Zum Inhalt springen

Depression: Wenn die Sonne Schatten wirft

Draußen werden die Tage langsam wieder länger hell, die Sonne scheint und die Vögel zwitschern morgens schon wieder ihre Lieder – während es in mir stockduster ist und alles abgestorben zu sein scheint.

Meine Seele trägt Winter. – Eiszeit. Dunkel. Depression.

Nachts kann ich seit Tagen nicht schlafen, dafür tue ich das viel zu lange. Mein Wecker klingelt früh gegen 8:00 Uhr, denn ich habe einiges zu tun, vieles davon möchte ich auch tun – doch mir fehlt die Kraft zum aufstehen. Ich mach das Handy aus und kuschel mich in die Bettdecke ein. Das klingt einerseits schön und doch ist es eine Flucht.

Eine Flucht vor der Depression. Eine Flucht vor dem Tag, der mir nun bevorsteht – ein Tag mit Schwere, Leere und Gelähmtheit.

Die Sonne wirft ihre hellen Strahlen in mein Zimmer. Gleißend hell brennt sie mir in den Augen und auf meiner Haut. Wie kann etwas so schönes mir so weh tun? Mein Kopf brummt, als hätte ich gestern viel zu viel getrunken. Wie wenn ich einen Stacheldrahthelm aufhabe, fühlt sich mein Gehirn zerquetscht an.

Irgendwann denke ich, ich muss doch aufstehen. Ich kann doch jetzt nicht den ganzen Tag hier liegen bleiben – doch mir fehlt die Kraft dazu. Es kostet mich enorm viel Energie, mich wenigstens mal rumzudrehen. So starre ich gegen die Wand und finde keine Motivation in mir, diesen Tag aktiv anzufangen.

Das Bedürfnis nach einer Toilette zwingt mich, nun doch aufzustehen. Doch allein der Gedanke, dass ich mich dafür aufrichten und die 4 Meter bis zum Bad gehen muss, erscheint mir viel zu viel. Also bleibe ich liegen, ziehe mir die Bettdecke über den Kopf und verstecke mich vor mir selbst und meinen leeren Gedanken.

Wenn ich es selbst nicht besser wüsste, würde ich sagen, ich habe über Nacht 100 kg zugenommen. Mein eigener matter, schwerer Körper drückt mich immer mehr in mein Bett. Ich möchte hier nicht unbedingt den ganzen Tag liegenbleiben, doch ich sehe für mich gerade keinen anderen Ausweg.

Ich kann gerade nicht anders.

Irgendwann muss ich anders können – denn ich muss immer noch auf Toilette. Wie wenn ich mit einer schweren Steinschicht überzogen wurde oder einen zu engen Neoprenanzug anhabe, fühlen sich meine Bewegungen gehemmt und zugeschnürt an. Es kostet mich so unheimlich viel Kraft, dass ich erschöpft im Bad ankomme, als hätte ich gerade einen 20 km langen Marsch hinter mir.

Im Bad verweile ich die nächste halbe Stunde – mit Nichtstun. Einfach so. Nein, nicht einfach so … ich kann gerade nicht anders. Ich sitze da und starre vor mich hin und überlege, ob ich nun duschen gehe oder nicht, während zwischendurch der Nebel in meinem Kopf aufzieht und mein Ich darin verschwindet.

Manchmal finde ich es toll, wenn ich mal an nichts denken könnte – doch das geht bei mir nur in der Depression, wenn ich mich in mir selbst verliere.

Und plötzlich ist eine Stunde vergangen und ich weiß nicht, warum. Ich war schließlich nicht dabei. So irgendwie.

Ich habe heute noch einen Termin, also sollte ich duschen gehen. Druck baut sich in mir auf, weil ich das jetzt einfach schaffen muss. Das Wasser aus der Dusche ist unheimlich laut. Es knallt auf die Badewanne und verursacht tösenden Lärm. Selbst die einzelnen Wassertropfen fallen schwer und schmerzhaft auf meine Haut, als ob sie mich erschlagen wollen. Und ich frage mich, wie ich das jetzt auch noch überleben soll!?

Erschöpft steige ich aus der Wanne, wickele mich in ein Handtuch ein und muss mich erst einmal hinsetzen und ausruhen. Und wieder der Gedanke – wie soll ich den heutigen Tag nur schaffen?

Durch diese unbändige Müdigkeit fehlt mir die Kraft – doch um gegen meine Depression anzukämpfen, benötige ich Kraft. Gerne würde ich mich wieder in meinem Bett verkriechen und dort so lange verweilen, bis die Sonne wieder in mir scheint und nicht mehr solche schweren Schatten wirft. Doch dann fällt mir wieder ein, dass ich heute noch einen Termin habe …

Während ich das Duschen an manchen Tagen gerne vernachlässige, ist mir das Zähneputzen doch sehr wichtig – auch wenn ich keinen Termin habe. Doch selbst meine Zahnbürste wiegt heute gefühlte 20 kg. Bemüht und angestrengt halte ich sie in der Hand fest, damit sie mir ja nicht runter fällt – wenn ich mich jetzt auch noch hinunterbücken müsste, würde ich wohl kaum wieder hochkommen.

So vergeht der Tag in winzigen Schritten, dafür mit einem immensen Kraftaufwand für jede Kleinigkeit.

Es war mir nahezu unmöglich, mich auf meinen Termin zu konzentrieren oder einen Gedankenganz zu vollenden. Immer wieder taucht eine Blockade auf. Und erst im Nachhinein, wenn ich wieder in der Gegenwart lande, wird mir bewusst, dass ich mit meinen Gedanken abgeschweift bin. Ich kann dies in dem Moment nicht steuern, es bricht einfach über mich ein.

Kreuz und quer rasen die Gedanken, so schnell, dass ich sie nicht fassen kann. Mein Kopf ist voll von ihnen, doch kann ich nicht sagen, was da umherschwirrt.

Es ist wie ein Bild vom Himmel, welcher voll von fliegenden Vögeln ist – ich erkenne, dass es Vögel sind. Doch sie sind weder zu fassen noch so deutlich zu erkennen, als dass ich sie als Amsel, Adler oder Storch identifizieren könnte. So ist das mit meinen Gedanken im Kopf.

Und ich frage mich, was doch eigentlich los mit mir ist … es fällt mir schwer, meinen derzeitigen Zustand zu akzeptieren, ich möchte ihn nicht wahrhaben … nicht schon wieder.

Es gab doch so viele schöne Sachen in letzter Zeit und vor allem, die Sonne scheint – so viele Menschen sagen doch, ich soll an die frische Luft und in die Sonne, dass würde mir schließlich gut tun. Doch das Gegenteil ist der Fall – all das zieht mich noch mehr runter.

Die Sonne strahlt nicht, sie wirft dunkle Schatten. Auf mich, auf mein Leben. Konfrontiert mit den schönen, lebendigen Dingen um mich herum wird mir klar, was in mir tot und leer ist.

Ich fühle mich gefangen in mir selbst, gelähmt und hilflos. Wie eine leere Hülle, aus der zwei stumme Augen gucken.

Mittlerweile ist es dunkel draußen und ich erkenne aus dem Fenster heraus nur die Umrisse der Stadt. Mit der Dunkelheit kommt die Stille – sie schluckt den Lärm. Stille ist einerseits schön, andererseits schreit sie mich oftmals auch an. Die Stille in mir ist verzweifelnd unerträglich. Ich weiß, dass ich lebe, doch in mir ist ein Teil gerade tot.

Doch dass es draußen nun stiller und dunkler wird, tröstet mich etwas. Das der äußere Schein zu meinem inneren Erleben passt, beruhigt mich etwas. Die Dunkelheit der Nacht passt zu meiner Dunkelheit in mir. Die Welt da draußen hat sich meinem Gemütszustand angepasst.  Es fühlt sich stimmig an.

Und so schaffe ich es, diese Zeilen hier zu schreiben. Ich werde es so stehenlassen, auch wenn mir jedes Wort so arg nichtssagend erscheint.

Franz Kafka hat es mal sehr treffend ausgedrückt:

„Verlassen sind wir doch wie verirrte Kinder im Walde. Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von den Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüßtest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich.“

Wie kann ich auch mein derzeitiges Empfinden mit Worten füllen, wo doch in mir alles so leer ist? Wie kann ich beschreiben, was für mich so unbeschreiblich ist? Wie kann ich etwas von mir selbst schreiben, wo ich doch gerade nicht weiß, wo ich bin?

Bildquelle: Nora Fieling
Published inGefühlte Einblicke

8 Kommentare

  1. Vanessa Vanessa

    Liebe Nora.
    Ich bewundere die Worte die du gefunden hast um deine Situation zu beschreiben. Besser könnte ich nicht beschreiben wie es mir derzeit und in den depressiven Phasen zuvor ging.
    Es tut gut zu wissen dass ich mich nicht alleine so fühle und durch den Tag quäle und auch tut es mir leid zu lesen, dass es viele Menschen gibt denen es genauso geht wie mir.
    Deine Beiträge sind toll! Mach weiter so. Ich wünsche dir alles Gute und vorallem viel Kraft.

    Liebe Grüße, Vanessa

    • Nora Fieling Nora Fieling

      Liebe Vanessa,

      vielen lieben Dank für Deine Zeilen!
      Ich bin oft auch im Zwiespalt – einerseits freue ich mich, dass sich andere darin widerfinden, andererseits macht es mich betroffen, wie viele Menschen mit dieser Krankheit zu kämpfen haben …

      Ich wünsche Dir ebenso viel Kraft für Deinen weiteren Weg, Hoffnung, Zuversicht und liebevolle Menschen an Deiner Seite!

      Liebe Grüße, Nora

  2. Nicole Nicole

    Nicht ein Wort ist nichtssagend. Ich finde mich in vielem wieder. Aber leider habe ich auch keine Worte mehr. Fühl dich umarmt von mir.

    • Nora Fieling Nora Fieling

      Vielen Dank für Deine Worte! Ich hoffe, wir beide haben bald bessere Aussichten in und um uns! Ich wünsche Dir ganz viel Kraft für diesen Weg!

      Liebe Grüße, Nora

  3. Liebe Nora! Ich weiß so gut, wie du dich zur Zeit fühlst. Wer noch keine Depression selbst erlebt hat, wird wahrscheinlich nie dieses Gefühl des Nicht-Fühlens nachvollziehen können. Verlier die Hoffnung nicht. Auch wenn jetzt gerade der Boden unter den Füßen zu (großen) Teilen weg ist, irgendwann geht es wieder langsam aufwärts. Weil es immer irgendwie weiter geht und irgendwann wird es wieder besser werden. Fühl dich aus der Ferne und noch relativ unbekannt in den Arm genommen. Liebe Grüße, Frauke

    • Nora Fieling Nora Fieling

      Vielen Dank für Deine Worte, Frauke! Ja, mein Kopf weiß auch, dass es bald wieder anders sein wird … aber naja, wenn man kein Licht sieht ist es schwer, die Hoffnung zu fühlen … aber ich bleib am Ball!

      Liebe Grüße, Nora

  4. Genau so fühle ich mich zur Zeit… Du hast genau das beschrieben, wofür mir selbst gerade die Worte fehlen, obwohl ich versucht habe, es anderen zu erklären. Es tut gut, zu lesen, dass es einem anderen Menschen auch so geht. Danke für diesen Beitrag.

    • Nora Fieling Nora Fieling

      Danke für Deine Zeilen, Alice! Ich wünsche Dir, dass Du bald wieder aus diesem trostlosen Tal rauskommst! Liebe Grüße, Nora

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

%d Bloggern gefällt das: