Dankbarkeit – Noras Wort zum Sonntach

Dankbarkeit

Egal, um welches Problem es sich dreht – Dankbarkeit ist als Antwort auf alles in nahezu jedem Munde. Dankbarkeitsgläser, Dankbarkeitslisten, Dankbarkeitstagebuch – genau DAS Tool für jeden Menschen, der gerade in seinem Leben strugglet. Und bei dem ganzen Danke, denke ich sehr oft „BITTE!!! Bitte hört auf …“

Dankbarkeit – zwischen Sinn und (Selbst-)Verarschung

Vorweg: Ich kritisiere diese „Methode“ vor allem im Kontext von psychischen Erkrankungen. Es ist keine neue Erkenntnis, dass die Konzentration auf negative Dinge in unserem Leben uns negativ werden lassen. Selbsterfüllende Prophezeiungen sind schon ein spannendes Thema. Und insofern ist es sinnvoll, sich auch auf schöne Dinge in seinem Leben zu konzentrieren, den Fokus zu schären und sich in Demut oder auch Dankbarkeit zu üben. Sich in gesundem Optimismus oder Zuversicht zu üben, ist jedoch etwas ganz anderes, als extrinsische zwanghafte Dankbarkeit.

Was ich hieran so schlimm finde, ist, dass es nahezu als Allheilmittel propagiert wird und wenn man krank ist, war man vermutlich nicht dankbar genug. Es erfolgt ein Druck von außen, für was ich dankbar sein muss – und wenn ich es nicht bin oder nicht fühle, ja, dann mache ich wohl irgendwas verkehrt.

Es erfolgt eine Vermischung von Dankbarkeit, Wertschätzung und der Erfüllung von menschlichen Grundbedürfnissen. Allen voran setzt es mich, als Mensch mit einer psychischen Erkrankung massiv unter Druck und ich habe die mahnende Stimme von Die Toten Hosen im Kopf, die laut und streng sagt: „Dankbar, seid dankbar! Ein bisschen dankbar dafür!“

Dankbarkeit – setzt mich (vor allem in Krisen) unter Druck

Es gab Zeiten, da konnte ich wochenlang aufgrund von Panikattacken nicht alleine einkaufen gehen oder öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Infolge der Depression war ich nicht nur oft abgeschnitten von meinen Gefühlen, sondern auch von meinem sozialen Umfeld – bis auf meinen Partner, mit dem seit über zehn Jahren zusammen wohne. Und während ich versuchte, mein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen (um nicht zu sagen, phasenweise zu überleben), wurde mir gesagt, ich soll dankbar sein.

Dankbar für meinen geduldigen Partner, für das Dach über dem Kopf, für die finanzielle Unterstützung durch den Staat (sprich Krankengeld oder ALG I/II), dass ich keinen Hunger leiden müsse … Also, eigentlich sollte ich für Alles dankbar sein. Natürlich auch für das Leben, was mir geschenkt wurde.

Während ich also lebensmüde war, sollte ich für mein Leben dankbar sein …

Dankbarkeit war bereits in meiner Kindheit ein Thema. Ich wurde katholisch erzogen – was ich auch im Nachhinein gut finde. Ich bin zwar keine strenge Christin und hadere in vielen Dingen mit dem, was die Institution Kirche so sagt, doch bin ich ein gläubiger Mensch. Und Dankbarkeit ist in vielen Religionen vertreten. Wir gingen sonntags in die Kirche, wo wir „Danke, für den guten Morgen“ sangen, später wurde vorm Mittag für das Essen gedankt und am Abend vorm Schlafen für den ganzen Tag.

Ein anderes starkes (kirchlich anerzogenes) Gefühl, war und ist Schuld. Lt. der katholischen Kirche sind wir Menschen bereits schuldig geboren (Erbsünde), sollten regelmäßig beichten gehen, um unsere im Alltag begangenen Sünden zu bekennen, dann Buße leisten und dem Herrgott danken, der uns verzeiht.

Als Vergleich wurden schon damals die armen Kinder in Afrika herangezogen. Denen ging es schlecht. Mir aber hatte es gut zu gehen, immerhin litt ich keinen Hunger. Und so fühlte ich mich damals schon schuldig, wenn ich traurig, wütend oder gar lebensmüde war. Denn ich konnte keine Dankbarkeit für das Empfinden, was andere als „gesunde, glückliche Kindheit“ betitelten.

Ich war als Kind jedoch nicht nur ein bisschen traurig oder mal wütend. Schon in der Grundschulzeit war ich mit depressiven Zügen, selbstverletzendem Verhalten und Lebensmüdigkeit konfrontiert. Der Druck, für mein Leben dankbar sein zu müssen, es aber nicht zu empfinden, steigerte mein Schuldgefühl. Dies wiederum verstärkte die Gefühle von Traurigkeit, Wut und Selbsthass, was wiederum den Druck des selbstverletzenden Verhaltens förderte.

Jahre später war ich als Teenager und junge Erwachsene in der kirchlichen Jugendarbeit tätig – was super war – doch ich war immer noch mit den depressiven und lebensmüden Gedanken konfrontiert. Das selbstverletzende Verhalten, was ich als Kind gut als Unfall tarnen konnte, änderte sich in der Hinsicht, dass ich mich an Armen und teilweise an Beinen schnitt. Hinzu kamen selbstschädigende Verhaltensweisen, die gesellschaftlich jedoch sehr akzeptiert waren – ich rauchte und trank.

Und während ich sehr oft innerlich Todesfantasien hatte, sang ich in der Kirche Dankeslieder und war für mein Leben dankbar.

Das ich mein Leben und auch mich verabscheute, brachte mich in einen inneren Konflikt. Denn ich glaub(t)e an Gott und hatte Sorge, durch meine Gedanken und mein Handeln zu sündigen. Obwohl ich später in Psychotherapie war und dadurch schwarz auf weiß hatte, dass ich krank war, machte ich mir Gedanken darum, was die Kirche dazu sagt. Es war mir damals eben wichtig.

Durch die Jugendarbeit hatte ich Kontakt zu Jugendpfarrern und mit Zweien sprach ich etwas intensiver und war erleichtert, dass auch sie es als Krankheit ansahen und nicht als Sünde. Mit einem der beiden habe ich heute noch sporadisch Kontakt und schätze seine weltoffene Art. Dies ist mir hier wichtig zu sagen, da Vertreter:innen der Institution Kirche so oft pauschal in Verruf gebracht werden. Auch hier dürfen wir differenzieren.

Doch zurück zum Thema – Dankbarkeit und Schuld gehen oft Hand in Hand. Oder auch nicht. Denn sofern Du nicht dankbar für das bist, was Du hast und bist, wirst Du schief angeguckt. Es heißt, anderen geht es schlimmer – also sei dankbar, ohne Deine Erfahrungen wärst Du nicht die Person die Du heute bist – also sei dankbar.

Nun, auch wenn ich mich und mein Leben inzwischen mag und voll in Ordnung finde, fände ich ehrlich gesagt ein Leben ohne traumatische Erfahrungen und verschiedene psychische Erkrankungen recht nice …

Dankbarkeit & Grundbedürfnisse

Wann darf ich mich schlecht fühlen, wenn ich für sämtliche Privilegien und auch (erfüllten) Grundbedürfnisse dankbar sein muss? Ein (makaberes) Beispiel:

Ich bin depressiv, soll dankbar dafür sein, dass ich zwei gesunde Beine habe. Ein Mensch mit gelähmten Beinen soll dankbar sein, dass er hier in Deutschland lebt und ärztlich versorgt wird. Ein obdachloser Mensch in Deutschland soll dann wahrscheinlich dafür dankbar sein, dass er in keinem Kriegsgebiet auf der Straße lebt. Und die Person, die obdachlos, gelähmt und in einem Kriegsgebiet lebt, soll vermutlich froh sein, dass ab und zu ein Brötchen geschenkt bekommt. Und die Person …

Wie lange wollen wir diese Liste führen? Ab wann darf sich jemand schlecht fühlen? Und hilft es Menschen, für Grundbedürfnisse (was Nahrung, saubere Luft, Unterkunft, Krankenversorgung ebenso einschließt wie Geborgenheit) dankbar zu sein? Hilft es überhaupt jemandem, auf Zwang und Druck dankbar zu sein?

Natürlich finde ich es toll, dass ich eine Wohnung habe, keinen Hunger leiden muss und ärztliche/therapeutische Unterstützung habe. Natürlich finde ich es toll, dass Deutschland kein Kriegsgebiet ist, ich also in objektiver Sicherheit lebe und dass ich körperlich weitestgehend gesund bin schätze ich auch.

Etwas subjektiv toll zu finden, bedeutet jedoch nicht, objektiv dafür dankbar sein zu müssen. Dies ist für mich einer der wesentlichen Unterschiede und Gründe, weshalb ich kein Dankbarkeitstagebuch führe, sondern eher eine Liste, was mich gefreut hat.

Was das konkret bedeutet, weshalb es mich viel mehr unterstützt und wie in der Hinsicht meine Selbsthilfe-Strategie ausschaut, stelle ich Dir demnächst vor.

Dankbarkeit – mache es so, wie es sich ehrlich für Dich anfühlt!

Dankbarkeit ist für viele Menschen hilfreich – das ist super und natürlich soll das doch auch jeder Mensch so machen, wie es für ihn passt. Tools der Persönlichkeitsentwicklung sind jedoch nicht 1:1 auf Menschen mit einer psychischen Erkrankung anzuwenden.

Und ganz ehrlich, ganz egal, ob nun (psychisch) erkrankt oder nicht – es muss doch auch okay sein, für einen Shit-Tag mal nicht dankbar zu sein. Können wir nicht auch mal den Moment ausleben, wo wir alles doof und oll finden? Bitte genau lesen: „für den Moment“ und nicht für immer!

Na klar können wir alles in irgendetwas positives umframen, aber das ist ungesund, um nicht zu sagen „toxisch“ für uns. #Sorrynotsorry aber ich habe keinen Bock auf „only good vibes“ und „Du musst nur positiv denken!“. Dies habe ich lange Zeit versucht und es hat mich mehr kaputt gemacht, als das es mir gut tat. Klingt komisch, ist aber so. Ein Kapitel meines Buches „Depression – und jetzt?“ lautet daher auch „Denk doch mal nicht positiv!“

Ich bin und möchte nicht dankbar für meine Erkrankung und div. (traumatischen) Erfahrungen sein, auch wenn ich mein heutiges Leben toll finde und vor allem mein näheres soziales Umfeld total schätze. Meine negativen Erfahrungen als auch Erkrankungen möchte ich nicht idealisieren – denn die sind, um das direkt zu sagen, einfach mal Sch… und eine Depression birgt eine gewisse Lebensgefahr ins sich.

Es ist schlichtweg unehrlich (mir selbst gegenüber), wenn ich mir einerseits alle Gefühle zugestehen möchte, aber zugleich auch wieder nicht …

Es gibt noch so viel mehr dazu sagen, noch so viele Perspektiven – das nächste Mal schreibe ich wohl ein Essay … Doch, huch, am Ende des Beitrages spüre ich gerade doch etwas Dankbarkeit. Die Tastatur meines Laptops funktioniert noch einwandfrei, obwohl ich zwischenzeitlich etwas harscher darauf rumtippte … Mich macht das Thema dezent wütend, da ich es hochgradig unverantwortlich und fahrlässig finde, wie sehr damit im Kontext von psychischen Erkrankungen umgegangen wird!

Zitate rund um Dankbarkeit, die furchtbar sind …

Abschließend möchte ich Dir einige Zitate vorstellen – die ich schlimm finde, weshalb ich sie durch ein paar Gedanken ergänzt habe:

Jeder Tag ist ein Geschenk. Manche sind nur echt scheiße verpackt.
~ Netzfund

Wir dürfen auch Geschenke oll finden und diese ablehnen. Das soll jetzt natürlich keineswegs bedeuten, dass ich hier eine gewissen Lebensmüdigkeit unterstützen möchte. Sondern viel mehr, dass es erlaubt sein muss-sollte, einen Tag kacke zu finden oder auch sein ganzes Leben. Oftmals stecken dahinter eine enorme emotionale Belastung bzw. Erkrankung. Und in dem Fall bedarf es fachlicher Hilfe und kein Dankbarkeitstagebuch.

In der Dankbarkeit wächst die Liebe zu uns selbst.
~ Netzfund

Also, in mir wuchs der Selbsthass, als ich eine aufgesetzte Dankbarkeit praktizierte. Gefühle resultierend aus Druck von außen sind meistens nicht so mega …

Ich habe geweint, weil ich keine Schuhe hatte, bis ich einen traf, der keine Füße hatte.
~ Giacomo Leopardi

Ich weine viel mehr bei diesem Vergleich – natürlich ist Prada Luxus und das andere Armut. Es hat jedoch den Touch davon, Schwierigkeiten/Herausforderungen/Leid miteinander zu vergleichen und das kennen Menschen von psychischen Erkrankungen oft zur Genüge. Schließlich sollen wir froh sein, dass wir keinen Krebs (…) haben. Solche Vergleiche sind abartig.

Dankbarkeit ändert die Blickrichtung des Herzens.
~ C. Montaigne

Stimmt. In einer Krise werde ich durch zwanghaftes dankbar sein noch depressiver.

Erst durch das Beklagen der Sorgen, geben wir ihnen Gewicht.
~ Epiktet

Ich habe in der Therapie häufig meine Sorgen beklagt oder „gejammert“ und empfand dies als erleichternd. Weil es raus durfte, akzeptiert wurde und ich danach lösungsorientierter nach vorne blicken konnte. Zudem half mit das „jammern“ beim Verstehen meiner Gefühle und Erkrankung. Ich sage ja nicht, dass man für immer das so handhaben soll – Extreme sind meistens ungünstig – doch Gefühle oder Gedanken zu verbieten, macht uns meistens noch kränker. In meinem Buch „Depression – und jetzt?“ gibt es ein ausführlicheres Kapitel namens „Mein Plädoyer fürs Jammern“.

Dankbarkeit bringt Sinn in unsere Vergangenheit, Frieden in unsere Gegenwart und Perspektiv in unsere Zukunft.
~ Melody Beattie

Hat wieder so eine „Sieh-doch-mal-alles-positiv-Mentalität“. Ganz ehrlich, warum sollen Menschen für ihre traumatischen Erfahrungen dankbar sein? Und bitte nicht antworten, weil sie dadurch der Mensch sind, der sie heute sind … viele dieser fühlen sich schlichtweg kaputt.

Ich schreibe das hier für manch Lesende vielleicht sehr oder zu negativ. Vielleicht denkst Du auch gerade, dass man die Zitate und deren Verfasser:innen im Kontext sehen muss, wie sie es meinten. Ja, das mag stimmen – doch wie eingangs erwähnt, geht es mir hier um den Kontext von Menschen mit psychischen Erkrankungen! Und viele von ihnen bekommen sehr häufig solche Sprüche an den Kopf, weil das ja angeblich hilft. Doch bei einer psychischen Erkrankung helfen keine 08/15-Kalendersprüche, sondern da muss alles an Gefühlen und Gedanken mal EHRLICH rausdürfen.

Und ja, viele Menschen gibt es auch, die durch ihre Krankheit gewachsen sind. Natürlich. Viele finden sich und ihr Leben inzwischen super (ich ja auch) – aber können wir das nicht einfach auch mal wertschätzen oder schön finden, ohne zwanghaft dafür dankbar sein zu müssen?

Es kostet nichts dankbar zu sein, doch es ändert einfach alles.
~ Netzfund

Stimmt, es ändert alles. Denn es gibt zu viele Menschen, die enorme Schuldgefühle haben, weil sie nicht dankbar oder froh sind, obwohl es ihnen ja augenscheinlich super geht. Und dann kostet die Dankbarkeit doch etwas …

Nun, es gibt noch viele andere „toxische“ Dankbarkeitszitate. Aber ich höre jetzt auf, diese vorzustellen – dankt mir später!

Schreib doch mal in einen Kommentar: Was sind Deine Erfahrungen oder was ist Deine Meinung zum Thema der praktizierten Dankbarkeit?

Depression

In meinem Buch „Depression – und jetzt? Wegweiser einer Erfahrungsexpertin“, welches 2020 im Starks-Sture-Verlag erschien, stellte ich neben fachlichen Grundinformationen zur Erkrankung viele individuelle Selbsthilfe-Strategien vor.

So erzähle ich auch, weshalb mich zwanghaftes positives Denken depressiver werden ließ und was anstelle dessen gesunde Zuversicht und Optimismus bedeutet und welche Rolle dabei Jammern spielt.

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