PTBS & Autismus – Mein Assistenzhund ist mein Lebensretter

Assistenzhunde – manchmal liest man davon, manchmal sieht man sie auf der Straße, doch das meistens in Zusammenhang mit blinden Menschen. Das Assistenzhunde auch für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen eine enorme Unterstützung im Alltag sein können, ist noch nicht so weit verbreitet wie dessen Bedarf. Via Instagram lernte ich Luisa kennen, die aufgrund von Autismus und einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) neben psychotherapeutischer Hilfe auch Unterstützung in Nemo findet – ihrem Assistenzhund. Ich freue mich sehr, dass sie meiner Anfrage folgte und über dieses Thema und ihre Erfahrungen einen Gastbeitrag schrieb.

PTBS & Autismus
Mein Assistenzhund ist mein Lebensretter

Welche Bedeutung kann ein Hund für einen psychisch kranken Menschen haben? Sicherlich eine große. Er kann Trost spenden, zum Rausgehen bewegen, Kontakte zu anderen Menschen enorm erleichtern. Ein Assistenzhund jedoch kann weit mehr als das. Er erlernt in einer ca. zweijährigen Ausbildung verschiedene Aufgaben, sogenannte Assistenzleistungen, mit denen er seinem Menschen einen halbwegs normalen Alltag ermöglicht.

Wie mein Assistenzhund Nemo zu mir kam

„Ich habe heute mit meiner Therapeutin gesprochen und wir haben überlegt, ob ein Assistenzhund eine Hilfe für mich sein könnte. Was meinst Du?“ Mit diesen Worten eröffnete ich meiner Mutter am Telefon ein Thema, welches mich schon Monate beschäftigte. Meine Therapeutin und ich kamen durch Zufall darauf. Seit weit über einem Jahr lebte ich zu diesem Zeitpunkt schon in der Klinik und ein Ende war nicht abzusehen.

Mein Autismus und die Posttraumatische Belastungsstörung, an der ich zusätzlich leide, schränkten mich so sehr ein, dass ein Leben außerhalb der Klinik unmöglich geworden war. Zu stark waren die Dissoziationen, zu heftig die Flashbacks, zu schwer die Krisen, die mich alle paar Wochen heimsuchten. Wie sollte ich da je wieder rauskommen? Vielleicht … durch einen Hund?

Irgendwann schlich sich dieser Gedanke auch in die wöchentlichen Therapiegespräche. Er schien unglaublich hilfreich – aber auch völlig unmöglich! Ich hatte kein Geld, in meiner Einrichtung waren Hunde verboten und last but not least hing ich immer noch in der Klinik fest.

Doch entgegen aller Hindernisse schaffte ich es. Ich zog in eine eigene Wohnung mit intensiver ambulanter Betreuung, fand Stiftungen, die mir einen Teil der Ausbildung meines Assistenzhundes finanzieren wollten und entdeckte sogar eine Assistenzhundetrainerin ganz in meiner Nähe.

Und so zog im Mai 2020 endlich der ersehnte Hund ein. Nemo, ein kleiner schwarzer Pudelwelpe, damals noch süße acht Wochen alt. Nemo soll in den nächsten Monaten zum PTBS- und Autismus-Assistenzhund ausgebildet werden.

Doch was macht so ein Assistenzhund eigentlich? Hier kommt die Erklärung, am Beispiel von Nemo und mir.

Der PTBS-Assistenzhund – Lebensretter und Helfer in schwierigen Situationen

Meine PTBS schränkt mich in vielen Punkten sehr ein. Ein wesentlicher Aspekt sind die Dissoziationen, die bei mir Zustände sind, in denen ich mich weder bewegen noch sprechen noch irgendwie reagieren kann. Abgesehen davon, dass das enorm beängstigend sein kann, bin ich auch den Menschen um mich herum hilflos ausgeliefert. Grund genug also, dass Nemo lernt, Dissoziationen zu unterbrechen.

Mein Hund kann an meinem Verhalten erkennen, dass ich in eine Dissoziation rutsche – oft früher als ich – und er lernt sie zu unterbrechen. Dabei soll er mich in Zukunft anstupsen und an mir hochspringen, um das Ganze möglichst schnell zu stoppen. Andere Assistenzhunde lernen in solchen Situationen z.B. zu bellen oder mit den Pfoten zu kratzen, je nach Bedürfnis der/des Halter*in.

Ebenso wie er Dissoziationen unterbrechen lernt, wird Nemo auch lernen Flashbacks, also starke Erinnerungen, zu stoppen. Wenn es mir sehr schlecht geht, soll er mir mein Notfallmedikament bringen sowie das Telefon, damit ich meine Betreuerin oder die Klinik anrufen und um Hilfe bitten kann.

Ein PTBS-Assistenzhund kann noch viele weitere Aufgaben übernehmen. Beispiele dafür sind: Dissoziative Krampfanfälle unterbrechen, die/den Halter*in aus Menschenmengen oder zu einer Bank führen, Panikattacken stoppen sowie einige weitere Aufgaben, die nicht speziell dem PTBS-Assistenzhund zuzuordnen sind. Da sind wir auch schon beim nächsten Punk: andere Störungen erfordern andere Assistenzleistungen. Da ich ja zusätzlich zur PTBS auch Autistin bin, wird Nemo auch aus diesem Bereich Aufgaben übernehmen.

Der Autismus-Assistenzhund – Begleiter in allen Lebenslagen

Autismus ist sozusagen das Chamäleon unter den Entwicklungsstörungen, denn jede*r Autist*in ist anders und verhält sich in bestimmten Situationen anders als andere Betroffene. Man sagt zu Recht auch: „Kennst Du einen Autisten, dann kennst Du nur genau einen Autisten!“. Was ich hier also über die Aufgaben des Autimus-Asssistenzhundes erzähle, ist wirklich höchst individuell und kann bei anderen Autist*innen ganz anders aussehen.

Durch meinen Autismus ist das mit der Kommunikation mit anderen Menschen so eine Sache. Ich bin unglaublich schlecht darin, mit Leuten Kontakt aufzubauen oder gar Freundschaften zu beginnen. Hier hilft mir Nemo tatsächlich hauptsächlich durch seine Anwesenheit. Er gibt mir damit Sicherheit und ist als flauschiger, kleiner Hund gleichzeitig ein absoluter Menschenmagnet.

In den Wochen, in denen er nun schon bei mir lebt, hat er so sehr viel mehr Menschenkontakt ermöglicht, als je vorstellbar. Aber nicht nur die Kommunikation ist schwer, auch größere Menschenmengen kann ich nur schwer aushalten. Hier gibt es einige sehr hilfreiche Assistenzleistungen, die jedoch überall andere Namen haben:

Beim sogenannten „Kuckuck“ stellt sich der Assistenzhund zwischen die Beine seines/seiner Halters/Halterin und vermittelt so Sicherheit und Ruhe. Beim „Blocken“ steht der Hund quer vor oder hinter mir und bildet so ein Schutzschild. Das ist sehr praktisch, wenn man beispielsweise in einer Schlange im Supermarkt steht und die Menschen vor oder hinter einem nicht gut aushalten kann.

Es gibt eine Therapiemethode, die vielen Autist*innen gut tut (sie aber natürlich nicht heilt). Diese Therapieform arbeitet mit Tiefendruck und heißt „deep pressure therapy“ bzw DPT. Komplizierter Begriff, einfache Bedeutung: Gerade Autist*innen tut es oft gut, wenn etwas schweres mit viel Druck auf ihnen lastet, eine Gewichtsdecke etwa. Das beruhigt und man spürt seinen Körper mehr, was vielen Autist*innen schwer fällt.

Aber was soll ein Hund da helfen? Assistenzhunde können lernen, für ihren Menschen so etwas wie eine „mobile Gewichtsdecke“ zu sein. Wenn die Person angespannt ist, kann sich der Hund beispielsweise auf ihre Beine legen, um mit seinem Gewicht zu helfen oder er kann sich über den Schoß seines/seiner Halters/Halterin legen, wenn diese*r sitzt.

Auch ein Autismus-Assistenzhund kann noch einige andere Aufgaben erlernen. Dazu gehört, wie beim PTBS-Assistenzhund, seine*n Halter*in aus Menschenmengen und zu Bänken zu führen und Panikattacken zu unterbrechen. Gerade autistische Kinder können auch mal aus einer Situation davonlaufen, wenn sie überfordert sind oder sie schätzen Gefahren nicht richtig ein. Hier werden Assistenzhund und Kind mit einer Leine und einem Bauchgurt an einander festgemacht. Der Hund lernt das Kind mit seinem Körpergewicht zu stoppen, wenn dieses weglaufen möchte oder z.B. auf eine stark befahrene Straße zu rennt.

Ich möchte einen Assistenzhund! – Was sind die ersten Schritte?

Insgeheim hoffe ich ja, dass ich mit diesem Text jemanden erreiche, der selbst gerne einen Assistenzhund hätte oder der es sich für eine*n Bekannte*n vorstellen könnte. Ein Assistenzhund ist toll, keine Frage! Aber es steckt noch so viel mehr dahinter.

Zuerst sollte man sich über die ganz banalen Dinge im Klaren sein: Habe ich genug Platz in der Wohnung? Kann ich die Ausbildung (bis zu 25.000 Euro je nach Ausbildungsart) bezahlen oder habe ich Stiftungen, die zumindest einen Teil der Kosten tragen? Bin ich stabil genug, um erstmal dem Hund zu helfen die Welt zu entdecken, damit er dann irgendwann mir helfen kann? Bin ich bereit, immer wieder in triggernde Situationen zu gehen, damit der Hund daraus lernen kann, wie er sich in solchen Momenten zu verhalten hat?

Auch muss man bedenken, dass man mit Assistenzhund in der Stadt stark auffällt. Man muss damit rechnen, dass Leute den Hund einfach streicheln, dass man kritisiert und sogar beschimpft wird, weil der Hund mit im Supermarkt ist und man muss mit sehr persönlichen Fragen zu der eigenen Person und dem Hund rechnen („Was haben Sie denn für eine Krankheit, dass Sie einen Assistenzhund brauchen?“). Auch sind Assistenzhunde in Deutschland noch nicht sehr bekannt. Man wird also mit einem Assistenzhund an seiner Seite gezwungen, Aufklärungsarbeit zu leisten und man muss unzählige Male die gleichen Dinge erklären.

Nehmen wir nun an, ihr habt diese Punkte gut durchdacht und kommt damit klar. Dann stehen nun die praktischen Dinge an: Trainer*innen- und Welpensuche. Aufregend! Bei beidem ist große Vorsicht geboten. Es gibt viele fragwürdige Trainer*innen in Deutschland, sodass es sich lohnt, genauer hinzusehen und Assistenzhundehalter*innen nach ihren Erfahrungen zu fragen. Das hat mir sehr geholfen, denn gerade auf Instagram findet man viele Assistenzhundehalter*innen, die gerne unterstützen und Fragen beantworten.

Auch beim Hund heißt es: Augen auf beim Welpenkauf! Der Welpe sollte gut sozialisiert sein und viele Dinge schon bei der/dem Züchter*in kennenlernen. Das geht von Flatterbändern über Auto fahren bis hin zum Besuch beim Tierarzt bzw. Tierärztin.

Auch der Charakter des Welpen ist wichtig. Man sucht einen mutigen, dem Menschen sehr zugewandten Hund, der Lust hat zu arbeiten und zu lernen. Einige Rassen, z.B. der Labrador, werden häufiger als Assistenzhunde verwendet als andere Rassen. Grundsätzlich ist es aber nicht so, dass manche Rassen auf gar keinen Fall geeignet sind.

Der Weg zum eigenen Assistenzhund ist hart und steinig. Aber er ist auch voller Freude, Gemeinschaft und Erfolgserlebnisse!

Wie geht es mit Nemo weiter?

Nemo wird nun erstmal die Welt entdecken und das Grundgehorsam lernen (sich an mir zu orientieren, Leinenführigkeit etc.). Erst danach starten wir langsam mit den Assistenzleistungen.

Mir ist wichtig, dass Nemo Hund sein darf und nicht Hilfsmittel. Er ist ein großartiger Hund und wird mit genug Zeit und Freizeit sicherlich ein guter Assistenzhund.

Leider ist Nemos Ausbildung noch nicht komplett finanziert, da Stiftungen nur einen Teil übernehmen. Wer uns helfen möchte, kann auf unserem Instagram-Account @nemo.rettet vorbeischauen, uns folgen, unsere Geschichte teilen oder über den Gofundme-Link sogar Geld spenden: Link zu Gofundme

Wir würden uns total freuen, wenn ihr unseren Weg mitverfolgt!

Text & Bilder: Luisa

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