Nein, ich weiß nicht, wie es mir heute geht

Und, wie geht’s Ihnen?“ – Mein Psychiater sitzt vor mir und schaut mich fragend an. Ich blicke ihn ebenfalls fragend an – „Hapühmrpfm!“ meine ich schulterzuckend.

Es ist für ihn als auch für mich nichts neues, dass ich auf seine Frage nach meinem Befinden keine wirkliche Antwort habe. Und das ist okay so – für ihn als auch für mich. Zumindest für den Moment.

Eine Glasscheibe zwischen mir und meinem Gefühl

Ich fühle, dass ich etwas fühle, ich weiß nur nicht was. Auf dem Heimweg versuche ich via Auswahlverfahren mein Gefühl zu identifizieren: Ich bin heute weder traurig, wütend, glücklich, entspannt, melancholisch, ängstlich, lethargisch, nervös, bedrückt noch genervt. Diese Gefühlsliste ließe sich noch lange fortsetzen wie mir google zu Hause zeigt. Aber egal, welches Stimmungswort mich da auch anguckt, es passt keines zu meinem „Zustand“. Es gleicht auch nicht der Alles-ist-mir-egal-Stimmung.

Wenn ich nicht weiß, wie es mir geht – dann ist das weder gut noch schlecht. Mir selbst geht es gerade weder gut noch schlecht. Ich lebe nicht in meinem sonstigen Gefühlschaos. Emotionen und Grübeleien überfluten mich nicht und leer fühle ich mich auch nicht. Irgendetwas ist da in mir, ich kann es nur nicht benennen. Starke Gefühle wie Wut und Trauer, die kenne ich. Da weiß ich, wie sie sich anfühlen und was für Gedanken sie mit sich bringen. Doch alles dazwischen, was für andere vielleicht „normal“ ist, dass ist mir fremd. Damit kann ich nichts anfangen.

Dass, was ich fühle, sitzt für mich hinter einer dicken Milchglasscheibe und gleicht einer Fremdsprache – ich kann sie nicht deuten … und ja, jetzt fühle ich mich mir selbst gegenüber fremd, da ich einfach nicht weiß, was ich da fühle …

Meine bisherige Erfahrung zeigt mir, dass es jetzt aber keinen Sinn macht, weiter darüber zu grübeln. Wie oft habe ich angefangen, in mir zu suchen, zu kramen und nachzubohren, nur um herauszubekommen, was ich gerade fühle … meistens habe ich dann nach Stunden wirklich was gefühlt: Ärger und Wut auf mich selbst, weil ich kein stimmiges Gefühl in mir gefunden habe. – Doof.

Aber Du musst doch …

Da sind Menschen in meinem Umfeld, welche mit meinem glänzenden Nichtwissen über meine Gefühlslage nicht umgehen können. Dass sie das ganze nicht verstehen, verübele ich ihnen nicht. Ich meine, ich verstehe es ja selbst nicht. Doch dieses:

„Aber Du musst doch wissen, wie Du Dich fühlst! Du musst doch wissen, was Du fühlst! Ja Mensch, Du musst doch wissen, wie es Dir geht!?!“

HERZKLOPFEN … In dem Moment fühle ich mich vor allem eines – unter Druck gesetzt.

Es ist, als wenn mein „Anderssein“ nun nochmal stärker zum Ausdruck kommt … ich, die mit der Depression … ich, die mit der Persönlichkeitsstörung … – nur, weil ich nicht ganz normal wie jeder andere die Frage beantworten kann. Zumindest nicht ehrlich. Oftmals ist ja so eine nichts-aussagende Antwort wie „geht so“ oder „läuft“ ausreichend und für viele Menschen zufriedenstellend. Dann ist das auch für mich okay, zumal nicht jeder wissen muss, wie es in mir aussieht.

Freunde oder auch Familienmitglieder geben sich mit dieser Antwort nicht zufrieden. Sie wollen mehr wissen. Sie wollen das von mir wissen, was ich selbst nicht weiß.

Alternative Fragen helfen

Einige aus meinem Umfeld haben zwischenzeitlich akzeptiert, dass ich manchmal nicht weiß, wie es mir geht. Sie bohren dann nicht weiter in mir nach. Mir nahestehende Menschen äußern ihr Interesse nach meinem Gemütszustand mit konkreten Fragen. Z. B. was ich derzeit in meiner ehrenamtlichen Arbeit für Aufgaben habe, was ich zur Zeit lese oder wie ich meine letzten Tage gestaltet habe. Sehr gute Freunde dürfen auch fragen, wie mein letztes Therapeuten-Gespräch war und um was es ging. Solche expliziten Fragen sind für mich hilfreich, da sie auf eine konkrete Sache gerichtet sind. Und somit sind sie offen und ehrlich – einfach leichter – für mich zu beantworten.

Mittlerweile kann ich selbst den Zustand auch einigermaßen akzeptieren.  Das gute an ihm ist, dass er mich nicht in meinem Alltag behindert. Ich bin in meinem Denken „normal“ – mein Kopf ist nicht leer, aber auch nicht mit quälenden Grübeleien beschäftigt. Somit habe ich ihn frei für meine Arbeit, kann mich auch um den Haushalt kümmern und das, was so im Alltag halt anfällt.

Und damit kann ich die Frage nach meinem Befinden für mich selbst auch gerne einfach mal links liegen lassen.

Bildquelle: pixabay.com

Kommentare (6) Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Nora,
    ich bin noch sehr jung aber kenne das was du da schreibst nur zu gut. Die Suche nach dem passen Wort, was gerade in einem vorgeht, ist nicht immer leicht auch ich stehe oft vor dieser Herausforderung. Ich setze mich da selber oft unter Druck und denke,dass es doch nicht normal ist. Die Frage, wie es einem geht, ist doch eigentlich nicht schwer zu beantworten aber ich versuche dieser Frage immer auszuweichen, weil ich keine Antwort habe. So wie du geschrieben hast, man weiss,dass man etwas empfindet aber man kann es nicht definieren.
    Ich finde, dass dein Text sehr gut ist und bin froh zu sehen, dass ich nicht alleine mit diesem Problem bin.

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  2. Auf der Suche nach Antworten auf meine Frage, bin ich hier auf einen Blog gestoßen und es tut gut, zu wissen, dass ich nicht die einzige bin, die so fühlt. Ich fühle mich genau so, wie du dich.

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  3. Liebe Nora,

    ich weiß auch nicht wie es mir geht. Durch die Suche nach Antworten habe ich deinen Artikel gefunden.
    Es ist ein wenig tröstlich, sich darum wieder zu finden. Auch wenn es dir oder Mira oder mir nicht weiter hilft?

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    • Hallo Petra,

      sorry für die späte Reaktion – Dein Kommentar ist mir untergegangen 🙁

      Ja, manchmal finde ich auch, ist es einfach tröstlich zu wissen, dass man nicht alleine mit seinen Gedanken/Gefühlen ist – ich fühl mich dann etwas weniger „anders“ und „einsam“ … insofern kann es auch hilfreich sein, wenn auch nicht direkt!?

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  4. Da stolpere ich über diesen wunderbaren Artikel und – zack – fühle ich mich direkt verstanden. Eine Seltenheit.
    Dafür ein ganz, ganz großes Danke! 🙂

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    • Oh, ich weiß garnicht, was ich denken soll – freue ich mich, dass Du Dich darin wiederfindest oder bin ich traurig, dass Du Dich darin wiederfindest?

      Danke für Deinen Kommentar und alles Gute 😉

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