Entscheidungen

Meine Angst, Entscheidungen zu treffen

Entscheidungen – jeden Tag teffen wir sie. Meistens sind es kleine Dinge, für oder gegen die wir uns entscheiden. Stehe ich jetzt auf oder erst in einer Stunde, trinke ich Tee oder Kaffee, mache ich Morgensport oder lasse ich ihn ausfallen, wasche ich erst Wäsche oder kümmere ich mich erst um liegengebliebene Papiere. Das sind kleine Entscheidungen, die wir oftmals aus dem Bauch heraus treffen. Entscheidungen, die ich aufgrund dessen treffe, ob ich zu diesem oder jenem Lust und Antrieb habe.

Entscheidungen … Ent-Scheidung  –  ich muss mich von etwas verabschieden

Die kleinen Entscheidungen fallen uns häufig etwas leichter, die Konsequenzen haben nicht so eine große Tragweite. Wenn ich nun doch keinen Kaffee möchte, kann ich mir ohne Schmerzen immer noch einen Tee kochen.

Bedeutend schwieriger ist es mit großen Entscheidungen. Sie verändern nicht nur die nächsten Minuten oder Stunden, sondern durchaus die nächsten Monate oder auch Jahre. Große Entscheidungen verändern unser Leben.

Mit Entscheidungen gebe ich etwas auf, ich trenne mich von einer Idee, einer Möglichkeit. In dem ich mich für einen Weg entscheide, muss ich mich von dem anderen Weg verabschieden.

Und Abschiede tun weh.

Und all das macht mir Angst. Entscheidungen machen mir Angst.

Angst davor, dass meine Entscheidung ein Fehler ist und mir schwerwiegende Nachteile einbringt. Ich habe Angst vor der Reaktion von anderen, die meine Entscheidung missbilligen und absolut nicht nachvollziehen können. Ich habe Angst vor der daraus resultierenden Ablehnung und Kritik. Ich habe Angst, als Versager zu gelten und andere zu enttäuschen.

Eigentlich hätte ich heute einen Termin bei meiner Therapeutin gehabt. Ich sah darin den Vorteil, mit ihr die ganzen Pro und Kontras zu besprechen. Es hätte dadurch jemanden gegeben, der mich in meiner Entscheidung bestärkt. Ich wäre mit meiner Entscheidung nicht alleine gewesen. Und zugleich wäre ich es natürlich doch, denn sie hätte ja nicht für mich entschieden. Doch sie hätte mich vielleicht ermutigt, die Entscheidung zu treffen, für die ich mich insgeheim schon entschieden habe.

Doch nun hat meine Therapeutin den Termin für heute abgesagt, da sie krank ist – und ich stehe alleine da. Alleine, mit den zwei Wegen zwischen denen ich mich entscheiden muss.

Mit meiner Entscheidung, die ich für mich treffe, vor allem wenn ich sie ganz alleine treffe, übernehme ich Verantwortung für mich selbst und entscheide mich in gewisserweise für mich selbst. Indem ich mich gegen die Vorstellungen der anderen entscheide, entscheide ich mich für meine Vorstellungen.

Und dass ich damit alleine stehe, macht mir Angst.

Andere stehen hinter mir – doch wo stehe ich?

Die große Entscheidung, vor welcher ich stehe, betrifft meine berufliche Zukunft und somit mein existenzielles Leben. Nachdem ich eine Zusage für eine Ausbildung erhalten habe, „möchte“ ich diese nun gerne verschieben und später beginnen. Die Gründe dazu sind etwas komplex, worauf ich vielleicht ein andernmal eingehen werden.

Andere wissen von der Zusage und ich frage mich, was sie nun denken werden. Sie – der potenzielle Ausbilder, Menschen, denen ich von meinen Plänen erzählte, potenzielle Mit-Auszubildende, Freunde und Familie.

Ich wünschte mir, sie alle würden verstehen und hinter mir stehen, wenn ich ihnen von meiner Entscheidung und meinen Gründen erzähle. Und doch weiß ich, dass ich gewiss auf viel Unverständnis stoßen werde. Nicht jeder kann meine Beweggründe nachvollziehen und ich weiß, dass ich das nicht erwarten darf.

Und doch wünsche ich es mir. Denn dadurch, wenn alle auf meiner Seite stehen würden, wäre ich nicht alleine. Ich müsste mich nicht rechtfertigen. Dass muss ich so vielleicht auch nicht, doch das Gefühl, dass ich das muss, ist da.

In den letzten Tagen besprach ich mich bezüglich meiner Entscheidung mit meinem Freund und auch einer Freundin erzählte ich von meinen Überlegungen. Beide würden hinter mir und meiner Entscheidung stehen. Beide hätten dafür Verständnis. Beide können es in gewisser Weise nachvollziehen.

Doch was ist mit mir selbst? Stehe ich hinter mir? Habe ich für mich Verständnis? Unterstütze ich mich selbst, wenn sich heraus stellt, dass die Entscheidung doch die falsche war?

Und doch werde ich sie treffen … für mich

Meine Entscheidung, die Ausbildung zu verschieben steht jetzt schon seit einigen Tagen. Ich muss es „nur“ noch offiziell machen. Ich muss, zumal ich diesbezüglich unter Zeitdruck stehe und die Frist am Montag endet. Und ich werde es machen. Wenn ich ganz mutig bin, dann werde ich noch heute dort anrufen und absagen.

Und so schwer mir das auch fällt, so weiß ich doch, dass es das richtige ist. Eigentlich ist es paradox – eine Entscheidung, die mir missfällt kann auch richtig sein. Und das fühle ich, wenn auch eher schwach. Mein Psychiater sagt mir öfter, dass ich mehr meinem Bauchgefühl vertrauen sollte. Vertrauen … das ist nochmal ein Thema für sich, doch ich werde es jetzt so machen.

Und wenn auch nicht viele das verstehen oder hinter mir stehen … ich hab die Stimmen in meinem Kopf und meine Gefühle, die mir verdeutlichen, dass es jetzt zu diesem Zeitpunkt das richtige ist.

Vielleicht werde ich es in ein paar Wochen oder in einem Jahr bereuen. Vielleicht werde ich mir dann wünschen, ich hätte mich heute anders entschieden.

Vielleicht werde ich mir dann aber auch selbst danken und sagen, dass es vollkommen richtig war.

Niemand kann mir das jetzt garantieren. Niemand weiß, wie ich zukünftig darüber denken werde. Dass, was ich derzeit weiß ist, dass es mir besser geht, wenn ich auf mein Gefühl höre anstatt auf meine Gedanken, die Druck auf mich ausüben oder auf Menschen, die Erwartungen an mich haben.

Irgendjemand sagte einmal: „Gefühle sind dazu da, um auch einmal, entgegen aller Vernunft, Entscheidungen zu treffen. “ – Vielleicht hat er/sie ja damit recht …

Auch wenn es mir schwer fällt, mich etwas traurig und mir zudem Angst macht – meine Entscheidung jetzt und heute ist der erste Schritt in die Richtung, meine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, für diese einzustehen und diese umzusetzen.

Bildquelle: pixabay.com

 

Kommentare (5) Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Nora,
    Ich hatte nun eine ähnliche Situation. Auch ich kann aufgrund meiner Angststörung schlecht Entscheidungen treffen weil ich alles hinterfrage. Nun bin ich in meinem Job nicht glücklich. Ich verdiene zu wenig was meine ExistenzÄngste schürt. Also habe ich mich bereits letztes jahr woanders beworben, hätte dort anfangen können habe aber einen Rückzieher gemacht. Erst War ich mir sicher es war gut aber im Unterbewusstsein merke ich dass War eine Angstentscheidung. Raus aus meiner Komfortabel wollte ich nicht. Jetzt wurde es auf der Arbeit einfach nicht besser. Plötzlich kam von der Stelle noch mal eine Anfrage in ich nicht doch anfangen wollte. Ich habe mich dafür entschieden u den Vertrag unterschrieben und meine Stelle gekündigt. Nun hab ich angst das es falsch war. Obwohl alles für die neue Stelle spricht, Gehalt, Team u Fortbildungsmöglichkeiten, habe ich doch angst dem Druck einer neuen Stelle nicht gewachsen zu seln. Meine Therapeuten ist seit einiger Zeit im Urlaub u ich fühlte mich alleine gelassen bei der Entscheidung. Klar hab ich Stärke gewonnen aber die Unsicherheit ist da. Die Angst vor neuem. Es ist hart täglich alles in Frage zu stellen. Ich kann mich total in deinem Text wieder finden.
    LG

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  2. Liebe Nora,
    ich kann Frauke nur zustimmen – es ist sehr mutig eine schwere Entscheidung zu treffen. Auch wenn ich deine Beweggründe nicht weiß, gehe ich davon aus, dass du es nicht fahrlässig getroffen hast. Trotzdem mag ich dir zwei kleine Frage stellen: Hat dich die Angst überrumpelt? Kannst du dir selbst denn zustehen abzusagen?
    Meine Gastmutter aus Amerika hat mir mal mit Schwimmnudeln (hihi) gezeigt, wie es mit richtig und falsch ist. Stell dir die erste Schwimmnudel als eine Situation vor, an der du eine Entscheidung treffen musst. Jetzt gibt es die zwei Möglichkeiten (einfache Variante) A oder B zu wählen. Angenommen A wäre die „falsche“ Wahl und B die „richtige“. Selbst wenn du A gewählt hast, gibt es danach wieder zwei Möglichkeiten weiterzugehen. Somit ergeben sich immer wieder neue Wege und keine ist eigentlich wirklich richtig falsch. Verstehst du was ich meine?
    Darf ich dich fragen, wie es jetzt für dich weitergeht?
    Herzliche Grüße von Annie

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    • Liebe Annie,

      Du hast viel von Deiner Gastmutter gelernt, wie ich so nach und nach mitbekomme!? Und ja, ich verstehe wie Du es meinst 😉

      Wie es weitergeht … ich fang die berufliche Reha an und werde schauen. Innerhalb der nächsten 10 Monate muss ich mich noch einer OP stellen und in einem oder 2 Jahren werde ich die Ausbildung anfangen, die ich gerade verschiebe. Bis dahin möchte ich die Zeit schon sinnvoll nutzen, wenn ich auch noch nicht ganz genau weiß, wie … es bleibt spannend 😉

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  3. Liebe Nora! Entscheidungen können so schwer fallen. Und doch handelst du (in meinen Augen) richtig, wenn du auf dich und deine Bedürfnisse achtest. Denn es geht um dich und dein Leben und was alle anderen (eventuell) denken, dass ist ihr Ding/ihr Leben/ihre Entscheidung. Wenn du jetzt gerade für dich die Entscheidung fällst, weil sie jetzt gerade für dich richtig ist, dann ist sie jetzt gerade für dich richtig. Und wenn du in einem Jahr rückblickend merkst, dass du die Entscheidung immer noch richtig findest, dann ist das super. Wenn du in einem Jahr rückblickend merkst, mh, das war vielleicht doch nicht so der allerbeste Weg, aber hey, dafür hat es mich auf einen völlig anderen Weg geleitet, als ich mir überhaupt vorstellen können, auch super. Und wenn du es auch irgendeinem Grund in einem Jahr wirklich bereuen solltest, diese Entscheidung gefällt zu haben, dann hast du immer noch die Gewissheit, dass es für dich zu dem Stichtag der Entscheidung aus dem (damaligen) Blickwinkel die richtige Entscheidung war.
    Keine Sorge, ich weiß: das schreibt sich einfacher als es in Wahrheit ist. Ich stehe gerade vor einem ähnlichen Zwiespalt und trage mich mit ähnlichen Gedanken 😉 Deswegen waren meine Worte gerade vermutlich auch ein kleiner Appell an mich selbst und meine bald zu fällende Entscheidung.
    Ich wünsch dir auf jeden Fall die notwendige Kraft, eine Entscheidung zu fällen und zu dieser auch zu stehen. Egal was wer auch immer sagen mag!
    Liebe Grüße!
    Frauke

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    • Liebe Frauke,

      vielen Dank für Deine Worte. Ja, es ist in der Tat real viel schwieriger. Ich wünsche Dir, dass Du die nötige Kraft auftreibst und Deine Entscheidung fällen kannst. Wie Du schon weißt, habe ich meine bereits getroffen und offziell gemacht – bis jetzt bereue ich es nicht. Bis jetzt denke ich, es ist richtig so. Ich hoffe, dass hält noch ein wenig an … 😉

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