Rucksack

Warum ist Dein Rucksack so schwer?

Grübelst Du auch manchmal ewig lange darüber nach, was passieren könnte, wenn Du in diese oder jene Situation gehst?

Bei mir ist das nahezu Gang und Gebe. Erst letzte Woche lud mich mein Freund ein, mit ihm und einigen seiner Kollegen nach der Arbeit in eine Strandbar zu gehen. Einerseits wollte ich das, andererseits widerstrebte es mir total.

Werden seine KollegInnen mich mögen? Was erzähle ich mit ihnen? Sie werden sich bestimmt wundern, warum ich bei 30 Grad langärmelig trage … Sie werden komisch über mich denken! Werden sie mich darauf ansprechen? Machen sie sich vielleicht über mich lustig? Bestimmt werden sie mich fragen, was ich derzeit so beruflich mache! Dann muss ich sagen, dass ich derzeit krankgeschrieben bin und einen Antrag für eine berufliche Reha gestellt habe. Man sieht mir aber nicht an, dass ich krank bin. Werden sie sich denken können, dass ich psychisch krank bin? Sie werden mich sicher für verrückt halten! Und ich werde mich total unwohl fühlen!

Viele Gründe, um nicht der Einladung zu folgen! Aber … eigentlich würde ich ja doch gerne hingehen wollen … Ich stand mal wieder vor der Herausforderung, Entscheidungen für mich und mein Leben zu treffen.

Vor etwa zwei Wochen habe ich sämtliche meiner herumfliegenden Papiere sortiert und alle ordentlich im Ordner abgelegt. Dabei fiel mir eine Kurzgeschichte in die Hände, die mir eine Krankenschwester einer Tagesklinik vor einem Jahr zugesteckt hatte:

Der Korb des alten Mannes

Dies ist die Geschichte von einem alten Mann und einem kleinen Jungen, die vor vielen Jahren lebten. Der alte Mann hieß Sartebus und der Junge Kim. Kim war ein Waisenkind und lebte für sich allein. Er zog von Dorf zu Dorf, auf der Suche nach Essen und einem Dach über dem Kopf.

Doch es gab noch etwas, nach dem er suchte, etwas, das viel wichtiger war als ein voller Bauch und ein trockenes Nachtlager – Kim suchte nach einer Einsicht.

„Warum“, fragte er sich, „sind wir ein Leben lang auf der Suche nach etwas, das wir nicht finden können? Warum muss alles so schwer sein? Machen wir es uns selbst schwer, oder soll es einfach so sein, dass wir uns so plagen?“

Das waren weise Gedanken für einen Jungen in Kims Alter. Doch gerade weil er so dachte, traf er auf seinem Weg eines Tages einen alten Mann, der den gleichen Weg ging, und der, so hoffte Kim, ihm vielleicht die eine Antwort geben konnte.

Der alte Mann trug auf seinem Rücken einen großen, zugedeckten Korb, der sehr schwer zu sein schien.

Eines Tages machten sie Rast an einem Bach. Der alte Mann stellte erschöpft seinen Korb auf den Boden. Kim hatte den Eindruck, als trage der Mann alle seine irdischen Güter in diesem Korb mit sich herum. Der Korb schien so schwer zu sein, dass selbst ein viel jüngerer und stärkerer Mann ihn wahrscheinlich nicht sehr lange hätte tragen können.

„Weshalb ist denn Dein Korb so schwer?“ fragte Kim Sartebus. „Ich würde ihn gerne für Dich tragen. Schließlich bin ich jung und stark, und Du bist müde.“

„Den Korb kannst Du nicht für mich tragen“, antwortete der alte Mann. „Den muss ich ganz alleine tragen. Eines Tages wirst Du Deine eigenen Wege gehen und einen Korb tragen, der genauso schwer ist wie dieser.“

Viele Tage und Wege gingen Kim und der alte Mann zusammen. Und obwohl Kim dem alten Sartebus viele Fragen darüber, warum Menschen sich so plagen müssen, stellte, bekam er keine Antworten.

So sehr er sich auch bemühte, er konnte nicht herausfinden, was für ein schwerer Schatz sich wohl in dem Korb befand, den der alte Mann trug.

Spät in der Nacht, am Ende ihrer langen Tagesreise lag Kim manchmal still da und tat so, als schiefe er. Er lauschte dem alten Mann, der im flackernden Licht des kleinen Feuers in seinem Korb kramte und leise mit sich selbst redete. Doch am nächsten Morgen sagte er, wie immer, kein Wort.

Erst als Sartebus nicht mehr weitergehen konnte und sich ein letztes Mal zur Ruhe legte, erzählte er dem jungen Kim sein Geheimnis. Während der letzten gemeinsamen Stunden gab er Kim nicht nur die Antwort darauf, was es mit dem Korb auf sich hatte, sondern auch, warum die Menschen sich so plagen.

„In diesem Korb“, sagte Sartebus, „sind all die Dinge, die ich von mir selbst glaubte und die nicht stimmten.

Auf meinem Rücken habe ich die Last jedes Kieselsteines des Zweifels, jedes Sandkorns der Unsicherheit und jedes Mühlsteines des Irrweges getragen, die ich im Laufe meines Lebens gesammelt habe. Ohne sie hätte ich viel weiter gehen können. Ich hätte die Träume verwirklichen können, die ich mir so oft ausgemalt habe. Aber ich bin hier am Ende meiner Reise angelangt.“

Ohne die geflochtenen Kordeln zu öffnen, mit denen der Korb an ihm festgebunden war, schloss der alte Mann die Augen und schlief ruhig zum letzten Mal ein.

Bevor Kim in jener Nacht selbst schlafen ging, löste er die Kordeln, die den Korb an den alten Mann banden. Danach löste er vorsichtig die Lederriemen, die den geflochtenen Deckel festgehalten hatten, und öffnete den Korb.

Der Korb, den Sartebus so lange niedergedrückt hatte, war leer.

An dem besagten Tag letzter Woche hatte ich mich dann doch entschieden zur Strandbar hinzugehen. Unterwegs dahin war ich mit meinem Korb voll negativer Erwartungen beschäftigt und wäre am liebsten wieder umgedreht. Ich hatte Angst! Angst, vor Abwertung anderer Menschen. Angst, dass all meine Befürchtungen eintreffen würden.

Das taten sie nicht!

Ich fühlte mich nicht schief angeguckt und es fragte mich niemand nach meinem derzeitigen Arbeitsplatz. Es war ein schöner Abend mit unterschiedlichen Themen, zu denen ich mich einbringen konnte.

Klar, eine gewisse Unsicherheit war dennoch vorhanden, doch gerade im Nachhinein fand ich es sehr schön, dass ich mich getraut habe dort hinzugehen und nicht zu sehr auf die zermürbenden Gedanken und quälenden Selbstzweifel in meinem Korb gehört habe.

Und das ist ein Prozess.

Mein Ziel ist, den Korb irgendwann mal links liegen zu lassen, ihm nicht mehr soviel Raum zu geben, dass er mich in meiner Tagesgestaltung hindert.

Dabei ist es hilfreich, sich den angstauslösenden Situationen zu stellen, sie zu hinterfragen und sich ihnen immer ein Stückchen weiter zu stellen. Dazu gehört viel Mut und Überwindung – doch wenn man es geschafft hat und keine der Befürchtungen eingetroffen ist, dann hat man eine positive Erfahrung mehr in seinem Leben.

Je mehr dieser guten Erfahrungen man als Betroffener einer Angststörung macht, umso mehr wirken sie ermutigend und helfen einem, sich beim nächsten Mal wieder einer angsteinflössenden Situation zu stellen.

Bis man diesen Rucksack auf seinem Rücken nicht mehr spürt ist es ein langer, langer Weg, keine Frage, doch es ist ein Weg, der sich zu gehen lohnt – um irgendwann mal freier zu sein!

Und das kann man schaffen, dass weiß ich aus eigener Erfahrung! Meine Angst vor öffentlichen Verkehrsmitteln konnte ich vor ein paar Jahren durch das Hinterfragen der Ängste, durch das Herausfinden der diversen Ursachen und durch die ständigen Expositionsübungen überwinden. Und meine anderen Ängste werde ich auch bald besiegen.

Und Du kannst es auch!

 

Bild: pixabay.de

Kommentare (5) Schreibe einen Kommentar

  1. Das wünsche ich auch für mich. Das ist eine sehr schöne Geschichte. Bin seit einigen Tagen aus der psychosomatischen Klinik zurück im „wahren Leben“. Tue mich noch sehr schwer. Die kleine Geschichte hat es allerdings geschafft, mir ein Lächeln auf`s Gesicht zu zaubern.
    Wie wahr sie ist! Wir kennen das wohl alle.
    Liebe Grüße und Danke dafür.
    A.

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    • Über das Lächeln auf Deinem Gesicht freue ich mich 😉

      Ich wünsche Dir, dass Du das, was Du in der Klinik gelernt hast, im „wahren“ Leben anwenden kannst und Deinen Weg findest! Hast Du schon mal an Selbsthilfegruppen gedacht? Das hilft mir über „kleinere“ Schwierigkeiten hinweg – ersetzt aber natürlich keinen Therapeuten, ergänzt ihn/sie aber super 😉

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  2. Ich glaube zwar, dass ich diese Geschichte schon einmal gehört habe, aber dennoch bereitete sie mir stellenweise eine Gänsehaut, da ich all diese Dinge auch zu genüge kenne.
    Es ist immer wieder schön, auch von anderen darüber zu lesen. Wenn wir nicht aufhören, daran zu arbeiten, werden wir irgendwann auch das geschafft haben, da bin ich mir ebenso sicher wie du. 🙂

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    • Hallo Lu,

      es ist gut möglich, dass Du die Geschichte schon einmal gehört hast – sie ist ja auch nicht von mir (leider 😉 )! Ich habe sie nur hier mit eingebaut, weil das drum herum ein Tag in meinem Leben war und ich es es sehr passend fand!

      Und ja, ich habe auch die Hoffnung, dass unsere therapeutische Arbeit bzw. die Arbeit an uns selbst, mit einem zufriedenerem Leben entlohnt wird!

      Ich wünsche Dir dafür alles Gute,
      Nora

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  3. Pingback: Noras Leben ist mein Leben | Wellnessino

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