Suizidprävention – Noras Wort zum Sonntach

Suizidprävention

Am Samstag, dem 10.09., war, wie jedes Jahr seit 2003, der Welttag zur Suizidprävention. Anlässlich dessen fanden an und um diesen Tag herum verschiedene Veranstaltungen, Vorträge und Workshops statt. Ich selbst bin seit kurzem Mitglied im Netzwerk Suizidprävention und durfte am Freitag beim Fachtag zur Suizidprävention als Betroffene von einem Suizidversuch als auch Suizidgedanken einen Einblick in meine Erfahrungen geben. Ich habe mich entschieden, meinen Kurzvortrag hier schriftlich festzuhalten. Denn meine Gedanken richten sich nicht nur an Fachpersonal, im Sinne von Psychiater:innen, Therapeut:innen oder anderweitigen Menschen, die im beruflichen Kontext mit Menschen zu tun haben. Es richtet sich an alle, die mit Menschen zu tun haben. Also an alle von uns.

Suizidprävention – Ein Einblick in meine persönlichen Erfahrungen

Drei Menschen sind durch Suizid gestorben, seitdem wir hier zusammen sitzen und darüber sprechen, wie wir Suizide verhindern können. Fünf Menschen von 24 die insgesamt am heutigen Tage sterben werden, etwa 2 Kinder bzw. Jugendliche werden unter ihnen sein. Dies sage ich auf Basis von statistischen Werten. Nun gut, Statistik und Zahlen, das ist oft emotional gar nicht so greifbar, erscheint vielleicht fremd und fern.

Sommer 1997: Ich war 12 Jahre alt, als ich xy-tabletten* klaute und eine Handvoll davon am Abend nach der Musikschulstunde einnahm. Es war ein recht heißer Sommertag. Ich weiß noch, wie ich nach Einnahme der Tabletten mit dem Fahrrad nach Hause fuhr – ein Weg von vllt 10 Minuten. Wie ich daheim ankam bzw. was dann passierte, weiß ich nur noch aus Erzählungen einer damaligen erwachsenen Bezugsperson**.

Ich stand ziemlich benebelt vor der Haustür, wir gingen in die Stube und sie merkte, dass irgendwas war und fragte, ob mir schlecht sei. Ich verneinte wohl, übergab mich aber im nächsten Moment. Aufgewacht bin ich im Krankenhaus, angeschlossen an einem EKG-Gerät. Die damaligen Ärzt:innen fanden nichts und wie ich Jahre später erfuhr, wurde auch ein Drogentest gemacht – aber auch der fiel negativ aus. Also erklärte man meinen damaligen erwachsenen Bezugspersonen, dass infolge eines schnellen Wachstums, der Hitze und der wenigen Nahrung, die ich an dem Tag zu mir genommen hatte, es wohl einfach nur ein Kreislaufkollaps war. Und damit war die Sache erledigt.

Einzig meine 6 Jahre ältere Schwester fragte mich damals, ob ich irgendetwas genommen hatte. Doch ich verneinte das, zu sehr hatte ich Angst, dass ich in ein Heim oder eine Psychiatrie kommen würde.

Warum? Warum versucht ein Kind sich das Leben zu nehmen?

Vielleicht hast Du gerade eine zerrüttete Familie und katastrophale Zustände vor Augen, wenn ich das so erzähle. Das würde ich verneinen. Wir waren nach außen hin eine total normale fünf-köpfige Familie. Wir lebten in einem Haus mit Garten, waren durchschnittlich finanziell aufgestellt und fuhren jedes Jahr in den Urlaub. Meine Eltern hatten beide einen Beruf, wir Kinder gingen alle zur Musikschule und Hunger mussten wir auch nicht leiden. Auch bin ich kein Opfer sexueller Gewalt. Es war alles normal. Ebenso mein weiteres soziales Umfeld.

Dennoch kenne ich seit meiner Grundschulzeit selbstverletzendes bzw. selbstschädigendem Verhalten und lebensmüde Gedanken. Ich weinte mich nachts in den Schlaf mit dem Wunsch, irgendeine schlimme Krankheit zu haben, damit sich jemand um mich kümmert – ohne zu wissen, dass ich psychisch schon längst erkrankt war.

Erst vor ein paar Jahren, so mit Anfang 30, habe ich verstanden, in was für dysfunktionalen Verhältnissen, geprägt von Manipulation und emotionalem Missbrauch ich aufgewachsen bin.

Springen wir mal ins Heute.

Ich bin inzwischen 37 Jahre alt und arbeite aufgrund meiner persönlichen Krisen- und vor allem Genesungserfahrung und div. fachlichen Qualifikationen mit Betroffenen und Angehörigen zusammen.

Während in meinem Hauptjob Erwachsene meine Zielgruppe sind, erreiche ich via SocialMedia auch Jugendliche. Und bei beiden gibt es eine häufig vorkommende wesentliche Übereinstimmung: Über Suizidgedanken rede ich weder mit meinem Psychiater oder Psychiaterin bzw. Therapeut:in, noch mit einem Krisendienst –  weil sonst werde ich ja sofort eingewiesen.

Dies war auch jahrelang meine Angst. Nun, ich hatte zwar keinen Suizidversuch mehr, war dennoch mit suizidalen Gedanken konfrontiert. Für die ich keinen Raum fand. Es wurden in der Klinik oder ambulanten Therapie Non-Suizid-Verträge unterschrieben und ich war überzeugt, sobald ich von meinen Suizidgedanken erzähle, werde ich eingewiesen. So bekam ich das häufig bei anderen mit.

Etwa 6 Jahre lang war ich psychisch stabil, was meine Depression, Angststörung und Panikattacken betraf, bis ich letzten Herbst einen Zusammenbruch hatte. Mit Suizidgedanken. Jetzt nicht so, dass ich vollends die Entscheidung getroffen hatte, sondern ich befand mich eher so im Erwägungsstadium.

Es war mit eine der kürzesten Krisen die ich hatte, ohne voll- oder teilstationären Aufenthalt – obwohl ich Suizidgedanken hatte.

Suizidale Krise – was mir wirklich half

Ich bin heilfroh, bei einer Therapeutin und einem Psychiater in Behandlung zu sein, wo ich inzwischen so viel Vertrauen habe, dass ich Suizidgedanken ansprechen kann. Nun gut, es kommt mir auch zu Hilfe, dass ich fachlich inzwischen mehr weiß, auch was Möglichkeiten und Grenzen von Zwangseinweisungen betrifft.

Doch das, was mir half, war, dass vor allem meine Therapeutin da ein offenes Ohr für mich hatte.

Mir half der Raum, um über die Suizidgedanken mit jemandem zu sprechen, der das mit mir halten und aushalten konnte. Jemand, der mir zugestand, diese Gedanken haben zu dürfen, jemand, der mich weder mitleidig noch verurteilend ansah. Jemand, der neutral und zugleich verständnisvoll im Sinne von „Du darfst so sein, wie Du gerade bist“ agierte. Jemand, der mit mir erarbeitet, wie es dazu kam und was ich nun brauche.

Wir brauchen Menschen, die schon in einem frühen Stadium zuhören

Bei Suizidprävention denken wir oftmals an jene Menschen, die akut suizidal sind, vielleicht sämtliche Vorbereitungen getroffen haben und die – verzeih mir mir die laxe Formulierung – die im wahrsten Sinne des Wortes schon auf dem Sprung sind.

Wir brauchen aber Menschen – Fachleute – die zuhören, ehe sie Rezepte oder Einweisungen ausstellen. Wir brauchen Fachleute, die Suizidgedanken auch in einem frühen Stadium einen Raum geben, die Gedanken ernst nehmen, ohne moralisch zu werden.  Und mit Fachleute meine ich nicht nur Therapeut:innen und Psychiater:innen, sondern eben jene Menschen, die eng mit Menschen in sozialen Einrichtungen zusammen arbeiten.

Das ist der Beginn von Suizidprävention – an der Wurzel des Geschehens anfangen und mit den betroffenen Menschen reden, statt über sie zu entscheiden.

Ich bin überzeugt davon, dass, Suizidprävention im vermeintlich „Kleinen“ beginnt und wir alle dazu beitragen können und müssen, um das Thema zu enttabuisieren.

Vor allem, um Betroffene zu ermutigen, schon früh darüber zu sprechen. Um in all der Hoffnungslosigkeit einen Funken Hoffnung zu säen, dass Suizidalität nicht per se das Ende des Lebens bedeuten.

Suizidprävention

Das Foto wurde mir vom
Aktionsbündnis für seelische Gesundheit
zur Verfügung gestellt.

Wenn Du in einer (suizidalen) Krise bist, rede darüber. Ich weiß, wie unglaublich schwer das ist – es ist jedoch auch sehr befreiend und Dir kann es helfen. Wenn Du jetzt überzeugt den Kopf schüttelst und denkst, dass Dir eh niemand mehr helfen kann, dann überlege mal, ob das wirklich Du bist, der/die das denkt oder ob es möglicherweise die Krise ist, die da aus Dir spricht. Auf folgendem Link findest Du Stellen, an die Du Dich wenden kannst (persönlich, telefonisch, online): Anlaufstellen in Krisen

*Aufgrund von Persönlichkeitsrechten habe ich beteiligte Personen umschrieben.

**Ich habe mich bewusst dafür entschieden, die Art der Tabletten nicht zu nennen und werde diese Frage auch nicht via Kommentar oder Privatnachricht beantworten.

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