenen kleinen Genesungsbegleitenden auf vier Pfoten zu erfahren.

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Mitgliedschaften & Kooperationen

Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention ist seit 1972 die übergreifende Fachgesellschaft für Einrichtungen und Personen, die sich in Forschung, Lehre oder Praxis mit Suizidprävention befassen.

Die Deutsche Depressionsliga ist eine bundesweit aktive Patient:innen-vertretung. Sie ist eine reine Betroffenenorganisation, deren Mitglieder entweder selbst erkrankt sind oder aber sie sind Angehörige von Betroffenen.

Die Gründer:innen von Freunde fürs Leben sowie viele der (ehrenamtlich) Beteiligten haben selbst geliebte Menschen durch Suizid verloren. Ich selbst kenne Suizidgedanken von mir früher als auch Menschen, die dadurch verstorben sind.

Die Seminare von Seelische Erste Hilfe Leisten befähigen Menschen dazu, selbstbewusster, informierter und empathischer mit seelisch belasteten Personen umzugehen. Unser Ziel ist, dass analog zu körperlichen Erste-Hilfe-Kursen auch seelische Erste-Hilfe-Kurse fester Bestandteil einer Aus- oder Weiterbildung sind.

Gemeinsam gegen Depression ist eine Aufklärungskampagne von Janssen. Unterstützer:innen der Initiative und die Teilnehmenden des Aufrufs „Zeig Gesicht“ berichten über ihre ganz persönlichen Geschichten und teilen ihre Erfahrungen mit Depressionen.

Die Folgen von Stigmatisierung und Diskriminierung sind für Betroffene und Angehörige allgegenwärtig. Mutmachleute bewirken ein Umdenken in der Gesellschaft, denn psychisch kranke Menschen haben keine Lobby! Wir geben ihnen eine Stimme, damit sie heraustreten können aus ihrem Schattendasein.

Erfahrungen & Bewertungen zu Nora Fieling

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