Lea Gericke – Ana Dismissed! Meine Kampfansage an die Magersucht.

Wusstest Du, dass es allein in Deutschland 440.000 Menschen gibt, die an einer Anorexie (Magersucht) und/oder einer Bulimie (Ess-Brech-Sucht) erkrankt sind? Es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer um einiges höher liegt. Hinzu kommt, dass es noch viel mehr Ess-Störungen gibt, wie beispielsweise Binge-Eating (Ess-Sucht) oder Orthorexie, welches ein zwanghaft gesundheitsbewusstes Ernährungsverhalten ist.

Trotz dieser Vielzahl an Betroffenen ist das Angebot in Berlin und Brandenburg in der Selbsthilfe als auch in der Begleitung und Beratung durch Betroffene eher gering. Doch diese Versorgungslücke wollte bzw. will Lea schließen. Und so arbeitet sie in dem Bereich der Aufklärung als auch Versorgung. In dem Buch „Ana Dismissed – Meine Kampfansage an die Magersucht“ beschreibt sie ihre Erfahrungen mit der Ess-Störung als auch dem Weg aus dieser.

Über die Autorin

Lea Gericke ist eine absolute Powerfrau und Mutmacherin, welche ich im Frühjahr 2019 kennen lernte. Sie hat 12 Jahre ihres Lebens unter ihrer Magersucht gelitten, galt als chronisch krank und austherapiert. Inzwischen ist die Endzwanzigerin genesen und in ihrem Leben angekommen. Doch nicht nur das – sie gibt ihr Erfahrungswissen in der Selbsthilfe-Kontaktstelle Charlottenburg-Wilmersdorf als auch via dem jungen Unternehmen die erfahrungsexperten gUG an andere Menschen, die unter einer Ess-Störung leiden und deren Angehörigen im Rahmen der Peer-Beratung weiter.

Online ist sie als Ana Dismissed auf Instagram unterwegs. Mit diesem Namen, der auch in ihrem Buchtitel enthalten ist, spielt sie auf die Pro-Ana-Bewegung an, „… was eine Anorexie (Magersucht) verherrlichende Gruppierung ist, in der sich vor allem junge Mädchen gegenseitig aufhetzen und zum Wetthungern anspornen.“ „Dismissed“ ist das englische Wort für wegtreten, wegschicken.

Erster Satz

Den Kopf abgewandt, ihn nicht angucken müssen.

Inhalt/Klappentext

Sie galt als chronisch krank und austherapiert. Schnörkellos und ohne Kompromisse berichtet Lea von ihrer Essstörung. Von der täglichen Tortur, der Scham und dem Hass gegen sich selbst. Von der Hoffnungslosigkeit und von der Ausweglosigkeit.

Sie wog nur noch 27,1 Kilogramm, hatte einen BMI von 9,9 und wurde über eine Magensonde ernährt. Die porösen Knochen brachen, der körperliche Verfall schritt voran. Sie verlor den Kontakt – nicht nur zu ehemaligen Freunden, auch zu den Eltern und ihrem Bruder. Die Familie drohte unter dem Terror der Essstörung zu zerbrechen.

Lange Jahre schien keine Besserung in Sicht. Was bliebe, wenn sie die Krankheit losließe? Das war die alles beherrschende Frage.

Doch ihr gelang, was keiner mehr für möglich hielt. Schritt für Schritt, ganz langsam und behutsam, tastete sie sich aus der Krankheit heraus. Sie lernte erneut zu leben, zu lachen und zu lieben. Heute kann Lea offen zu ihrer Vergangenheit stehen. Sie weiß, was sie durchlebt und was sie daraus gelernt hat.

»Die Magersucht, sie war der größte Fehler meines Lebens. Sie hat mich meiner Jugend beraubt und meiner Gesundheit. Sie hat mein Leben diktiert, mich entmündigt. Sie hat meinen Selbstwert zu Boden getreten und ist darauf herumgetrampelt.“

Meine Meinung
Krass. Bewegend. Erschreckend. Beeindruckend. Mutmachend.

Das waren die ersten Worte, als ich nach drei Tagen das Buch von Lea Gericke ausgelesen hatte. Ja, ich war emotional sehr ergriffen und brauchte einen Moment, um all die Gefühle und Gedanken in mir zu verarbeiten, denn es ist ein enorm privater Einblick und eine recht direkt geschriebene Lebensgeschichte.

In der dritten Person erzählt Lea von ihren Erfahrungen – wie sie in einem behüteten, gut bürgerlichen Elternhaus aufwächst, eine besondere Bindung zu Tieren – insbesondere Pferden – verspürt und immer mehr in die Ess-Störung abrutscht. Sie wird immer dünner, springt dem Tod mehrmals von der Schippe, stellt sich immer wieder neuen Therapien, versucht sich in neuen Wegen und kämpft immer wieder für sich und ihr Leben.

„Aber warum?“ – so oft wird die Frage gestellt, wenn jemand psychisch erkrankt und es von außen keine objektiven Gründe gibt. Abgesehen, dass „äußere objektive Gründe“ eigentlich totaler Quatsch sind, weil ein Leiden höchst subjektiv ist, zeigt dieses Buch hier, dass es nicht immer diesen einen Auslöser gibt. Weder beim Entstehen der Erkrankung noch beim Genesungsprozess.

Auch in Lea ihrem Leben sind es so viele Puzzlestücke, die sie haben krank werden lassen; vieles in den ersten Lebensjahren, was unterschwellig erfolgte. Erlebnisse und Verhaltensweisen, oftmals unbewusst und ohne Absicht der beteiligten Personen, die dennoch tiefen Spuren auf der Seele von Lea hinterließen. Trotz der Perspektive einer dritten Person empfand ich es enorm emotional zu lesen, war berührt von den Beschreibungen. Es später, im Nachhinein habe ich verstanden, was mich dabei so bewegte …

Es sind Erlebnisse, die man kaum mit Worten beschreiben kann. Situationen und Verhaltensweisen, die nicht klar in Erlebnis A und Erlebnis B zu differenzieren sind, sondern die umwoben und miteinander verschwommen versponnen sind. Am Ende ein Netz ergebend, in dem man sich verfangen hat, in dem man eingeengt ist. Aus dem es kaum eine Befreiung zu geben scheint.

Vielleicht ist es die Parallele zu meinem eigenen Erleben, das, was ich noch heute schwer in Worte fassen kann, weil viele mir schädliche Verhaltensweisen subtil erfolgten. Und während die Sätze klar, einfach und deutlich geschrieben stehen, wirkten sie vereinzelt wie tonnenschwere Gefühle auf mir. Nickend, lächelnd und manchmal den Tränen nahe – es war schon eine emotionale Achterbahnfahrt, Leas Buch zu lesen.

Doch zu einer Achterbahnfahrt gehören auch die Höhen – neben den heftigen, schwierigen Abschnitten, erhalten wir als Lesende einen Einblick in erfreuliche Momente, in berührende Begegnungen mit ihren Pferden und Aik, ihrem heutigen Hund oder dem Schritt in ihr Engagement der Selbsthilfe. Vor allem erfahren wir, dass Lea begann, mit der Erkrankung und sich selbst ihren Frieden zu schließen.

Insofern ist es ein bewegendes und mutmachendes Buch einer jungen Frau, die das schaffte, was viele für unmöglich hielten:

Lea fand einen Weg zurück ins Leben. In ihr Leben.

Daten zum Buch
Name: Ana Dismissed – Meine Kampfansage an die Magersucht

Autorin: Lea Gericke

Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag GmbH

Sprache: deutsch

Seiten: 219

Format: Taschenbuch

ISBN: 978-3-86265-808-4

Erscheinungsdatum: 2019

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[unbezahlte Werbung, das Buch erhielt ich kostenfrei als Rezensionsexemplar]

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