nah

… und doch so nah

Das Fenster der Küche war weit geöffnet und es roch nach dem Reinigungsmittel, mit dem Frau Wittel immer die Fliesen putzte. Noch immer hantierte sie in seiner Küche herum. Heinrich huschte schnell vorbei und verzog sich in seine Stube.

Seit seine Lore nicht mehr da war, kam Frau Wittel einmal die Woche bei ihm vorbei, um den Haushalt in Schwung zu halten. Sie war zwar eine nette ältere Dame, doch manchmal strapazierte sie auch ganz schön seine Nerven. Vor allem, wenn sie ihm den neuesten Gemeindetratsch unter die Nase rieb oder beim Putzen die Lieder von Udo Jürgens lauthals mit trällerte.

Frau Wittel war Heinrich öfters einfach zu gut gelaunt. Das passte nicht zu ihm und nicht zu seinem Haus. In diesem herrschte Stille und Leere.

Seine Lore hinterließ Leere.

„Ach hier sind Sie!“, Frau Wittel hatte Heinrich beim Lesen in der Stube entdeckt. „Sie haben ja die Vorhänge zu, Herr Winter. Dabei ist heute doch so ein schöner Frühlingstag. Lassen wir doch die Sonne etwas herein!“ Heinricht murrte vor sich hin und verdrehte die Augen, als Frau Wittel nicht nur mehr Licht in die Stube ließ, sondern auch noch die Fenster öffnete. „Es ist nicht gut für Sie, wenn Sie sich hier so verkriechen. Überhaupt, Sie sollten den Raum etwas umgestalten. Es sieht ja so aus, als ob hier seit einem Jahr die Zeit stehen geblieben wäre. Das zieht Sie doch nur noch mehr herunter.“

Heinrich ignorierte Frau Wittel ihr Geschwätz und hielt das Buch höher vor sein Gesicht. Mit dem Staubwedel machte sich Frau Wittel nun in seiner Stube zu schaffen. Nach einer halben Stunde waren die Bücherregale wieder sauber, da stieß sie gegen den Rattan-Tisch in der Ecke.

„Nun passen Sie doch auf!“, schnauzte Heinrich die Haushälterin an. Unbeholfen fing diese an, dass heruntergefallene Buch und die Glückwunschkarten aufzuheben. „Lassen Sie das, ich mache das selber!“, fuhr Heinrich Frau Wittel mürrisch an.

„Ich werde dann jetzt auch gehen, Herr Winter. Den Reißverschluss an Ihrer Bettwäsche werde ich zu Hause annähen und Ihnen nächste Woche wieder mitbringen.“ Heinrich begleitete Frau Wittel zur Tür. „Ach, und ich habe Ihnen noch ein Glas Bärlauch-Pesto in den Kühlschrank gestellt. Das mögen Sie doch so sehr.“ – „Danke, Sie verwöhnen mich.“, entgegnete er trocken und schloss endlich die Tür hinter Frau Wittel. Bärlauch … konnte Heinrich noch nie ausstehen.

Zurück in seiner Stube, räumte er die heruntergefallenen Glückwunschkarten auf. Frau Wittel hatte schon recht, er hatte alles so stehen gelassen, wie es seine Lore vor etwa einem Jahr, zwei Tage nach ihrem 50. Hochzeitstag, aufgestellt hatte.

Da standen ein paar Topfpflanzen, die Grußkarten von den Gästen und ein Horoskop, welches ihre Kinder haben einrahmen lassen. Das vom 10.Mai 1965, ihrem Hochzeitstag. „In der Liebe werden sie heute die richtige Entscheidung treffen.“, so stand es beim Zwilling, Lores Sternzeichen. Auch wenn weder sie noch Heinrich an Horoskope glaubten, so war es für sie beide doch ein amüsantes Zeichen für ihre Ehe.

Die Erinnerungen an seinen Hochzeitstag waren schwer auszuhalten. Es schnürte ihm die Kehle zu, Tränen stiegen ihm auf. Wie gerne würde er die Zeit zurückdrehen an den Tag, an dem seine Lore noch bei ihm war.

Mit ihr war ihm warm, obwohl es draußen Minusgrade waren. Ihre strahlenden Augen erhellten den Raum, ihr herzhaftes Lachen steckte ihn stets an. Bei ihr fand er Kraft und Halt. Sie ermutigte ihn, seine Träume umzusetzen und fing ihn auf, wenn diese wie Seifenblasen zerplatzten. Mit seiner Lore machte das Leben nicht nur Freude, er genoss es, solange sie an seiner Seite war.

Seit einem knappen Jahr war es nur noch kalt, dunkel und leer – in seinem Haus, in ihm.

Lore fehlt.

Die Geschenke standen nun wieder wohlgeordnet auf dem Tisch und Heinrich beschloss, hinaus zu gehen, um seine Lore zu besuchen. Er streifte sich den dunkelblauen Cordmantel über, setzte seinen Hut auf, packte ein Buch in seinen Beutel und machte sich auf den Weg zum Friedhof.

Obwohl der Friedhof mitten in Berlin lag, war es dort still. Oft hatte Heinrich den Eindruck, dass er durch das Eingangstor einen schallgeschützen Raum betritt.

Sanft wehte der Wind durch die Bäume und selbst die Vögel schienen leiser zu zwitschern, als wollten sie die Trauernden nicht stören.

Lores Grab lag gegenüber einer großen Kastanie, an welcher eine Bank stand. Heinrich setzte sich und zog das mitgenommene Buch aus seiner Tasche. Lore hatte Kinderbücher geschrieben und dieses hier war das letzte, was sie veröffentlicht hatte: „Mia und der schnurrende Fellwecker“

Heinrich begann, seiner Lore daraus vorzulesen und tauchte mit ihr in die Geschichte ein. Zeit und Raum verflogen. Nur er und seine Lore waren gegenwärtig. Es schien, als sei die Funkstille unterbrochen und Lore säße vor ihm.

Auch wenn die Sterne ihr viel näher waren als er, fühlte er die Liebe, die Wärme, die Verbundenheit – mit seiner Lore …

©Nora Fieling, 13.05.2015
Die Kurzgeschichte entstand aus einer Clue-Writing-Übung. Folgende sechs Begriffe waren vorgegeben, welche in der Geschichte vorkommen sollten: Funkstille, Horoskop, Rattan-Tisch, Bettwäsche, Bärlauch-Pesto, schnurrender Fellwecker
Bildquelle: pixabay

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