Wenn Meditation eher schadet

Meditation

Meditation ist ein Lifestyle geworden. In Zeiten, in denen Selbstfürsorge, mental health und Routinen chic sind, erlebt auch die Meditation eine Renaissance. Wahre Wunderwirkung wird ihr zugeschrieben. Sie entspannt, macht kreativ, hilft Gedanken zu ordnen. Aber nicht nur für die Psyche soll sie gut sein. Der milliardenschwere Investor Ray Dalio ist sogar überzeugt davon, dass er ohne Meditation niemals Milliardär geworden wäre – zumindest posaunt er das in die Welt. Ob Elon Musk meditiert, ist nicht überliefert.

Meditation – Was gut klingt muss nicht immer gut sein

 

Zur Sache: Wenn Meditation also der Schlüssel zur Ausgeglichenheit und den Milliarden ist, dann ist der Weg zum Wundermittel bei psychiatrischen Erkrankungen ja nur noch ein Katzensprung. Heißt das also: Meditation statt Psychotherapie? Achtsamkeitsspaziergang statt SSRI?

Sicherlich nicht. Meditation ist wie Sport ein unspezifisches Tool. Sie hat keinen spezifischen Wirkmechanismus. Was heißt das? Nun, bei der kognitiven Verhaltenstherapie wissen wir etwa, wie sie wirkt: Negative Denkmuster werden aufgebrochen, schädliches Verhalten modifiziert. Die Depression oder die Angst wird besser. Bei SSRIs (Antidepressiva) glauben wir zumindest, einen spezifischen Wirkmechanismen zu kennen: Wir erhöhen die Konzentration von Serotonin – das hellt die Stimmung auf – auch wenn das umstritten ist.

Bei Meditation ist das anders: Sie mag, wie Sport, entspannen und entschleunigen.

Entspannung ist sicherlich etwas, was bei Unruhe und Angst helfen kann, aber eben nicht über einen sehr spezifischen Mechanismus. Meditation kann und darf also niemals eine spezifische Behandlung ersetzen. Ergänzend kann es sinnvoll sein.

Es gibt Studien, die zeigen, dass achtsamkeitsbasierte Meditation zusätzlich zur normalen Behandlung helfen kann, Symptome von bei Angststörungen, Depression oder chronischen Schmerzen zu lindern. In der multimodalen Schmerztherapie bei chronischen Rückenschmerzen etwa ist Entspannungs- und Achtsamkeitstraining sogar ein Therapiebaustein. Auch in psychosomatischen Kliniken gibt es oft Achtsamkeitsgruppen. Klingt alles gut, oder?

Ist es auch. Allerdings sollte, wie erwähnt, Meditation eine klassische Behandlung nicht nur nicht ersetzen.

Auch „ich mach‘ mal, schadet ja nicht“ ist nicht immer korrekt.

Es gibt nämlich in der Tat Fälle, in denen von Meditation abgeraten wird. Wie kann das sein?

Schauen wir uns mal das Wesen der Meditation an. Der Autor dieses Beitrags hat mal eine schöne Metapher aufgeschnappt: Wenn Du meditierst, dann behandle Deinen Geist und Deine Gedanken wie einen jungen Hund, der neugierig – wie Deine Gedanken – durch die Gegend rennt. Lass dem Hund (und Deinen Gedanken) Freiheit, aber hole sie sanft immer wieder zu dir (dem Anker) zurück, wie Du den Hund an der Leine sanft zurückziehst.

Betonung: SANFT. Im Zentrum steht dabei auch, nicht zu bewerten. Klingt doch super oder? Und kann doch psychisch Erkrankten schon gar nicht schaden.

Wenn Meditation dem Therapieziel schadet

Nun, es kommt drauf an. Und zwar auf das Therapieziel. Nehmen wir an, ein Kernaspekt der Therapie ist es, das Ich des Patienten und seine Fähigkeit zur Abgrenzung zu stärken. Ein Tool wie Meditation, das ja eher in leicht dissoziative Zustände führt (Ich und Umwelt verschmelzen eher, eine Abgrenzung ist gerade NICHT erwünscht), wirkt also dem Therapieziel entgegen.

Ein anderes Beispiel mag es noch besser verdeutlichen: Oftmals ist Therapieziel auch, dass eine Person lernt, ihren Platz in einem komplexen sozialen Gefüge zu finden bzw. einzunehmen. Dazu ist es sicherlich nötig, Grenzen setzen zu können und auch seine eigenen Interessen zu vertreten. Klingelt’s?

Das ist ja gerade nicht der Ansatz von Meditation. Meditation möchte ja gerade das Gegenteil: „Werte nicht, jeder Gedanke ist erlaubt, jeder Gedanke ist OK, sei gelassen.“ Oder überspitzt. „Pfeif auf alles.“ Das Gegenteil von Abgrenzung.

Denn manchmal ist es nötig, mal auf den Tisch zu hauen und zu sagen: „Leute, das nervt mich, so möchte ich das nicht.“ Dann sind die „negativen Gefühle“, weswegen wir „auf den Tisch hauen“ ja der Motor dieses wichtigen Verhaltens.

Ein einem buddhistischen Mönch gleichender Meditierende würde die „negativen Gefühle“ nicht bewerten und alles an sich vorbeiziehen lassen. Das mag spirituell ein Idealzustand sein, aber so machen wir uns in der realen Welt zum Deppen. Und das wollen wir nicht. Heben wir uns doch den wertfreien Zustand für das Nirwana auf 🙂

Eben sprach ich von „negativen Gefühlen“ – an und für sich sind Gefühle neutral zu betrachten, so wird es richtigerweise in der Therapie elaboriert. In der Wissenschaft teilen wir dennoch in positiv/negativ ein. Warum? Gefühle betreffen JEDEN Menschen, nicht nur Menschen mit Erkrankung. Gefühle resultieren aus Emotionen, sie sind quasi die Interpretation bzw. „was subjektiv von einer Emotion ankommt“. Und Emotionen haben in der Forschung eine positive oder negative Valenz.

Beispiel: Ich sehe eine Schlange. Die Emotion ist Furcht (Angst ist in der Forschung etwas anderes). Das Gefühl ist nun die Panik „Oh, es kann mir hier ans Leder gehen“. Und daran erkennt man, das Furcht wohl bei nahezu allen Menschen negativ ist. Weil sie dazu führen sollen, dass wir den Reiz (Schlange) vermeiden. Das ist sehr sinnvoll, oder? Positive Emotionen sind etwa Freude.

Bei psychischen Erkrankungen ist es nun so, dass die Gefühle und Emotionen ausgelöst werden, OHNE, dass sie einen Sinn bzw. eine wichtige Funktion haben. Etwa Scham. Und hier würde der Wissenschaftler sagen: „Klar, das Gefühl ist negativ. Aber: Musst Du dich eigentlich gerade schämen?“ Das geht aber nur, wenn wir Gefühle erstmal annehmen, sie eben als neutral sehen. Denn objektiv sind Gefühle keine Bedrohung. 

Meditation – was nehmen wir mit?

Meditation ist eine super Sache, wenn sie dir Spaß macht. Sie zu lernen, mag sich lohnen, zwingen sollte man sich aber wohl nicht. Jedenfalls kann sie Symptome von Angst und Depression lindern – als Ergänzung zur normalen Therapie.

Aber denken wir dran: Es gibt Situationen, in denen sie kontraproduktiv ist und dem Therapieziel im Weg stehen kann. Etwa wenn es darum geht, das Ich zu stärken oder sich abzugrenzen.

Meditation

 

Dies ist ein Gastbeitrag von Dr. JAP. Er ist Psychologe und Neurowissenschaftler. Du findest ihn unter dem Namen dr.jap_ auf folgenden Social-Media-Kanälen:

Instagram
Tiktok
Twitter

Ich mag seine kritische und rationale Denkweise und schätze es sehr, dass er oft daran erinnert, mehr mit den Betroffenen zu sprechen, anstatt über sie (zu entscheiden). Und wenn Dich neben Psychologie etwas Forschung und Neurowissenschaft interessiert, kann ich Dir nur empfehlen, auf seinen Social-Media-Accounts mal vorbei zu schauen.

Schreib uns doch mal in einen Kommentar, was Deine Erfahrung mit Meditation ist – wo hat es Dich unterstützt? Wo eher geschadet? 

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